Leaders

The Combined Strategy Game

eine Spielerezension von Dirk Janßen - 08.05.2019
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Leaders - Ausschnitt - Foto von Rudy Games
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Bei "Leaders – The Combined Strategy Game" befinden wir uns zeitlich nach dem zweiten Weltkrieg. Die großen Nationen rüsten nicht nur militärisch auf, sondern stecken Zeit und Geld in Forschung und Entwicklung sowie in Diplomatie und Spionage. Das Ziel ist kein geringeres als die Weltherrschaft. Und die streben wir am Spieltisch mit Plastikarmeen und App an. Made in Austria!

Analoge Spielmaterialien treffen auf digitale Spielwelten

In der Grundversion treten sechs Nationen den Kampf um die Welt an: die USA, die Sowjetunion, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und China. Jede Nation hat dabei eine Spezialfähigkeit bzw. einen Vorteil gegenüber anderen Nationen. So sind z. B. die Sowjets besonders gut in Spionage, die Deutschen hingegen erhalten aufgrund des Wirtschaftswunders einen Produktionsbonus. Nichts mit „Deutsches Bier erhöht die Truppenmoral.“

Vor Spielbeginn verteilen sich die einzelnen Armeen entweder von der App vorgegeben auf der Welt oder die Spieler fällen die Entscheidungen selbstständig. Abhängig vom besetzten Land erhält man Produktionspunkte sowie einen Bonus, wenn man einen kompletten Kontinent besetzt hat. Diese Punkte kann man später auf unterschiedliche Art einsetzen:

  • Aufrüsten der Armee mit Soldaten, Panzern oder Kampfflugzeugen,

  • Investitionen in Forschung und Entwicklung,

  • Ausbilden von Diplomaten und Spionen.

Hybridssystem bei Leaders - Foto von Rudy Games

Trotz App werden die Punkte dabei klassisch mit Markern auf einer Punkteleiste festgehalten. Auch wer welches Land besetzt, wird in der App nicht erfasst, sondern einzig und alleine auf dem Spielbrett durch Armeeeinheiten markiert. Und kommt es zu Gefechten, werden diese traditionell mit den Würfeln ausgetragen. Die App führt wenn gewünscht lediglich durch die einzelnen Schritte eines Kampfs.

Treffen z. B. meine gelben deutschen Soldaten, Panzer und Flugzeuge in Kuba auf grüne britische Truppen, greifen wir wie eh und je mit schwitzigen Händen nach weißen (Soldaten), grauen (Panzer) und schwarzen (Flugzeuge) Würfeln und lassen das Würfelglück über Sieg und Niederlage entscheiden. Mit teils überraschendem Ausgang.

Nach einem Kampf ziehen wir beim Verlierer Produktionspunkte ab bzw. fügen sie beim Gewinner händisch hinzu, denn verliere ich ein Land bei einem Kampf, verliere ich auch die entsprechenden Produktionspunkte bzw. erhält der Gewinner diese. Besetze ich dadurch einen Kontinent auch nicht mehr vollständig, verliere ich zusätzlich und schmerzhaft den Kontinentbonus.

Wann kommt die App ins Spiel bzw. das Spiel aus der App?

Welche Rolle spielt also die App, wenn der Kern des Spiels doch wie eh und je auf dem Spielbrett ausgetragen wird? Folgendes spielt sich in der App ab:

  • Zufällige Ereignisse im positiven (z. B. Produktionszuwachs) wie auch negativen Sinne (z. B. Katastrophen)

  • Shoppen von Militär, Spionen und Diplomaten

  • Investitionen in Forschung und Entwicklung

  • Sabotage und Spionage von Mitspielern

  • Boykott von Nationen

  • Tribut zollen an Nationen

  • Allianzen mit Nationen schmieden

  • Je nach Szenarien spezielle Ereignisse auslösen, bspw. Einen Atomschlag ausführen

Außerdem führt die App durch das Spielgeschehen und ersetzt zumindest zum Teil das obligatorische Blättern in der Anleitung.

Gefühlslage bei der Welteroberung

Die Anführer bei Leaders - Foto von Rudy Games

Pazifistisch erzogen und von Idealen trunken den Zivildienst erfüllt, schicke zumindest ich emotionslos Truppe um Truppe in den Kampf und opfere meine tapferen Plastiksoldaten dem großen Ziel, die Welt vielleicht zu einem besseren Ort, aber zumindest mir Untertan zu machen. Schnell erkenne ich dabei, dass ein sinnloser Materialsturm auf dem Spielbrett nur kurzfristig zum Erfolg führt, weil entweder die Chinesen, die Franzosen oder die Deutschen auf subtilere Mittel wie Sabotage und Boykott setzen und sich auf dem Brett zwar zurückhalten, im Hintergrund aber dem Fortschritt huldigen.

