Der Reiz, Grenzen zu überschreiten

Erfolgsautor Dr. Reiner Knizia zwischen Spiel des Jahres und Elektronik

ein spielerischer Artikel von Michael Weber - 04.08.2008
Dr. Reiner Knizia  von Reiner Knizia

„Ich freue mich sehr, dass es geklappt hat“, sagt Erfolgsautor Dr. Reiner Knizia zur Doppelauszeichnung der Jury Spiel des Jahres. Diese hatte ihn am 30. Juni 2008 sowohl den Preis Spiel des Jahres für Keltis (Kosmos), als auch den Preis Kinderspiel des Jahres für Wer war’s (Ravensburger) verliehen. Und das wurde auch höchste Zeit, wie sich eigentlich alle Experten einig sind; standen doch seine Spiele schon häufig genug auf der Nominierungsliste und gingen am Ende leer aus. Knizia dazu: „Ich versuche immer, gute Spiele zu machen. Ob ich damit einen Preis gewinne, habe ich aber nicht in der Hand. Manchmal klappt es, manchmal nicht.“ Gewonnen hat er mit seinen derzeit über 500 veröffentlichten Spielen bereits viele Auszeichnungen: vom Deutschen Spielepreis über den International Gamers Award bis hin zum Spiel der Spiele in Österreich. Für den Autor und Mathematiker kommt es aber auch darauf an, wie sich solche Preise in seine Tätigkeit als Autor zeitlich einordnen: „Der Gewinn des Deutschen Spielepreises zu Beginn meiner Autorentätigkeit war sicher sehr, sehr wichtig. Inzwischen spielen Auszeichnungen aber eher eine geringe Rolle. Dennoch freue ich mich natürlich sehr über die beiden Spiele des Jahres.“

Mit dem Doppelschlag Spiel des Jahres 2008 ist zu erwarten, dass der sehr emsige Spieleerfinder zumindest für Keltis, das auf dem 2-Personen-Spiel Lost Cities beruht, bereits Ideen für die inzwischen obligaten Erweiterungen sammelt. „Da werden der Verlag und ich sicher nächstes Jahr etwas nachlegen können. Doch zunächst muss Keltis beim Endkunden erst als Spiel des Jahres bekannt werden.“ Durchblicken lässt Reiner Knizia, dass er noch völlig am Anfang der Überlegungen steht und zwischen einem eigenständigen Spiel, einer klassischen Erweiterung oder  alternativen Spielplänen vieles denkbar ist. „Aber die Qualität“, so der Autor, „wird bei der Weiterentwicklung des Spielprinzips ein wesentliches Kriterium sein. Eine Erweiterung um der Erweiterung Willen wird es mit mir nicht geben.“

Bei der Bandbreite zwischen Kinderspiel einerseits und eher leichten Spielen sowie komplexen „Freakspielen“ stellt sich die Frage, wie es zu dieser enormen Bandbreite kommt. „Der Reiz ist die Vielfalt. Als ich mich vor elf Jahren entschieden hatte, nur noch Spiele zu erfinden, wollte ich mich nicht auf einzelne Bereiche beschränken, ich wollte von Anfang an, die gesamte Breite der Möglichkeiten ausschöpfen. Mir macht es einfach Spaß, Neues zu probieren, Türen aufzustoßen, Neuland zu betreten und Trends zu setzen“, erklärt der Autor. Dies gilt sicher auch in einem besonders großen Maß für die Integration von Elektronik ins Spiel. So erschienen bei Ravensburger in den letzten Jahren zwei Spiele mit einem Touch-&-Play-Mechanismus, die über einen leitenden Spielplan der Elektronik eine Art Spielführerrolle gaben. Auf einem ähnlichen System beruht auch das Kinderspiel Wer war’s. Hier ging es darum, die Elektronik zwar „kinderleicht“ zu halten, die Möglichkeiten aber auch auszureizen. „Die Elektronik muss aber passen und harmonisch ins Spiel integriert sein“, hebt Knizia hervor. Elektronische Bestandteile als Fremdkörper möchte er den Spielern gar nicht vorsetzen, aber er meint auch, dass sich Elektronik zukünftig mehr und mehr in Spielen wieder finden wird. Das bietet zum Beispiel die Möglichkeit, bei jeder Partie eine neue Ausgangaufstellung vorzugeben. „Elektronik an Haushaltsgeräten ist heute eine Selbstverständlichkeit, so wird sie auch bei Spielen immer häufiger genutzt werden. Die Herausforderung wird sein, sie so zu integrieren, dass sie als natürlicher Bestandteil des Spiels wahrgenommen wird.“ Da die dazu nötigen Prozessoren immer leistungsstärker werden, sieht Reiner Knizia hier ein enormes Potenzial an Möglichkeiten, aber er sagt auch: „Nicht für jedes Spiel sind elektronische Bestandteile sinnvoll.“

