Terra Mystica

eine Spielerezension von Ralf Schallert - 01.10.2014
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Brettspiele Terra Mystica - Foto von Feuerland

Feuerland Spiele hat aus dem Stand heraus mit seinem zur Spiele-Messe in Essen 2012 erschienen Erstlingswerk Terra Mystica einen fulminanten Start aufs Parkett gelegt, und mittlerweile ist dieses Spiel bei Boardgamegeek schon auf Rang drei der allgemeinen Beliebtheitsskala angelangt. Doch woher kommt die Faszination dieses Spiels, das in vielerlei Hinsicht eher Old-School daherkommt?

Worum geht es bei Terra Mystica?

Das Spielbrett von Terra Mystica zeigt eine aus sieben verschiedenen Landschaftstypen in Form von Hexfeldern bunt zusammengesetzt Fantasy-Welt, die zudem noch durch mehrere Flussläufe unterbrochen ist. Hier leben 14 verschiedene Völker bzw. Rassen mit den unterschiedlichsten Eigenschaften und Fähigkeiten in friedlicher Eintracht miteinander. Na gut, ganz so friedlich geht es meistens dann doch nicht zu, denn der Siedlungsgrund ist knapp und jede der Rassen ist an einen bestimmten Landschaftstyp gebunden, um zu siedeln. So finden z. B. Hexen und Auren Wälder ganz toll, während sich Chaosmagiere und Giganten nur im trostlosen Ödland wirklich heimisch fühlen.

Um hier in dieser bunten Landschaft also eigene durchgehende Siedlungsgebiete zu schaffen, auf denen sie ihre Wohn- und Handelshäuser, Festungen, Tempel und Heiligtümer errichten können, müssen die Völker für sie eher unpassende Landschaftsarten in ihre jeweilige Lieblingslandschaft umwandeln. Da bebaute Landschaftsarten nicht mehr umgewandelt werden können und ein Spielziel u. a. die Schaffung des größten Siedlungsgebietes ist, kommt es schnell zu akutem Platzmangel, dem man nur durch die Entwicklung der Schifffahrt oder den Bau von Brücken ein wenig abhelfen kann.

Wie wird Terra Mystica gespielt?

Die Spielvorbereitung ist recht umfangreich aber zum Glück nicht sonderlich kompliziert. Jeder der zwei bis fünf Spieler erhält zu Spielbeginn ein Völkertableau, das genau einem Landschaftstyp zugeordnet ist und auf welchem die beiden dem Landschaftstyp zugehörigen Völker auf der Vor- bzw. Rückseite zu finden sind. Da immer nur ein Volk pro Landschaftstyp im Spiel sein kann, muss der Spieler zwischen diesen beiden wählen. Dazu wird außerdem ein in den jeweiligen Landschaftsfarben gehaltener Gebäudesatz, mit dem das Tableau bestückt wird, benötigt. Die einzelnen Völker haben unterschiedliche Startbedingungen, sowie sehr stark differierende Eigenschaften, die wunderbar in den Kontext des jeweiligen Volkes eingepasst wurden. Außerdem erhalten die Spieler noch je ein Bonusplättchen, dessen Vorteile sie in dieser Runde nutzen können, und zudem ihr Grundeinkommen an Arbeitern, Macht, Priestern und Geld. Dieses sind die vier Ressourcenarten im Spiel, von denen man natürlich nie genug haben kann.

Brettspiel mit Tableau, Plättchen, Aktionen ...

Auf einem separaten Spiel-Tableau wird zudem der aktuelle Stand der Spieler in der Ausübung der vier Elemetar-Kulte Feuer, Erde, Wasser und Luft, angezeigt. Ein Spiel, egal in welcher Besetzung, läuft über sechs Runden, wobei jede dieser Runden in drei Phasen gegliedert ist: die Einkommensphase, die Aktionsphase sowie die Auswertungs- bzw. Vorbereitungsphase für die nächste Runde. Für jede dieser sechs Runden wird zufällig ein Wertungsplättchen gezogen, durch das bestimmte Aktionen belohnt werden. Beginnend mit dem Startspieler setzen die Spieler nun noch ein Wohnhaus auf jeweils ein Hexfeld mit ihrer Heimatlandschaft und in umgekehrter Spieler-Reihenfolge ein weiteres, und schon kann die Partie mit der Aktionsphase beginnen. In dieser können die Spieler reihum immer genau eine von sieben möglichen Aktionen ausführen, bis sie ein Mangel an Ressourcen oder ihre Planungen für den nächsten Zug dazu bringen, zu passen. Dieses wären: Landschaften umwandeln und neue Gebäude errichten, Verbesserung der Schifffahrt, Verbesserung der Fähigkeit zur Landschaftsumwandlung, Aufwertung bestehender eigener Gebäude, Verbesserung der Anrufung der Kulte, Nutzung spezieller Machtaktionen sowie die Nutzung spezieller Bonusaktionen, welche z. B. durch Bonusplättchen oder nach dem Bau der eigenen Festung zur Verfügung stehen. Hat ein Spieler gepasst so gibt er sein Bonusplättchen ab und nimmt sich ein frei ausliegendes, um dessen Bonus in der nächsten Runde nutzen zu können.