Als langfristig der Erfolg auf dem Spielbrett ausbleibt und ich nicht nur Mannschaft und Material durch hinterhältige Anschläge sondern auch wichtige Länder an den Feind verliere, wendet sich sogar noch die eigene Bevölkerung von mir ab. Meine Seele blutet wie die eines unsympathischen Usurpators in irgendeinem historischen Schinken von Ken Follett. Mit einem solchen möchte ich auch am liebsten die Truppen meiner Gegner vom Spielbrett in den nächsten gelben Sack fegen. Hier dreht es sich schließlich um nicht mehr und weniger als die Herrschaft über die gesamte Welt.

Die verdammte App fügt dem Ganzen eine Ebene hinzu, die ich in meine Strategie nicht ausreichend einbeziehe und die sich in der analogen Wirklichkeit so nicht erkennen lässt – zumindest nicht, bevor es zu spät ist. Selbst ein Stromausfall könnte meine Machtphantasien nicht mehr retten.

Nimm das, Adenauer!

Naja, jetzt mal Hass beiseite. Wer kein Problem mit Kriegsspielchen hat und zumindest einst Risiko zu seinen Lieblingsspielen zählte, dürfte Gefallen an der 2018er und laut Verlag verbesserten Version von Leaders finden.

Wenn wir ehrlich sind, bräuchte es das Spielbrett aber gar nicht mehr, da die wichtigsten Aktionen eh in der App gelandet sind. Allerdings behält man dank des offen ausliegenden und physisch erfahrbaren Spielbretts jederzeit einen guten Überblick über die offensichtliche Lage: Ich sehe die Verteilung meiner Truppen und meinen aktuellen Punktestand. In 3D, ohne Zoomen und Scrollen. Und wenn mir der Spielstand nicht passt, kann ich auch tölpelhaft gegen den Tisch hampeln und ... Ups, auf einmal gehört mir der Mittlere Osten. Ganz ohne Blutvergießen.

Crossover-Spiel Leaders - Foto von Rudy GamesDass die App einen Mörderanteil am Spiel innehat, dürfte nach meinen Ausführungen offensichtlich sein. So gewinnt man das Spiel nicht nur, wenn man eine gewisse Anzahl an Produktionspunkten erreicht hat, sondern kann auch der Ober-Leader werden, wenn man alle Technologien erforscht und bestimme Missionen erfüllt hat. Nimm das, Adenauer!

Einen weiteren Vorteil bringt die App von Haus aus mit: Das Spiel lässt sich einfach erweitern, indem man schlicht die App erweitert. Und das macht Rudy Games inzwischen. So gibt es neue Leader und neue Szenarien. Teils kostenlos, teils kostenpflichtig. So dürfen wir uns inzwischen die Atomraketen um die Ohren jagen oder ad astra streben. Wobei das Atomraketenszenario besonders perfide ist: Sehe ich keine Chance mehr, das Spiel zu gewinnen, verwandel ich die Welt einfach in eine atomare Wüste, sodass auch sonst niemand mehr etwas von ihr hat. Ganz schön creepy …

Wem lockt Leaders das Geld aus den Taschen?

Kaufempfehlung? Persönlich gefällt mir Leaders gut. In der richtigen Runde mit den richtigen Charakteren und vielleicht noch stimmungsvollem Dresscode, kann Leaders ein abendfüllendes Abenteuer werden. Einigen Leuten wird aber sowohl das Material als auch der Hybrid aus Brett- und Appspiel weder Fisch noch Fleisch sein. Und die Spieltiefe zumindest nach derzeitigem Stand trotz App zu seicht daherkommen. Daher richtet sich Leaders in erster Linie gefühlt an regelmäßige, aber nicht überambitionierte Brettspieler, die zudem kein Problem mit dem Thema haben. Bei denen könnte Leaders dann aufgrund der Weiterentwicklung ein Dauerrenner werden.

Video: 

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Verlag: 
Spielerzahl: 
2-6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
120-180
Jahrgang: 
2018
Spielkategorisierung
Spielegattung: 
Fotos
Hybridssystem bei Leaders - Foto von Rudy Games
Crossover-Spiel Leaders - Foto von Rudy Games
Die Anführer bei Leaders - Foto von Rudy Games
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