Anno 1800

eine Spielerezension von Dirk Janßen - 06.08.2021
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Anno 1800 - Ausschnitt - Foto von Kosmos
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Es war eine echte Herausforderung, wenn man den Auftrag hatte, im 19. Jahrhundert eine zuvor unbewohnte Insel bewohnbar zu machen, dort Industrien aufzubauen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, um diese bei Laune und vor allem arbeitswillig zu halten. Das alles können wir nun nacherleben mit Anno 1800, nicht auf dem PC oder der Konsole, sondern klassisch auf dem Spieltisch und dann auch noch erdacht vom namhaften Spieleautor Martin Wallace (u. a. Brass Birmingham, Brass Lancashire, Scheibenwelt: Ank-Morpork, Railroad Tycoon). Ist der Erfolg für Anno 1800 (Kosmos) damit programmiert?

Erwartungen an Anno 1800

Zumindest gibt es eine gewisse Erwartungshaltung, wenn ein erfolgreiches PC-Game eine Brettspielumsetzung durch einen bekannten Autor erfährt. Schafft man es, das komplexe Aufbau-Strategiespiel brettspieltauglich zu komprimieren, ohne dass die Essenz der Vorlage verloren geht? Die Frage wird hier nicht beantwortet werden können, da ich selbst das Original nie gespielt habe. Im Folgenden kann daher nur beurteilt werden, ob Anno 1800 ein gutes Brettspiel ist.

Produzieren und Bauen in Anno 1800

In Anno 1800 beginnen alle Spieler mit ihrer eigenen Insel, auf welcher grundlegende Produktionsstätten bereits zur Verfügung stehen, um Ressourcen zu produzieren. Zu diesen Ressourcen gehören bspw. Bretter, Kohle, Ziegelsteine, Segel sowie Nahrungsmittel wie Weizen, Schweine und Kartoffeln. Um Ressourcen zu produzieren, benötigt man ausgebildetes Personal. Hier stehen einem zu Beginn vier Bauern, drei Arbeiter und zwei Handwerker zur Verfügung, die auf der Insel als farbige Bevölkerungssteine in Wohnvierteln auf ihren Einsatz warten.

Um die eigene Industrie auszubauen, benötigt man Ressourcen. Will ich bspw. eine Brauerei auf meiner Insel bauen, benötige ich die Ressourcen Kohle und Weizen. Also schicke ich zu Beginn meines Zuges einen Bauern und einen Arbeiter auf freie Arbeitsplätze in den entsprechenden Industrien um Weizen und Kohle zu produzieren. Danach stehen mir diese Ressourcen einmalig in meinem Zug zur Verfügung. In diesem Fall, um eine Brauerei zu bauen und auf meiner Insel zu platzieren. In meinem nächsten Zug kann ich diese Produktionsstätte dann schon nutzen, um Bier zu produzieren.

Ressourcen werden in Anno 1800 nicht nur produziert, um die eigene Industrie auszubauen, sondern auch um die Bedürfnisse der Inselbewohner zu befriedigen. Die Bedürfnisse der einzelnen Bewohner finden sich auf Bevölkerungskarten wieder, von denen jeder Spieler zu Beginn neun auf der Hand hat. Jede Karte zeigt dabei einen anderen Bewohner und jeder Bewohner fordert verschiedene Ressourcen, damit er zufrieden und die Karte erfüllt ist. Dies können bspw. die Ressourcen Wurst und Bier sein. Oder Seife und Arbeitskleidung. Hat man die Ressourcen in seinem Zug produziert und nicht anderweitig ausgegeben, lässt sich eine Karte damit erfüllen. Erfüllte Karten bieten einen einmaligen Effekt, den man sofort oder später nutzen kann. Effekte können bspw. neue Bevölkerungssteine, Gold sowie Erkundungs- oder Handelsplättchen sein. Außerdem erhält man für Karten in der Schlusswertung Punkte. Je schwieriger ein Bedürfnis zu erfüllen ist, umso mehr Punkte gibt es für die Karte (3, 5 oder 8 Punkte).

Handeln statt produzieren

Will oder kann man Ressourcen nicht selbst produzieren, kann man mit anderen Spielern handeln, die diese Ressourcen auf ihren Inseln produzieren. Hierfür benötigt man Handelsschiffe, die je nach Stärke ein bis drei Handelsplättchen zur Verfügung stellen. Je nach Ressource, die man handeln will, muss man eine gewisse Anzahl an Handelsplättchen aufbringen. Der Mitspieler kann den Handeln nicht abschlagen, erhält hierfür aber Gold.

