Shadowrun: Fronteinsatz

ein spielerischer Artikel von Jörg Deutesfeld - 15.09.2013
Shadowrun: Fronteinsatz
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Die Diplomaten haben versagt, die Konflikte eskalieren. Keine Seite geht einen Schritt zurück – es bleibt nichts als Gewalt: An den Grenzen zwischen Aztlan und Amazonien ist Krieg ausgebrochen. Die Straßen von Bogotá sind umkämpft, Söldner werden angeheuert und sterben, in dunklen Räumen wird Blut geopfert, um Magiern auf dem Schlachtfeld neue Kraft zu geben. Und nun werden auch Runner eingesetzt ...

Der äußere Eindruck: Die solide gebundene Hardcoverausgabe mit 192 Seiten reiht sich mit dem typisch blauen Einband alleine schon rein äußerlich in das neuen Design der Shadowrun-Reihe ein, wobei auch dieser Band in Sachen Verarbeitung den bisherigen Publikationen in nichts nachsteht: Den stabilen Hardcoverband ziert das leicht überarbeitete amerikanische Cover Echo Czernik, auf dem ein Trupp Söldner bei ihrem Absprung in feindliches Gebiet zu sehen sind, die unter Beschuss geraten.

Inhaltlich ist das Layout gewohnt zweispaltig und lässt sich durch seine zweckmäßig angebrachten Überschriften angenehm lesen. Natürlich fehlt es nicht am üblichen Shadowtalk und einigen weiteren Informationen, die zum Teil aus gesonderten Textkästen, sogenannten „Seitenboxen“, bestehen. Die verwendeten Illustrationen sind - wie so oft - von recht unterschiedlicher Qualität, wobei in diesem Band auch einige von deutschen Illustratoren gestaltet wurden. Etwas eindrucksvoller hingegen gestaltet sich der „MIL SpecTech“-Katalog, der sich ungefähr in der Mitte des Bandes befindet und durch sein vollfarbiges Layout das Auge erfreut. Hier wird einiges an Fahrzeugen, Schiffen, Flugzeugen und Waffen präsentiert, die nicht nur das Herz eines gestandenen Söldners höher schlagen lassen – doch dazu später mehr. Die angenehm zu lesende Übersetzung der Texte stammt von Aleksandra Dominiak, Manfred Sanders und André Wiesler.

Als Bonus gibt für die deutsche Ausgabe zusätzliche Texte von Peer Bieber und Heiko Oertel über die Bundeswehr, den Söldnerkonzern MET 2000 und ARGUS. Hier merkt man wieder einmal deutlich, das Pegasus im Rahmen seiner Veröffentlichung nicht einfach nur die amerikanischen Vorlagen übersetzt, sondern auch thematisch ergänzendes Material für seine „einheimischen“ Kunden anbietet.

Der Inhalt: Nach einigen einleitenden Worten gibt es in insgesamt 9 Kapiteln und dem eingefügten „MIL SpecTech“-Katalog“ einiges für den Leser zu erfahren, wobei sich allerdings ein Großteil der Informationen eher an Spielleiter richtet, die auf der Suche nach Hintergrundinformationen sind.

Nützliche Fakten: Den Einstieg macht ein Kapitel mit einer Sammlung von überaus nützlichen Hinweisen über Bogotá, der unter dem Titel „Reiseführer für Geschäftsreisende“ das Wetter, die Einreise, öffentliche Verkehrsmittel, Kommunikation und Unterhaltung, das Thema Gesetz(losigkeit), das vorhandene Pathchwork-Netzwerk, legale Märkte und den Schwarzmarkt behandelt. Ein hilfreicher Einstieg, um sich ein erstes Bild über die Krisen- bzw. Kriegsregion und die vorhandenen Möglichkeiten zu verschaffen.

Bogotás Geschichte: Während die Medien den blutigen Krieg zwischen Amazonien und Aztlan übermäßig vereinfachen, gibt dieses Kapitel einen recht nüchternen und sachlichen Blick auf die Ursprünge des Konfliktes, seine Protagonisten und die Entwicklung bis zur Gegenwart. Natürlich dürfen kritische Äußerungen im Shadowtalk nicht fehlen, so dass man sich selbst auf die Suche nach der „Wahrheit“ machen muss. Hilfreich ist hier eine Seitenbox, die eine Zeittafel präsentiert und so auch den eiligen Leser schnell einen Überblick verschafft.

