Altiplano

eine Spielerezension von Ralf Schallert - 14.11.2018
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Brettspiel Altiplano - Foto von Ralf Schallert
Lesezeit: ca. 7 Minuten

Der mittlerweile in vielen Spielen verwendete Deckbuilding-Mechanismus kommt in Spielen wie z. B. Wettlauf nach El Dorado im Zusammenspiel mit anderen Mechanismen zum Einsatz oder aber kann selbst ein ganzes Spiel wie z. B. Dominion oder Thunderstone tragen. Recht neu in der Riege der Spielmechanismen ist eine davon abgewandelte Form, wie sie auch im direkten Vorgänger von Altiplano, in Orléans, eingesetzt wird: das Bagbuilding. Hierbei werden Plättchen oder andere Spielelemente mit unterschiedlichen Eigenschaften in einem Beutel gesammelt und dann verdeckt aus diesem gezogen. Analog zum Deckbuilding wird die Menge an Material im Spielverlauf größer und gleichzeitig ändert sich auch die qualitative Zusammensetzung des Materials im Beutel. Da Altiplano genauso wie Orleans vom dlp Verlag stammt, denselben Autor besitzt und den gleichen Hauptspielmechanismus verwendet, drängt sich ein Vergleich beider Spiele geradezu auf. Dazu aber erst später im Fazit.

Worum geht es bei Altiplano?

Altiplano wird die karge Hochebene zwischen den Ost- und Westanden in Südamerika genannt. Das Spiel versetzt uns dorthin und in die Rolle eines der hier hart arbeitenden Menschen, die versuchen, mit der Zeit etwas Wohlstand für sich und ihre Familien zu erwirtschaften. Jeder Spieler erhält zu Spielbeginn zufällig eine von sieben möglichen Rollenkarten, die ein wenig die Richtung seiner Entwicklung vorgeben, da damit erste Start-Waren verbunden sind. Mit diesen werden die ersten Aktionen auf dem eigenen Aktionstableau geplant, um auf diese Weise mehr und andere Waren zu erhalten und damit auch mehr Aktionsmöglichkeiten zu ermöglichen. So können zusätzlich zu Waren auch Ausbauten, Boote oder Häuser erworben, Aufträge erfüllt, Straßen gebaut oder nicht benötigte Waren eingelagert werden. Das alles sollte jedoch gut mit der eigenen Reistätigkeit abgestimmt werden, denn jede Aktion ist an einen bestimmten Ort gebunden. Am Ende des Spiels gibt es für fast alles Siegpunkte und wer sich die meisten davon erarbeiten konnte, ist der verdiente Sieger.

Wie wird Altiplano gespielt?

Vor dem eigentlichen Spiel steht bei Altiplano aber erst einmal die Vorbereitung darauf und für diese sollte Zeit eingeplant werden. Die eigentliche Spielregel ist nicht sonderlich umfangreich, es gilt aber einige Sonderregeln zu beachten. Wegen seiner Abmessungen und Materialfülle wird für Altiplano ein großer Tisch benötigt, denn das Spiel nimmt bei drei oder mehr Spielern mehr Platz ein, als die Spieleschachtel vermuten lässt. Der gewohnte Spielplan wird durch sieben zufällig im Kreis angeordnete Spielplanteile ersetzt. So finden die Spieler Dorf, Straße, Hafen, Markt, Farm, Bergwerk und Wald vor. Auf jedem dieser Orte werden abhängig von der Spieleranzahl entsprechende Waren oder Karten platziert. So kann man z. B. im Gebirge Steine, Erz und Silber, im Hafen hingegen Fisch und Boote produzieren.

Die Spieler selbst haben zu Spielbeginn jeweils ein Aktionstableau, ein Lagertableau, eine Kiste und einen Beutel mit ein paar ihrer Rollenkarte entsprechenden Waren zur Verfügung. Damit starten sie in das Spiel, welches rundenweise abläuft. Jede dieser Runden besteht aus vier Phasen.

In der ersten Phase ziehen die Spieler Warenplättchen aus ihrem Beutel und lagern sie auf ihrem Aktionstableau zwischen. Wie viele Warenplättchen jeder Spieler platzieren darf, ist von seiner jeweiligen Position auf dem Track des Straßen-Spielplanteils abhängig. Beim Nachziehen von Warenplättchen ist es natürlich möglich, dass irgendwann keine Plättchen mehr im eigenen Beutel sind. Tritt dieser Fall ein, werden alle bisher in der eigenen Kiste gesammelten Warenplättchen, also sowohl die bei den Aktionen Verbrauchten als auch die dabei neu Erworbenen in den Beutel geschüttet.

In der zweiten Phase können die Spieler jetzt ihre Warenplättchen auf ihrem Aktionstableau einsetzen. Dieses zeigt die sieben zur Verfügung stehenden Orte, die dort möglichen Aktionen und die Anzahl der einsetzbaren Warenplättchen auf.

