Opus Anima: Investigation

ein Spiele-Artikel von Jörg Deutesfeld - 22.09.2009
Lesezeit: ca. 8 Minuten

"Dem Übersinnlichen auf der Spur schlüpfen Sie in die Rolle eines Mitglieds der Schutzwacht der viktorianisch anmutenden Welt von Opus Anima. Als hart gesottener Ermittler der Ermittlungsgruppe: Bizarromantie & Okkultes sind Sie überall da, wo übernatürliche Kräfte ihr Unwesen treiben."

So zumindest der Klappentext von Opus Anima - Investigation, mit der die Pocket-RPG-Reihe Zuwachs bekommen hat: Nach Ratten!, dem Ratten!-Kompendium und Western City erscheint das Werk in Zusammenarbeit von Prometheus Games und dem New Quest Verlag als eigenständiges kleines Rollenspiel, in dem die Charaktere als menschliche Schutzwachbeamte auf der Spur von Seelenlosen und allgegenwärtiger Verzerrung sind.

Die Optik. Das Grundbuch umfasst 104 Seiten im Format DIN A5 und erscheint als Softcover. Die Qualität des verwendeten Hochglanzpapiers ist sicherlich hervorragend, doch macht die lediglich geklebte Bindung auf mich bereits beim ersten Aufblättern keinen sonderlich soliden Eindruck. Wer bereits einige Jahre als Spielleiter aktiv war, weiß irgendwann eine robuste Fadenheftung seines Hardcover-Regelwerks zu schätzen!

Wie bereits das Grundregelwerk ist die Umschlaggestaltung sehr schlicht, aber edel gehalten und so gibt es auf der Front neben dem Titel lediglich das Abzeichen der Ermittlungsgruppe: Bizarromantie & Okkultes (kurz EG:BO genannt) zu sehen. Insgesamt bleibt man der bisherigen Produktlinie von Opus Anima wohl treu und so sind auch in diesem kleinen Band Schwarz und Weiß die dominierenden Farben.

Bedauerlicherweise verzichtet Investigation auf ein „richtiges“ Inhaltsverzeichnis und so gestaltet sich das gezielte Auffinden einzelnen Abschnitte etwas schwierig. Zum Glück gibt es aber für gänzlich Verzweifelte einen kleinen aber brauchbaren Index. Im Gegensatz zum Grundregelwerk wird diesmal konsequent auf jegliche Verzerrung und sonstige Experimente mit dem Text verzichtet, was allerdings auch damit zusammenhängen kann, dass es sich hier um menschliche Ermittler und deren Blickwinkel der Welt geht. Insofern könnte sich dies bei kommenden Erscheinungen, auch wieder ändern – mich hat es hier zumindest nicht gestört.

Die wiederum opulent eingesetzten Illustrationen stammen diesmal von mehreren Zeichnern: Felix Mertikat, Henrik Bolle, Jan-Hendrik Sonnwald und Dario Coelho. Insofern verzichtet man hier auf eine durchgehende Einheitlichkeit bei den Illustrationen, die aber trotz unterschiedlicher Qualität und Techniken dennoch insgesamt die Stimmung von Opus Anima gut einfangen. Einige schön gestaltete Karten sowie Charakterbögen runden das optische Erscheinungsbild positiv ab.

Der Inhalt. Den Einstieg in den Hintergrund von Investigation macht zunächst eine überaus aufschlussreiche Einleitung, die einige Verweise zum Opus Anima Grundregelwerk als auch zur Verwendung von Investigation macht. Eins wird zumindest direkt zu Beginn festgestellt: Weitergehende Informationen, als sie in Investigation enthalten sind werden nicht benötigt, um es spielen zu können! Wer dennoch neugierig geworden ist oder aber einfach nur mehr Informationen haben möchte, wird darauf hingewiesen, das Opus Anima Grundregelwerk kostenlos auf der Webseite des Verlages downloaden zu können.

Teil 1 – Grundlagen. Nach einem Prolog, der die Spielwelt von Opus Anima: Investigation kurz darstellt, geht es direkt zu den grundlegenden Regeln des Spiels, wobei die Attribute und Fertigkeiten der Charaktere als auch das Würfelsystem und damit die sogenannten „Splitter“  vorgestellt werden. Insofern macht dieser regeltechnische Teil auch den größten Umfang des Heftes aus.

