Wien

Dekadenz & Verfall

ein Spiele-Artikel von Christoph Brandt - 12.03.2011
Wien - Foto von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Wien in den 1920er-Jahren. Bis vor wenigen Jahren noch glamouröse Hauptstadt des „Völkerkerkers“ Österreich-Ungarns, nun Zentrum eines bedeutungslosen Kleinstaates. Der Untertitel Dekadenz und Verfall des neuen Quellenbandes zum Cthulhu-Rollenspiels passt wie kein zweiter auf diese außergewöhnliche Stadt, in der der Tod in der Vergangenheit ein häufiger Gast war, ob in der Gestalt blutiger Abwehrschlachten gegen die Osmanen, oder als Pest, die die Donaumetropole heimsuchte.

Nachdem die letzten Veröffentlichungen zum Cthulhu-Rollenspiel ausschließlich die amerikanische Heimat des Cthulhu-Mythos zum Thema hatten, geht es nun wieder in den deutschsprachigen Kulturkreis. Nach London und Berlin ist Wien die dritte europäische Großstadt, die einen eigenen Quellen- und Abenteuerband bekommen hat. Und dieser ist in jeder Hinsicht fantastisch geworden, soviel sei vorweg schon mal verraten.

Das erste Kapitel befasst sich wie von allen Städtebänden gewohnt mit der Geschichte der Stadt. Es folgt ein Rundgang durch die Donaumetropole und ihre Bezirke, bei dem zahlreiche berühmte Gebäude und unheimliche Orte vorgestellt werden. Im „Wiener Aspekte“ genannten zweiten Kapitel geht es schließlich um die politisch-sozialen Bereiche des täglichen Lebens wie das Gesundheitswesen, die Polizei und die Strafgerichtsbarkeit, sowie Reisemöglichkeiten.

Um die eher banalen Dinge des täglichen Lebens geht es im Kapitel „Als Spielercharakter in Wien“. Hier wird die Wiener Mentalität vorgestellt, sowie kulinarische Spezialitäten oder besondere Redewendungen, die sogenannten „Austriazismen“. Eine an Wien angepasste Liste der Berufe für Spielercharaktere, sowie mehrere Seiten über Wiener Persönlichkeiten und Ereignisse in den 1920er-Jahren runden dieses Kapitel ab.

Im vierten Kapitel hält dann schließlich der Cthulhu-Mythos Einzug in die Donaustadt. In „Von Spukgestalten und Mythosumtrieben“ werden Spukgeschichten und reale Kriminalfälle mit Geheimgesellschaften und in Wien publizierten Mythoswerken verbunden. Sehr interessant ist auch der Abschnitt über die Ghoulgesellschaft, die sich in der Stadt sehr wohl zu fühlen scheint.

Den Abschluss des Bandes bilden zwei Abenteuer, die mehr oder weniger starken Bezug auf den Quellenteil nehmen. Vielleicht ist jetzt der eine oder andere Enttäuscht, dass es sich nur um zwei Abenteuer handelt, aber diese sind von zwei Cthulhu-Veteranen und absoluten Könnern ihres Fachs geschrieben.

In „Der Vogelmann“ von Peer Kröger werden die Charaktere mit der Pestvergangenheit Wiens konfrontiert. Eine Reihe grausamer Morde erschüttert die Stadt. An den Tatorten wird immer wieder ein schwarzer Mann mit einem Vogelschnabel gesehen, so wie ihn früher die Pestärzte trugen. Doch noch während die Spieler notwendige Informationen zusammensuchen wird der bekannte Psychoanalytiker Siegmund Freud entführt und ihnen beginnt die Zeit davon zu laufen. Nach der sehr originellen Auflösung des Abenteuers stehen die Charaktere vor einem moralischen Dilemma, wollte der vermeintliche Bösewicht doch nur die Stadt retten.

Im zweiten Abenteuer „Blutwalzer“ geht es um Musik, immer wieder ein schöner Aufhänger für Wahnsinn. Auf der Suche nach dem Dieb einer Geige treffen die Charaktere mit illusteren Personen zusammen und erleben auf dem Prater eine Monstrositätenschau, die nicht das ist was sie vorgibt zu sein. Alles gipfelt in einem fulminanten Finale am Stephansdom, das ohne Übertreibung als episch zu bezeichnen ist.

Bei beiden Abenteuern steht das Investigative im Vordergrund und bedürfen daher einen recht versierten Spielleiter, der sie Spieler geschickt auch aus Sackgassen wieder herausführen kann ohne dass Frust aufkommt. Doch die Abenteuer sind sehr gut ausgearbeitet und großartig konstruiert, so dass dies gut gelingt. Außerdem bringen sie viel Lokalkolorit mit ein, sodass Wien wirklich als in jeder Hinsicht fantastische Stadt erlebt wird. Als besonderes Schmankerl lassen sich beide Abenteuer auch miteinander verbinden, sodass eine kleine Wien-Kampagne entsteht. Klasse!

Nun muss ich mich dann doch als Cthulhu-Rollenspieler der frühen Stunden outen. Bei Wien als Hintergrund fallen einem da sofort die beiden Abenteuer „Schwarzwald-Requiem“ und „Wiener Blut“ aus einem Rollenspielmagazin ein. Damals waren die Abenteuer auf Grund ihres historischen Hintergrundes bahnbrechend und stilbildend und damit legendär, auch wenn sie nach heutigen Maßstäben gerade mal als gutes Mittelmaß zu bezeichnen sind. Mich als alten Rollenspielhasen hat es da schon fast die Tränen in die Augen getrieben, dass fiktive Personen dieser beiden Abenteuer Einzug in die vorliegende Abenteuer "Der  Vogelmann" und „Blutwalzer“ gehalten haben. So bieten sich grandiose Möglichkeiten auch diese Abenteuer mit einzubinden und so eine große Wien-Kampagne entstehen zu lassen. Ein großes Lob hier an die Autoren, das ist Weltklasse.

Mit Wien – Dekadenz und Verfall ist dem Verlag mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Ein erstklassig recherchierter Quellenteil wird durch zwei tolle Abenteuer komplettiert. Klasse! Ich muss ja zugeben, auch wenn die letzten Veröffentlichungen des Verlags zu Lovecraft Country nicht schlecht waren, so liegt mir die alte Welt, und ganz besonders der deutschsprachige Raum, doch besonders am Herzen. Und man meint eine ähnliche Vorliebe bei den Autoren zu erkennen, denn Wien – Dekadenz und Verfall schlägt die Quellen- und Abenteuerbände mit amerikanischem Hintergrund um Längen. Daher gibt es von mir eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.