Der Herr der Ringe - Das Kartenspiel

eine Spielerezension von Ralf Schallert - 13.11.2011
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Der Herr der Ringe - Kartenspiel von Heidelberger Spieleverlag

Waren lange Zeit die so genannten Sammelkartenspiele, wie zum Beispiel Magic The Gathering, das Maß aller Dinge, so erblickte in den letzen Jahren eine neue Art von Kartenspielen das Licht der Spieltische: das LCG, übersetzt: das Living Card Game. Hierbei machen die in Abständen erscheinenden Erweiterungen den Unterschied zu den Sammelkartenspielen aus, denn die Karten der Erweiterungen sind bekannt und immer gleich, sodass sich jeder Spieler selbst überlegen kann, ob er diese zum Ausbau seines Decks benötigt oder nicht. Insbesondere Fantasy Flight Games bzw. Heidelberger haben mehrere dieser LCG mit unterschiedlichen Spielhintergründen parallel zu laufen, und der Erfolg gibt ihnen Recht. Eines dieser LCGs ist das hier vorgestellte Spiel: Der Herr der Ringe – Das Kartenspiel.

Wenn man die Grundbox von Der Herr der Ringe – Das Kartenspiel in der Hand hat, fällt einem auf dieser und natürlich auch auf den Karten die unglaubliche atmosphärische Dichte der Illustrationen auf. Besser geht es fast gar nicht, perfekt! Allein es ist aber auch viel Luft in der Grundbox, darin finden sich lediglich 226 Karten, eine Handvoll unterschiedlichster Marker und das Grundregelheft. Platz genug also für die vielen angekündigten und teilweise schon erschienenen Erweiterungsabenteuer mit jeweils 60 zusätzlichen Karten.

Im Spiel selbst gibt es vier sogenannte Einflusssphären: die der Führung, die des Wissens, die des Geistes und die der Taktik. Grob gesagt sorgt das Wissensdeck vorwiegend für Heilung, das Geistdeck für Erkundungsfortschritte, das Führungsdeck rüstet die Helden besser aus, während das Taktikdeck perfekt auf den direkten Kampf zugeschnitten ist. Um das Spiel kennenzulernen, sollte man mit einem dieser vorgefertigten Decks, welche aus jeweils 30 Karten bestehen, beginnen. Kann man nach einigen Partien die Stärken und Schwächen der einzelnen Karten einschätzen, wird es langsam Zeit, sich eigene Decks mit Karten aus verschiedenen Sphären zu basteln. Dieser Grundansatz ist identisch mit fast jedem anderen Sammelkartenspiel, allerdings gibt es hier auch einen grundlegenden Unterschied, denn die Spieler spielen nicht gegeneinander, sondern kooperativ gegen eine gesichtslose Bedrohung.

Vor dem Spiel gilt es allerdings, das 32-seitige Regelheft von Der Herr der Ringe – Das Kartenspiel durchzuackern. Doch keine Angst, das geht schneller als man denkt, ist die Regel doch vorbildlich illustriert und recht übersichtlich geschrieben. Hat man dann erst einmal den grundlegenden Ablauf verinnerlicht, läuft das Spiel rasch schneller und deutlich runder. Natürlich begegnet man im Verlauf des Spiels auch immer wieder Hinweisen auf Sonderregeln, diese lassen sich jedoch meist schnell nachschlagen.

Bevor das Spiel beginnen kann, muss natürlich auch das Abenteuer ausgesucht werden, welches es zu bestehen gilt. Dabei halten sich die Abenteuer in der Grundbox und die Reihenfolge der Erscheinung der neuen Abenteuer-Packs recht eng an die tolkiensche Vorlage. Wer also erwartet, gleich zu Beginn zum Beispiel Saruman in Isengart einen Besuch abstatten zu können, muss leider auf später vertröstet werden. Ähnlich wie der Spieler sein Deck aus Karten verschiedener Sphären zusammenstellen kann, wird für die einzelnen Abenteuer das Begegnungsdeck des Bösen aus verschiedenen Sets zusammengestellt. So kann eine größtmögliche Authentizität und Atmosphäre gewährleistet werden, denn wer will schon die Schwertelfelder oder Wolfsreiter im Düsterwald vorfinden? Durch die im Begegnungsdeck enthaltenen Orts- und Gegnerkarten wird den Spielern gegenüber eine Bedrohung errichtet und Schaden ausgeteilt.

