Tides Of Time

Im Strom der Zeit

eine Spielerezension von Alexandra Fauth - 05.05.2016
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Tides Of Time - Fototeile von Pegasus Spiele
Lesezeit: ca. 5 Minuten

„Das ist alles?“, war einer meiner ersten Gedanken, als wir Tides of Time von Kristian Čurla (Pegasus Spiele) das erste Mal ausgepackt haben. Das schlanke Kartenspiel ist wahrlich ein Mikrospiel: nur 18 Karten und 4 Holzmarker finden sich in der kleinen, schön gestalteten Schachtel. Komplexe Kartenspiele sind nichts Neues; ein komplexes Spiel mit nur 18 (!) Karten dagegen schon. Meine Neugier war geweckt.

Kartendrafting im Duell

Der mit dem Kennerspiel des Jahres 2011 7 Wonders von Antoine Bauza (Repos Production)  einer breiteren Spielermasse bekannt gewordene Kartendraftmechanismus bildet das Herzstück von Tides of Time. Statt wie bei 7 Wonders in weitere Spielelemente eingebettet zu sein, stellt er hier den Hauptmechanismus dar und legt somit auch die taktischen Möglichkeiten fest. Beim Kartendrafting werden die Handkarten von Spieler zu Spieler weitergereicht – nachdem jeder eine der Karten für den eigenen Spielzug ausgewählt hat. Man könnte es also als Variante des Deckbaumechanismus bezeichnen (bekannt u. a. aus den Dominion-Spielen von Donald Vaccarino, Hans im Glück - und natürlich von Magic The Gathering in der Turniervariante). Allerdings bauen wir in Tides of Time kein Kartendeck, sondern ein Königreich. Jede der Karten steht für ein Gebäude, das wir in unserer Auslage platzieren. Der Strom der Zeit vergeht und mit ihm die Zivilisationen. Nach drei Epochenrunden, bei denen wir jeweils nur ein Gebäude mit ins nächste Zeitalter nehmen können, endet das Spiel. Ähnlich wie bei 7 Wonders sind die Gebäude verschiedenen Kategorien mit Symbolen zugeordnet (Palast, Bibliothek, Garten, Tempel, Festung). Siegpunkte ergeben sich durch die Angaben auf den Gebäudekarten, die sich vor allem auf Symbolmehrheiten, -anzahl und -kombinationen beziehen (auch das erinnert wiederum an 7 Wonders).

(K)ein 7 Wonders für zwei – für wen ist Tides of Time geeignet?

Der strategische Gehalt von Tides of Time bezieht sich also auf die richtige Kombination an Gebäuden, um so die bestmögliche Siegpunktzahl zu erreichen und dem Gegner zugleich ebendies zu verwehren. Kristian Čurla konzentriert sich auf einen Spielaspekt – das Kartendrafting – und entwickelt daraus ein komplexes Kennerspiel, das trotz schnell erfasster Regeln enorme Spieltiefe aufweist. Tides of Time ist dabei keinesfalls ein reduziertes 7 Wonders noch ein 7 Wonders für zwei (für ein 7 Wonders-Duell gibt es im Übrigen auch 7 Wonders Duel, ebenfalls 2016 erschienen). Trotz aller (auch thematischer) Ähnlichkeiten entwickelt Tides of Time ein völlig anderes Spielgefühl – nicht zuletzt aufgrund der Konzentration auf den Kartendraftmechanismus. Die Symbol-Siegpunkt-Systematik wird durch Karten mit Sonderfunktionen gekonnt aufgelockert. So eröffnen sich weitere taktische Möglichkeiten. Zum Beispiel garantiert das „Königsnest“ dem Spieler den Sieg bei allen Gleichständen – eine sehr mächtige Karte, die teilweise überraschende Überlegungen und schwierige Abwägungen ins Spiel bringt. Dass die 18 Karten in jeder Partie ausnahmslos zum Einsatz kommen, macht Tides of Time sehr planbar und damit strategisch. Während sich 7 Wonders an Familien und Gelegenheitsspieler ebenso wie an Vielspieler wendet, ist Tides of Time nicht zuletzt aufgrund des fehlenden Glücksfaktors klar im Bereich der Kennerspiele verortet. Daher ist auch die Altersangabe ab 8 Jahren eher kritisch zu sehen. Natürlich werden Kinder dieses Alters die Regeln verstehen und umsetzen können; allerdings wird ein so stark strategisch angelegtes, in seinen Mechanismen eher nüchternes Spiel nicht jedes Kind ansprechen. Ich würde, ebenso wie die meisten meiner Mitspieler, Tides of Time eher ab einem Alter von 10 Jahren einordnen; allerdings hängt dies natürlich immer auch von Spielerfahrung  und –vorliebe des Kindes ab.

