Ladies & Gentlemen

eine Spielerezension von Bernhard Zaugg - 20.01.2014
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Gesellschaftsspiel Ladies anf Gentlemen - Foto von Libellud
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Die Hintergrundgeschichte bedient urälteste Rollenklischees, die allerdings wohl noch nie zuvor derart konsequent in ein Gesellschaftsspiel überführt worden waren, wie bei Ladies & Gentlemen (Libellud): Frauen lieben es, zu shoppen und sich abends die gemachten Trouvaillen von ihrem Liebsten schenken zu lassen. Diese haben dafür den ganzen Tag Zeit, um zu versuchen, die dafür benötigten Mittel mit Geschäften aller Art zu beschaffen, um ihren Damen die mehr oder weniger extravaganten Wünsche auch tatsächlich erfüllen zu können. Und das funktioniert (im Spiel und möglicherweise sogar auch im realen Leben) eigentlich erstaunlich gut, wenigstens zeitweise und unter ganz bestimmten Umständen.


Ladies & Gentlemen erweist sich dabei als Spiel, das in zwei Hälften und kleine Einzelschrittchen zerfällt, die allerdings alle spieltechnisch nicht sehr viel hergeben, dafür thematisch umso besser ins Geschehen eingebunden sind. Die beiden Partner eines Paares sitzen einander am Tisch gegenüber. Dazwischen wird die Auslage aufgebaut, die für die Ladies Einkaufsgeschäfte, für die Herren dagegen Fabriken und anderen Gelderwerbsquellen darstellt, gefolgt von sechs Spielrunden mit immer demselben Ablauf.


Spielablauf: Darum geht es bei Ladies & Gentlemen


Primär geht es darum, eine möglichst prächtige Ausstattung für die Dame zusammenzutragen, damit diese beim abschließenden Ball mit vielen Gewinnpunkten einem atemberaubenden Kleid und luxuriösen Schmuckstücken und Accessoirs auftrumpfen kann. Dazu suchen die Ladies aus ihren Handkarten Artikel aus, die sie gerne erwerben (lassen) möchten, und anschliessend das Geschäft, in dem ihr Einkauf stattfinden soll. Das kann durchaus auch das Etablissement einer Konkurrentin sein, falls dessen Auslage besser den eigenen Wünschen und Bedürfnissen entspricht.


Zeitgleich suchen die Gentlemen auf ein gemeinsames Kommando drei Waren- und ein Zahlenplättchen aus einem verdeckten Haufen raus, wobei sie auf spezielle, ausliegende Kontrakt-Karten und die darauf aufgedruckten Warenangaben achten sollten. Die Erfüllung der Kontrakte erfolgt dabei in der Reihenfolge der Zahlenplättchen. Gleiches gilt für die Ladies, falls mehrere dasselbe Geschäft für ihre Shoppingtour ausgewählt haben. Zuletzt schieben die Damen die von ihnen ausgesuchten Ausstattungskarten ihrem Gentleman rüber, der nun selbständig zu entscheiden hat, welche der Artikel er kaufen will und kann. Er schiebt die entsprechenden Karten seiner Lady rüber, worauf der nächste Tag folgt mit neuen Garderoben- und Auftragskarten, aber denselben Aufgaben und Abläufen aller Beteiligten.


Nach insgesamt sechs Umgängen folgt der Moment der Wahrheit. Die Paare legen die gekauften Preziosen aus, die allesamt Punkte eintragen können, allerdings nur wenn mindestens ein Abendkleid und nie zweimal dieselben Objekte wie Hüte, Halsketten oder Handtaschen darunter sind. Ausserdem dürfen die guten Stücke höchstens von zwei der insgesamt drei Designer stammen. Die eleganteste Lady mit den meisten Gewinnpunkten siegt zusammen mit ihrem Geldgeber, bei Gleichstand gewinnt das Team mit mehr Restgeld.