Der Spieleerfinder macht aber bei Elektronik im Spiel nicht Halt. Inzwischen hat er die Grenzen des klassischen Gesellschaftsspiels verlassen und Denk- und Logikspiele für den Nintendo DS entwickelt. Die besondere Herausforderung war hier, eine Symbiose aus Technik, Spiel, Denksportaufgabe so zu gestalten, dass das Resultat ohne Gegenspieler auskommt und natürlich Spaß macht. Bei aller Beteuerung, dass er kein zwischen Spieleautor und Mathematiker geteilter, sondern eben ein naturwissenschaftlich denkender ‚ganzer’ Mensch ist, gibt Reiner Knizia zu: „Hier war der Mathematiker etwas mehr gefordert. Das Punktesystem und die Highscores, die die 80 verschiedenen Logikspiele zusammenbinden, waren eine Herausforderung. Aber davon bekommt der Endverbraucher wenig mit, denn all das wird ja von der Elektronik übernommen, und der Mensch kann sich so ganz auf die spielerische Herausforderung konzentrieren." Überraschend in dem Zusammenhang ist die Umsetzung von der Idee zum Spiel. Während er bei Wer war’s beispielsweise Grundzüge des Spiels an einer PC-Simulation optimierte, stand bei den Spielen für den Nintendo DS Handarbeit am Anfang. „Ich musste hier erst viel mit normalen Materialen experimentieren, um das Spiel ohne Gegner in Form zu bringen; erst später konnten die Ergebnisse am Gerät optimiert werden“, erzählt Knizia.

Vielleicht beruhigt es den Spieleerfinder etwas, dass es im Bereich der Elektronik und Konsolen eine größere Rechtssicherheit gibt als bei Gesellschaftsspielen. Denn Mitte 2008 hat Reiner Knizia einen Prozess verloren, bei dem das Gericht den Spielen im vorliegenden Fall eine urheberrechtlich relevante Schöpfungshöhe – um es mal vorsichtig zu formulieren – nicht bestätigte. Der Autor äußert sich dazu nur sehr bedeckt: „Solche Prozesse sind immer vom Einzelfall abhängig, mal gewinnt man, mal verliert man.“ Er führt aber dennoch aus: „Der riesige Markt und die Lobby für Elektronik, Konsolen und Computer sorgt dafür, dass es in diesem Bereich eine viel größere Rechtssicherheit gibt. Die Spieleindustrie hat dagegen eine relativ kleine Bedeutung und wird vom Gesetzgeber, zumindest in Deutschland, etwas vernachlässigt.“

Dennoch wird der Erfolgsautor auch zukünftig sowohl klassische Gesellschaftsspiele, als auch Spiele für neue Medien entwickeln. Wobei ihm die Begeisterung für Elektronik und Konsolen anzuhören ist, wenn er sagt: „Wir haben damit sehr viele Möglichkeiten für Neues und enorme Chancen. Deshalb gehe ich auch durch das geschäftliche Leben immer mit offenen Augen, denn für die Umsetzung von solchen Ideen, benötigt man gute Verlage und starke Partner.“ Und die hat er im Bereich der Gesellschaftsspiele seit Jahren ganz bestimmt. Denn wie in den Vorjahren werden auf der nächsten Spielemesse in Essen bei einer Reihe von Verlagen wieder Knizia-Spiele im Programm sein. Eben gemäß seines Mottos: „Bringing Enjoyment To The People“.

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