Martin Schlegel über sein Brettspiel West Of Africa

Wie sich Lancelotto Malocello zum aktuellen Titel wandelte

ein spielerischer Artikel von Michael Weber - 12.02.2016
Brettspiel West Of Africa - Foto von Blackfire

Martin, wer war oder ist Lancelotto Malocello?
"Schon den alten Griechen waren die Kanarischen Inseln ein Begriff. Sie segelten zu diesen – wie sie sie nannten - 'Inseln der Glückseligen'. Doch da es dort nichts zu holen gab, geriet der Archipel völlig in Vergessenheit. Lancelotto Malocello, ein Genueser Kaufmann, hat die Inseln 1312 wiederentdeckt. Und dieser Lancelotto Malocello ist auch Namensgeber meines Spiels …"

… das im März als West of Africa bei ADC Blackfire erscheint.
"Richtig. Mir gefällt der frühere Titel immer noch, aber da bin ich ganz alleine. Der Verlag Blackfire hat auf der Essener Spielemesse eine Umfrage durchgeführt. 5 Vorschläge standen zur Wahl und das Ergebnis war eindeutig: West of Africa."

Was genau ist die Aufgabe der Spieler bei West Of Africa?
"Die Spieler agieren auf den sieben Kanarischen Inseln. Sie bestellen Äcker, ernten, transportieren, verkaufen, erhalten Einfluss und gründen Siedlungen."

Spielmaterial Stanzbogen I - Foto von Blackfire

Das klingt nun nicht so ungewöhnlich. Was ist treibend für den Spielspaß? Welches sind die Aha-Effekte für die Spieler?
"Verpackt in ein nahezu friedlich klingendes Anbauen-Ernten-Siedlung-Gründen-Spiel steckt ein Event mit riesigem Dilemma-Faktor. Zu Anfang jeder Runde bestimme ich verdeckt, was ich machen möchte. Die anderen aber auch. Die Auswahl ist groß, ich muss mich schon beschränken. Je mehr ich anstrebe, desto später bin ich an der Reihe. Dann sind die Felder, auf denen ich Wein, Getreide oder Zuckerrohr anbauen möchte, vielleicht schon vergeben. Oder es können keine Siedlungen mehr gegründet werden.
Soll ich die Waren per Schiff auf eine Nachbarinsel bringen, wo es mehr Geld gibt? So nebenbei könnte ich ein anderes Schiff verdrängen und damit dessen Aktionen durchkreuzen.
Soll ich den Alcalde-Titel anstreben? Dazu muss ich meine Arbeiter in Position bringen und es müssen genug Waren im Speicher bleiben, ich kann sie nicht zu Geld machen. Aber der Alcalde-Titel bringt Punkte und nur der Alcalde hat das Recht, Siedlungen zu gründen, die wiederum Punkte wert sind. Doch Siedlungsgründungen gehen ins Geld und die Kosten steigen im Laufe der Partie. Geld ist knapp und nur die Reichsten werden am Ende jeder Runde mit Siegpunkten belohnt.
Überhaupt diese Arbeiter: Sie helfen vorzüglich bei der Arbeit auf den Feldern und helfen mir gerne, Alcalde zu werden. Aber: Entweder – oder!
So bietet West of Africa ungemein viele Überraschungsmomente und immer wieder äußert der eine oder der andere Spieler Erstaunen – nicht immer druckreif formuliert. Es führen eben viele Wege zum Ziel – und in Sackgassen."

Spieleautor Martin Schlegel und Redakteuer Uli Blennemann Ich höre schon die Luft über dem Spielbrett knistern ...
"West of Africa ist ein Spiel mit vielen sich überlappenden Spannungsbögen. Kurze, mittlere und lange Spannungsbögen wirken gleichzeitig, sorgen für Aufregung, halten die 2 - 5 Spieler 60 Minuten in Atem."

Welches Komplexitätslevel würdest du West of Africa“bescheinigen. Ist es ein reines Expertenspiel oder kommen auch Familien damit zurecht?
"Werfen wir doch mal einen Blick auf das Schachspiel. Es hat einfache Regeln, kann sehr schnell erlernt und gespielt werden. Damit erfüllt Schach die Bedingungen für ein Familienspiel. Dennoch ist Schach ungemein komplex. Schach ist ein Expertenspiel.
Schach ist demnach beides und in der Kategorie tritt auch West of Africa an: Die Regeln sind nicht ausufernd – aber deutlich länger als bei Schach – und übersichtlich verfasst. Man kommt schnell rein und erlebt dann nach und nach die Komplexität des Spiels. Es kommt aber nie auch nur ansatzweise an die Komplexität von Schach ran. Dafür wird hier ordentlich geschimpft, gestöhnt, gestaunt,  gelacht und gejubelt."

Ich würde gerne noch ein paar Blicke hinter die Kulissen werfen. Du bist mit dem Spiel bereits 2007 angefangen.
"Am 3. 3. 2007 wurde es zum ersten Mal getestet, 33 weitere Testtage kamen hinzu. Auf jeden Test folgte eine intensive Nachbereitung, denn beim Testen achte ich auf nahezu alles. Wann entsteht Unaufmerksamkeit? Welche Elemente werden nicht oder nur schwer verstanden? Welche Teile passen nicht? Warum erzählt einer einen Witz oder etwas von Schalke?
Hinzu kommen natürlich die Bewertungen, die die Tester abgeben, ihre Kritik, ihre Vorschläge. Wichtig sind die vielen Tests mit meiner Frau, bei denen neue Elemente ausprobiert und in einer Partie manchmal mehrfach die Regeln geändert werden. Außerdem – aber das ist ja normal – simuliere ich Partien mit unterschiedlicher Spielerzahl. Spiele entwickeln besteht eben nicht nur aus Kreativität, sondern verlangt viel Handwerk.
Interessant ist: 2007 und 2008 habe ich viel an dem Spiel gearbeitet. Dann verschwand es – ich war nicht zufrieden und mich drängt ja keiner – und tauchte in meinen Testunterlagen erst fünf (!) Jahre später wieder auf. Ende 2013 habe ich Lösungen für Schwachstellen gefunden, wobei die Ratinger Spieletage 2014 eine wichtige Rolle spielten. Hier kamen noch mal ein paar Anstöße."

