Erfolg in der Krise und Gegensatz in der Schachtel

Bericht zur Internationalen Spielwarenmesse 2010 in Nürnberg

ein spielerischer Artikel von Michael Weber - 06.02.2010
Monopoly 75 - Nürnberger Spielwarenmesse 2010 von Reich der Spiele

Am 4. Februar 2010 öffnete die 61. Spielwarenmesse International Toy Fair Nürnberg die Tore. Mit 2.625 Aussteller aus 64 Ländern ist die Messe in der Frankenmetropole die weltweit bedeutendste Ausstellung ihrer Branche. Kein Wunder, denn mit rund 75.000 Fachbesuchern aus weit über 100 Nationen ist sie Drehplatz für den Fachhandel und das Lizenzgeschäft. Als nach Aussagen der Fachgruppe Spiel in Deutschland wichtigstes Marktsegment dürfen Spiele und Puzzles in Nürnberg nicht fehlen. Dieser Bereich hatte 2009 mit einem um fünf Prozent auf etwas über 400 Millionen Euro angestiegenen Umsatz seine Spitzenposition sogar weiter ausgebaut.

Spielwarenmesse zeigt: Bewegung schafft Freiraum

Der Branche geht es insgesamt trotz – oder gerade wegen – des Krisenjahres 2009 verhältnismäßig gut, die Zahl der im Frühjahr und Herbst diesen Jahres erscheinenden Spiele ist weiter enorm groß. Dennoch mischen sich auch trübe Zeichen in die Feierlaune. Beispiele: Marktführer Hasbro hat fast unbemerkt den Stand etwas verkleinert, Kosmos zeigte zwar viele neue Spiele, davon war ein großer Teil aber dem Stichwort Neuauflagen oder Kompaktversionen bekannter Spiele zuzuordnen. Die Preisuntergrenzen fallen zudem ins Bodenlose: Amigo Spiele bringt für den Handel unter anderem eine Kartenspielreihe zum Preis von 99 Cent heraus, auch der gerade von der Simba Dickie Group aufgekaufte Zoch Verlag versucht ähnliches mit dem im Laden etwas teureren neuen Memo-Puzzle Zozzle.

Preiskampf zwischen Verkaufshit und Werbespiel

Eine der Folgen dieses erbarmungslosen Preiskampfes ist schon länger im Handel zu beobachten: Hochpreisige Spiele bleiben schlicht im Regal liegen, bis der Handel den Preis erheblich reduziert. Die beiden Spiele des Jahres (Dominion und Das Magische Labyrinth), die 2009 mit Verkaufszahlen um ca. 300.000 Stück ansprechend, aber nicht unbedingt rekordverdächtig oft über den Ladentisch gingen, gehen seit Jahren strammen Schrittes bei der Abwärtsspirale des Preiskampfes voran. Der Handel forciert im Weihnachtsverkauf, dem einzigen tatsächlich existierenden Massenmarktzeitraum für Spiele, mit extremen Rabatten diese Entwicklung. Die Kunden nehmen sie dankbar an. Wie wollen die Verlage darauf reagieren? Kommt eine Reduzierung des Materials im Spiel, um Preise dauerhaft senken zu können? Kommt eine kleinere Schachtel, die dann aber für den Kunden wieder teuer aussieht? Besonders die mittelgroßen Verlage müssen hier dringend eine Antwort auf diese zum Teil hausgemachte Problematik finden, um mittelfristig nicht beim Preiskampf auf der Strecke zu bleiben. Ansonsten drohen sie bald ihre Produkte als Werbegschenke gestalten zu müssen. Das bietet Umsatzchancen und ist wiederum Dank neuer Werbemittelsysteme ein durchaus gangbarer Weg. So gibt es inzwischen Anbieter, die ihre Kundenberater in einem Votingverfahren passende Werbegeschenke auswählen lassen. Das System unterstützt die Unternehmen dabei, auf diesem Weg geeignete Geschenke zu finden. Gefragt ist eben für solche Werbemittel Fullservice. Und das wäre für Spieleverlage irgendwann eine Möglichkeit, den Absatzmarkt für Spiele als Werbegeschenke deutlich zu erweitern. Eine neue Entwicklung wäre dies allerdings nicht, denn schon seit Jahrzehnten bieten Hersteller und Spieleautoren immer wieder Gesellschaftsspiele als Merchandiseartikel an.

