Le Havre

eine Spielerezension von Silke Groth - 04.10.2009
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Le Havre von Reich der Spiele

Le Havre ist die bevölkerungsreichste Stadt der Normandie und besitzt den zweitgrößten Hafen Frankreichs. Hierhin verschlägt es die Spieler, die versuchen durch den Bau von Gebäuden und Schiffen, der Produktion und Veredelung von Waren und deren Verkauf das meiste Geld zu erwirtschaften.

Das Spielprinzip ist denkbar einfach. Ein Spiel geht über, je nach Spielerzahl unterschiedlich, mehrere Runden, die jeweils aus sieben Spielzügen bestehen. Die Spieler sind reihum am Zug. Jeder Spielzug besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil kommt es zum Warennachschub. Hier kommen zunächst jeweils zwei der sechs verschiedenen Grundwaren, wie Holz, Lehm oder Vieh aber auch Geld ins Spiel. Danach hat ein Spieler entweder die Möglichkeit, alle Warenplättchen aus einem Angebotsfeld zu nehmen oder ein Gebäude zu nutzen. Zusätzlich ist noch ein Kauf eines Gebäudes oder Schiffes möglich.

Um die Aktion eines Gebäudes nutzen zu können, muss zunächst, sofern es kein eigenes ist, ein Eintritt bezahlt werden. Auch darf sich dort kein anderer Spielstein befinden. Danach kann abhängig von der Art des Gebäudes zum Beispiel ein neues Gebäude (Bauunternehmen) oder Schiff (Werft) errichtet, natürlich beides gegen Abgabe entsprechender Rohstoffe, Ware veredelt (Holz in Holzkohle et cetera) oder verkauft werden.

Nach sieben Spielzügen ist die Runde beendet und die Spieler erhalten eventuell zusätzliches Korn oder Vieh, müssen aber auf jeden Fall ihre Arbeiter ernähren. Der Nahrungsbedarf steigt von Runde zu Runde an und wird entweder mit Nahrungsplättchen (beispielsweise Fisch) oder Geld bezahlt. Zusätzlich können Schiffe im eigenen Besitz für eine gewisse Grundversorgung sorgen. Müssen die armen Arbeiter trotz allem Hunger leiden, sind Schuldscheine aufzunehmen, die aber jederzeit rückzahlbar sind.

So geht es Runde um Runde bis es nach einer Abschlussaktion zur Abrechnung kommt. Wer nun über das größte Vermögen verfügt, bestehend aus Bargeld und dem Wert der eigenen Schiffe und Gebäude, hat das Spiel gewonnen.

So weit so einfach. Wie so häufig liegt der Teufel im Detail. Es herrscht Mangel an allen Ecken und Enden. Aktionen, Geld, Nahrung, Baustoffe – egal was es ist, eines ist sicher, man hat weniger davon als man gerne hätte. Wie mache ich nun aber aus dem wenigen, das ich habe, möglichst viel? Natürlich führen verschiedene Wege zum Ziel und es gibt einige Grundstrategien, die es aber von Runde zu Runde anzupassen gilt. Interaktion mit den Mitspielern spielt nur eine untergeordnete Rolle und beschränkt sich auf gelegentliche "Diebstähle" eigentlich schon fest verplanter Rohstoffe oder Hausbesetzer, die einfach keinen Platz für die Aktion der Wahl machen wollen. Auch Nichthandlungen der Mitspieler können die eigenen Planungen umschmeißen, zum Beispiel wenn auf einmal ursprünglich nicht ins Auge gefasste Nachschubfelder so zum Platzen gefüllt sind, dass man einfach nicht mehr an ihnen vorbeigehen kann. Meist gibt es die Auswahl aus mehreren gleichwertigen Optionen. Da geht es um den optimalen Einsatz der Ressourcen, wobei auch das richtige Timing eine große Rolle spielt. Nichts ist ärgerlicher, als am Spielende auf einem Haufen ungenutzter Waren zu sitzen, mit denen man im Laufe des Spieles Sinnvolles hätte anstellen können.

