Achtung, es wird grün auf dem Spieltisch! Beim Gesellschaftsspiel Erde von Maxime Tardif (Skellig Games) wuchern Wälder, sprießen Blumen, und schießen Pilze aus dem Kartengewirr – und das alles, während jeder versucht, sein persönliches Öko-Paradies aufzubauen. Klingt idyllisch? Ist es auch, aber sein eigenes Ökosystem zu bauen ist nicht nur Spaß, sondern auch knallharte Arbeit, bei der man mit seinen Mitspielern um einen Berg von Punkten konkurriert. Und auf diesen Punkteberg soll die erste Erweiterung Erde: Vielfalt noch ein paar Schippen drauf legen. Versprochen wird nicht weniger als neue Ressourcen, mehr Interaktion und strategische Möglichkeiten. Ist Vielfalt hierbei nur ein nettes Extra für Die Hard Fans – oder macht es aus einer Partie Erde ein ganz neues oder zumindest etwas anderes Spielerlebnis?
Erde: grünes Tableaubuilding mit Wissensbildung

Das Spiel Erde ist ein Tableau-Builder, bei dem jeder für sich mittels vier verschiedener Aktionen über mehrere Runden sein eigenes 4 x 4 Raster möglichst punkteträchtig mit Karten füllt. Einträchtig gedeihen dabei Blumen, Pilze, Bäume, Kräuter, Büsche und Gräser nebeneinander. Hierbei versucht man nicht nur, profitable Synergien zwischen den Karten im Raster zu schaffen, sondern auch die Ziele von Fauna-, Ökosystem- und Terrainkarten zu erfüllen, um am Ende dank Bonuspunkten die Nase vorne zu haben.
Punkte gibt es aber auch für Sprossen und Wachstum auf den Karten. Hierbei schießen Pflanzen in die Höhe und bilden final bunte Kronen. Die Sprossen hingegen bleiben auf den Karten leidlich unspektakulär liegen und erhalten nur bei der Schlusswertung Aufmerksamkeit für ihr Dasein. Dennoch bietet das eigene Tablau zum Ende hin einen erfreulichen Anblick, während die einzelnen Karten auch noch einen edukativen Auftrag erfüllen und uns an die kleinen und großen Naturwunder unseres Planeten heranführen.

Pflanzen, Kompostieren, Wässern und Wachsen ohne Downtime
Allerdings verbirgt sich hinter der bunten Kulisse von Erde auch eine Menge Mechanik. Erwähnte vier Aktionen Pflanzen, Kompostieren, Wässern und Wachsen befeuern die Engine, die unser System wachsen lässt:
- Wir pflanzen, um Karten in unser Raster zu legen und neue Karten auf die Hand zu bekommen.
- Wir kompostieren, um die Währung “Erde” zu erhalten und Karten für Punkte zu kompostieren.
- Wir wässern, um Sprossen heranzuziehen und auf geeignete Felder unserer Karten zu legen.
- Wir lassen wachsen, um Karten nachzuziehen und auf geeigneten Karten unsere Flora in die Höhe wachsen zu lassen.
Das Besondere hierbei ist, dass nicht nur der aktive Spieler von den Aktionen profitiert, sondern auch alle anderen Spieler eine schwächere Variante der Aktion durchführen dürfen. Somit sind alle Spieler auch in den Zügen ihrer Mitspieler involviert, was dazu führt, dass die Downtime, also die Zeit, die man wartet, bis man selbst wieder aktiv wird, bei Erde gering ist.

Die gewählte Aktion hat außerdem noch einen zweiten Effekt, denn sie befeuert durch ihre Farben alle gleichfarbigen Karten im eigenen Raster und im Raster der Mitspieler. Karten dienen somit nicht nur als Quelle für Punkte, sondern helfen einem auch, eine Maschine für Ressourcen aufzubauen. Wählt der aktive Spieler bspw. die grüne Aktion Pflanzen, triggert er damit sowohl im eigenen als auch in anderen Rastern alle Karten mit grünen Fähigkeiten. Was meistens dazu führt, dass Spieler Erde bekommen, Sprossen sprießen oder Pflanzen in die Höhe wachsen. Auch das Kompostieren der eigenen oder allgemeiner Karten sowie das Nachziehen von Karten kann durch die Aktionen im Raster getriggert werden.
Ereignisse in Form von Ereigniskarten bringen eine weitere Möglichkeit ins Spiel, nicht nur im eigenen, sondern auch im Zug anderer Spieler. Eine Partie Erde endet,wenn ein Spieler sein Raster komplettiert hat. Dafür erhält er noch 7 Bonuspunkte.
Darf es ein bisschen mehr Vielfalt sein?

