Innsmouth

Küstenstadt am Teufelsriff

ein Spiele-Artikel von Christoph Brandt - 05.09.2010
Innsmouth - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Mit Innsmouth – Küstenstadt am Teufelsriff ist nun der dritte Band der "Lovecraft Country-Reihe" erschienen. Der Cthulhu-Quellen- und Abenteuerband beleuchtet einen ganz besonderen Ort in diesem fiktiven Landstrich Neuenglands: den kleinen Fischerort Innsmouth.

Der vier Kapitel umfassende Quellenteil des Bandes beschreibt sehr detailliert die Küstenstadt mit ihren cthulhoiden Besonderheiten. Zunächst taucht der Leser ab in die Geschichte und Geographie der Gegend, gefolgt vom Kapitel „Leben in Innsmouth“, welches den täglichen, durchaus besonderen Lebensrhythmus der Bewohner beschreibt. Das dritte Kapitel befasst sich schließlich mit dem Mythos in Innsmouth, dem so genannten Innsmouth Look, der durch die enge Verbindung der Bewohner mit den Tiefen Wesen hervorgerufen wird, sowie dem „Esoterischen Orden von Dagon“, der das Leben in der Stadt beherrscht. Das vierte Kapitel beherbergt schließlich einen Stadtführer in der vertrauten Art, wie wir ihn bereits aus dem Band Arkham – Hexenstadt am Miskatonic kennen. Insgesamt werden rund 90 wichtige Orte mit Bewohnern und Besonderheiten aufgeführt, und selbst die Stadt der Tiefen Wesen wird hier nicht ausgespart. Auf der mitgelieferten Karte sind die Orte alle leicht wieder zu finden.

Den zweiten Teil des Bandes nehmen sechs Abenteuer ein, die alle in und um Innsmouth spielen und damit direkten Bezug auf den Quellenteil nehmen. Den Anfang macht Das Erbe der Crawfords von Kevin Ross. Hier erbt einer der Charaktere ein altes Anwesen in Innsmouth. Bei der Besichtigung des Erbes kommen die Charaktere schließlich hinter einige dunkle Geheimnisse der Stadt und müssen womöglich erfahren, dass einer der Charaktere selbst von den Tiefen Wesen abstammt. Dieses sehr klassische Abenteuer ist theoretisch auch von einem einzelnen Spieler erlebbar, für den die Geschichte dann ein besonderes Erlebnis werden dürfte. Zum Glück lässt das sehr offen gehaltene Abenteuer auch die Möglichkeit zu, dass die Befürchtung selbst von den Tiefen Wesen abzustammen sich als unwahr heraus stellt, denn ein derart tiefgreifender Eingriff in einen Charakter ist nicht nach dem Geschmack einer jeden Spielergruppe.

In Der Einsame im Sumpf von Mirko Bader begleiten die Charaktere eine Expedition in die Sümpfe vor Innsmouth, wo sie unter den Einfluss des Mythos geraten. Das Abenteuer ist sehr gradlinig gestaltet und daher eigentlich einfach zu leiten, da für jeden Tag genau angegeben ist was passiert. Auf der anderen Seite erfordert das Abenteuer viel Rollenspiel von den Spielern, da die Charaktere unter Mythoseinfluss sehr eigene Interessen entwickeln die es darzustellen gilt. Also durchaus ein anspruchsvolles Abenteuer.

Das Abenteuer Mary wartet mit einer außergewöhnlichen Hintergrundgeschichte auf. Die Charaktere sollen den verschwundenen Sohn einer Frau namens Mary ausfindig machen und es entspinnt sich eine spannende Schnitzeljagd durch Lovecraft Country. Das Abenteuer ist ebenfalls sehr offen gestaltet und verlangt vom Spielleiter einiges Improvisationstalent, und leider werden die Spieler nicht zwangsläufig hinter die tolle Geschichte kommen.

In Ein alter Bekannter von Ralph Dula werden die Charaktere von ihrem alten Freund Willy Harsen eingeladen. Dieser erzählt von merkwürdigen Vorkommnissen in Innsmouth und findet plötzlich einen gewaltsamen Tod. Nun ist es an den Charakteren die Hintergründe der Tat aufzudecken. Wie schon Das Erbe der Crawfords kann auch dieses Abenteuer von nur einem Spieler erlebt werden.

Die Innsmouth-Connection von Gary Sumpter ist ein Abenteuer, das (fast) nichts mit dem Mythos zu tun hat. Um dem Spuk in einem Herrenhaus auf den Grund zu gehen treffen die Charaktere auf eine Schmugglerbande, die sich das Anwesen als Stützpunkt gewählt haben. Damit ist das Abenteuer mal eine schöne Abwechslung, doch leider kommt es nicht ganz ohne Mythosbezug aus und die plötzliche Begegnung mit einem Shoggothen wird für die Charaktere wohl tödlich enden. Schade eigentlich.

Das letzte Abenteuer Fischfutter von Bernhard Bihler führt die Charaktere zunächst auf eine Vergnügungsfahrt vor die Küste Neuenglands. Doch hier wird das Schiff auf das Teufelsriff vor Innsmouth gelenkt um die Besatzung für ein Ritual zu opfern. Zufällig werden die Charaktere aber als unwürdig aussortiert. Damit bekommen diese die Chance zu fliehen und vielleicht auch die anderen Besatzungsmitglieder vor dem schrecklichen Ritual zu bewahren.

Alles in allem ist der Quellen- und Abenteuerband mal wieder sehr gelungen. Die Beschreibung der Küstenstadt Innsmouth ist sehr detailliert und schlägt meiner Meinung nach sogar noch den Quellenband Arkham – Hexenstadt am Miskatonic, auch wenn sie natürlich bei weitem nicht so umfangreich ist. Die Abenteuer sind soweit sehr solide und enthalten viele Verweise auf den Quellenteil, so dass eine hohe atmosphärische Dichte entsteht. Allerdings sind die Abenteuer eher etwas für erfahrene Spielleiter, damit sie ihr volles Potential entfalten können. Etwas irritiert war ich hingegen bei den Verweisen im Quellenteil auf die demnächst erscheinende epische Kampagne Sturm auf Innsmouth. Sie degradieren die Abenteuer zu einer Art lästigem Vorgeplänkel auf diese Kampagne, womit sie sich eindeutig unter Wert verkaufen. Bestimmt sind die Abenteuer hervorragend als Einstieg in diese epische Kampagne geeignet, aber sie lassen sich auch sehr schön unabhängig von ihr spielen und sind durchaus spielenswert. Schade ist auch, dass der Quellenband Arkham – Hexenstadt am Miskatonic als Ergänzung zu Innsmouth durchaus sinnvoll ist. So wird zur allgemeinen Lebensart in der Region um Innsmouth fast gar nichts gesagt, da sich diese wohl kaum von der Arkhams unterscheidet. Nur die Besonderheiten werden natürlich beschrieben. Auch bei einigen Abenteuern ist der Besitz des Arkham-Quellenbandes sinnvoll, wenn auch nicht unabdingbar. Trotzdem ist der Quellen- und Abenteuerband empfehlenswert, besonders wenn man Abenteuer mit einer hohen Detailtiefe liebt, bei denen vom Spielleiter aber auch einiges Improvisationstalent verlangt wird.