Schäferstündchen

eine Spielerezension von Axel Bungart - 24.08.2015
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Kartenspiel Schäferstündchen - Illustration von Felix Mertikat
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Felix Mertikat bezeichnet sich auf siner facebook-Seite eigenartigerweise als „KünstlerIn“. So undefiniert seine Eigendarstellung, so auffällig, ja, teils skurril seine Kunstwerke, die seine Homepage zieren. Vielleicht ein kleiner Hinweis darauf, dass der Illustrator schon 2011 als „Hoffnungsträger der deutschen Comicszene“ bezeichnet wurde. (Online-Site des Rollingstone Magazin).

Was hat das mit dem Kartenspiel Schäferstündchen zu tun? Es ist das Werk von Felix Mertikat. Und er fungiert hier sowohl als Autor als auch als Illustrator.

Schäfchen zählen

Ein Blick in die kleine Schachtel eröffnet übersichtlich das Spielmaterial: Ein kleiner Spielplan, ein paar Pappplättchen, ein Stapel Spiel- und zwölf Charakterkarten. Letztere fallen gleich ins Auge: Die Karten im DIN-A6-Format zeigen die Figuren, mit denen die Spieler ins Spiel ziehen. Die Zeichnungen im Stil Mertikats sind zumindest gewöhnungsbedürftig: Bizarr, in Details leicht überzogen, die Personen wirken kantig und ansatzweise bedrohlich. Ob schön oder nicht, lässt sich nicht widerspruchslos behaupten; aber nicht einladend.

So wird Schäferstündchen gespielt

Jeder Spieler erhält eine solche Charakterkarte, die ihm auch gleich die Eigenschaften der Figur verrät (Zugweite und Kampfkraft sowie eine einzigartige Zusatzeigenschaft). Aus dem Heimatort der Figur gilt es nun, mit sieben Schritten in die Mitte des Spielplans, dem Tal, zu ziehen, um dort ein Schäfchen zu ergattern. Der Zug beginnt damit, dass jeder je eine Karte verdeckt vor sich und einem Gegner auslegt. Da es schlechte und gute Karten gibt, ergibt sich meist, welche Karte für wen bestimmt ist. Mit den Karten erhöht oder verringert man die Zugweite und/oder Kampfkraft, nimmt Einfluss auf die Schäfchen-Ausbeute im Tal oder die Auslage eines Gegners. Diese Spielkarten sind das eigentliche Herz des Spiels.

Man kann Schäferstündchen auch im Team gegeneinander spielen. Das verändert den Ablauf insofern, als nun gute Karten nicht zwangsläufig bei einem Gegner ausgelegt werden müssen, wenn man keine schlechten auf der Hand hat.

Gelangt man alleine ins Tal, erhält man ein Schaf, trifft man auf Gegner, muss gekämpft werden, wozu auch die Spielkarten herangezogen werden (können). Sind alle Schafe verteilt, endet das Spiel und es siegt, wer die meisten Schafe hat.

Ein bisschen Chaos darf's sein

Das klingt alles recht simpel und ist es auch. Doch der Spielablauf hat durchaus seinen Reiz. Mit den Spielkarten kann man seine Gegner so richtig ärgern und deren sichergeglaubte Züge vereiteln. Oder so verändern, dass sie nicht da landen, wo sie hinwollten. Oder, wenn doch, sie nicht das machen können, was sie wollten. Man kann das unberechenbar, nicht planbar nennen. Aber das macht das Spiel aus. Ähnlich wie bei Robo Rally ist das eines der bestimmenden Merkmale von Schäferstündchen. Gleiches gilt für den Glückfaktor, der durch das Kartenziehen vorhanden ist.

Meistens sind die Eigenschaften der Figuren im Hinblick auf Kampfkraft und Zugweite gegensätzlich; je weiter man ziehen kann, desto schwächer ist man im Kampf. Die Sonderfunktionen auf den Charakterkarten sind unterschiedlich und auf den ersten Blick auch uneinheitlich stark. Auf den zweiten Blick erfordern Sie eine angepasste Spielweise, was taktische Überlegungen erfordert und für den Wiederspielreiz spricht. Taktik ist auch dann gefragt, wenn man z. B. nur gute Karten auf der Hand hat, die man gar keinem Gegner zukommen lassen will. Dann spielt man sie tunlichst bei dem aus, dem der Vorteil nichts nützt. Dazu ist aber ein bisschen Beobachtung der Gegner erforderlich.

Wie gut ist Schäferstündchen?

Dass ein guter Illustrator auch ein guter Autor sein kann, hat Michael Menzel ja eindrucksvoll bewiesen. Mertikat kann aber trotz der vergleichsweise simplen Materie nicht annährend damit Schritt halten. Vielleicht ist es auch nur das Fehlen einer erfahrenen Redaktion, die in erster Linie bei der Spielregel schmerzlich vermisst wird. Zahlreiche unbeantwortete Fragen tauchen auf. Das geht leider soweit, dass meine Spielrunden nur mit viel gutem Willen zum Weiterspielen bewegt werden konnten. Gleich zwei FAQ-Listen mit Hinweisen gibt es mittlerweile, und dazu habe ich noch ein paar Antworten von den Herausgebern erhalten. Das lässt mittlerweile einen geordneten Spielablauf zu, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spielregel in der vorliegenden Form völlig unzureichend ist. So kann man kein Spiel herausgeben.

Auch beim Spielmaterial gibt es Licht und Schatten. Die künstlerisch anmutenden Charakterkarten und auch die witzigen Spielkarten können voll überzeugen. Für den Spielplan braucht es nicht viel Platz. Entsprechend klein und fummelig sind hingegen die runden Plättchen, die auf dem Spielplan als Figur gezogen werden. Die Abbildungen sind dadurch nicht immer gleich erkennbar. Bestenfalls für ein Taschen- oder Reisespiel wäre das die richtige Größe.

Zusammengenommen trübt das insgesamt zu sehr den Eindruck des eigentlich ganz witzigen Spiels, das man nicht zuletzt wegen seiner übersichtlichen Spieldauer und einfachen Struktur als Absacker spielen könnte. Dabei sollte man mindestens zu viert, besser aber zu sechst am Tisch sitzen. In der Mindestbesetzung von zwei Personen ist das Spiel geradezu unlustig.

Nach den bisherigen Erfahrungen meiner Mitspieler werden Schäferstündchen nur die noch mal mit mir spielen, die das gewisse Unterhaltungspotenzial des Spiels erkannt haben. Das ist schade, aber verständlich.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Spielerzahl: 
2-6
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
10
Spieldauer (Minuten): 
45
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
Spielethema: 
Spielegattung: 
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