Süße Kindheitserinnerung: Öl für uns alle

Junge Erinnerungen an alte Spiele

ein spielerischer Artikel von Christoph Brandt - 19.06.2012
Spieleklassiker Öl für uns alle von Ravensburger - Foto von Roland G. Hülsmann

In meiner Grundschulzeit war ich Stammkunde in unserer Gemeinde-Spieliothek. In dieser der Gemeindebücherei angeschlossenen Institution konnte man einmal die Woche verschiedenste Brettspiele ausprobieren und ausleihen. Ich war eigentlich jeden Dienstag da, um geliehene Spiele zurückzubringen und neue auszuleihen. Die dort ehrenamtlich arbeitenden Damen kannten mich recht schnell mit Namen und versuchten mir immer wieder mit wohlgemeintem Rat zur Seite zu stehen, auch wenn ich das Sortiment bald besser kannte als sie selbst.

Eines der von mir wohl am häufigsten ausgeliehenen Spiele war Öl für uns alle aus dem Hause Ravensburger, noch in der Ausgabe der frühen 1960er-Jahre. Ursprünglich war das Spiel als Werbegeschenk für BP konzipiert, fand aber sowohl in der ersten Auflage, als auch grafisch überarbeitet in den 1970er Jahren den Weg in den Einzelhandel.

Das Spielprinzip von Öl für uns alle war denkbar einfach: Man kaufte Ölfelder, bohrte nach Öl, lagerte das „Schwarze Gold“ dann in Tanks und beförderte es schließlich in Tankschiffen in die industrialisierte Welt. In den 1960ern war die Welt noch einfach gestrickt: Das Öl kam aus dem Nahen Osten und, wie ich damals lernen durfte, aus Trinidad und gehörte offensichtlich dem, der es aus der Erde holte. Die Staaten hingegen, in denen das Öl gefördert wird, spielten keine Rolle. Hier schien man sich noch in kolonialer Abhängigkeit zu befinden, denn es regierten ausschließlich die Ölfirmen, die die Spieler verkörperten.

Ziel des Brettspiels war es natürlich das meiste Geld zu scheffeln, indem man das geförderte Öl zu möglichst hohen Preisen in Rotterdam an den Mann brachte, denkbar einfach also. Fasziniert hat mich damals die Ausstattung des Spiels mit den Tankschiffen und den kleinen Bohrtürmen, die auf den Steckleisten im Spielkarton hin und her bewegt wurden.

Meine Eltern mussten damals an unzähligen Nachmittagen mit mir in die Welt der Öl-Barone eintauchen und mit ansehen, wie ich zum Öl-Tycoon mutierte. Damals hielt ich mich einfach für einen verdammt gerissenen Spieler, ging ich doch meistens als Sieger bei Öl für uns alle vom Tisch. Heute muss ich wohl zugeben, dass die mangelnde Motivation meiner Eltern und die damit einhergehende Unernsthaftigkeit beim Spielen eher dafür verantwortlich waren. Letztendlich ist das aber auch egal, ich hatte meinen Spaß und damit wunderschöne Erinnerungen an dieses Spiel.

Etwas erschrocken war ich, als mir Öl für uns alle bei einer Ausstellung auf der Spiel in Essen wieder begegnete. Hier wurde es zusammen mit Automobile für die Welt, dass ich ebenfalls geliebt habe, als Negativbeispiel für den Spielezeitgeist der 1960er- und 1970er-Jahre ausgestellt, bei dem es nur um den Profit ging ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. Bei Licht betrachtet haben die Macher der Ausstellung recht, trotzdem bleibt dieses Spiel des schnöden Mammons in meinem Herzen rein positiv besetzt. Dies mag auch daran liegen, dass ich Öl für uns alle nie selbst besaß, sondern immer nur ausgeliehen habe. So liegt die letzte Partie bestimmt schon 25 Jahre zurück, und eine weitere Partie ist nicht so ohne weiteres möglich. Würde ich mich heute noch einmal an Öl für uns alle wagen, würde ich das Spiel vermutlich als das erkennen, was es wirklich ist, und eine süße Kindheitserinnerung wäre zerstört.