Das Spielprinzip von Opus Anima basiert darauf, dass jeder Würfel eine Erfolgschance von 50 Prozent bietet. Insofern ist es fast egal, womit man letztlich eine Entscheidung im Spiel finden will, seien es nun Würfel oder sogar Münzen. Die Anzahl der verwendeten Würfel oder sonstigen Gegenstände zur Entscheidungshilfe werden „Splitter“ genannt. Erzielt man mit seiner Anzahl von Splittern die benötigte Anzahl an Erfolgen für die jeweils festgelegte Schwelle, ist die Probe gelungen. Natürlich gibt es auch hier noch eine Reihe von Modifikationen sowie Regeln für Teamarbeit von Charakteren. Insgesamt gibt es sieben verschiedene Attribute: Stärke, Geschicklichkeit, Beweglichkeit, Wahrnehmung, Willenskraft, Ausstrahlung und Wissen sowie ein offenes Fertigkeitensystem, das in Absprache mit dem Spielleiter jederzeit um eigene Ideen ergänzt werden kann.

Der Spielablauf bei Investigation gliedert sich in einen mehr oder weniger genormten Rahmenkontext. Bevor eine Gruppe von Ermittlern in den Einsatz geschickt wird, gibt es zunächst eine Einsatzbesprechung, die durch den Kommissar (sprich den Spielleiter) einberufen wird und in der die zu erwartende Schwierigkeit, Mannstärke, Anforderungen und die Ausrüstung besprochen werden.

Es obliegt dann letztlich den Spielern, die Zusammensetzung der Ermittlergruppe mit dem Kommissar abzusprechen und dann die notwendigen Charaktere zu erschaffen. Das ist für meinen Geschmack etwas holprig und sollte meines Erachtens nach bereits im Vorfeld mit den Spielern geklärt werden, um bei Spielbeginn direkt loslegen zu können.

Nach dem hoffentlich überstandenen Abenteuer gibt es natürlich auch eine Nachbesprechung mit dem Kommissar, in dem die Leistung der einzelnen Mitarbeiter bewertet wird, die sich dann natürlich auch in Erfahrungspunkten ausdrückt. Hier scheint mir Investigation seinen Schwerpunkt in „One-Shots“ zu suchen und weniger auf kontinuierliches Spiel ausgelegt zu sein – doch lässt sich dieser Rahmenkontext durch den Spielleiter ohne Probleme ändern.

Der Abschnitt „Ausbildung“ setzt sich umfassend mit den einzelnen Schritten der Charaktererschaffung auseinander, die sich in insgesamt sechs Schritte gliedert: Von der Wahl der zu spielenden Rolle geht es zum Wesen des Charakters (wobei hier allerdings nur Geschlecht, Gewicht, Größe und Geburtsdatum) gemein sind, um dann die bereits oben genannten Attribute und die damit verbundenen Eigenschaften festzulegen. Zu guter Letzt werden noch die Fertigkeiten festgelegt und der letzte Schliff am Charakter kann erfolgen – fertig.

Wer sich ein Bild über die Möglichkeiten der zur Verfügung stehenden Rollen machen möchte, kann auf die einzelnen und ausführlich dargestellten Archetypen zurückgreifen. Hier gibt es jeweils einen vorgefertigten Charakter für jeden Bereich: Kommissar, Ermittler, Jungspund (also der Anfänger), Schutzkonstrukt (ein dampfgetriebener Roboter für den Objekt- und Personenschutz), Sondersergeant für Moral und Etikette, Tatortermittler und Techniker.

Der sich anschließende Abschnitt „Regelwerk“ beschäftigt sich insbesondere mit den Details der Kampfregeln, dem Kampfsystem PAI - ein Akronym für Parade, Attacke und Initiative - den drei kampfrelevanten Parametern im Spiel – und natürlich dem Schaden. Bei einem Spiel, bei dem der Aspekt Horror und Unheimliches eine zentrale Rolle spielt, dürfen natürlich auch Bereiche wie „Seelischer Schaden“ nicht fehlen. Zu guter Letzt gibt es auch noch einen kurzen Abschnitt über die Heilung von Schäden.

