Der belgische Verlag Game Brewer hat einige beliebte Brettspiele im Programm gehabt, die häufig im mittleren bis hohen Komplexitätsbereich zu finden waren. Im Sommer 2024 stellte der Verlag auf Grund finanzieller Probleme seine Tätigkeit ein. Letzte Crowdfunding-Titel wurden zum Glück für die Unterstützenden noch fertiggestellt. Einer dieser Titel ist Algae Inc. von Julia Thiemann und Christoph Waage, das seit dem vergangenen Jahr dank der Spieleschmiede auch auf Deutsch bei Giant Roc erhältlich ist.
Worum geht es beim Brettspiel Algae Inc.?
„Algen, die oft als die unbesungenen Helden der Natur gelten, sind eine vielfältige Gruppe photosynthetischer Organismen, die weltweit in verschiedensten Gewässern vorkommen. Von mikroskopisch kleinen Einzellern bis hin zu komplexen vielzelligen Algen spielen sie eine wichtige Rolle in Ökosystemen und tragen zur Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffbindung und zum Nährstoffkreislauf bei. Die Bedeutung der Algen geht jedoch weit über das ökologische Gleichgewicht hinaus, denn durch deren technologische Entwicklung wurden sie zu einer wertvollen Ressource für eine Vielzahl von industriellen Anwendungen.“

Soweit der einleitende Text auf der Giant-Roc-Website zum Thema und Hintergrund des Spiels. Die Spielenden übernehmen in Algae Inc. die Leitung einer Abteilung eines offensichtlich sehr breit aufgestellten Riesenkonzerns. Kosmetik, Lebensmittel, Plastik oder Kraftstoff sollen von den einzelnen, spezialisierten Abteilungen möglichst effektiv hergestellt werden, damit sie alleine die „Abteilung des Monats“ werden.
Wie die vier unterschiedlichen Abteilungen schon vermuten lassen, handelt es sich bei Algae Inc. um ein Spiel mit asymmetrischen Fraktionen, die alle anders funktionieren, aber auf den gleichen zentralen Spielprinzipien aufbauen. Auf Grund des Umfangs der Regeln (40 Seiten plus je 4 Seiten pro Abteilung) beschränke ich mich hier auf einen sehr groben generellen Überblick.
Ist der Montagmorgen doch besser als sein Ruf?
Die vier Runden (Wochen des Monats) laufen alle gleich ab und strukturieren eine Partie sehr übersichtlich. Am „Montagmorgen“ gibt es Einkommen in Form von Geld und/oder Siegpunkten in Abhängigkeit von den noch vorhandenen Exportplättchen, die man in der Arbeitswoche alternativ für Aktionen ausgeben kann. Zusätzlich gibt es noch Einkommen in Form von Algen (für Logistiker), Bewegung für Algen (für Ingenieure) und Wissen (für Wissenschaftler).
In der Arbeitswoche folgen dann fünf Aktionen. Diese werden auf dem Aktionstableau, das aus mehreren variabel gelegten Streifen besteht, ausgewählt. Man startet auf einem Feld auf dem untersten Streifen. Für die nächste Aktion stehen dann nur Aktionen auf dem nächsten Streifen zur Verfügung, die über einen Weg mit der Aktion des vorherigen Zuges verbunden sind.
Die Aktionen gehören alle einer von drei möglichen Arten an. Entweder stellt man eine neue Arbeitskraft ein (mehr Arbeitskräfte = mehr Möglichkeiten), aktiviert ein Team, das aus Arbeitskräften einer Art besteht, oder man aktiviert eine der drei Maschinen, um die Produktion voranzutreiben.
Logistiker erlauben neben dem Erhalt neuer Algen als zweite Option das Exportieren von Produkten auf dem zentralen Spielplan, wenn die Fertigprodukte den Mindest-Bedarfswert der jeweiligen Stadt erfüllen. Zudem dürfen alle Abteilungen einmal pro Spiel ihren persönlichen Exportauftrag erfüllen.
Ingenieure und Wissenschaftler helfen dabei, das eigene Tableau zu verbessern und so die Produktion von Produkten effektiver und lukrativer zu gestalten, indem man mit ihnen die Technik-, Kombo- oder Wissenschaftsplättchen entfernt bzw. (neu) auf dem Tableau platziert.
Mit den Maschinen bewegen sich die Algen durch die eigene Fabrik und werden von drei verschiedenen Maschinen zu den jeweiligen Fertigprodukten der Abteilung verarbeitet. Auf dem Weg fallen Nebenprodukte ab, die sich ebenfalls nutzen lassen.
Am Wochenende gibt es einen Bonus in Abhängigkeit davon, wie gut man mit der eigenen Energie gehaushaltet hat. Zudem wird ein Teil des Aktionstableaus umgedreht, sodass während einer Partie die Aktionen und ihre möglichen Kombinationen durchwechseln.