Im Strom der Zeit – atmosphärische Strategie oder strategische Atmosphäre?

Von allen Spielmechanismen abgesehen gelingt es Tides of Time, die Spieler in eine andere Welt zu entführen – vor allem aufgrund der wunderschönen Illustrationen von Rafael Szyma.  Bereits vor der ersten Partie locken die relativ großen, hochwertigen Karten mit den detailreichen Bildern. Auch dramaturgisch gelingt es, eine fantastische Atmosphäre zu schaffen; minimalistisch aber effektvoll anhand der Bezeichnungen der Gebäude. Namen wie „Die Himmelssäulen“, „Das Auge des Nordens“ und „Der Ewige Palast“ entführen die Spieler von Beginn an in eine mystische Welt großer Königreiche. Leider spielt sich Tides of Time trotz des großen Potenzials nicht so atmosphärisch wie die fantastische Gestaltung zu Beginn vermuten lässt. Die hohe Planbarkeit bringt eine starke Komponente nicht nur vorauszuplanender Spielzüge, sondern auch zu merkender Karten ins Spiel. In einem Zwei-Personen-Spiel beinhaltet Kartendrafting automatisch die genaue Berechnung der Kartenwahl des Gegners. Dies gelingt nur, wenn man sich die verbliebenen Karten einprägt, bevor man sie weiterreicht. Eine solche strategische Planung – die spätestens, wenn der Gegner sie einsetzt, unumgänglich ist – mindert die Atmosphäre des Spiels merklich ab. Sich in eine andere Welt zu versetzen fällt schwer, wenn man 18 Karten im Blick und im Kopf behalten muss und gleichzeitig eigene Züge vorausplanen sowie gegnerische Züge vorausahnen muss. Wir haben versucht, diesen Gedächtnis-Aspekt ein wenig abzuschwächen, indem wir Listen der abzugebenden Kartenhand geführt haben – das führte jedoch nur zu noch mehr nüchternen, rein intellektuellen Aspekten. Bei diesem Punkt stellt sich jedoch auch die Frage, ob nicht vielleicht doch gerade Kinder ab 8 Jahren einen gewissen Vorteil bei Tides of Time haben; schließlich sind Kinder wahre Meister bei Gedächtnisspielen wie Memory und mögen diese Spiele meist gerne.

Sicherlich kann Tides of Times auch ohne größere strategische Planung bei beiden Spielern gespielt werden – allerdings ginge dabei das gesamte Spielprinzip verloren. Tides of Time lebt von seiner strategischen Komplexität, vom Taktieren und vom Einschätzen des Gegners. Dabei ist es ein Mikrospiel im Wortsinne: Wenig Spielmaterial, kurze Spieldauer, leicht verständliche, knappe Regeln – ein Spiel, an dem alles „mikro“ und doch irgendwie „makro“ ist. Kartenspiele zu großen, mehr oder weniger komplexen Brettspielen sind momentan ebenso Trend wie Duell-Spiele zu Mehr-Personen-Spielen – man denke etwa an die Kartenspiele zu Broom Service und Die Burgen von Burgund (beide alea Spiele) oder Glück auf und Junta (beide Pegasus Spiele) sowie an 7 Wonders Duel (Repos Production). Tides of Time allerdings braucht kein großes, komplexes Brettspiel, an das es sich anlehnen kann. Im Gegenteil steht es für sich und ist dennoch - oder gerade deshalb? - ein anspruchsvolles Kennerkartenspiel, das sich trotz der kurzen Spieldauer eher nach einem „großen“ Brettspiel anfühlt.

Für Eilige: Tides of Time in zwei Sätzen

Das Feeling eines komplexen Strategiespiels in nur 20 Minuten, das ist es, was Tides of Time besonders macht. Gelänge es jetzt noch, den Memory-Aspekt abzuschwächen und die an sich außerordentlich gelungene Atmosphäre trotz der (für manchen zu) strategischen und dadurch etwas nüchternen Grundstimmung wirken zu lassen, wäre Tides of Time ein mehr als herausragendes Spiel.

Spieleinfo

Verlagsangaben
Spieletitel: 
Spieleautor: 
Grafik: 
Spielerzahl: 
2
Altersempfehlung (ab bzw. von/bis Jahre): 
8
Spieldauer (Minuten): 
15-20
Jahrgang: 
2015
Spielkategorisierung
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