Bogotás Kultur: Einen Einblick in die Mächte und Gruppierungen, die versuchen die Herrschaft in Bogotá an sich zu reißen ist nur ein Teil dieses recht umfassenden Kapitels, dessen Name vielleicht etwas irreführend ist. Hier werden nicht nur der Besatzer Aztlan vorgestellt, sondern auch die verborgenen Ziele der katholischen Kirche, deren Einfluss man nicht unterschätzen sollte, als auch die kolumbianische Freiheitsbewegung und die Interessen von Konzernen, wie beispielsweise Ares, Saeder-Krupp und Wuxing vorgestellt.

Es gibt eine ganze Reihe von interessanten und schillernden Schlüsselfiguren, deren Einfluss sich auf das tägliche Leben in der Region auswirkt. Diese werden kurz vorgestellt und können somit aktiv in eigene Ideen eingeplant werden, da die Texte, auch wenn sie recht kurz gehalten sind, einiges an Inspiration bieten.

Söldner: Welche Söldnergruppen in der Region operieren, welche potenziellen Arbeitgeber für Runner interessant sein könnten und einige Hintergründe zu möglichen Jobs in Bogotá bietet dieses Kapitel. Neben internationalen Organisationen wie Schwarzer Stern, MET2000, Tsunami, 10.000 Dolche und Combat Inc. werden auch lokale Organisationen vorgestellt, zu denen auf aztlanischer Seite La Estelar Guarda und auf amazonischer Seite Los Mantan Gigantes gehören. Es gibt aber auch Informationen über den Delmeta-Stamm, Runnerrivalen und einige andere Protagonisten in der umkämpften Region.

Der Krieg: In diesem Kapitel dreht sich alles um die Gegenwart im Jahr 2073 in Bogotá und beleuchtet eingehend die Motive der unterschiedlichen einflussreichen Akteure, die Taktik der kleineren Einheiten, als auch die Truppen und Schlachtfelder der Region. Insofern gibt es bei einigen Abschnitten noch einmal bereits bekannte Informationen, auch wenn sich der Blickwinkel auf das Geschehen etwas geändert hat. Für einige dürfte sicherlich auch die Vorstellung der amazonischen Magietradition interessant sein, gibt es hier doch auch konkrete Werte und andere regeltechnische Hinweise.

Etwa deplatziert wirkt hingegen der Abschnitt „Bogotá heute“ in diesem Kapitel, der sich verschiedenen noch nicht erwähnten Aspekten widmet, zu denen kriminelle Gangs, erwähnenswerte Stadtviertel, das Gesundheitswesen oder bekannten Stammtischrevoluzzern widmet. Die Text sind gut und bieten einiges an Möglichkeiten fürs Spiel, doch hätte man diese der Übersichtlichkeit besser auf andere Kapitel verteilt.

Bogotás Stadtteile: Wer in Bogotá arbeiten will oder muss, sollte sich in den verschiedenen und zum Teil ziemlich gefährlichen Stadtteilen gut auskennen. Die vier Sektoren von Bogotá, die Zonas (Zonen),werden in diesem Kapitel mit einigen interessanten Örtlichkeiten, wie Hotels, dem La-Picota-Gefängnis oder der Stierkampfarena Santa Maria vorgestellt. Eine Karte der Stadt gibt es leider nicht und so muss man sich als Spielleiter oder Spieler etwas einfallen lassen, möchte man in den Zonas nicht in den Überblick verlieren. Auch hier muss ich leider wieder nörgeln, hätte man solche Informationen unter Umständen besser in anderen Kapitel aufgegriffen.

Globale Hotspots: Bogotá ist bei weitem nicht der einzige Hotspot auf der Welt an dem sich schnell Geld verdienen läßt und so widmet sich dieses Kapitel noch einigen anderen erwähnenswerten Örtlichkeiten, zu denen das Konzil von Marienbad, die Freie Republik Polen, Somalia, Nepal und Albuquerque gehören. Neben dem üblichen Shadowtalk gibt es einen Überblick über die aktuelle Situation als auch einige knappe Hintergrundinformationen. Mit etwas Kreativität kann man aus den recht knapp gehaltenen Texten unter Umständen einige interessante Aspekte gebrauchen, für ein komplettes Abenteuer sind sie allerdings etwas sehr knapp gehalten.

