Als Binnenländer habe ich mit dem Meer im Alltag ja nicht allzu viel zu tun. Endeavor – Die Tiefsee von Carl de Visser und Jarratt Gray (Board Game Circus/Frosted Games) bildet da die sprichwörtliche Ausnahme. Das Hochseeabenteuer hat bei uns durchaus guten Anklang gefunden. Nicht zuletzt, weil das Spiel insgesamt zehn Szenarien umfasst, die Unterschiede in Bezug auf den Meeresaufbau und die relevanten Ziele und Belohnungen mit sich bringen. Das ist hübsch und erhöht den Wiederspielreiz des ganzen Spiels. Wobei Endeavor – Die Tiefsee solches grundsätzlich gar nicht nötig gehabt hätte.
Worum geht es beim Brettspiel Endeavor?
Der Einstieg ist einfach: Wir bereiten das bisschen Meer vor, das uns im jeweiligen Szenario bereits bekannt ist. Dazu legen wir ausgewählte Ozeankacheln in die Tischmitte und platzieren darauf je ein erstes U-Boot an einer Anlegestelle an der Wasseroberfläche. Von dort aus geht es später dann fast nur noch Richtung Tiefsee und damit nach unten. Wir erforschen dort die Umgebung, entdecken allenfalls neue Meeresgebiete, studieren die überall anzutreffenden Lebewesen und erstellen wissenschaftliche Studien.
Das Ganze ist hübsch illustriert und gut nachvollziehbar. Wir sind von Anfang an unmittelbar im Geschehen und lassen die Herausforderungen der Erforschung des Meers auf uns wirken. Dabei ist Endeavor – Die Tiefsee im Kern ein ziemlicher Wettlauf um die einzelnen Siegpunktequellen – ist eine Studie erstellt oder ein sonstiges Ergebnis erzielt, gibt es für die anderen dort nichts mehr zu holen, Wir sollten also möglichst gezielt eine kompetente Einsatztruppe aufbauen, um gezielt auf Punktejagd gehen zu können. Dazu stehen uns unterschiedliche Wege offen, was Endeavor – Die Tiefsee entsprechend interessant und spannend macht.
Vier Leisten bieten beim Erreichen von Zielen Belohnungen
Ausgangspunkt alles Weiteren sind dabei vier Skalen auf dem persönlichen Tableau, das ich vor mir habe. Die erste legt fest, wie kompetent die Crewmitglieder sein dürften, von denen ich in jeder der sechs Runden ein neues Plättchen aus der Auslage an mich nehmen darf. Darauf sind Felder abgebildet, auf die ich später Aktivierungsscheiben einsetzen kann zum Auslösen der dazugehörenden Aktionen. Die Anzahl der Scheiben, die ich zum Rundenbeginn aus dem Vorrat erhalte bzw. von den Crewmitgliedern zurückholen darf (um sie später neu einzusetzen), richtet sich nach den nächsten zwei Skalen. Und die vierte legt die Reichweite meines U-Boots fest, wie tief es tauchen kann und wann ich weitere Boote bekommen werde.
Das Vorankommen auf diesen Leisten ist also wichtig und verbessert meine späteren Möglichkeiten und die Stärke der jeweiligen Aktionen. Fortschritte auf den Skalen sind dabei oft Belohnungen für Erreichtes auf den jeweiligen Ozeankacheln, die ich mit einem meiner U-Boote angesteuert und dort als Erster eines der Aktionsfelder genutzt und erfüllt habe. Dazu muss ich ebenfalls Aktivierungsscheiben einsetzen, wobei diese bis zum Ende der Partie dort liegen bleiben, dafür aber Vorteile aller Art wie sofortige Boni oder aber Siegpunkte in der Schlusswertung eintragen.
Alles greift in der Tiefsee ineinander
Es gibt so Verschiedenstes zu beachten und alles ist wundersam miteinander verknüpft. Wertvolle Crewmitglieder mit starken Aktionen sind wichtig. Viele Aktivierungsscheiben für die einzelnen Aktionen auch. Doch das alles nützt nichts, wenn die Scheiben später liegenbleiben und ich sie nicht zurücknehmen darf, um dieselbe (mehr oder weniger tolle) Aktion später nochmals ausführen zu können. Daneben ist aber unbedingt auch die Anzahl und Reichweite meiner Boote zu steigern, um schnell genug die gewünschten Ozeankacheln mit ihren Aktionsfeldern zu erreichen, die vielleicht gerade besonders gut zu meinen Möglichkeiten und der darauf basierenden Strategie passen. Zudem werden für vieles zusätzliche Ressourcen benötigt, die ich ebenfalls zuerst noch einsammeln und bereithalten muss.
So planen wir ständig, was als nächstes getan werden könnte und wo uns die Konkurrenz zuvorzukommen droht. Hilfreich daher, dass alles im Spiel gut überblickbar und grundsätzlich auch klar verständlich ist. Nur die Umsetzung meiner Pläne ist dann oft nicht ganz so einfach. Aber genau das macht Endeavor – Die Tiefsee ja zur echten Herausforderung, die wir alle lieben und auch suchen.
Tolles Spielgefühl – man kann selbst den Erfolg steuern
Schön auch, dass das Ganze ohne große Glücks- und Zufallskomponenten verläuft. Einzig beim Auswählen und Einsetzen neuer Ozeankacheln, die gerade freigeschaltet wurden, kann es sein, dass die darauf abgebildeten Aktionsfelder mehr oder weniger gut zu meinen Möglichkeiten und Spielzielen passen. Allenfalls muss ich mein Spiel dann halt gezielt in die gewünschte Richtung weiterentwickeln. Und laufe Gefahr, trotzdem zu kurz zu kommen, weil jemand anderes mit den nötigen Voraussetzungen eine Kachel bereits weitgehend abgegrast hat.
Endeavor – Die Tiefsee kann auch solo oder kooperativ gespielt werden. Mir persönlich gefällt allerdings die konfrontative Variante mit dem Ringen um die lukrativsten Aktionsfelder auf den Ozeankacheln am besten. Dabei verläuft vordergründig alles still und ohne direkte Interaktion oder gar Attacke – allfällige An- und Übergriffe geschehen gewissermassen verdeckt durch Wegschnappen gewünschter Belohnungen oder auch Crewmitglieder aus der Auswahl, die für bestimmte Aktionen wichtig gewesen wären. Das alles wirkt elegant und fließend und passt gut zur Wasserwelt, in der wir uns bewegen.
Ein grosses Plus ist dabei nicht zuletzt die große Anzahl der insgesamt 37 teils sehr unterschiedlichen Meereskacheln in den 5 Tiefenbereichen. Beim Erforschen neuer Bereiche entsteht so jedes Mal ein neuer Ozean mit individuellen Möglichkeiten und Chancen, die es abzuwägen und zu nutzen gilt. Auch das steigert den Wiederspielreiz und das Interesse an Endeavor – Die Tiefsee erheblich und schafft ein tolles, konstruktives Spielgefühl.

Endeavor – Die Tiefsee zurecht prämiert
Endeavor – Die Tiefsee wurde inzwischen auch zum Kennerspiel des Jahres 2025 gewählt. Zu Recht, wie ich meine (angesichts der etwas erstaunlichen Vorauswahl der Jury …). Es gefällt auch in meinen Runden den meisten, selbst jenen, die mit dem Meer im Alltag bisher nicht allzu viel zu tun hatten. Und das ist bekanntlich alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
