Spielerei-Macher Karsten Höser über das Spiel aufRuhr!

Klüngl in der Kulturhauptstadt

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 12.10.2010
aufRuhr! von Spielerei
Lesezeit: ca. 5 Minuten

aufRUHR! Karsten, geht die Spielerei jetzt unter die Verlage? Wie kam es dazu, dass ihr als Spielemagazin ein Spiel veröffentlicht?
"Die Spielerei ist schon seit Jahren als Verlag tätig ;-)
Aber im Ernst, die Spielerei wechselt nicht in das Verlagsgeschäft für Spiele. Innerhalb der Spielerei wird es weiterhin die Beilagenspiele geben, die von Zeit zu Zeit in den Ausgaben zu finden sind. So erscheint dieses Jahr zum 25. Jubiläum der Spielerei das Spiel Zeit der Zünfte von Tobias Thulke.
Das Ruhrstadt-Netzwerk ist eine online Community für Bürger der 53 Ruhrgebietsstädte, an der ich mich auch beteilige. Als die Veröffentlichung des Spieles mit der Herausgeberin Turit Fröbe vereinbart worden war, habe ich mich angeboten, die Produktion zu begleiten. Das führte dann dazu, dass die Spielerei als Mitherausgeber genannt und damit das Spielerei Logo auf der Schachtel abgedruckt ist.“

Um was genau ging es bei dem Uni-Projekt, dessen Resultat das Spiel aufRUHR! ist? Was war das Ziel?
„Die Idee, ein Spiel zu entwickeln, in dem es um die Zukunft des Ruhrgebiets geht, kam Frau Fröbe Anfang 2007 just in dem Moment, als sie einen Anruf aus Linz mit der Anfrage erhielt, ob sie sich vorstellen könnte, zur Kulturhauptstadt Linz 2009 ein Begleitspiel zu entwickeln. Die RUHR.2010 stand bevor, die Thematik aus 53 Städten und Gemeinden eine zu machen war aktueller und dringlicher denn je, und da sich das Phänomen Stadt mit all seinen unterschiedlichsten Facetten fast nirgendwo so gut studieren lässt wie im Ruhrgebiet, hat sie das Projekt am Studiengang Architektur der Universität der Künste Berlin angesiedelt.
Es fanden sich zehn hoch motivierte Studenten. Zunächst wurden Informationen über das Ruhrgebiet zusammengetragen, eine viertägigen Exkursion ins Ruhrgebiet durchgeführt und parallel dazu Stadtspiele unterschiedlichster Couleur gespielt und analysiert.
Kurz nach den Weihnachtsferien wurden aus drei Spielideen das heutige aufRUHR! ausgewählt. Der tatsächliche und alltägliche Wahnsinn, mit dem sich die Oberbürgermeister der einzelnen Stadt tagtäglich konfrontiert sehen, war dort am eindrucksvollsten abgebildet.
Ende Januar wurde an einem Klausurwochenende dem Spiel den letzten Schliff gegeben. Als ganz entscheidender Entwicklungsschritt kam an diesem Wochenende die Idee mit den ungleichen Subventionen, die der amtierende Oberbürgermeister gleich zu Beginn seiner Amtszeit verteilt, hinzu. Und mitten in dem Tumult, der durch diese himmelschreiende Ungerechtigkeit ausgelöst worden war, stand dann mit einem Mal auch der spätere Name des Spieles aufRUHR! im Raum.“

Das klingt ein bisschen mehr nach Politiknachbildung als nach Spiel. Kann das Spiel diesen Ansatz wirklich in ein Spiel transportieren? Worum genau geht es im Spiel?
“Politiknachbildungen finden immer wieder in Spielen statt, ohne dass der Spielspaß darunter leidet. Gute Beispiele hierfür sind Kreml, Die Macher oder Koalition. In aufRUHR! übernehmen vier bis sechs Spieler die Bürgermeisterämter großer Ruhrgebietsstädte. Ihr Ziel ist es, möglichst viele angrenzende Städte mit lukrativen Projekten auszustatten, um damit ihren Einflussbereich zu erweitern. Die Projekte bescheren den Bürgermeistern Einnahmen und die am Ende wichtigen Siegpunkte. Aber einige Projekte können nur in Kooperation mit den Mitspielern realisiert werden, dazu werden dann wechselnde Koalitionen geschlossen.
Zusätzlich besteht auch die Möglichkeit der ‚finanziellen Überzeugung’ bis hin zur Bestechung um die Entscheidungen der Mitspieler zu beeinflussen. Ein ganz wichtiges Instrument hierfür sind die Klüngelkisten. Am Anfang jeder Runde wird ein Oberbürgermeister gewählt, der durch die Runde führt. Er entscheidet nach seinem Gutdünken welcher Spieler wie viel EU-Gelder bekommt und ob neue Projekte versteigert werden oder ob über schon realisierte Projekte Gelder ausgeschüttet werden. Mit Hilfe der Klüngelkisten kann dann der Oberbürgermeister in seinen Entscheidungen beeinflusst werden.“

