Traveller - Spinwärts-Marken

ein Spiele-Artikel von Jörg Deutesfeld - 18.09.2009
Lesezeit: ca. 7 Minuten

„Das Original-Setting für Traveller, die Spinwärts-Marken, sind ein Bereich an der äußersten Grenze des Imperialen Gebiets. Dieser Sektor ist einer der unberechenbarsten Sektoren überhaupt. Gewaltige interstellare Kriege haben Spuren in der Geschichte der Region hinterlassen, und die Gewinner stehen immer noch nicht fest – bislang. Die Marken sind im gesamten Imperialen Raum unübertroffen, wenn man Abenteuer erleben will. Es gibt genug 'Interessen', denen man in den Marken nachgehen kann, und eine Gruppe Welttraumreisender kann hier durchaus genug Beschäftigung für viele Jahre finden.“

Wer das Traveller-Grundregelwerk sein eigen nennt, hat bedauerlicherweise nicht sonderlich viele Informationen über den Aufbau und die Struktur des Dritten Imperiums in seiner Hand, geschweige denn über das Universum von Traveller. Um diese Lücke zu schließen gibt es nunmehr Spinwärts-Marken, die den Spieler mit allen notwendigen Daten, Fakten und spieltechnischen Hinweisen versorgen soll.

Der äußere Eindruck. Im Gegensatz zum Grundregelwerk erscheint dieser Hardcoverband nicht gänzlich in Schwarz, sondern mit einem schön gestalteten Cover von Ben Wootton, das bereits einen kleinen Vorgeschmack auf die Welt der Spinwärts-Marken gibt: Eine belebte Szene eines Raumhafens mit einer Gruppe von Abenteurern, die den unterschiedlichen Rassen angehören und vor einem startenden Scout Typ S stehen. Ebenso wie beim Grundregelwerk folgt auch hier der Verlag wieder der englischen Neuausgabe, so wie sich insgesamt auch das Innenleben weitestgehend am Layout des Lizenzgebers Mongoose Publishing orientiert.

Eine robuste Fadenbindung in Kombination mit solidem Hochglanzpapier (nebst dem von mir immer wieder hochgeschätzten Lesebändchen) zeugen auch weiterhin von haltbarer Qualität, die allen Widrigkeiten sicherlich mit Bravour standhält.

Der Textaufbau der 144 Seiten ist zweispaltig und mit einigen sparsam eingesetzten Schwarz-weiß-Illustrationen aufgelockert, wobei und die Überschriften und Zwischenüberschriften den Text sinnvoll gliedern. Die Illustrationen bewegen sich von ihrer Qualität in der Bandbreite von „furchtbar“ bis „richtig gut“ und stammen von Andrew Dobell, Phil Renne, Carlos Nunez de Castro Torres und Linda Pitman. Das Kartenmaterial zu den Spinwärts-Marken ist im gewohnt sachlich schlichten Stil von Traveller gehalten und gestalterisch sicherlich keine Augenweide – hier steht eine einfache und schnelle Handhabung im Vordergrund.

Zur Verbesserung der Orientierung gibt es in der Fußzeile die Wiedergabe der Kapitelüberschrift bzw. bei den Subsektoren die jeweilige Bezeichnung. Ein guter und überaus hilfreicher Index am Ende des Bandes rundet diesen Quellenband ab.

Zum Inhalt. Den Auftakt macht eine Einführung, die sich insbesondere mit einigen Konzepten und Begrifflichkeiten auseinandersetzt, die bei Traveller als Standard gelten. Hier gibt es einige lesenswerte Ausführungen zum Thema kartographierter Weltraum, Richtungsangaben und Entfernungen im Weltraum, astrographische Merkmale, Sternensysteme und Hauptwelten als auch Sternenhäfen, Währungen, Sprache und Freihändler. Natürlich gibt es auch noch einen ausführlichen Blick auf die anderen Spezies, die neben den Menschen die Spinwärts-Marken und den kartographierten Weltraum bevölkern. Insofern gibt eine gelungene Darstellung der drei Hauptrassen und einige ausgesuchte Nebenrassen wie die Aslan, Droyne, Hiver, K’Kree und Vargr, denen die Charaktere im laufe des Spiels begegnen können.

Im Kapitel „Das Dritte Imperium“ dreht sich – wie der Name auch unschwer vermuten lässt – alles um die Geschichte des III. Imperiums. Hierbei wird die Perspektive auf die historische Entwicklung gelegt, sodass der Leser die einzelnen Entwicklungsphasen der Imperien bis zum heutigen Tag nachvollziehen kann. Insofern wird hier ein gut Stück weit Grundwissen vermittelt, da sich ohne jegliche Kenntnis der Geschichte des Imperiums sich das Spiel in Traveller als äußerst schwierig gestaltet.

In einem weiteren Abschnitt wird das Imperiale System vorgestellt und der Text spannt einen weiten Bogen über die planetaren Streitkräfte des dritten Imperiums, über die wichtigsten Megakonzerne, den imperialen Adel, die imperialen Streitkräften (nebst Informationen über Raumflotte, Kolonialflotte, Marineinfanterie und vieles mehr), den imperialen Behörden und einige andere interessante Gruppen wie beispielsweise Piraten, Terroristen und Kriminelle.
Insgesamt mehr als genug Informationen, insbesondere im Bereich des Adels, die jeden Wissbegierigen mit ihren Ausführungen sicherlich mehr als zufriedenstellen und die Lücke des Grundregelwerks, in dem nicht sonderlich viel zu diesen Bereichen ausgeführt war, hervorragend schließt.

