Kohle

Mit Volldampf zum Reichtum

eine Spielerezension von Wolfram Troeder - 16.10.2009
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Kohle von Pegasus Spiele

Die Spiele von Martin Wallace zählen nicht umsonst zu den Achttausendern der Brettspiele. Alleine der Spielaufbau und die Erklärung können schon so lange dauern wie manch andere Mainstream-Spiele und die Anleitung, trotz erheblicher Verbesserungen gegenüber der englischen Ausgabe, erfordert gründliches Studium und mehr als gelegentliches Nachschlagen. Macht man sich jedoch die Mühe, stellt man schnell fest, dass sich die Anstrengung lohnt. Ein so forderndes, ausgeklügeltes, umfangreiches Spiel das erste Mal aus eigener Kraft und gegen gleichstarke Gegner zu gewinnen, ist ein Gefühl ... wie auf dem Gipfel eines Achttausenders oder dem Bug eines Ozeanriesen zu stehen.

"Achttausend" wäre auch die richtige Beschreibung für die gefühlte Menge an Material, die einem entgegenkommt, öffnet man die große Spieleschachtel zum ersten Mal. Die überwältigende Fülle an verschiedenen Countern, Karten, Münzen, Spielfiguren und  Warenquadern will erstmal gebändigt werden, eine Aufgabe, die mehr als die sieben beigelegten Ziplock-Beutel verlangt.

Martin Wallace ist bekannt dafür, in seinen Spielen auch neue Wege zu gehen. Diesmal entführt er die Spieler in die frühe, englische Industrialisierung, in das Zeitalter rasanter technischer Entwicklungen, rauchender Schlote und mächtiger Industriebarone. Lancashire ist die Region, auf die sich im Spiel der Fokus richtet.

Das Spiel und den Aufbau im Einzelnen zu beschreiben, würde den zur Verfügung stehenden Platz sprengen. Deshalb nur ein paar Bemerkung zu den Besonderheiten. Natürlich gehört auch wieder der typische Kreditaufnahme-Zug mit zum Aktionsumfang. Alternativ können die Spieler auch Kohlengrube, Eisenhütten, Baumwollspinnereien, Häfen oder Werften bauen. Diese müssen erst mit Kanälen, später mit Eisenbahnstrecken verbunden werden. Um an bessere Industrien zu kommen, können die Spieler zusätzlich ihre Entwicklungsabteilung bemühen. Wo und was man bauen kann, bestimmen zum großen Teil die Handkarten, von den Vorgaben des Brettes mal abgesehen. Die Baubeschränkungen machen auch einen Großteil der Regeln aus, sodass in den ersten Runden oft genug falsch gebaut wird oder geplante Bauvorhaben einfach nicht regelkonform sind. Hat man aber erst mal ein Blick dafür entwickelt, stellt man später oft genug fest, wie viele Schwarzbauten trotzdem noch durchgerutscht sind.

Aber Bauen ist nur die halbe Miete, die Früchte erntet man erst, wenn die Gebäude aktiviert werden. Dieser Ausdruck führt eigentlich in die Irre, denn jedes Gebäude hat eine bestimmte Kapazität und erst wenn man mit festen "Lieferverträgen" diese Kapazität ausnutzt, erhält der Besitzer Siegpunkte und eine dauerhafte Erhöhung seines Einkommens. Deshalb ist es auch vorteilhaft, wenn Andere an den eigenen Industrien partizipieren und deren Kapazität ausnutzen. Im Hinterkopf behalten sollte man auch, dass die Zeit in diesem Spiel Mangelware ist. Man hat nur eine begrenzte Anzahl Runden zur Verfügung, deshalb sollte man immer einen Plan haben. Die Grundregeln sind schnell verinnerlicht, um jedoch ein Spiel ohne einen Fehlgriff zu Ende zu bringen, ist schon viel Erfahrung nötig. Das geht aber den Mitspielern genauso, deshalb ist das nur ein Schönheitsfehler.

Kohle ist sicher kein Einstiegsspiel, aber erfahrene Spieler können ein Vielfaches an Freude erfahren, wenn sie sich der Herausforderung erfolgreich stellen. Der Gewinnstrategien sind viele und welche das bisschen erfolgreicher ist als die anderen, hängt von der Kartenhand, den Mitspielern und der eigenen Tagesform ab. Damit ist der Wiederspielfaktor groß und jedes mal, wenn ich Kohle aus dem Regal hole, weiss ich, dass ein langer, anspruchsvoller und erfüllter Spieleabend vor mir liegt.

 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
3 - 4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
120
Jahrgang: 
2008
Spielkategorisierung
Fotos
Kohle von Reich der Spiele
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