Wertung und der Solomodus
Nach der fünften Runde gibt es eine Schlusswertung bei Algae Inc., in der erreichte Meilensteine wieder in Abhängigkeit von der übrigen Energie gewertet werden, sowie Punkte für die Exportplättchen, die gepuzzelten Wissenschaftsplättchen und den persönlichen Auftrag.
Algae Inc. bietet auch einen Solomodus. In dem spielt man aber (wie eigentlich auch im Mehrpersonenspiel) gänzlich solitär und hat nur einen minimal agierenden Bot.
Das Fazit zu Algae Inc.
Was in dem rudimentären Regelüberblick sicher nur ansatzweise rüberkommen kann, ist: Algae Inc. ist ein absolutes Expertenspiel, das das Engine-Building (bzw. Fabrik-Building) ins Zentrum stellt. Dabei bleibt es bei der Menge unterschiedlicher Spielmechaniken für ein modernes Eurogame fast schon zurückhaltend.
Spielmechanisch gibt sich das Spiel erstaunlich fokussiert eben genau auf diesen Aufbau-Anteil.
Einfacher Ablauf, lange Erklärung
Den grundlegenden Ablauf von Algae Inc. zu verstehen, ist dank der fantastisch geschriebenen Regeln wirklich einfach möglich. Bevor man sich nach dem Regelstudium ins Spiel stürzen kann, wartet allerdings noch der Aufbau und, wenn nicht alle Spielenden das Spiel schon kennen, eine Erklärung, die wegen der asymmetrischen Abteilungen recht zäh wird. Auch der Spielaufbau braucht wirklich lang, was einfach an der großen Menge loser und variabler Elemente liegt. Leider fühlen sich diese Elemente (z. B. Aktionstableau oder Abteilungen) zum Teil nicht wirklich nach mehr Variabilität, sondern eher nach einfach nur mehr Aufwand an.
Kritik am Aktionstableau
Das Aktionstableau ist ein Aspekt, der mir nicht so wirklich gefällt. Auch wenn die Idee, die ganze Woche quasi im Voraus zu planen, im Kern vielleicht gut klingt, ist sie ein absoluter AP-Albtraum. Allein wegen dieser Aktionsauswahl und der generell solitären Art des Spiels würde ich Algae Inc. auch nicht mit mehr als drei Personen spielen. Zwar entsteht mit mehr Personen etwas mehr Wettbewerb beim Export, doch dieser für mich minimale Mehrwert rechtfertigt dann aber nicht die 30 und mehr Minuten, die pro Person dazukommen.
Die Ressourcenknappheit verursacht ein unbefriedigendes Gefühl
Das Gesamtpuzzle rund um die Algen und die verschiedenen Produkte ist definitiv herausfordernd und lebt von der Knappheit der Ressourcen. Leider ist dieses in seiner Gesamtheit nie wirklich befriedigend, sondern eher frustrierend, da viel auch auf der Strecke bleibt. Man wird zwar über mehrere Partien deutlich effektiver, aber das unbefriedigende Gefühl konnte auch dann nicht ganz verschwinden. Es hilft dabei auch nicht, dass sich im Endeffekt die unterschiedlichen Abteilungen trotz all ihrer Unterschiede doch zu gleich anfühlen, als dass sie den großen Mehraufwand beim Lernen des Spiels rechtfertigen könnten.
Abgesehen vom Spielerischen kann Algae Inc. mit solidem Material, das alleine in seiner Fülle den Preis des Spiels rechtfertigen dürfte, punkten. Was mir auf der anderen Seite wieder nicht gefällt, ist die Optik. Nicht nur weil es ein Eurogame ist, wirkt alles auf dem Tisch absolut leblos und verliert sich komplett in der abstrakten Spielmechanik. Viel ist recht steril gestaltet und in blassen Farben gehalten. Dem entgegenstehen die fast schon karikaturistisch anmutenden Plättchen der Arbeitskräfte. Abgesehen davon gibt Algae Inc. aber trotzdem ein stimmiges, wenn auch optisch langweiliges Bild ab.
Solide, klar designt, aber zu großer Aufwand

Algae Inc. würde ich nicht als schlechtes Spiel bezeichnen, denn spielmechanisch ist es sehr solide und vor allem klar designt. Aber trotzdem ist es für mich den sehr großen Aufwand nicht wert, den es nun mal braucht, um das Spiel auf den Tisch zu bringen. Dies zieht sich vom kleinteiligen Aufbau über die aufwändige Regelerklärung bis hin zur langen Spielzeit, die eigentlich immer über der auf der Box angegebenen Zeit liegen dürfte. Wer für eine regelmäßige Gruppe ein Spiel sucht, in das man sich in mehreren Partien wirklich „eingraben“ möchte, könnte aber mit Algae Inc. doch richtig liegen.
