Was machen nordische Gottheiten, wenn die eigene Welt zu sterben droht? Natürlich, sie reißen sich einfach die griechische Welt unter den Nagel. Na gut, sie versuchen es jedenfalls. Aber die Halbgötter haben auch noch ein Wörtchen mitzureden. Nicht weniger aufregend geht es bei dem digitalen Hybrid-Legacy-Spiel Divinus von Filip Milunski (Mirakulus) um die Wurst. Oder eher ums Pantheon. Also, seid ihr bereit liebe Halbgottheiten? Wer die meiste göttliche Gunst hat, wird am Ende sogar das „Halb“ streichen dürfen und sich Gottheit nennen können! Außerdem gibt es Unterstützung von der Pythia – der weissagenden Hohepriesterin des antiken Orakels von Delphi. Was kann da noch schiefgehen?
Was steckt im Karton von Divinus
Divinus bezeichnet sich als digitales Hybrid-Legacy-Spiel – wenig verwunderlich ist also, dass nach dem Lüften des Deckels direkt der Warnhinweis: „Bitte lies dies, bevor du dir irgendetwas anderes in dieser Schachtel ansiehst!“ zu lesen ist. Seite eins der Anleitung zeigt uns auch nur das Material:
ein doppelseitiger Spielplan,- 78 Landschaftsteile (aufgeteilt auf 2 verschiedene Symbole zu je 39 Teilen),
- vier Halbgottheit-Schachteln,
- ein Umschlag mit 11 Stickerbögen,
- 24 Halbgottheitswürfel,
- eine Tartaros-Schachtel,
- 12 Szenario-Schachteln
- und eben jene Anleitung.
Der Materialübersicht folgt der QR-Code zum Direktdownload für die obligatorische App. Dazu gleich mehr. All das genannte Material ist zum einen sehr hochwertig und findet zum anderen in eigenen Kartons im integrierten Inlet seinen Platz. Dadurch ist Divinus entgegen seines positiv chaotischen Covers im Kern sehr aufgeräumt.
Aufbau von Divinus
Bereits das Spielbrett verkörpert wunderbar den Konflikt zwischen den Göttern. Zeigt die eine Seite den Olymp und ist rötlich-orange geprägt, wird die Opposition durch tobendes Meer garniert mit Wikingerschiffen in Blautönen dargestellt. In der Mitte dieses Spielfelds befinden sich zwölf Felder – die sogenannten Landschaftsfelder. In den jeweiligen oberen Ecken befinden sich die Slots für die zwei verschiedenen Sorten von Landschaftsteilen. Darunter werden später die Gottheiten des Nordens bzw. aus Griechenland ihren Platz finden. Im oberen Bereich finden sich noch Slots für die späteren Missionskarten.
Zur Vorbereitung werden entsprechend der Anzahl an Halbgottheiten am Tisch die Landschaftsteile im entsprechenden Slot verdeckt ausgelegt. Nun werden sechs Teile des einen Stapels auf die Felder 1-6 gelegt, die Felder 7-12 erhalten ihre Teile vom anderen Stapel. Nun ist es so weit. Szenario-Schachtel I wird geöffnet. Die Halbgottheiten am Tisch wählen nun noch eine Halbgottheit-Schachtel aus, die sie für die gesamte Kampagne behalten werden, und die analogen Vorbereitungen sind abgeschlossen.
Wie wird Divinus gespielt?
Die App ist zwingend notwendig, um Divinus spielen zu können. Beim ersten Spiel führt uns Pythia in der App in die Story, die Divinus erzählen will, ein. Das ist leider mehr etwas für die Augen als für die Ohren – will heißen: Wer Lesen kann, ist klar im Vorteil. Wir nehmen ein paar Einstellungen vor und dann geht es auch direkt los. In der Halbgottheit-Schachtel, die wir gewählt haben, befinden sich sechs Würfel – je nach Halbgottheiten am Tisch bleiben alle, fünf oder vier Würfel davon aktiv im Spiel.
Die im Spiel verbleibenden Würfel gilt es nun zu werfen. Die niedrigste Summe bestimmt die Halbgottheit die startet – sie erhält die Hoplitenfigur. Danach geht es entsprechend der Augenzahlen weiter, also nicht im klassischen Uhrzeigersinn, wobei die Empfehlung nahe liegt, sich entsprechend umzusetzen.
Erkunden und Ausruhen
Insbesondere im ersten Szenario gibt es eigentlich nur zwei verfügbare Aktionen. Erkunden dient dem aktiven Aufbau der eigenen Landschaft, Ausruhen generiert die Möglichkeit, wieder auf Erkundung gehen zu können. Später kommen sogenannte Halbgottheiten-Aktionen dazu.