Hat sich der Spielmechanismus verändert?
"Und wie. Zu Anfang stecken in einem neuen Spiel ganz viele Ideen, gute und weniger gute, auf jeden Fall zu viele. Doch der Autor trennt sich ungern von einer Idee, selbst von einer weniger guten. Bei diesem schmerzlichen Prozess helfen die Tester, sie sind der Motor. Ich will das jetzt nicht durchdeklinieren. Es reicht sicher der Hinweis, dass Plan 13 und Regel 15 beim Hippodice-Wettbewerb zum Erfolg führten."

Spielmaterial Stanzbogen II - Foto von Blackfire

Stichwort Hippodice-Wettbewerb. Dort landete Lancelotto Malcello 2015 auf Platz 1.
"Der Hippodice-Club führt jedes Jahr einen Wettbewerb durch, bei dem Prototypen knallhart unter die Lupe genommen werden. Sich hier zu behaupten, ist einfach von Vorteil. Die Jury besteht aus Verlagsvertretern, die sich dann beim Autor melden können. Drei Verlage interessierten sich für mein Spiel. Blackfire hat ungemein schnell zugegriffen, obwohl klar war, dass noch etwas geändert werden musste. Das Schiff war noch nicht ausgereift. Wir haben dran gearbeitet und nun läuft auch das Schiff rund."

Gab es weitere Anpassungen durch Blackfire?
Ja. Bei mir brachte jede Siedlung zwei Siegpunkte. Das war denen zu wenig. Nach einigen Versuchen mit gestaffelten Punkten haben wir uns dann für drei pro Siedlung entschieden. Das hatte an anderer Stelle Konsequenzen, beispielweise musste die Spielendebedingung geändert werden. So ein Spiel ist ja ein ziemlich vernetztes System und wenn man an einer Stelle eingreift, gibt es garantiert Folgen an völlig anderer Stelle. Da erlebt man schon mal böse Überraschungen."

Noch ein Blick hinter die Kulissen. Ohne eine gut lesbare, leicht verständliche Regel geht selbst ein gutes Spiel unter. Hast du die Regel von West of Africa geschrieben?
"Ein Autor, der meint, er könne kundengeeignete Regeln verfassen, der überschätzt sich. Ich schreibe sie ordentlich strukturiert, sodass sie jeder Redakteur leicht kapiert. Doch dann muss der Verlag ran, muss sie für den Kunden 'übersetzen'. Redakteur Uli Blennemann hat das toll gemacht. Er weiß eben, worüber Leser stolpern, wo Verstärkungen, Wiederholungen und erläuternde Grafiken notwendig sind."

Harald Lieske hat West of Africa gestaltet. Er ist ein ziemlich gefragter Grafiker und hat in jüngster Zeit beispielsweise Funkenschlag deluxe, Kraftwagen und das fasntastisch aussehde Haithabu gezeichnet.
"Ich kenne ihn schon lange, habe bislang nur bei Rummelplatz mit ihm zusammengearbeitet. Er hat Super-Grafiken hingezaubert. Meine Frau und ich haben ihn in Münster besucht. Ihn bei der Arbeit zu erleben, seine Art zu zeichnen kennenzulernen, das ist schon lehrreich. Er gehört übrigens zu denen, die nicht nur am PC arbeiten, sondern vorher mit Papier und Farben werkeln, die sich bei der Arbeit also noch dreckig machen. Es war ein eindrucksvoller Nachmittag."

Spielpläne im Wandel - vom Frühstadium zur finalen Fassung

Gab es Probleme in der Umsetzungsphase von West of Africa?
"Aber sicher. Harald Lieske hatte La Palma und El Hierro nahezu auf den gleichen Längengrad gesetzt. Im Spiel ist es besser, wenn El Hierro weiter westlich liegt. Also habe ich Harald gebeten, die beiden Inseln gegenläufig leicht zu verschieben. Beim Lesen der Regeln sah ich, dass Uli das gleiche Problem anders gelöst hatte: Er hatte den Plan unverändert gelassen und in die Regel einen Satz eingefügt. Probleme, die rechtzeitig auffallen, sind meistens leicht zu lösen."

Du hast mal gesagt, du beginnst mit der Mechanik und das Thema kommt später dazu. War das hier auch so?
Im Normalfall steige ich über die Mechanik ein. Wenn der Spielablauf dann halbwegs steht, suche ich ein passendes Thema, das aber schon mal umgeworfen wird. Bei Aqua Romana ging es ursprünglich um Goldreihen, dann waren es Krokodile, die von Ölpipelines abgelöst wurden, bis römische Wasserleitungen angelegt wurden. West of Africa ist für mich außergewöhnlich, völlig untypisch: Am Anfang stand das Thema, die Kanarischen Inseln. Und das blieb so. In einer Zwischenphase gab es nicht sieben Inseln, sondern acht. Da durfte dann die Mini-Insel La Graciosa mitspielen."

Dann alles Gute für West of Africa. Wann erscheint das nächste Spiel?
"In diesem Herbst."

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