Mit welchen Hauptmechanismen wird dieses Thema umgesetzt?
„In diesem Spiel gibt es zwei Hauptmechanismen. Zum einen der interaktive Mechanismus zwischen den Spielern. Der amtierende Oberbürgermeister trifft in jeder Runde Entscheidungen zu seinem Vorteil. Dies können die Mitspieler aber mit Überzeugung und Bestechung beeinflussen. Auf der anderen Seite werden immer wieder wechselnde Koalitionen geschlossen, die auch schon mal in die Brüche gehen können. Das erinnert mich an alte Dippi- oder Shogun-Zeiten.
Der andere Mechanismus ist die strategische Komponente. Dabei geht es darum welche Projekte ich ver- bzw ersteigere, wo platziere ich diese und welche Koalitionen gehe ich mit meinen Mitspielern ein.“

Wie würdest du das Spiel in die Gruppe von Politikspielen wie Kreml, Die Macher oder Machtspiele einordnen? Wie taktisch kann man es spielen?
„Der taktische Gesichtspunkt ist auf keinen Fall zu vernachlässigen, Immer wieder stehen die Spieler vor Entscheidungen und es gibt zu keiner Zeit einen Punkt, an dem sich ein Spieler mal entspannt zurück lehnen kann. Er muss die Verhandlungen der Mitspieler genau beobachten und bewerten um ggf. einzugreifen. Ein Glücksanteil ist vorhanden, hält sich aber in Grenzen und ist in den seltensten Fällen spiel entscheidend."

Kannst du Spielern bitte einen Tipp für Ihre erste Partie geben? Was sollten sie beachten, was vermeiden?
„Es gibt keine eindeutige Strategie und das ist das schöne an dem Spiel. Ganz wichtig ist, auf die Spielzüge der Mitspieler zu reagieren. Dabei sollten sie immer die Stadtkassen der Bürgermeister im Auge behalten. Das Geld ist immer knapp, es zu horten führt aber auch nicht zum Spielsieg. Die Spieler sollten wohlbedacht mit ihren Klünglkarten umgehen, sie nicht zu leichtfertig einsetzten, sie aber auch nicht bunkern. Das gesunde Mittelmaß, abhängig von den Spielzügen der Mitspieler, ist ratsam.“

Ich nehme an, dass ihr aufRUHR! in Essen am Stand der Spielerei präsentiert und verkauft. Was wird das Spiel kosten und lohnt sich eine Vorbestellung oder Reservierung?
„Das Spiel aufRUHR! wird durch die Ruhrstadt-Netzwerk GmbH an einem eigenen Stand präsentiert, in Halle 4 Stand 200. Gleich um die Ecke wird auch die Ausstellung der ESG über die Ruhrgebietsspiele stattfinden. Das passt thematisch sehr gut zusammen. Der Einführungspreis des Spieles liegt bei 32,95 Euro. Nicht zu letzt durch den Umstand, dass das Ruhrgebiet zurzeit die Kulturhauptstadt.2010 feiert, ist mehr als ein Drittel der Auflage schon verkauft. Wen das Thema anspricht und dazu noch ein spielerisch gutes Spiel erwerben möchte, kann ich zu einer Vorbestellung unter aufruhr@spielerei.de nur raten.“

Auch wenn die Spielerei aufRUHR! nicht als „echter“ Verlag veröffentlicht, sondern nur mit betreut. Wird es zukünftig von euch mehr solcher Kooperationen oder Spiele-Veröffentlichungen geben?
„Unter dem Logo der Spielerei ist eine weitere Kooperationen oder Spielveröffentlichung dieser Art nicht mehr geplant. Durch dieses Projekt haben sich alternative Produktionswege ergeben. So werde ich zum Jahreswechsel, parallel zur Herausgabe der Zeitschrift Spielerei, Möglichkeiten für Autoren und Kleinstverlage anbieten, Spiele redaktionell zu begleiten, in geringeren Auflagen kostengünstig zu produzieren und zu veröffentlichen.“