- Erkunden: Mit dem Würfelergebnis, welches die Spielreihenfolge bestimmt hat, geht es direkt in die erste Spielrunde über. Die in der Mitte liegenden Landschaftsteile gilt es zu einer blühenden Landschaft zusammenzulegen. Es dämmert also langsam, Divinus hat Landschaftsteile, die zusammengelegt werden können. Wir haben hier also ein wortwörtliches LEGacy-Spiel. Die Mechanik dahinter hängt mit unseren Würfeln zusammen. Entweder nutzen wir einen einzelnen Würfel, die Augenzahl entscheidet dann welches Teil wir nutzen dürfen. Haben wir eine fünf, dürfen wir das Landschaftsteil auf Position fünf „kaufen“. Oder wir nutzen mehrere Würfel und addieren bzw. subtrahieren die Werte mit- bzw. voneinander. So kann aus einer 6, 6 und 2 eine 10, 14 oder 2 werden (6 + 6 = 12 – 2 = 10, 6 + 6 + 2 = 14, 6 + 2 – 6 = 2). Wie auch immer wir es anstellen, am Ende erhalten wir ein Landschaftsteil, welches wir nach Anlegeregeln anbauen dürfen. Sobald wir eine Entscheidung getroffen haben, legen wir alle genutzten Würfel in das Feld des Landschaftsteils, welches wir gekauft haben.
- Ausruhen: Folglich schwinden die Würfel die wir zur Verfügung haben. Um diese wieder zu regenerieren, gibt es die Aktion „Ausruhen“. Nutzen wir diese, dürfen wir alle noch aktiven und auch bereits genutzten Würfel erneut werfen. Die Felder auf dem Spielbrett, die nun frei werden, werden von neuen Landschaftsteilen (entsprechend ihrer Nummer vom jeweiligen Stapel) befüllt. Später können Würfel noch für andere Aktionen als inaktiv auf dem Spielplan markiert werden.
Die Landschaft und göttliche Ziele
Die Landschaft, die die Halbgötter zusammenlegen besteht aus Ebenen, Gewässer und Bergen. Die Plättchen müssen dabei immer an der Längsseite und ihrem Gelände entsprechend angelegt werden. Sobald wir zwei Geländeteile miteinander kombinieren, wird daraus ein Gebiet. Die Götter wollen für ihre Gunst zum Beispiel die meisten Gelände (also Einzelabschnitte in der gesamten Landschaft) einer Art oder die größten zusammenhängenden Gebiete einer Art.
So bauen die Halbgötter ihre Landschaft auf. Dabei gilt es noch, auf Fraktionen und geweihte Plätze zu achten. Erstere bestehen aus Wikingern, Griechen und Barbaren – sie nehmen direkt von Szenario I an eine Rolle ein. Geweihte Plätze nehmen zunehmend an Fahrt auf. Ergänzt wird alles durch die Aufgabenkarten. Eine Aufgabe erfordert beispielsweise vier Fraktionssymbole Griechenlands in mindestens drei verschiedenen Gebieten. Wird das Ziel erfüllt, muss es in der App eingegeben werden. Egal wie, wer zuerst ein 4×4 Raster zusammen hat, leitet die finale Runde ein. Nun wird geprüft wer die Ziele der Götter besser erfüllt hat und dafür mit deren Gunst belohnt wird. Haben wir die Gunst eines Gottes bzw. des Pantheons erlangt bringt das weitere Vorteile mit sich. Nur wer nach dem letzten Szenario die meiste Gunst hat, wird sich fortan in die Reihe der Götter eingliedern dürfen.
Fazit zu Divinus
Nun, was bleibt am Ende von Divinus? Das Cover zeigt Zeus, Blitze zischen aus seinen Augen. In seiner mächtigen Hand hält er ein Stückchen Griechenland. Die Menschheit hält den Atem an, was wird er tun? Langsam wandert seine Hand – das Stückchen Land fest im Griff… um es mit der Längsseite an sein Ebenen-Gelände anzulegen. Die Blitze weichen, ein sanftes Lächeln huscht über Zeus‘ Gesicht. Aus dem Gelände ist ein Gebiet geworden und es scheint den Herrscher des Olymps besänftigt zu haben. Stolz blickt er auf sein mittlerweile zwölf Plättchen großes Gebiet voller Ozeane, Gebirge und blühender Landschaften.
Mal im Ernst: Das Cover, die Lore, der epische Umfang von zwölf Szenarien und der angepriesene Legacy-Charakter haben die Erwartungsmesslatte ganz schön hoch gehängt. Ich habe das Spiel sogar zwei Mal wieder weggelegt, weil ich dachte, für sowas Großes bin ich gerade nicht bereit. Was übriggeblieben ist, hat mich dann ehrlicherweise eher enttäuscht. Im Kern der Sache haben wir hier ein Plättchenlege-Spiel, welches seinem epischen Setting etwas verzweifelt hinterherrennt.