Fortschritt und Erkundung

Je kostbarer Ressourcen werden, desto aufwendiger ist es, die Industrien hierfür zu bauen. Bei technischen Geräten werden nicht mehr einfache Bauern, Arbeiter oder Handwerker benötigt, sondern Investoren, Maschinen und Rohstoffe, die man auf der eigenen Insel nicht produzieren, sondern aus fernen Ländern (neue Welten) importieren muss. Kostbare Ressourcen werden wiederum benötigt, um gehobene Bedürfnisse zu befriedigen, deren Karten stärkere Effekte und schließlich auch mehr Punkte bringen.

Die eigene Insel kann nicht nur industrialisiert, sondern auch ausgebaut werden. Hierzu benötigt man Erkundungsschiffe, die wiederum Erkundungsplättchen bieten, um weitere Teile der Insel zu entdecken. Hierzu nimmt man neue Inselteile und baut sie an das ursprüngliche Inselteil an. Neue Inselteile bieten nicht nur mehr Platz für Industrie, sondern auch einmalige Effekte ähnlich wie erfüllte Karten. Außerdem kann man über Erkundungsschiffe auch ferne Inseln erkunden und mit diesen Inseln (neue Welten) Handel führen, um an exotische Rohstoffe wie Kaffeebohnen oder Rohrzucker zu kommen.

Personalmanagement: Gold oder Party

Neben dem Mangel an Ressourcen erschöpfen sich sowohl Produktionsstätten als auch die zur Verfügung stehende Bevölkerung. Entweder bietet man Gold auf, damit die Bevölkerung weiterarbeitet, oder man feiert sein sogenanntes „Stadtfest“, bei dem die Bevölkerung in ihre Wohnviertel und die Schiffe in den Hafen zurückkehren. Anschließend stehen einem sowohl in den Produktionsstätten wieder freie Slots als auch ausreichend Personal zur Verfügung. Weiterhin kann man zum bestehenden Personal weitere Bevölkerungssteine dazukaufen oder dazugewinnen oder Arbeitskräfte aufwerten, z. B. vom Handwerker zum Ingenieur. Allerdings erhält man für neue Bevölkerungssteine auch neue Karten.

Spielende und Wertung

Und damit kommen wir zum Spielende. Dieses wird eingeläutet, wenn der erste Spieler alle Handkarten abgelegt hat. Somit liegt es zu einem Großteil in der Hand der Spieler, wann sie eine Partie Anno 1800 beenden. Entscheidend ist, dass man den richtigen Zeitpunkt wählt und nur dann ausmacht, wenn man sich sicher sein kann, die meisten Punkte über erfüllte Bevölkerungs-, Expeditions- und Auftragskarten erlangt zu haben.

Auftrags- und Expeditionskarten bringen hierbei ein weiteres Stück Strategie ins Spiel. Auftragskarten liegen dabei offen aus und fordern bspw., dass man gewisse Industrien entwickelt oder neue Welten erkundet hat, um zusätzliche Punkte zu erlangen. Expeditionskarten erhält man während des Spiels für Erkundungsplättchen oder als Karteneffekt. Zum Schluss erhält man zusätzliche Punkte, wenn man die Bedingungen der Expeditionskarten erfüllt.

Kritik am Material

Der Spielplan, die einzelnen Inselteile und die Bauplättchen sind aus dicker, robuster Pappe. Die Grafik lehnt sich an das Computerspiel an und ist zweckmäßig. Zweckmäßig sind auch die Holzkuben, die die einzelnen Bevölkerungsgruppen darstellen. Etwas dünn kommt die Spielhilfe daher. Größtes Manko ist aber, dass das gesamte Spielmaterial lose oder nur in Zipbeuteln verpackt im Karton rumfliegt. Gerade bei der Fülle an Material wäre ein Inlay wünschenswert gewesen. Im Gegensatz zu vielen andere Spielern finde ich den Aufbau von Anno 1800, gerade auf den Spielplan und die einzelnen Bauplättchen bezogen, gar nicht so zeitfressend. Wenn alle mit anpacken, geht dies eigentlich schnell von der Hand. Dennoch bietet eine einfache Sortierhilfe für die Bauplättchen einen spürbaren Mehrwert.

Fazit: Macht Anno 1800 Spaß?

Anno 1800 macht sowohl zu dritt als auch zu viert mächtig Laune – auch wenn dies auf dem ersten Blick gar nicht so wirkt. Denn zu Beginn bringt jeder erst einmal seine Industrie ans Laufen, sodass alle fast solitär vor sich hinbauen. Schnell wird allerdings ersichtlich, dass man im Blick halten muss, was die Mitspieler machen, um zum einen über den Handel an Ressourcen zu kommen, zum anderen aber auch mögliche Punkte bei den Mitspielern im Auge zu behalten. Denn eine Strategie kann sein, eher früher als später das Spiel selbst zu beenden, weil man punktemäßig (womöglich) gerade vorne liegt.