MIL Spec Tech – Waffenerweiterung für Shadowrun: Als besonderes Schmankerl gibt es in diesem Band den ursprünglich nur als pdf erschienen „MIL SpecTech“-Katalog, der sowohl den Sonderbestellkatalog als auch die „Premium Selections“ von „Ares Arms“ so wie den „Dassault“-Exportkatalog enthält. Und so gibt es auf fast 40 Seiten gepanzerte Fahrzeuge, Kampfpanzer, Flugzeuge, Raketen, Torpedos, Helikopter, Schiffe und einiges an schwerer Artillerie, welche man zwar nicht unbedingt seinen Spieler in die Hand geben sollte, aber mit Sicherheit die bösen Jungs ziemlich gut aussehen lässt.

Heimatfront: Da es sich nicht um eine ausschließliche Übersetzungsarbeit handelt, gibt es einen eigenen Abschnitt, der sich mit dem deutschen Blickwinkel des Militärs auseinandersetzt und den Fokus auf die Mobile Eingreiftruppe 2000 (kurz MET2K) und die Bundeswehr legt. Hier werden Aufstellung, Ausrüstung und Struktur als auch Konzernprofil und Spezialeinheiten nebst aktuellen Entwicklungen vorgestellt. Eine sinnvolle Ergänzung an Hintergrundinformationen, so das dieses Kapitel seinen Namen zurecht trägt.

Spielinformationen: In diesem Kapitel versammeln sich in mehreren Abschnitten einige mehr oder weniger hilfreiche Anregungen zum Thema „Einsatz von Söldnern“. Den Einstieg macht ein Abschnitt über diverse Möglichkeiten für Spielleiter einem Team Jobs anzubieten, die vom einfachen Ablenkungsmanöver über Entführung bis hin zur gezielten Zerstörung von Einrichtungen reichen. Die Abenteuerideen sind kurz skizziert und müßten entsprechend ausgearbeitet werden. Zudem gibt es praktische Hinweise über den Aufbau und die Struktur einer Söldnergruppe und die diversen Möglichkeiten von Militärkampagnen.

Im Abschnitt „Einsatzregeln“ gibt es einige Neuerungen und Ergänzungen zur spieltechnischen Abwicklung von Sperrfeuer, Verteidigung gegen mehrere Angriffe, Erweiterungen zu Granatangriffen aber auch der strategische Kampf mit Fahrzeugen wird vorgestellt. Eine ganze Reihe von vorgefertigten Werten für Nichtspielercharaktere aus dem Genre Militär/Söldner gibt es zudem auch noch.

Was natürlich nicht fehlen darf ist neue Ausrüstung, der sich ein eigener Abschnitt widmet und in dem von Nah- und Fernkampfwaffen über Munition, Sprengstoffe und Bioware eigentlich alles zu finden ist, woran ein Söldner Bedarf hat, wenn es mal wieder brenzlig wird. Die Ausführungen zur Militärgrimoire als auch zu Technomancern hingegen sind mit rund zwei Seiten ziemlich knapp ausgefallen. Hier hätte ich gerne noch etwas mehr gehabt.

Fazit: Die Mischung der Quellenbände ist immer auch ein gutes Stück Geschmackssache. Vielleicht hätte sich der eine oder andere den Schwerpunkt lieber an einem anderen Hotspot als Bogotá gewünscht, aber letztlich war es die Wahl des Verlages. Insgesamt bietet der vorliegende Band sehr gute und zum Teil auch detaillierte Informationen über die Hintergründe des Krieges zwischen Aztlan und Amazonien, als auch über den Abenteuerschauplatz Bogotá. Bedauerlicherweise sind die Texte schlecht angeordnet, so das man oftmals Informationen in gänzlich anderen Kapiteln suchen muss, die thematisch nicht immer passen wollen. Hier hätte man höhere Sorgfalt walten lassen müssen, um den Lesefluss nicht zu stören bzw. das Auffinden von gesuchten Passagen zu vereinfachen. Hinderlich ist dabei auch der fehlende Index, da das Inhaltsverzeichnis (bei aller Ausführlichkeit) nicht immer eine Unterstützung ist.

Wer einen Band sucht, der sich ausschließlich mit Söldnern beschäftigt, dürfte nur bedingt seine Freude haben, da es zwar einige nette Texte zum Thema gibt, die allerdings nicht mit viel Weisheiten weiterhelfen. Interessant sind hingegen einige Abschnitte aus dem Kapitel Spielinformationen, bei denen es um Nichtspielercharaktere und neue Waffen und Ausrüstungsgegenstände geht. Wie man die sehr schönen Vehikel und Sachen aus dem „Katalog“ zum Einsatz bringen kann, mag der Kreativität des Spielleiters überlassen sein. Zumindest besteht jetzt die Möglichkeit den Fuhrpark mit absolut schwerem Gerät zu versorgen.

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