Den Abschluss des ersten Teils bilden weitergehende Informationen über die Welt von Opus Anima, die Stadt Leuterskoog, den Alltag ihrer Bewohner und natürlich Informationen über Okkultes und das Thema Verzerrung. Alles sehr knapp und bündig gehalten, doch für einen ersten Einstieg durchaus ausreichend.

Teil 2 - Schutzwacht. Dieser Teil widmet sich zunächst der Schutzwacht und ihrem Aufbau sowie den damit verbundenen verschiedenen Ermittlungsgruppen. Den größten Abschnitt bildet natürlich hierbei die „Ermittlungsgruppe: Bizarromantie & Okkultes“, abgekürzt EG:BO. Hier gibt es spieltechnische Hinweise zum Aufbau der EG:BO, deren Vorgehensweise bei Ermittlungen, den Umgang mit Verdächtigen und Straftätern und vieles mehr. Ein Register mit einigen auch als NSC einsetzbaren Personen ergänzt den Blick auf die Arbeit der Schutzwacht, da exemplarisch auch einige sehr interessante Ausführungen dieser Personen zum Thema Bizarromantie und Okkultes gemacht werden.

Teil 3 – Handbuch. Dieser Leitfaden für den Kommissar setzt sich etwas genauer mit den Spielhintergründen als auch mit den Feinden der EG:BO auseinander. Hier findet man einige nette Hinweise für den Aufbau von Abenteuern über den Einsatz von Nichtspielercharakteren, die Bedeutung der „Verzerrung“ und einige überaus dunkle Wesenheiten und Phänomene.

Den Abschluss in diesem Teil bildet ein Beispielabenteuer, das sich allerdings auch ohne Probleme als „One-shot“ ausbauen lässt und die bislang träge Theorie über Investigation mit Leben erfüllt.

Teil 4 – Materiallager. In diesem Teil findet man einiges an Ausrüstung für die Ermittlungsgruppen samt Materialanforderungsschein nebst den entsprechenden Kosten (ja – die EG:BO ist eine sehr sparsame Einrichtung!), den Charakterbogen (hier liebevoll „Personalakte“ genannt) als auch eine Verzerrungskarte von Leuterskoog.

Fazit. Wer bislang das Opus Anima Grundregelwerk noch nicht kennt, wird hier mit Sicherheit einen guten und interessant gemachten ersten Eindruck in dessen Welt und Hintergrund erhalten, doch reicht dies meines Erachtens bei Weitem nicht aus, um das Investigation mit Leben zu füllen. Hier dürften sowohl Spielleiter als auch Spieler unter Umständen sehr rasch an die Grenzen dieses kleinen aber feinen Heftes geraten.

So ist die Begrifflichkeit „Verzerrung“, um die sich ja letztlich alles bei den Ermittlungen dreht, nicht so schön herausgearbeitet, wie ich mir das vorgestellt hätte, und dürfte beim unbedarften Leser sicherlich einige Fragen aufwerfen, die dieses kleine Heft alleine nicht beantworten kann. Auch ist die Beschreibung von Leuterskoog sehr knapp gehalten und dürfte mit ihren eingeschränkten Ausführungen ebenfalls viele Fragen unbeantwortet lassen. Aber gut – in der Pocket-RPG Reihe muss man mit Sicherheit auch einen anderen Maßstab ansetzen.

Meines Erachtens hätte man den kompletten Bereich rund um die „Ermittlungsgruppe: Bizarromantie & Okkultes“ besser noch im Grundregelwerk untergebracht oder ihr in einem größeren Ergänzungsband mehr Platz geben sollen. Für mich ist es etwas Schade, diese durchaus gelungene Idee im Schatten des Regelwerkes etwas beiläufig „vermarktet“ wird.
Ansonsten verdient dieses neue Heft der Pocket-RPG-Reihe mein uneingeschränktes Lob: Es ist sowohl optisch als auch inhaltlich gut gemacht, der regeltechnische Teil ist brauchbar und der erklärte Hintergrund reicht mit Sicherheit zum Spielen in der Welt von Opus Anima aus. Wer also auf der Suche nach einem kostengünstigen Rollenspiel in einer Welt voller grotesker Ideen für finstere Abenteuer und Geschichten ist, der dürfte hier sehr gut aufgehoben sein.

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