Die App
Ich bin mit Videospielen großgeworden. Also war ich gespannt, wie „Hybrid“ das Brettspiel sein wird. Toll ist, dass Ortssticker gescannt werden können, Punkte gezählt werden und die Endwertung automatisiert stattfindet. Auch die Erinnerung, wer das nächste Szenario starten muss, liegt in der App – besonders gut, wenn zwischen zwei Sessions etwas Zeit liegt. Ansonsten ist es aber nur eine App mit musikalischer Begleitung und einer Menge Text zum Lesen. Leider hat dieser Text, der die Story vorantreibt, irgendwie nicht wirklich einen Spannungsbogen erzeugen können. So richtig hooked waren wir zu keinem Zeitpunkt. Was zum einen daran liegt, dass eine Sprachausgabe gefehlt hat, zum anderen aber auch einfach an der eher flachen Story und den fehlenden Wendungen oder Überraschungsmomenten.
Achtung Spielfluss kann Spuren von Stickern enthalten
Insbesondere die ersten drei Szenarien sind teilweise eine Geduldsprobe. Sobald ein Ort gescannt oder eine Aufgabe erfüllt ist, leitet uns die App durch den Regelanpassungsprozess. Im Klartext heißt das, suche Sticker XX.Y auf Bogen ZZ und klebe ihn auf Seite X des Regelwerks. Leider verbringt man in den ersten Szenarien auf diese Art mehr Zeit mit Stickersuche und Aufkleben als mit Spielen. Panini lässt grüßen. Später werden sogar Sticker über Sticker geklebt. All dies passiert einfach mitten im Spiel und stört so den Spielfluss maximal. Dem gegenüber muss ich zugestehen, dass die Regeln dadurch während des Spiels komplexer werden und wir sie gefühlt gut nebenbei verstehen. Trotzdem hätte ein Kleben am Ende des Szenarios gereicht. Das Spiel lässt uns nämlich teilweise Regeln einkleben, die wir erst im kommenden Szenario anwenden; das irritiert und wirkt unnötig.
Positiv fallen die Aufwertungssticker auf. Hier modifizieren wir unsere Würfel und machen eine Seite so zum Beispiel mal eben zur 10. Auch die Fähigkeitensticker funktionieren gut. Durch Pythias Amulett dürfen wir hier zum Beispiel beim Erkunden eines Teils mit geweihtem Platz beliebig viele unserer aktiven Würfel erneut werfen. Das fühlt sich dann nach echten Updates an. Die Fähigkeiten kommen klassischen Skills aus Computerspielen nahe – auch weil wir sie teilweise überkleben müssen, wenn wir uns für eine andere Fähigkeit entscheiden. Hier kommt dann richtiges Legacy-Gefühl auf.

Interaktion und Spielerzahl
Im Spiel zu Zweit haben wir schnell festgestellt, dass wir uns früh für eine Seite entschieden haben. Ich habe versucht, die Ziele des nordischen Gottes zu erfüllen und dadurch kaum Interaktion oder Reingrätschen bei meiner Partnerin gehabt. Sie hat versucht, es dem griechischen Gott recht zu machen und so haben wir beide versucht, unsere Landschaft so gut es ging aufzubauen. Klar, dabei schielt man schon das ein oder andere Mal rüber und guckt, welches Landschaftsteil man vielleicht schnell ergattern sollte. Einen erbitterten Kampf löst es aber nicht aus.
Somit blieben nur die Aufgaben, bei denen wir beide eine Art Wettkampf gespürt haben. Ab drei Halbgottheiten kommt aber generell etwas mehr Fahrt auf. Hier versucht man sich gegenseitig eher die Plättchen zu stehlen oder taktisch zu kaufen, statt einfach nur auf seine Landschaft zu achten. Ein extrem kompetitives Spielgefühl blieb aber auch hier aus. Durch die Anpassungen der Würfel und Spezialeffekte, die man im Laufe der Partie bekommt, rückt aber Taktik mehr in den Fokus als das Gefühl alles sei nur Glück. Dennoch bleibt Divinus auch eine Portion Glück inne.
Göttliche Legegunst
Betrachtet man Divinus als Legespiel bleibt hier ein stabiles Spiel zurück. Da man durch das Recharge Pack die Sticker und Anleitungen wieder auf 0 setzen kann, ist die Kampagne öfter spielbar. Das hat allerdings auch seinen Preis. Alternativ bietet sich der Unendlichkeitsmodus an. Das ist erfreulich und im Zeitalter von Ressourcenknappheit auch angemessen.
Für Fans von Legespielen ist Divinus dann auch wirklich ein taktisch durchaus anspruchsvolles Spiel. Das 4×4-Raster bietet eine ordentliche Größe, die Überbauungsfunktion noch zusätzliche Möglichkeiten. Die Aufgaben und Ziele der Gottheiten in der Kampagne geben die extra Prise Taktik obendrauf. Die Mechanik mit der Subtraktion bzw. Addition der Würfelergebnisse funktioniert ebenfalls gut.
Um im Setting zu bleiben, mit seiner Aufmachung wirkt Divinus auf mich ein wenig wie ein trojanisches Pferd. Episches, digitales, hybrides Legacy-Spiel, bei dem im Inneren ein Plättchenlegespiel mit wirklich ansprechendem Material, einer netten musikalischen App-Begleitung und tollem Artwork erhält – mehr aber eben auch nicht.
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