Niemandsland

Grabenkrieg und Heimatfront

ein Spiele-Artikel von Christoph Brandt - 31.03.2008
Niemandsland - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 3 Minuten

Mit dem Quellen- und Abenteuerband Niemandsland – Grabenkrieg und Heimatfront legt der Verlag erneut eine deutsche Eigenproduktion von außerordentlicher Qualität vor. Der Erste Weltkrieg, oder besser der „Große Krieg“, wie er damals noch hieß, war das einschneidende Erlebnis für Cthulhu-Charaktere der 1920er-Jahre. Im Grundregelwerk wird das Thema aus Platzgründen leider nur am Rande aufgegriffen, so gesehen hat es durchaus Sinn, einen eigenen Quellenband zu dieser Epoche herauszubringen.

Das knapp 260 Seiten umfassende Werk kommt wie gewohnt im soliden Hardcover daher und enthält zahlreiche Bilder, Briefe, Tagebuch- und Mythosbuchauszüge, allesamt individuell gestaltet. Schade nur, dass man diesmal auf das Lesebändchen verzichtet hat, aber dies sei bei der ansonsten guten Qualität des Bandes verziehen.

Inhaltlich teilt sich der Band in drei große Abschnitte auf. Der erste Abschnitt widmet sich dem Hintergrund und Verlauf des Ersten Weltkriegs. So wird der Weg des Deutschen Reichs in den Krieg beschrieben, gefolgt von einem Abriss des allgemeinen Kriegsverlaufs. Es folgen detaillierte Darstellungen der wichtigsten Kriegsschauplätze sowie ein Blick an die Heimatfront. Den Abschluss des Kapitels bildet der Versailler Vertrag, gefolgt von den Folgen des Krieges für die Länder in Europa. Unterbrochen werden die Darstellungen immer wieder von Auszügen aus Feldpostbriefen oder Soldatenliedern, die den Blick des einfachen Soldaten auf die Geschehnisse verdeutlichen.

Im zweiten Abschnitt des Quellenbandes geht es um „Charaktere im Krieg“. Die Charaktererschaffung wird erweitert, sodass der Erste Weltkrieg als Hintergrund für Charaktere im klassischen Cthulhu-Setting der 1920er-Jahre genutzt werden kann. Der Kriegsalltag für den normalen Soldaten wird dargestellt genauso wie dessen Ausrüstung: „das Handwerkszeug des Todes“. Es folgen neue Regelmechanismen um ganze Schlachten, Sturmangriffe oder Artilleriebeschuss regeltechnisch erfassen zu können. Abschließend gibt es dann noch mehrere Seiten Tipps und Tricks, wie man Kriegsängste und das Grauen des Krieges am Spieltisch darstellen kann.

Den letzten Abschnitt bilden schließlich drei Abenteuer die im Ersten Weltkrieg spielen. Das Abenteuer „Schwarzer Sand“ von Sebastian Weitkamp beginnt am Vorabend des „Großen Krieges“. Auf der Suche nach dem Auslöser einer mysteriösen Krankheit reisen die Charaktere in die deutsche Kolonie Deutsch-Südwest, das heutige Namibia. Dort angekommen bricht in Europa der Krieg aus und die Charaktere müssen sich auf der Suche nach uralten Schrecken mit Kolonialbeamten und Schutztruppen auseinander setzen.

Im zweiten Abenteuer, „Ein Sommernachtsalptraum“ von Oliver Adam und Uwe Weingärtner, finden sich die Charaktere als junge Offiziere mitten in der Sommer-Schlacht wieder, um die Häufung von Desertationen und Selbstmorden an einem bestimmten Frontabschnitt zu untersuchen. Das Abenteuer greift auf die im Quellenteil eingeführten Regeln zurück und zeigt exemplarisch wie der cthulhoide Schrecken mit dem vom Menschen verursachten Terror und Horror des Grabenkrieges verschmelzen kann. Ein Highlight des Quellenbandes.

Das dritte Abenteuer, „Wir fahren gen Engeland“ von Ralf Sandfuchs, führt die Charaktere gegen Ende des Ersten Weltkrieges in Hamburg zusammen. Hier entwickelt die kaiserliche Marine ein neues Luftschiff, das den Sieg bringen soll. Doch bei einem ersten Testflug gegen England wird klar, dass ein uraltes Grauen am Bau beteiligt ist.

Mit Niemandsland ist dem Verlag erneut ein überzeugender Band gelungen. Die Informationen zum Ersten Weltkrieg sind umfangreich und sehr solide. Die Regelerweiterungen erschließen ein neues Setting für Cthulhu, das darüber hinaus den Charakteren der „klassischen“ 1920er-Jahre mehr Tiefgang verleiht. Die drei Abenteuer decken dabei sehr unterschiedliche Aspekte des Krieges ab, wobei das Abenteuer „Sommernachtsalptraum“ den stärksten Bezug zum Quellenteil nimmt und hervorragend zeigt, dass die Zeit 1914 bis 1918 einen erstklassigen Hintergrund nicht nur für cthuloiden Schrecken bildet.