Die dritte Phase ist mit Abstand die zeitintensivste, denn in dieser werden die Aktionen abgehandelt. Beginnend mit dem Startspieler führen alle Spieler reihum jeweils eine Aktion aus, bis alle in der Runde gepasst haben. Wenn für die entsprechende Aktion Warenplättchen notwendig sind, werden diese vom Aktionstableau genommen und in die eigene Kiste gelegt. Dorthin kommen auch alle neu produzierten Warenplättchen. So kann man z. B. zwei Nahrung benutzen, um im Steinbruch einen zusätzlichen Stein abzubauen oder auf der Farm mit einem Alpaka und einer Nahrung eine Wolle zu produzieren. Aber Vorsicht! Um eine Aktion auch wirklich ausführen zu können, muss der eigene Meeple auf dem entsprechenden Spielplanteil stehen. Das heißt, man muss nicht nur dafür sorgen, dass man die für die Aktion nötigen Waren hat, man muss auch die eigenen Bewegungen koordinieren, um nacheinander die Orte ablaufen zu können, auf denen man eine Aktion ausführen möchte. Für die Bewegung wird eine Karre benötigt, mittels derer der Meeple bis zu drei Spielplanteile wandern kann. Will man weitere Bewegungen machen, so kostet das Nahrung oder man erwirbt gleich eine zusätzliche Karre. Neben den reinen Produktionsaktionen gibt es aber auch einige Aktionen, durch die man seine Produkte dauerhaft aufwerten oder Siegpunkte generieren kann. So kann man z. B. Boote oder Häuser bauen, Ausbauten kaufen oder Aufträge erfüllen. Eine weitere wichtige Aktionsmöglichkeit, um sowohl Siegpunkte zu generieren, als auch den eigenen Beutel von Warenplättchen zu befreien, die nicht mehr benötigt werden, ist das Einlagern. Dazu werden bis zu drei Waren vom Aktionstableau auf das Lagertableau verschoben und füllen dort die Regale. Allerdings muss je Reihe sortenrein gelagert werden. Volle Reihen generieren bei Spielende Siegpunkte.

In der abschließenden vierten Phase wird dann lediglich die neue Runde vorbereitet. Der Startspieler wechselt und der Bereich mit den Ausbauten wird entsprechend den Regeln angepasst.

Ist auf einem der Spielplanteile kein Plättchen oder keine Karte mehr zu finden oder können die Ausbauten nicht mehr aufgefüllt werden, so endet das Spiel und der Sieger wird ermittelt. Dazu werden auch noch vorhandene Waren in Siegpunkte umgerechnet zusätzlich zu den Punkten die man über gebaute Häuser und Boote, erfüllte Aufträge und gefüllte Lagerreihen erhalten hat.

Ist Altiplano ein gutes Gesellschaftsspiel?

Altiplano kommt mit einem unverbrauchten Thema, einer passenden und ansprechenden Grafik und einer Fülle an Spielmaterial daher. Speziell die knuffige Alpaca-Startspielerfigur muss hier unbedingt noch einmal hervor gehoben werden. Hinter der überaus gefälligen Fassade steckt jedoch ein knallhartes Kennerspiel, bei dem es permanent viel zu bedenken gibt, das aber auch einige Glücksmomente hat. Man sollte also mindestens eine Partie einplanen, um alle Zusammenhänge zu verstehen und die gebotenen Möglichkeiten ausloten zu können. Zu Beginn des Spiels liegt der eigene Fokus natürlich erst einmal auf dem Einrichten von funktionierenden Produktionsketten. Im Verlauf des Spiels ist es dann um so wichtiger, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um die Produktion zurückzufahren und das Einlagern stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Speziell die Kombination von Aktionsplanungen und der für die Aktionen nötigen Bewegungen auf den Spielplanteilen ist recht herausfordernd. Zum Glück läuft die Planung der Aktionen bei allen Spielern gleichzeitig ab, sodass es nicht ganz so stark ins Gewicht fällt, wenn sich ein oder zwei Grübler in der Spielrunde befinden. Durch die unterschiedlichen Rollenkarten und die zur Verfügung stehenden Ausbauten läuft das Spiel immer unterschiedlich und meist asymmetrisch ab. Nicht jeder Spieler benötigt zwingend jede Warenart und deshalb muss er auch nicht jedes Spielplanteil besuchen. Dadurch und durch die hohe Anzahl an Rollenkarten, Aufträgen und Ausbauten hat Altiplano eine hohe Varianz und einen sehr hohen Wiederspielreiz. Zudem ist das Spiel durch die Anpassung der Materialmenge an die Spieleranzahl in allen Konstellationen sehr gut zu spielen.

Altiplano ist im Vergleich zu Orléans in meinen Augen eine deutliche Weiterentwicklung. Durch das Spielelement der Sammelkiste wird der Glücksfaktor verringert und das Spiel wird planbarer, ohne den Reiz des Zockerelement beim Nachziehen der Warenplättchen zu verlieren. Zudem hat Altiplano im Gegensatz zu Orleons schon im Grundspiel eine unglaublich hohe Varianz. Da bedarf es schon etlicher Partien, um identische Situationen vorzufinden. Man merkt es schon, Altiplano ist deutlich komplexer als sein Vorgänger und auch weniger interaktiv. Alle Spieler arbeiten gleichzeitig an ihren Aktionstableaus. Das verlangt, um zu funktionieren natürlich auch absolute Ehrlichkeit, denn hier vergisst man sehr schnell irgend eine Kleinigkeit, die sich später als sehr wichtig entpuppen könnte. Ob nun Orleans oder Altiplano das bessere Spiel ist, ist schwer zu sagen. Beide sind tolle Spiele, punkten aber in unterschiedlichen Bereichen. Wer also das Element des Bagbuildings mag und zudem ein komplexeres und weniger glücksabhängiges Spiel als Orléans sucht, sollte unbedingt zu Altiplano greifen. Es lohnt sich!

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
60-120
Jahrgang: 
2017
Spielkategorisierung
Spielethema: 
Spielegattung: 
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