Der grundsätzliche Startaufbau bei Der Herr der Ringe – Das Kartenspiel wird in mehrere Bereiche untergliedert. So hat jeder Mitspieler einen eigenen Bereich, in welchem seine Helden samt ihren Verstärkungen und Verbündeten ausliegen, der imaginäre Gegner hingegen nennt eine so genannte Aufmarschzone sein eigen, aus welcher von Orts- und Gegnerkarten eine lauernde Bedrohung ausgeht. Eine jede der Spielrunden, aus welchen das Spiel besteht, untergliedert sich jeweils in sieben Phasen. In der Ressourcenphase erhalten die Helden Ressourcen, welche sie in der darauf folgenden Planungsphase für ausgespielte Verbündete bzw. Verstärkungen wieder ausgeben können. In der Abenteuerphase überlegen die Spieler, welche ihrer Helden bzw. Verbündeten die gegnerische Aufmarschzone erkunden. Dazu wird deren addierte Willenskraft der gesamten Bedrohung, welche von der Aufmarschzone ausgeht, gegenüber gestellt. Bei einem positiven Ergebnis kann die Erkundung des Abenteuers vorangetrieben werden, ist die eigene Willenskraft allerdings nicht groß genug, wächst die Bedrohung weiter. Erkundende Charaktere sind nach der Erkundung erschöpft, bei Magic The Gathering heißt das „werden getappt“, und stehen somit für einen späteren eventuellen Kampf leider nicht mehr zur Verfügung. In der anschließenden Reisephase ist es möglich, zu Orten in der Aufmarschzone zu reisen und diese damit ihrer Bedrohung zu berauben. Gleiches gilt in den darauffolgenden Begegnungs- bzw. Kampfphasen für die entsprechenden Gegner. Hierbei ist es noch wichtig zu erwähnen, dass es separate Charaktere sowohl für die Verteidigung als auch für den Angriff geben muss. Die letzte der sieben Phasen ist die Auffrischungsphase, in welcher alle zum Einsatz gekommenen Charaktere wieder „enttappt“ bzw. spielbereit gemacht werden. Danach beginnt eine nächste Spielrunde von Der Herr der Ringe – Das Kartenspiel, solange bis die Spieler entweder die Siegbedingungen des Szenarios erfüllt haben oder alle Helden der Spieler in heroischem Kampf getötet wurden bzw. der Bedrohungsgrad der jeweiligen Spieler auf 50 gestiegen ist.

Der Herr der Ringe – Das Kartenspiel "macht" fast alles richtig. Ein weit verbreitetes und allgemein bekanntes Setting und eine durch tolle Illustrationen und passende Kartentexte rasch aufgebaute beklemmende Atmosphäre bilden den gelungenen Rahmen für dieses geniale Spiel. Fängt man im Solospiel schnell an, gollumartig mit sich selbst zu reden, ist es im kooperativen Zwei-Personen-Spiel der Mitspieler, mit welchem Taktiken und Möglichkeiten abgeklärt werden sollten. Ständig ist man am Nägelkauen, wie man plötzlich auftretende Gefahren oder Bedrohungen schnell aus dem Weg räumen kann. Doch das ist nicht so einfach, sind doch alle Phasen sehr gut miteinander verzahnt, und so fehlt es ständig überall an allem, an Ressourcen, an handlungsbereiten Charakteren oder an Heilung. Leider gibt es aber auch ein paar Kleinigkeiten zu bemängeln. So sind die atmosphärischen Kartentexte relativ klein gedruckt, sodass sie, insbesondere bei stimmungsvoller Beleuchtung, nur schwer zu lesen sind. Unangenehmer hingegen ist, im Gegensatz zur erstaunlich schnellen Verfügbarkeit der neuen, ins Deutsche übersetzten Abenteuerpacks, die schleppende Übersetzung von Antworten und Richtigstellungen zu allgemeinen Fragen, welche insbesondere die Auslegung von Kartentexten betreffen. Hier sollte der Heidelberger Spieleverlag schnellstens nachbessern.

Der Herr der Ringe – das Kartenspiel funktioniert sowohl in seiner Solovariante als auch zu zweit problemlos. Durch die Flut von Erweiterungen und die unendlichen Varianten des Deckbaus ist lang anhaltender Spielspaß garantiert. Selbst der Schwierigkeitsgrad kann angepasst werden. So ist die Schwierigkeitsstufe eines jeden Abenteuers durch den Verlag angegeben worden. Zusätzlich können Einsteiger die Schatteneffekt-Regel, welche bei Kämpfen zum Einsatz kommt und diese unvorhersehbarer und dadurch auch schwieriger macht, außer acht lassen. Erst nach ein paar Eingewöhnungspartien sollte diese zusätzliche Herausforderung angenommen werden. Unter dem Strich ist Der Herr der Ringe – das Kartenspiel ein hoch spannendes, überaus atmosphärisches Spiel, welches sich kein spielbegeisterter Fan von Mittelerde entgehen lassen sollte. Absolute Kaufempfehlung!

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
1 - 2
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
13
Spieldauer (Minuten): 
90
Jahrgang: 
2011
Spielkategorisierung
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