Sagen Euch die Begriffe Backlog, Sprint oder Pitch etwas? Vermutlich hattet Ihr dann schon mal etwas mit agilem Projektmanagement zu tun oder seid womöglich mitten im Thema? Dann seid Ihr hier schon mal richtig, denn bei Agile Unicorn, dem „Kartenspiel für IT-Geschädigte“ von Daniel Pozzi, Leif Warnecke und Tobias Bergmann im Eigenverlag, muss man zwar nicht IT-Affin sein, um Spaß zu haben, aber es hilft.
Unser Spielgefühl aus dem Frühjahr 2025 beschrieb anhand des Prototyps schon einmal recht gut, was das fertige Spiel nun ausmacht.
Nichts für Feenliebhaber
Zwei bis fünf (mit beiliegender Erweiterung sechs) Projektmanager wollen ein Projektteam zusammenbauen, um ihr Unicorn aus der Wiege zu heben. Aber nochmal zur Klarstellung: In der kleinen Spielschachtel sucht man vergebens die friedfertigen Fabelwesen. Vielmehr geht es um die erfolgreiche Gründung eines Startups, und zwar mittels der agilen Arbeitsweise.
So wird Agile Unicorn gespielt
Jeder Spieler hat ein Basisteam von drei Mitgliedern. Im Laufe mehrerer Runden können die Spieler weitere Teammitglieder anwerben. Darüber hinaus gibt es Maßnahmen und Ereignisse, die dem eigenen Team Beine machen und die Konkurrenz ausstechen sollen. Friedliche und weniger populäre, wenngleich wirksame.
In der Tischmitte liegt eine Karte mehr aus als Spieler am Tisch sitzen, zwei offen, der Rest verdeckt. Auf die erste offene Karte wird nun mit den Teammitgliedern von der Hand geboten. Jeder spielt eine ihm genehme Anzahl seiner Teammitglieder verdeckt aus. Nacheinander, nicht gleichzeitig, sodass jeder schon anhand der vermuteten Konkurrenz entscheiden kann, ob er mitbietet. Haben alle geboten, wird aufgedeckt. Die Teammitglieder sind unterschiedlich stark, was durch ein bis vier Würfelsymbole auf den Karten angezeigt wird. Außerdem wirken zusätzliche Symbole auf das Würfelergebnis ein.

Kartengezanke
Doch bevor jeder mit der ihm zur Verfügung stehenden Anzahl Würfel würfelt, können alle Spieler Event-Karten spielen, mit denen sie dem Gegner noch in die Parade fahren wollen: Ein Würfel weniger, -5 vom Würfelergebnis abziehen, ein Teammitglied zurücknehmen sind noch die harmloseren Maßnahmen. Auch für das eigene Team gibt es Events, die sozusagen das Gegenteil der negativen Events bewirken können. Das geht so lange, bis keiner mehr Events spielen möchte. Dann wird gewürfelt.
Und erneut können die Spieler Karten ausspielen, um das Würfelergebnis zu manipulieren. Diese Karten sind jedoch harmloser, dafür darf man sie nach dem Ausspielen behalten, während man die Event-Karten abgeben muss.

Erst wenn auch diese Kartenrunde mangels Karten oder Interesse endet, steht das Ergebnis fest. Der Gewinner erhält die Karte, um die gekämpft wurde. Er kann sie ab der nächsten Runde einsetzen. So wird die ganze Kartenreihe durchgespielt und es geht in die nächste Runde.
Unter den Karten, die man gewinnt, sind neben neuen Teammitgliedern und Effektkarten auch Story-Karten. Sie sind das, worum es schließlich geht: Siegpunktkarten. Wer zuerst eine anfangs vereinbarte Punktezahl erreicht, gewinnt.
Live and let die
Wie schon in unserem Spielgefühl zu Agile Unicorn deutlich anklang, ist es ein Spiel, das von der Interaktion lebt, sich gegenseitig ausstechen zu wollen. Da das mit Würfeln allein selten gut genug klappt, sind es die beiden Kartenrunden vor und nach dem Würfeln, die einer Partie Leben einhauchen. Je lebhafter und rücksichtsloser man hier aufeinander losgeht, desto turbulenter geht es zu. Und das ist dann vor allem lustig – wenngleich nicht für alle gleichermaßen. Wenn es einem zu blöd wird, schickt man ein Team gleich ganz nach Hause – und wenn es das eigene ist. Zumindest hat man seine Teammitglieder damit für spätere Duelle geschont. Aber selbst dagegen kann der Gegner etwas haben (eine Karte zum Beispiel) und dann wird der zum Party-Crasher.
Glücklich ist, wer sich das Gezanke als Unbeteiligter ansieht und die nächste(n) Karte(n) dann mit wenig Gegenwehr für sich verbucht. Das erdet auch die anderen wieder.

Die Spielkarten von Agile Unicorn sind witzig gestaltet und von guter Qualität. Die kurzen Kartentexte in Verbindung mit den humoristischen Grafiken sind herrlich ironisch, fast schon Memes in Spielkartenform. Ebenso ansprechend sind die Würfel in Glitzeroptik. Eine Spielanleitung in Papierform sucht man jedoch vergebens. Dafür führt einen ein QR-Code ins Internet. Sicher von Vorteil, sofern man mit Fehlern oder Nachbesserungen gerechnet hat. Doch seit der Einführung im Herbst 2025 hat es gerade mal zwei kleine Veränderungen gegeben (Stand 05/2026). So richtig praktisch ist das dennoch nicht, und man muss überhaupt auch online sein können bzw. sich die Anleitung ausdrucken (oder die Regeln kennen).
Ein Spiel gefangen im Körper eines Business Case
Wie erwähnt ist es tatsächlich von Vorteil, wenn man die für agile Projekte typischen Begriffe wie Backlog, Sprint etc. kennt. Ich kann verstehen, dass die Autoren, die offenbar in der IT-geprägten Welt von agilem Arbeiten verwurzelt sind, dem Spiel sehr viel davon mitgeben wollten und sich dies im Sprech der Anleitung niederschlägt. Rein thematisch betrachtet gelingt die Einstimmung damit auch gut. Doch nicht nur projektunerfahrene Spieler tun sich mit der Transferleistung deutlich schwerer, das Business Vocabulary auf die vergleichsweise profane Ebene einer Spielregelsprache zu übertragen, in der es verständlicher ist, um eine Karte in der Auslage zu kämpfen, anstatt einen Sprint im Backlog zu pitchen. Die Zielgruppe ist sicher größer als die der IT-Nerds.

In Maximalbesetzung kommt Agile Unicorn richtig auf Touren. Immer vorausgesetzt, die Spieler sind bereit, sich gegenseitig zu kabbeln. Zu zweit fehlt es hingegen an allem, was ein interaktives Spiel braucht. Vor allem Konkurrenz. Eine gute halbe Stunde hält man das aus. Dann darf es auch wieder friedlicher mit etwas anderem weitergehen.
