Crystal Palace

eine Spielerezension von Bernhard Zaugg - 29.08.2020
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Crystal Palace - Ausschnitt - Foto von Feuerland Spiele
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Lesezeit: ca. 6 Minuten

Weltausstellungen können bekanntlich ziemliche Zeichen setzen und noch lange nachhallen. Bekanntestes Beispiel dafür dürfte der Eiffelturm sein, der für die Weltausstellung 1889 in Paris errichtet wurde und eigentlich nach deren Abschluss wieder hätte abgerissen werden sollen. Er blieb dann aber dennoch weiter stehen, obschon sich insbesondere Anwohner teils erbittert dagegen wehrten - und heute ist er aus der Stadt nicht mehr wegzudenken und der große Stolz insbesondere auch der Anwohner, die sich seiner Nähe erfreuen.

Worum geht es bei Crystal Palace?

Einigermaßen ähnlich, wenn auch deutlich weniger bekannt, verlief die Geschichte des Crystal Palace. Dieser wurde für die erste Weltausstellung von 1851 in London gebaut und stand als Sinnbild für das viktorianische Zeitalter und dessen Errungenschaften in technischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Allerdings blieb er leider nicht erhalten, sondern fiel 1936 einem Großbrand in London zum Opfer. Er ziert nun jedoch die Schachtel des gleichnamigen Spiels, sodass sich wenigstens wir Spieler seiner erinnern und ihn würdigen können. Und Crystal Palace ist tatsächlich ein erinnerungswürdiges Spiel, so viel kann jetzt schon vorweg genommen werden.

So funktioniert das Brettspiel Crystal Palace

Ausgangspunkt von Crystal Palace sind verschiedene Länder, die an der Weltausstellung teilnehmen wollen. Wir Spieler sind Vertreter dieser Länder, die für viel Aufmerksamkeit und Werbung für unsere Nationen sorgen wollen. Und dazu wollen und müssen wir die unterschiedlichsten Hebel in Bewegung setzen.

So kommt es, dass Crystal Palace mit einer schier unglaublichen Anzahl und Vielfalt von Spielkarten, Plättchen und Einsetzmöglichkeiten aller Art aufwartet. Es gibt insgesamt acht Tableaus mit unterschiedlichen Örtlichkeiten, die in der Tischmitte platziert werden. Außerdem sind da noch die persönlichen Ländertableaus und Kartenablagen der Spieler und die Vorräte der diversen Ressourcen - wer keinen wirklich großen Tisch in der Stube rumstehen hat, braucht sich eigentlich gar nicht näher mit Crystal Palace zu beschäftigen …

Und schon ein erster kurzer Blick in die vorbildlich gestaltete Anleitung macht klar, dass da ein ziemlicher Kracher auf uns wartet. Gespielt werden insgesamt fünf (Halbjahres-) Runden mit je sieben Aktionsphasen. Wer am Ende die meisten Siegpunkte gesammelt hat, gewinnt die Partie. Allerdings ist es bis dahin ein weiter Weg mit enorm vielen Handlungsmöglichkeiten und strategischen Optionen, die zur Verfügng stehen und ausprobiert werden können. Und dennoch bleibt alles stets erfreulich klar und gut überblickbar. Da wurde offensichtlich viel Wert in die Gestaltung des ganzen Geschehens auf den diversen Schauplätzen von Crystal Palace gelegt.

Besonderheit: gedrehte Würfel

Einzig das Gewinnen fällt alles andere als leicht und wer es trotzdem schafft, darf wirklich stolz auf sich sein. Kern des Spiels sind dabei die persönlichen Würfel der Spieler, die zu Beginn jeder Runde eingesetzt werden. Interessanterweise werden sie allerdings nicht geworfen, sondern nach eigenem Belieben geheim gedreht und hingelegt und anschließend gemeinsam aufgedeckt. Und da zeigt sich bereits eine erste Crux von Crystal Palace. Hohe Würfelzahlen erlauben nämlich bessere und stärkere Aktionen, sind jedoch teuer, da alle Augenzahlen bezahlt werden müssen. Und Geld wird im ganzen Verlauf des Spiels stets ein knappes Gut bleiben, sodass wirklich sorgfältig geplant und gewirtschaftet werden muss. Zwar können jederzeit Kredite aufgenommen werden, die jedoch am Ende der Partie Minuspunkte eintragen, besonders wenn sie bis dahin nicht zurückbezahlt werden konnten. Doch dazu kommt es meist nicht, da Geld normalerweise eben wirklich rar und knapp ist.

Übersichtliche Aktionsphase

Die eigentlichen Aktionsphasen verlaufen anschließend relativ übersichtlich, sind jedoch von erheblicher Tragweite. Und deshalb muss oft gut geprüft und abgewogen werden, was alles getan werden könnte und am sinnvollsten escheint, sodass es besonders in größeren Runden etwas dauern kann, bis man das nächste Mal an die Reihe kommt. Wenn es dann so weit ist, platziere ich einen meiner Würfel auf einem der unterschiedlichen Einsetzfelder der diversen Tableaus und führe sofort aus, was damit verbunden ist.