Kommentare

... daß es bei vielen Brettspielen um die meiste Kohle oder die meisten ( Sieg ) - Punkte geht?

  Daß die Ausstellungsmacher dies sinngemäß als eine Raffmentalität empfinden (so jedenfalls interpretiere ich Deine Zeilen), finde ich etwas schade.

 

   Denn in fast allen Spielen, vom Kinderspiel angefangen bis zu Caylus und anderen der etwas gehobeneren Klasse geht es ums Gewinnen durch Abzocke... oder, etwas moderater ausgedrückt: durchs besser sein als der Konkurrent.

 

  Spontan fiel mir ein Öl-Spiel der etwas jüngeren Generation ein, was meine Freunde und ich seit seinem Erscheinen leidenschaftlich gespielt haben: Giganten von Wilko Manz.

 

   Das ist ein tolles Spiel mit vielen Stellschrauben (und super designt von Kosmos und den Künstlern), doch letztendlich läuft's auch auf "Am-meisten-haben" hinaus.

 

   Das aber, finde ich, ist bei Spielen kein Verbrechen. - Wenn man nicht, wie im kooperativen Spiel, gegen einen anonymen Mechanismus spielt, dann messen sich in der Regel Menschen anhand der Spielregel miteinander, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen: am schnellsten ins Ziel zu kommen, die meisten Siegpunkte zu buchen, das grösste Stück Käsekuchen zu erhalten.

 

  Ich pflichte Deinem Bedauern also voll bei, denn eines haben die Kritiker, auf die Du Dich beziehst, möglicherweise nicht verstanden: der Reiz eines Spiels liegt im Wettbewerb, am spielerischen sich-erproben, wo das Verlieren eben auch mal Spass machen kann und nicht so tragisch ernst ist wie im wirklichen Leben. (Wo verlieren manchmal richtig weh tut).

  Das aber ist die besondere Dimension des Spielens: daß man Dinge erproben kann, Wettbewerb, gewinnen und verlieren lernen kann, ohne daß es 'ernst' ist.

 

  Viele Grüsse und dank Dir für den schönen Bericht, Dein Ralf

mit Bezug zu ökologischem und sozialen Tralala sind einfach langweilig! "Öl für uns alle" oder das "Börsenspiel" waren unterhaltsame, ein wenig lehrreiche, vor allem aber müslifreie Spiele!

ich habe das Spiel in den späten 70ern in der "roten" WG meines älteren Bruders kennen- und lieben gelernt. Marx und Engels konnte man nämlich durchaus zur Seite schieben und sich in kapitalisitisch motivierte Handlungen hineinversetzen, ohne dadurch zum Klassenfeind zu mutieren. Später habe ich das Spiel einem Studienkollegen für sicherlich faire 10.-- DM abgekauft und gelegentlich wird es bei uns noch gespielt.

Ein wenig hat es mich schon verwundert, dass dieses bereits 1960 auf den Markt gekommene Spiel meine Söhne, Jahrgang 1994, genauso fasziniert wie mich, ebenfalls Jahrgang 1960. So schlecht scheint das Spielerlebnis und die Welt, in die man damit abtauchen kann, also nicht zu sein.   

Ich habe die Spielversion von 1960 in 1975 zur Kommunion bekommen. Unzählige Nachmittage habe ich mit meinem Kumpel gespielt, oft über mehrere Nachmittage!! Das Spiel wird nicht nur von mir (Jahrgang 1966) geliebt, sondern wir spielen es auch mit meinem Sohn (Jahrgang 2002) häufig. Mit eigenen Memokarten, in denen somalische Piraten Tanker kapern und Lösegeld erpressen und radikale Islamisten Ölfelder überfallen, haben wir das Spiel "modernisiert" und ergänzt. Wer an solchen Spielen eine "Raffmentalität" erkennen möchte, kann uns den "Buckel runterrutschen"!!!

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