Neue Spiele von der Nürnberger Messe

Abseits dieser Entwicklung gab es natürlich auch neue Spiele. Nürnberg ist seit jeher eher der Termin, um klassische Familienspiele und Kinderspiele zu veröffentlichen. Typische Vielspielerspiele gibt es hier selten. So auch diesmal. Ausnahmen sind zum Beispiel Glen More von aleaspiele und Speicherstadt von eggertspiele. Andere Kandidaten sind unter anderem Titania von Hans im Glück und Revolution von Pegasus Spiele oder mit etwas leichterem Zugang Asteroyds von Ystari sowie Samarkand und Fresko von Queen Games. Eher für Freaks sind Spiele wie Ants von Heidelberger Spieleverlag oder Runewars von Fantasy Flight Games.

Herausragende Kinderspiele scheint es auf dem ersten Blick nicht zu geben. Zu nennen sind hier Schatz der Kobolde von Drei Magier Spiele mit einem Magnetpendel oder Hexenduell von Haba, ebenfalls mit einem Magnetmechanismus. Bei Kosmos heißt es Krakenalarm, wobei ein schwingendes Pendel gegen ein Segelschiff geworfen wird. Schmidt Spiele bietet mit Tipi, Mausesause und Rakete gleich drei Spiele in der neuen Reihe Easyplay for Kids.

Leicht zugängliche Familienspiele und Spiele für sogenannte Gelegenheitsspieler haben dagegen mehrere Verlage im Programm. Bei Asmodee gibt es das Segelschiffspiel Regatta, Days Of Wonder lädt zum Deduktionsspiel Mystery Express ein, Amigo Spiele versetzt die Spieler mit Jäger und Sammler in die Steinzeit und bei Ravensburger gibt es Phase 10 – das Brettspiel. Für größere Gruppen empfiehlt sich das witzig-gemeine Radspiel Velo City von Abacusspiele oder das Pferderennspiel Kopf an Kopf von Kosmos.

Lizenzen stehen ebenfalls weiter hoch im Kurs. Ravensburger veröffentlicht mit Schlag den Raab beispielsweise ein Spiel zur gleichnamigen Fernsehsendung, Kosmos hat das Spiel zum Film Twilight – Biss zur Mittagsstunde und Huch and friends mit Saustall ein Spiel zu den Krimibüchern um Kommissar Kluftinger im Programm.

Wie in den letzten Jahren setzt sich auch die Entwicklung des Ausbaus einer Spielefamilie fort: Keltis – Das Orakel bei Kosmos, Zooloretto mini bei Abacusspiele, Welt des Kaffees bei Huch and friends und drei Spiele zum Titel Sequence von Winning Moves. Zu Der Palast von Alhambra bringt Queen Games unter anderem New York und New York – Das Kartenspiel und der Zoch Verlag veröffentlicht Heckmeck Barbecue und Heckmeck Junior. Kosmos legt Die Siedler von Catan mit neuen Illustrationen und Grafiken neu auf. Außerdem gibt es zu diesem Spiel eine Jubiläumsausgabe zum 25. Geburtstag, die in edler Holzkiste und mit viel Holzmaterial in den Handel kommt. Ebenfalls Geburtstag hat Monopoly, das 75 Jahre alt wird. Hier gibt es von Hasbro mit Monopoly U-Built und Monopoly Revolution zwei neue, verhältnismäßig interessante Abwandlungen.

Wie gut sind die Neuheiten?

Ob die genannten Spiele halten, was sie versprechen, wird sich erst im Laufe der nächsten Monate zeigen. Viele der ausgestellten Neuheiten waren noch nicht fertig und können noch von wesentlichen Regel- oder gar Titeländerungen betroffen sein, bis sie den Weg in den Handel finden. Dort werden sie von den Kunden nach wie vor gekauft. Gute Qualität und ansprechende Preise sind auf Dauer aber möglicherweise ein Gegensatz, der nicht mehr in ein und derselben Schachtel eingefangen werden kann.

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