Weiterhin gewinnt das Spiel auch seinen Reiz dadurch, dass man genau überlegen muss, welche Industrien man baut, da Industrien wiederum Ressourcen produzieren, die man zum Bauen von anderen Industrien benötigt. Man möchte schließlich mit wenig viel erreichen. Hierbei kann es auch sinnvoll sein, Handkarten auszutauschen oder über Karteneffekte zu versuchen, diese einfach abzulegen, ohne die Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen. Und dann gibt es ja auch noch die Möglichkeit, auf eine große Schiffsflotte zu setzen, statt (nur) Industrie auszubauen und sich eher über Handel und Erkunden der alten und neuen Welt Vorteile zu verschaffen.

Im Auge behalten muss man dabei auch die Auftrags- und Expeditionskarten. Diese können am Ende das Zünglein an der Waage sein. Nicht zu vergessen der Bonus, den man erhält, wenn man als erster seine Handkarten losgeworden ist.

Schließlich gilt es auch immer zu versuchen, möglichst viele Aktionen auszuführen, bevor man ein Stadtfest („passen“) ausruft, um sein Spielertableau wieder auf Null zu setzen. Hierbei kann einem sowohl der Handel, also eine starke Schiffsflotte, als auch viel Gold nützlich sein. Abwägen muss man hingegen, ob man zusätzliche Arbeitskräfte anwirbt, da man für jeden Bevölkerungsstein eine neue Handkarte bekommt und damit die Chance, das Spiel zu beenden, aus der Hand gibt.

Man sieht, dass Anno 1800 einiges zu bieten hat. Gerade durch die 120 Bauplättchen und über 100 Bevölkerungs-Karten wirkt es recht komplex. Was man dem Spiel auch nicht absprechen sollte. Aber! Anno 1800 ist nicht schwer zu erlernen und zu verstehen. Auch wenn das offizielle Kosmos-Erklärvideo beinahe eine halbe Stunde dauert, kann man das Spiel durchaus Brettspielern innerhalb von ca. 10 Minuten erklären. Zu Beginn mag der Motor dann erst noch stottern, aber nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wurde das Spiel in unterschiedlichen Runden gut aufgenommen. Dies liegt daran, dass es gerade eben nicht abstrakt ist, sondern die Aktionen logisch erscheinen: Will ich etwas produzieren, benötige ich die Industrie hierfür. Habe ich die Industrie, muss ich Personal in die Industrie schicken. Kann ich Ressourcen nicht selbst produzieren, muss ich sie importieren. Und so weiter.

Bei der Spieldauer muss man pro Spieler mit ca. 30-45 Minuten rechnen. Gerade wenn man Grübler am Tisch hat, die versuchen, das Optimum aus ihren Zügen zu holen, kann es schon einmal länger dauern. Downtime lässt sich aber vermeiden, indem man seine Züge plant, während die Mitspieler am Zug sind. Spielt man Anno 1800 öfter, wird die Downtime sicherlich immer geringer.

Anno 1800 - Schachtel - Foto von Kosmos

Wermutstropfen: Fehlender Solo-Modus

Was mich persönlich etwas ärgert, ist, dass schon kurz nach der Veröffentlichung von Anno 1800 ein offizieller Solomodus angekündigt wurde. In einer Zeit, wo viele Spielgruppen und Spieletreffs ausfallen, wäre es schön gewesen, frühzeitig den Solomodus parat zu haben, damit Anno 1800 im Regal nicht einstaubt. Auch nach knapp 9 Monaten ist der Solomodus noch nicht veröffentlicht, obwohl die Tests inzwischen abgeschlossen sind. Aushelfen kann man sich mit inoffiziellen Solo-Varianten, die man auf Boardgamegeek findet. Am besten hat mir hierbei die Penelope Solo Variante gefallen. Auch wenn ich das Spiel hierbei kein einziges Mal bisher für mich entscheiden konnte.

Kaufen oder nicht?

Trotz des noch immer nicht veröffentlichten Solo-Modus gibt es für Anno 1800 eine klare Kaufempfehlung. Verwunderlich ist, dass Anno 1800 keine Berücksichtigung bei der Nominierung zum Kennerspiel des Jahres erhalten hat.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2-4
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
12
Spieldauer (Minuten): 
120
Jahrgang: 
2020
Spielkategorisierung
Fotos
Anno 1800 - Schachtel - Foto von Kosmos
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