Das Kapitel über die „Spinwärts-Marken“ beleuchtet noch einmal genauer die historische Entwicklung dieses fast schon als einzigartig zu bezeichnenden Sektors, der nicht zuletzt aufgrund seiner Lage in einer schwierigen Grenzregion des Imperiums überaus interessant als Hintergrund für das Ansiedeln von Abenteuern ist. Und auch hier gilt – die Ausführungen des Textes lassen eigentlich keine Fragen offen, ganz im Gegenteil. Seien es Staaten und Völker der Marken, die Stellung des Imperiums oder der Megakonzerne in den Marken bis hin zu Psionischen Instituten und der anzutreffenden Technologie.

Mehr Details über die vorhandenen „Subsektoren der Spinwärts-Marken“ erfährt der Leser im gleichnamigen, fast 70 Seiten langen Kapitel des Quellenbandes. Die Spinwärts-Marken verwenden das gleiche universelle Weltprofil, wie es auch im Traveller Grundregelwerk vorgestellt wurde, allerdings mit einigen kleinen Anpassungen, die erläutert werden.

In diesem Kapitel werden alle sechzehn Subsektoren vorgestellt und jeweils zwei wichtige Welten dann nochmals genauer beschrieben. Durch die detailliert beschriebenen Welten können sich sowohl der Spielleiter (als natürlich auch die Spieler) ein gutes Bild vom Hintergrund des jeweiligen Subsektors machen und nicht zuletzt auch durch die Texte eine Fülle von Ideen für eigene Abenteuer erhalten. Das ermöglicht eigentlich jedem Spielleiter, einen passenden Subsektor für seine Abenteueridee zu finden, da man von politischen Machenschaften bis hin zu Konzernkriegen eigentlich alle nur denkbaren Konstellationen an Ideen verwirklichen kann.

Zum Schluss gibt es noch einige Seiten mit Vorschlägen für mögliche Abenteuern in den Spinwärts Marken, die mit ihren grundlegenden Abenteuertypen so wie Vor- und Nachteilen vorgestellt werden. Hier dürfte für die Belange jeder Rollenspielrunde mehr als genug Material vorhanden, sei es nun mehr eine Orientierung in Richtung Händler oder aber auch mehr kampforientiertes Rollenspiel. Interessant in diesem Zusammenhang dürften auch die Ausführungen zum Thema Technologie bei Traveller sein. Hier wird noch einmal deutlich gemacht, das es zwar eine Fülle von technischen Hilfsmitteln gibt, es aber um äußerst bodenständige Science-Fiction handelt, bei der das Handeln von Menschen weiterhin im Vordergrund steht und die Regeln der Physik nicht gänzlich auf den Kopf gestellt werden.

Fazit. Insgesamt gibt es an diesem Quellenband nur sehr wenig Negatives zu bemerken, da an der Fülle von Hintergrundinformationen über die Spinwärts-Marken und das III. Imperium mit Sicherheit kaum eine Frage offen bleibt. Zwar wird nicht jeder Bereich bis ins letzte Detail beschrieben, doch für einen ersten großen Überblick ist man mit mehr ausreichend Informationen ausgestattet. Die Texte selbst sind unterhaltsam und recht kurzweilig geschrieben, sodass man trotz der Fülle von Informationen nicht den Eindruck bekommt, es handele sich lediglich um eine bloße Zusammenstellung von Daten und Fakten, wobei sicherlich auch die gelungene Übersetzung von Sascha Lübke und Daniel Mayer eine große Rolle spielt. Auch die grob skizzierten Vorschläge für mögliche Abenteuer in den Spinwärts-Marken sind hilfreich, selbst wenn man hierfür natürlich als Spielleiter zur eigenen Aufbereitung etwas Zeit und Arbeit investieren muss.

Einen Kritikpunkt habe ich allerdings noch zur Übersichtskarte der Spinwärts-Marken anzubringen: Hier wäre es schöner gewesen, eine Gesamtübersicht aller 16 Subsektoren auf einer großen Faltkarte dem Quellenband beizufügen, als diese auf eine A4-Seite zu pressen, auf der letztlich außer einigen schwarzen kleinen Punkten und einem Raster kaum noch etwas zu erkennen ist. Vielleicht eine kleine Anregung an den Verlag, eine große Faltkarte ins lieferbare Sortiment mit aufzunehmen.

Der vorgelegte Quellenband dürfte auf viele Leser (wobei ich insbesondere die Neueinsteiger meine) zunächst etwas spröde und nüchtern wirken, da die Illustrationen nur mäßig und die Länge der Texte sehr umfangreich sind. Wer sich allerdings auf die Philosophie von Traveller einlässt, wird über die spielerischen Möglichkeiten erstaunt sein, die dieses System bietet.
Veteranen des Spiels dürften in dieser überarbeiteten Neuauflage dieses Quellenbandes nicht sonderlich viel Neues oder Aufregendes finden, doch dürfte sich auch für diese die Anschaffung lohnen, da es für einen recht günstigen Preis eine gut verarbeitete Neuauflage eines Klassikers gibt. Unterm Strich kann ich eigentlich nur jedem, der bei Traveller einsteigen möchte und mehr über die Hintergründe dieses Systems erfahren möchte, diesen Quellenband nur wärmstens empfehlen.

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