Auf diese Weise können beispielsweise Personen angeheuert und technische Erfindungen gemacht werden, es gibt Aktienzertifikate und verschiedenste Forschungs- und andere Plättchen. Weiter zu berücksichtigen sind länderspezifische Fortschritte auf den Tableaus der Spieler, die tendenziell deren Vorgehensweise im Spiel steuern können und sollten. Daneben gibt es Jederzeitaktionen und allerlei Tauschmöglichkeiten, um die benötigten Güter und Voraussetzungen zu schaffen, die für den Erwerb bestimmter Vorteile im Spiel benötigt werden. Erfindungen tragen mehr ein, wenn sie von gewissen Personen gemacht wurden. Weitere Würfel können erworben werden für zusätzliche Spielzüge in den nachfolgenden Runden. Und das sind noch immer nicht alle Aktions- und Einsetzmöglichkeiten, die hier unmöglich in ihrer vollen Breite aufgeführt werden können und wollen.

Fazit: Vielschichtig, verzahnt und flexibel

Viel wichtiger ist stattdessen die Erkenntnis, dass bei aller Beobachtung der Gegner die eigenen Spielzüge enorm flexibel geplant und umgesetzt werden müssen. Zu Beginn der Runde stets nur hohe Würfelzahlen zu wählen, ermöglicht zwar vielfältige Einsetzmöglichkeiten, ist jedoch wegen der damit verbundenen Kosten und den allfälligen Krediten und deren Minuspunkten in der Endabrechnung kaum je wirklich erfolgsversprechend. Und nur mit tiefen Zahlen kommt man ebenfalls nicht weit. Viele interessante Einsetzfelder setzen nämlich einen bestimmten Mindestwert für die dort platzierten Würfel voraus.

Andere Felder sind dagegen mit Strafgebühren versehen und werden daher lieber nicht gewählt. Wenn jedoch alle anderen, unbelasteten Felder besetzt sind, müssen sie vielleicht trotzdem hingenommen werden. Und das droht Würfeln mit tiefen Zahlen mehr als einem lieb ist - da hätte man sein Geld zu Rundenbeginn gescheiter gleich direkt in höhere Würfelzahlen investiert, die hätten einem wenigstens noch zusätzliche Einsetzmöglichkeiten eröffnet. Zudem gibt es auf den Ortstableaus stets mehr Bietfelder für die Würfel als effektive Aktionsfelder. So kommt nicht jeder hier platzierte Würfel dann auch effektiv zum Zug. Wer dabei leer ausgeht, erhält einzig ein Trostgeld. Wer dagegen das Höchstgebot abgegeben hatte, darf anschließend als erster die dazugehörende Aktion ausführen.

Bei dem allem gibt es unzählige Verknüpfungen und Abhängigkeiten im Spiel. Dass zusammenpassende Erfindungen und Erfinder zusätzliche Punkte eintragen, wurde oben schon erwähnt. Ebenso wertvoll ist das weite Voranschreiten auf der Aufmerksamkeits- oder Buzzleiste, gibt es dort doch tolle wiederkehrende Boni am Ende jeder Runde zu gewinnen. Weiter können zusätzliche Würfel erworben oder aber eigene vorzeitig in Siegpunkte umgewandelt werden. Daneben ist das permanente Abwägen einer zusätzlichen Kreditaufnahme überaus trickreich und von recht weitreichender Bedeutung. Und dann ist da noch der Schwarzmarkt, der ebenfalls Boni einträgt, andererseits aber sämtliche bisherigen Würfel rausfliegen lässt, wenn der letzte Platz belegt wurde - die Möglichkeiten der Spieler sind schier unendlich und verschiedenste Strategien und Wege können zum Erfolg führen.

Brettspiel Crystal Palace - Foto von Feuerland

Das alles macht Crystal Palace von Carsten Lauber (Feuerland) zu einem überaus fordernden Abenteuer, das unglaublich fasziniert und beeindruckt, allerdings auch knallharte Facetten aufweist, beispielsweise wenn eigene Würfel von fremden überboten wurden und für sie zuletzt keine Aktionsfelder mehr offen stehen. Zudem verlängern die vielfältigen Handlungsoptionen die Spieldauer empfindlich, wenn nicht alle das Spiel wirklich sehr gut kennen oder aus dem sprichwörtlichen Bauch heraus handeln. Und letzteres führt kaum je zum Ziel, wenn andere das Geschehen und die Vielfalt der Optionen besser einschätzen und ausnützen können. Crystal Palace wird daher bei uns fast nur noch in kleineren Runden gespielt. Dann jedoch entwickelt es seine volle Schönheit und Eleganz und wird zum echten Highlight, nicht nur der Weltausstellung von 1851 in London.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-5
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
14
Spieldauer (Minuten): 
60-150
Jahrgang: 
2019
Spielkategorisierung
Fotos
Brettspiel Crystal Palace - Foto von Feuerland
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