Chicago Express

eine Spielerezension von Silke Groth - 06.12.2009
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Chicago Express von Reich der Spiele

Im ausgehenden 19. Jahrhundert spielen Eisenbahnen die entscheidende Rolle für den industriellen Aufschwung Amerikas. Als Investoren in fünf verschiedene Eisenbahngesellschaften treten die Spieler in die Fußstapfen von Eisenbahnmogulen wie Cornelius Vanderbilt oder Charles Morgan und versuchen, den größten Profit zu erzielen.

Der Spielplan zeigt einen Teil der USA , der zwischen New York und Chicago liegt. Auf Hexfelder verteilen sich Wälder, Gebirge und Ebenen, sowie "normale" Städte und drei Industriestädte. Vier Unternehmen haben ihren Ausgangspunkt im Osten und wollen ihr Streckennetz bis nach Chicago ausbauen. Eine fünfte, die Wabash Railroad Company, beginnt später im Spiel weiter westlich. Zu Beginn muss sich ein Großteil der Spieler erst einmal umgewöhnen, denn noch keine der Gesellschaften befindet sich in Spielerhand. So startet das Spiel dann mit einer Auktion jeweils einer Aktie der vier Start-Gesellschaften. Da es nur vier sind, ist klar, dass, zumindest in Fünfer- oder Sechserrunden, nicht alle Spieler sofort eine Aktie bekommen können. Der gebotene Betrag wird zum Startkapital des Unternehmens. Es gibt eine klare Trennung zwischen dem Vermögen der Gesellschaft und der Barschaft der Spieler.

Während eines Spielzuges kann ein Spieler aus drei Aktionsmöglichkeiten eine auswählen. So kann entweder eine neue Aktie versteigert, das Streckennetz einer Gesellschaft ausgebaut oder ein Spielfeld entwickelt werden. Pro Runde ist jede dieser Optionen unterschiedlich oft durchführbar. Drei Anzeiger auf dem Spielplan geben an, wie oft die jeweilige Aktion in dieser Runde schon gewählt wurde. Erreicht der Anzeiger den roten Bereich, ist die betreffende Aktion nicht mehr nutzbar. Stehen zwei Anzeiger auf Rot, wird eine Dividendenphase eingeschoben, in der die Spieler Geld für ihre Aktien erhalten. Anschließend stehen alle Aktionen wieder zur Verfügung.

Aktienversteigerungen bringen nicht nur den Spielern Anteile an den Unternehmen, sondern spülen auch Geld in deren klamme Kassen und sorgen so dafür, dass genug Kapital für den notwendigen Streckenausbau zur Verfügung steht, der ausnahmslos aus dem Unternehmenssäckel zu bestreiten ist. Dies sorgt für eine nette Zwickmühle. Denn wer Aktien zu billig ersteigert, verliert Handlungsspielraum in "seinen" Unternehmen, wer hingegen zu viel bietet, verbrät unnötigerweise spielentscheidendes Bargeld. Bei der Wahl des richtigen Betrages muss im Auge behalten werden, ob das Geld auch wieder zurückfließen kann, sprich, ob es noch genügend Dividenden gibt. Die Höhe einer Dividende ergibt sich aus dem aktuellen Einkommen (Wert) des Unternehmens geteilt durch die Anzahl der Aktien, was im Umkehrschluss bedeutet, dass jede zusätzlich ausgegebene Aktie die Dividende verringert.

Nur gut, dass die beiden weiteren Optionen den Wert der Unternehmen im Normalfall steigern. Bis zu drei Holzlokomotiven dürfen gesetzt werden, um das Streckennetz eines Unternehmens, dessen Anteile ein Spieler besitzt, auszubauen. Hierbei angeschlossene Städte oder Bergfelder erhöhen sofort den Wert des Unternehmens. Erreicht eine Gesellschaft Chicago, gibt es allein für sie eine lukrative Extradividende. Nun kommt auch die fünfte Gesellschaft ins Spiel. Eine weitere Möglichkeit der Wertsteigerung ist die Entwicklung eines bereits angeschlossenen Spielfeldes mittels eines Häuschens, was entweder den Wert des beteiligten Unternehmens dauerhaft steigert oder einmalig für etwas zusätzliche Liquidität sorgt.

Sobald drei Gesellschaften keine Loks oder Aktien mehr besitzen, nur noch drei Häuschen im Vorrat sind, aber spätestens nach der achten Dividendenausschüttung endet das Spiel. Nun gewinnt der Spieler mit dem meisten Bargeld. Aktien zählen bei der Gewinnermittlung nicht.

So einfach Chicago Express, zumindest regeltechnisch, zu bewältigen ist, so schwierig ist es, wirklich gut zu spielen. Motor des Spieles sind die Auktionen, wobei in mehrfacher Hinsicht taktiert werden kann, da nicht allein das Verhältnis zwischen Investition und Ertrag interessant ist. Frei nach dem Motto "was dem anderen schadet, nützt mir selbst", sind Auktionen auch dafür verwendbar, gezielt Aktien auf den Markt zu schmeißen, um so die entsprechende Dividende zu schmälern, oder Preise hochzutreiben um die Barschaft der Mitspieler zu verkleinern.

Aber auch abseits des Aktienmarktes gibt es einige Stellschrauben. Auf Berg- oder Waldfeldern kann nur eine Lok stehen, was eine gute Möglichkeit zum Blockieren bietet. Genauso kann ein "Kleinaktionär" für ihn uninteressante Gesellschaften auch mal in die Pampa leiten, wodurch sie niemals die Chance haben, Chicago zu erreichen. Bei kompetitiveren Runden ist es daher eher die Regel als die Ausnahme, dass ein Spiel ohne einen Besuch in Chicago endet, da die Anzahl der verfügbaren Loks stark begrenzt ist und wenig Raum für Nebengleise bleibt.

Das Spiel ist abwechslungsreich, sehr interaktiv und lebt von notwendigen Kooperationen und wechselnden Bündnissen, wodurch es vor allem in größerer Besetzung zu gefallen weiß. Die eigentliche Dynamik kommt bei weniger als vier Spielern nicht so zur Geltung, ebenso laufen die Auktionen verständlicherweise etwas spannungsärmer ab. Aber auch bei weniger Spielern macht es als sehr strategisches Wirtschaftsspiel viel Spaß.

Chicago Express erregt mit seinen Holzmaterial, dem schönen Spielplan und den netten Aktionsanzeigern schon mal rein optisch sofort Aufmerksamkeit. Der Einstieg fällt dank gut verständlichem Regelwerk sehr leicht. Trotzdem richtet sich Chicago Express ganz klar nicht an Familien oder Gelegenheitsspieler, dazu spielt es sich zu ungewöhnlich. Neben der Schwierigkeit, den Wert einer Aktie richtig einzuschätzen, fällt vor allem die Tatsache, einmal kein eigenes Unternehmen beziehungsweise keine eigene Farbe zu lenken, vielen Spielern sehr schwer. Ein wenig Strategie, viel Taktik, eine Prise Rechnerei und ein gutes Stück Bauchgefühl können die Anforderungen an das Spiel besten beschreiben. Ein sehr gutes, ungewöhnliches Spiel, das aufgrund der für die Gattung Eisenbahnspiel sehr kurzen Spieldauer zu vielen Wiederholungsfahrten einlädt.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2 - 6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
60
Jahrgang: 
2008
Spielkategorisierung
Spielegattung: 
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