Ladies & Gentlemen: Spielspaß? Banal, aber atmosphärisch


Wie unschwer zu erkennen, sind die Aktions- und Entscheidmöglichkeiten der Mitwirkenden geradezu banal. Selbst in der Anleitung wird denn auch schon ganz zu Beginn darauf hingewiesen, dass Ladies & Gentlemen vor allem ein atmosphärisches Spiel sei, das größeren Spielspaß bereite, je ausgeprägter alle ihre Charaktere verkörperten. Das ist durchaus richtig, ändert aber nichts am mageren spielerischen Gehalt des Ganzen. Ausserdem ergeben sich ungelöste Anschlussfragen und -probleme. Werden nämlich die Aktionen der Ladies & Gentlemen gleichzeitig und parallel abgewickelt, wie dies in der Anleitung ausdrücklich vorgesehen ist, bleibt nicht allzu viel Raum für das Schaffen der für einmal besonders wichtigen Ambiance (da sonst ja gar nicht viel da ist …).


Wird dagegen nacheinander gespielt, erhalten die Mitwirkenden wichtige Hinweise im Hinblick auf ihre taktischen Möglichkeiten und Spielräume. Weiß beispielsweise die Lady, dass ihr Gentleman kein glückliches Händchen hatte beim Rausfischen seiner Plättchen, wird sie ihre Begehrlichkeiten beim Auswählen der sponsoring-bedürftigen Garderoben entsprechend zügeln müssen. Ahnt dagegen der Herr, dass für seine Lady ein bestimmtes Objekt besonders wichtig ist, nicht zuletzt auch im Hinblick auf einen möglichen Bonus, der zu Beginn ausgelost wurde und alleine der jeweiligen Dame bekannt ist, wird er sicher diesen Artikel aus dem allfälligen Katalog der Bestellwünsche auswählen und auch keine Barschaft für eine Folgerunde zurückbehalten.


Für wen eignet sich das Spiel Ladies & Gentlemen?


An diesem verhaltenen Fazit vermag auch die großartige, überaus stimmungsvolle grafische Ausgestaltung des Spiels wenig zu ändern, so ungern dies gerade hier zu konstatieren ist. Was bleibt ist vielmehr eine wunderbare Anregung und Inspiration für Leute, die es gerne lustig haben zusammen. Es kann wirklich Spaß machen, die kokette, modebesessene und prätentiöse Lady oder ihren hoffentlich reichen, aber ziemlich blasierten Gentleman zu verkörpern, besonders auch wenn für einmal die Rollen getauscht und Geschlechtergrenzen übersprungen werden.


In einer solchen Runde stören dann auch die kleinen Mängel und Designfehler des Spiels kaum. So ist bei mehr als sechs Mitwirkenden die Chancengleichheit der Gentlemen kaum noch gewahrt, da die außen Sitzenden nur noch begrenzten Zugriff auf den gemeinsamen Haufen haben beim Raussuchen der Waren- und Zahlenplättchen. Ebenso sollten die Ladies ihre Verkaufsgeschäfte verdeckt festlegen, was aber kaum geht aufgrund der unterschiedlichen Gestaltung der Plättchen, die so über den jeweiligen Auswahlentscheid ungewollten Aufschluss geben .


Fazit: Wie gut ist Ladies & Gentlemen?


Unter dem Strich bleibt Ladies & Gentlemen so ein Spiel, das zwar überaus hübsch anzuschauen ist, leider aber nicht viel mehr zu bieten hat als interessante Einblicke in die Psyche des anderen, beispielsweise den Drang der Frau, immerzu Neues zu kaufen, um am Schluss wirklich die Schönste und Tollste aller Anwesenden zu sein. Demgegenüber geben die Männer im täglichen Kampf um möglichst viel Geld alles, um sogleich feststellen zu müssen, dass ihnen letztlich davon nicht mehr geblieben ist als ein wohliges Gefühl der Generosität ihrer Liebsten gegenüber und das Wissen, bereits am Folgetag mit neuen Begehrlichkeiten und einem wie auch immer gearteten Augenaufschlag konfrontiert zu werden. Sehr viel mehr ist halt wirklich nicht dran.

Spieleinfo

Verlagsangaben
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Jahrgang: 
2013
Spielkategorisierung
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