Gebiete erweitern

Da das grundlegende Prinzip des Spiels darin besteht, sich ausgehend von den selbst gewählten eigenen Startpunkten auszubreiten und das Siedlungsgebiet zu vergrößern, müssen schnell benachbarte Landschaften umgewandelt werden. Die Kosten für die Umwandlungen in den eigenen Landschaftstyp finden sich gestaffelt auf dem Völker-Tableau. Da sich die Autoren wirklich viele Gedanken um die unterschiedlichen Völker gemacht haben und diese sich unterschiedlich spielen, ist es von Anfang an wichtig, die Stärken und Schwächen des eigenen Volkes zu berücksichtigen. Diese sind symbolhaft auf den jeweiligen Völkertableaus verzeichnet, auf denen auch alle eigenen zur Verfügung stehenden Gebäude abgestellt werden. Dabei ist es meistens wichtig, möglichst schnell die hochwertigeren Gebäude zu errichten, um die entsprechenden Boni und Sonderaktionen freizuschalten. Damit wird zudem die Grundlage für spätere Stadtgründungen geschaffen, die wiederum mit zusätzlichen Boni belohnt wird.

Bekannt und doch originell

In Terra Mystica wurde eine einfache aber recht geniale Methode eingesetzt, um zu jeder Zeit einen Überblick über das eigene Grundeinkommen für die nächste Runde zu behalten. Die entsprechenden Einkommen sind auf den Gebäudestellplätzen verzeichnet. Wird nun eins davon gebaut, wird also weiteres Einkommen freigeschaltet, wird aber ein Gebäude zurückgenommen, weil es auf dem Spielplan gegen ein höherwertiges ausgetauscht wurde, wird natürlich das entsprechende Feld wieder gesperrt. Die Nutzung und der Einsatz der meisten Ressourcen ist sattsam auch aus anderen Worker-Placement-Spielen bekannt, die Idee der Machtnutzung hingegen ist neu und wirklich originell. So hat jeder Spieler zu Beginn des Spiels eine identische Anzahl von Machtmarkern zu Verfügung, die je nach Vorgabe des Volkes unterschiedlich auf die drei Schalen bzw. Stufen der Macht verteilt werden. Gewinnt man Macht durch eigene oder gegnerische Aktionen hinzu, wandern die Machtmarker nach bestimmten Regeln in einem Kreislauf durch die Schalen und können in der höchsten Stufe für sehr hilfreiche Machtaktionen genutzt werden.

Vier Wege zum Sige bei Terra Mystica

Die Spieler haben viele Möglichkeiten, um an Siegpunkte zu gelangen, z. B. über die Entwicklungsfortschritte ihres Volkes, über Spielrunden- oder Völkerboni, über die Endplatzierung in den verschiedenen Kulten und natürlich über die Größe des eigenen Siedlungsgebietes zu Spielende. Diese vielen Möglichkeiten machen das Spiel für Einsteiger ein wenig unübersichtlich, sind andererseits aber auch das Salz in der Suppe, denn eine todsichere Gewinnstrategie gibt es nicht, was natürlich auch für die sehr gute Balance spricht.

Wie gut ist das Brettspiel Terra Mystica?

Terra Mystica funktioniert, egal mit welcher Spielerzahl, perfekt! Die Down-Time ist niedrig, und nie hat man das Gefühl, mechanisch beliebige Siegpunkte zu sammeln. Es ist ein friedlicher Wettkampf der 14 verschiedenen Völker geworden, die sich zudem wirklich komplett unterschiedlich spielen. Dabei erschließen sich deren spielerische Vor- und Nachteile meist erst im Laufe der Partie, sodass man oft mehr daran interessiert ist, nicht sofort mit einem neuen Volk zu spielen, sondern mit dem gleichen Volk eine geänderte Strategie auszuprobieren. Wiederspielreiz hoch zehn also!

Übung macht den Meister

Natürlich ist Terra Mystica aus vorgenannten Gründen komplex und man benötigt ein bis zwei Partien Spielpraxis, um alle Zusammenhänge ausreichend zu verstehen und intuitiv spielen zu können. Dankenswerter Weise zieht es diese Komplexität aber nicht aus einer Überkonstruktion von Spielmechanismen. Im Gegenteil: Die einzelnen Mechanismen greifen geschmeidig ineinander und schaffen so ein tolles Spielgefühl. Auch der Interaktionsgrad zwischen den Spielern ist sehr hoch, zumal man Macht überwiegend durch Bauaktionen eines Gegners auf direkt benachbarten Feldern erhält. Ständig wird man so also vor wichtige Entscheidungen gestellt. Soll dem Gegner lieber ein lukratives Ausbreitungsgebiet vor der Nase weggeschnappt werden. oder ist es besser zu warten und die eigene Ressourcen zu schonen, um den Machtzuwachs mitzunehmen, den dessen Siedlungstätigkeit abwirft?

Nachschub für ein Kleinod

Optisch ist Terra Mystica zwar nicht unbedingt ein Highlight geworden, doch sind das überreichliche, sehr gute und funktionale Material sowie das Spiel selbst sehr gut gestaltet. Auch die Spielregel ist sehr eingängig und überdurchschnittlich gut layoutet und mit Beispielen illustriert. Für alle engagierten Familienspieler und Vielspieler ist Terra Mystica Spielspass pur! Ein absoluter Pflichtkauf der in keiner Spielesammlung fehlen sollte. Nach langer Entwicklungs- und Testzeit steht nun endlich auch die erste sehnlichst erwartete Erweiterung Feuer und Eis in den Startlöchern. Diese wird sich vorwiegend an erfahrenere Spieler richten. Ein gutes Zeichen, wenn der Verlag nicht sofort auf einen Hype aufspringt, um zusätzlich Geld zu machen, sondern den Autoren genügend Zeit zum Testen und das Feintuning läßt.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spielerzahl: 
2-5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12-
Spieldauer (Minuten): 
100
Jahrgang: 
2012
Spielkategorisierung
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