Spieletitel sind ja oft so eine Sache. Im besten Fall setzen sie zusammen mit der Schachtelgrafik das Kopfkino in Gang. Dann freut man sich auf das, was einem im Idealfall noch bevorstehen wird. Oder aber sie lassen das Interesse derart sinken, dass es anschliessend nur schwer wieder geweckt werden kann. Wenn überhaupt. Und gelegentlich gibt es Überraschungen. Positive wie auch andere. Bei Der rote Faden – Im Schatten des Tigers von Julien und Tom Prothière (Pegasus Spiele) dagegen ist von Anfang an alles klar.
Spielregeln: So funktioniert Der rote Faden – Im Schatten des Tigers
Hier weiss man, was kommen wird, nachdem schon auf der Schachtel draussen klar gesagt wird, um was es drinnen geht. Nämlich um den titelgebenden roten Faden, der sich durch eine Geschichte zieht, die wir miteinander entdecken und verstehen sollen und so gewissermassen nacherleben werden. Diese Geschichte ist auf 48 Bildkarten dargestellt, die in vier Kapitel aufgeteilt sind. Jedes der Kapitel dauert rund 20 – 30 Minuten und lebt von der Fantasie und Aufmerksamkeit der Teilnehmenden. Wir haben gemeinsam die Aufgabe, die Karten in der richtigen Reihenfolge in der Tischmitte auszulegen. Allerdings dürfen dabei die Karten einander nicht gezeigt werden. Es gilt also, die jeweiligen Bildinhalte so zu beschreiben, dass die übrigen Mitwirkenden einen Eindruck erhalten, was die Karten zu erzählen haben und in welcher Reihenfolge sie zueinander stehen könnten.
Eine der Karten ist dabei als Start-Geschichtenkarte gekennzeichnet und wird als erste in der Tischmitte ausgelegt. Alle übrigen des laufenden Kapitels werden gemischt und gleichmässig verteilt. Die Startkarte bildet dabei den Ausgangspunkt für unseren Weg durch die ganze Abfolge der Ereignisse. Sie muss jedoch nicht zwingend am Anfang oder Ende des jeweiligen Kapitels stehen.
Bei Der rote Faden – Im Schatten des Tigers geht es darum, das Geschehen zu verstehen
Alles weitere ist anschliessend eine Frage der Empathie und des möglichen Verständnisses des zuerst noch Unbekannten. Wir gruppieren die eigenen Karten vorerst in der Hand und geben dann erste Beschreibungen ab. Zuerst am besten noch sehr allgemein und in groben Kategorien; später dann aber immer präziser und auf Details eingehend. Denn diese können möglicherweise entscheidend sein für das Verständnis des Geschehens. Dabei dürfen auch Rückfragen gestellt werden und es kann auch sinnvoll sein auszutauschen, wie die Szenen auf den Karten auf uns bzw. mich wirken und welche Gefühle sie auslösen.

Diskussionen um die Geschichte
Plötzlich beginnen wir auch Einzelheiten zu achten, die beim ersten Blick verborgen blieben, inzwischen aber Bedeutung erhalten haben. Wir diskutieren gemeinsam, was sie aussagen und welchen Platz sie in der Geschichte haben könnten. Auf einmal beginnt die Szenerie zu leben und wir tauchen gemeinsam darin ein. Und dann finden wir idealerweise auch gemeinsam raus, welche der Karten sinnvollerweise als nächste abgelegt werden könnte und sollte.
Bei all dem gibt es keine fixe Spielreihenfolge. Zu beachten ist einfach, dass neue Karten nur an den Enden der Auslage hinzugefügt werden dürfen. Also nie zwischen zwei bereits ausliegende Karten. Entsprechend sorgfältig gilt es daher zu überlegen, ob es Konflikte oder andere Ungereimtheiten mit weiteren Karten geben und wie darauf reagiert werden könnte.
Sollte es später dennoch Korrekturbedarf geben, kann einer von insgesamt drei Spezialmarkern auf der jeweiligen Karte abgelegt werden. Diese darf später jederzeit und nach Belieben in der Auslage verschoben und allenfalls auch zwischen zwei andere Karten eingefügt werden. Selbst vier oder mehr Anpassungen sind möglich, haben dann aber Minuspunkte bei der Schlusswertung zur Folge.
Am Ende wird erzählt
Sind alle 13 Geschichtenkarten abgelegt, soll jemand aus der Runde die ganze Geschichte anhand der Auslage erzählen. Dies ist zugleich die letzte Gelegenheit, um allfällige Unebenheiten zu beseitigen und Karten umzuplatzieren. Anschliessend wird anhand von drei Lösungskarten geprüft, ob die Reihenfolge unserer Auslage stimmt oder ob es Fehler zu vermerken gibt.
Gegebenenfalls kann dann gleich das nächste Kapitel gestartet werden, falls das gewünscht und möglich ist. (Erst) am Ende des vierten Kapitels zeigt schliesslich eine kleine Wertungsübersicht, wie wir uns als Gruppe beim Entdecken und Nacherzählen der zusammenhängenden, sich über alle vier Kapitel erstreckenden Geschichte bewährt und geschlagen haben.
Der rote Faden – Im Schatten des Tigers ist eine kommunikative Deduktionsaufgabe
Der rote Faden – Im Schatten des Tigers ist damit kein eigentliches Spiel, sondern eher eine Art kooperatives Gemeinschaftserlebnis.
Davon gab es bekanntlich schon einige, wie die lange Reihe der Escape- und Rätselaufgaben eindrücklich zeigt, die in letzter Zeit erschienen sind. Und Der rote Faden – Im Schatten des Tigers braucht sich da keineswegs zu verstecken.

Besonders augenfällig ist, wie wir gemeinsam in die Geschichte eintauchen und gewissermassen Teil davon werden. Eine Art kommunikative Deduktionsaufgabe also. Diese berührt und geht teilweise echt unter die Haut. Bereits auf der Spielschachtel (dort allerdings sehr klein) wie auch in den Informationen vor dem Start der Geschichte wird denn auch darauf hingewiesen, dass Der rote Faden – Im Schatten des Tigers eine ernste Geschichte sei und starke Emotionen hervorrufen könne.
Tatsächlich finden sich darin Themen wie Gewalt, Trauma und Tod, die vielleicht nicht jedermanns Sache sind. Wer sich trotzdem darauf einlässt, wird das jedoch wohl nicht so schnell wieder vergessen. Jedenfalls weniger schnell als andere Escape- und Rätselaufgaben, von denen es zuletzt einige gegeben hat. Und das spricht irgendwie zugunsten von Der rote Faden – Im Schatten des Tigers. Jedenfalls meiner Ansicht nach.