Ein großer Reiz liegt in der Verzahnung der einzelnen Elemente. So gibt es in dem Spiel quasi drei Währungen. Geld ist die Universalwährung und auch gleichzeitig in Form von Siegpunkte spielentscheidend. Nahrung benötigt man für nach und nach ansteigende Fixkosten am Rundenende. Als Drittes gibt es noch die Energie, die besonders bei der Veredelung der Waren und beim Verschiffen benötigt wird. Eine Moment der Unachtsamkeit und es fehlt im entscheidenden Moment ein wichtiger Baustein zur Erfüllung seiner Vorhaben. Der Bau eines größeren Gebäudes bedingt einiges an Vorarbeit. So benötigt man neben anderen Rohstoffen auch zwingend Ziegel, die aus Lehm veredelt werden. Dafür benötigt man wiederum Energie, die sich vorher andernorts beschafft werden muss. So gehen für einen lang- oder mittelfristigen Plan einige Aktionen drauf, von denen man im gesamten Spiel aber leider nur eine überschaubare Zahl hat (im Vierpersonenspiel ganze 36). Das ganze unter dem ständigen Druck, die eigenen Arbeiter zu versorgen. Schiffe erleichtern dies natürlich, eventuell kann aber auch weitgehend auf die Versorgung verzichtet und Schuldscheine (mit weniger dramatischen Folgen als die Bettlerkarten aus Agricola) gesammelt werden, um so Raum für andere Aktionen zu haben.

Die Stadt sorgt durch eigene Bautätigkeit dafür, dass auch "baufaulere" Gruppen immer ausreichend Gebäudeaktionen zur Auswahl haben. Neben Standardgebäuden baut sie zusätzlich sechs zufällige Sondergebäude, die ein kleines Zufallselement ins Spiel bringen. Zusätzlich sorgt die Auslage der Gebäude, drei einsehbare Stapel der sogenannten Bauvorhaben, für Abwechslung. Diese sind in jedem Spiel anders angeordnet, was dazu führt, dass sie immer zu unterschiedlichen Zeiten ins Spiel kommen, was ein Herunterspielen nach Schema F ausschließt.

Ein kurzer Vergleich mit Agricola ist natürlich unumgänglich. Beide haben gewisse Ähnlichkeiten, spielen sich aber dann doch ziemlich verschieden. Das fängt bei der Spieldauer an, für eine Partie Le Havre sollten pro Spieler zirca 60 Minuten veranschlagt werden (sofern nicht die noch anspruchsvollere "Kurzversion" gespielt wird) und hört bei der Aktionsphase auf. Haben wir bei Agricola noch pro Runde, je nach Familiengröße, zwei bis fünf Aktionen zur Verfügung, ist es bei Le Havre lediglich eine einzige. Le Havre ist etwas komplexer und es wird etwas mehr Zeit benötigt um die gesamten Verzahnungen zu erfassen. Die Abläufe bei Agricola sind intuitiver verständlich und die implementierte Familienversion bietet eine einstiegsfreundlichere Variante.

Le Havre richtet sich ganz klar an den erfahreneren Spieler, der Spaß am Kombinieren und Tüfteln, sowie am Ausprobieren verschiedener Strategien hat. Wer sich von der etwas längeren Spieldauer (besonders bei vier oder fünf Spielern) nicht abschrecken lässt, bekommt ein klasse Wirtschaftsspiel mit fein aufeinander abgestimmten Mechanismen und Komponenten, sowie einer tollen Ausstattung (über 400 Pappmarker, 110 Spielkarten, Holzschiffchen), bei dem ein lang anhaltender Spielspaß garantiert ist. Auch die Solovariante, in der es diesmal um die Verbesserung des eigenen Highscores geht, macht wieder sehr viel Spaß. Kurzum, ein richtig gutes Spiel!

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
1 - 5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
200
Jahrgang: 
2008
Spielkategorisierung
Fotos
Le Havre von Lookout Games
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