Die erste Erweiterung Erde: Vielfalt bringt hierbei nicht nur more of the same, indem sie weitere Erd-, Insel-, Klima-, Fauna- und Ökosystemkarten einführt, sondern auch ein paar Neuerungen. Da wären zum einen Zwischenereignisse, die im Gegensatz zu den Ereignissen alle Spieler betreffen können. Auch neue Fähigkeiten auf den Karten versuchen ein Mehr an Interaktion ins Spiel zu bringen, indem diese nicht nur den aktiven Spieler, sondern auch Mitspieler betreffen können.
Mit den Samen wird hingegen eine neue Ressource eingeführt, die man jederzeit keimen oder umwandeln lassen kann, um Ressourcen oder Aktionen zu erhalten. Durch das Keimen kann man hierbei den Kartenstapel solange durchsuchen, bis man eine Karte mit einer zuvor angekündigten Eigenschaft zieht. Dies ist natürlich äußerst nützlich, wenn man gerade diese Karteneigenschaft für ein Mehr an Punkten in seinem Raster benötigt. Und schließlich darf man nun Sprossen auch lagern, wenn man keinen Platz hierfür in seinem Raster hat.

Das Gesellschaftsspiel Erde ist ein solitärer Multiplayer-Puzzler mit Schwächen
Ich mag es, in Erde meine kleine Maschine in meinem Raster aufzubauen, die mir Runde für Runde mehr Möglichkeiten generiert. Und ich mag es, dass ich in Erde, wenn ich mir die Zeit nehme, nach und nach etwas über die Pflanzenwelt unserer Erde erfahre. Auch dass man ständig beschäftigt ist, ist ein Pluspunkt von Erde.
Aber ob man Erde im Solomodus gegen den Bot Gaia oder in großer Runde spielt, macht keinen wirklich spürbaren Unterschied. Denn Erde ist ein sehr solitäres Spiel. Und bleibt dies auch trotz Erweiterung.
Allerdings wäre es unfair, Erde deswegen abzuwerten. Denn solitär sind heute viele Spiele, die dennoch große Erfolge feiern und sehr beliebt sind. Und … Spaß machen. Mehr zum Tragen kommt ein anderes Manko: Das Spiel sch(m)eißt einen mit Punkten zu. Jede Karte, jede Sprosse, jedes Stück Stamm oder jede Baumkrone geben Punkte. Hinzukommen noch kompostierte Karten, egal ob von der Hand oder vom Nachziehstapel.
Es regnet Punkte, Punkte und Punkte. Und bis zum Ende kann sich niemand sicher sein, dass er in dieser Punkte-Orgie die Nase vorne hat.
Nur gewiefte Spieler dürften hierbei taktieren, welche Aktionen sie ausführen oder besser sein lassen, weil andere Spieler hiervon profitieren. Da man Erde mit bis zu fünf bzw. mit der Erweiterung sogar mit bis zu sechs Spielern spielen kann, ist es in Vollbesetzung auch ziemlich schwer, den Überblick zu behalten. Im Spiel zu zweit mag dies anders sein.
Thematisch – ja oder nein?

Streiten kann man sich auch darüber, ob Erde thematisch ist. Die Aktionen finde ich aber sehr thematisch. Ich pflanze etwas (Karten) in mein Ökosystem (Raster). Ich kompostiere etwas (Karten), um Erde (als Bezahlung) für mein Ökosystem zu erhalten. Ich wässere meine Flora, um Sprossen heranzuziehen. Und ich lasse wachsen, damit meine Flora ordentlich gedeiht. Und das Ganze schlägt sich auch visuell in meinem Raster nieder.
Im Raster selbst wird es dann auf und zwischen den Karten etwas turbulent. Einmal gelegt verschwimmt das Thema und man kämpft sich durch den “Dschungel” an Symbolen. Die Kalte Steppe bringt bspw. 9 Siegpunkte am Ende, wenn in der Reihe alle Karten eine andere Anzahl an Sprossen haben. Die Schnürsenkel-Akazie (wer kennt sie nicht?!) liefert beim Kompostieren für eine Erde zwei Karten. Und der Nördliche Nadelwald gibt beim Finale zwei Siegpunkte pro Pilz in der Reihe. Thematisch oder nicht, das mag jeder für sich selbst entscheiden.
Persönlich habe ich das Gefühl, dass meine Hand göttliche Funken versprüht und die Welt nach Belieben formt. Für andere reicht es vermutlich nur für einen Punktesalat ohne Dressing und Würze.
Schöne grüne Welt – ohne Borkenkäfer und sauren Regen

Wem dies alles schon beim Grundspiel sauer aufstößt und deshalb keinen Spielspaß aufkommen lässt, der wird diesen sicherlich auch mit der Erweiterung Erde: Vielfalt nicht verspüren. Dafür sind die Neuerungen aus meiner Sicht zu marginal. Und auch die Interaktion steigt nicht in dem Sinne, dass man das Wort solitär im Zusammenhang mit Erde nicht mehr gebrauchen darf. Hierfür hätte es Ereignisse gebraucht, die tatsächlich den anderen Spielern ins Ökosystem fahren. Wie wäre es mit Heuschreckenplagen, Waldbränden und Borkenkäfern? Oder Extremwetterereignisse, die die Inseln fluten?
Erde bleibt auch mit Vielfalt erschreckend oder erfreulich harmlos – je nachdem, welche Erwartungen man an ein solches Spiel stellt.
Die Klientel, die meditatives Puzzeln ohne Stress zwischen den Brettern wünscht, wird in Erde mit oder ohne Vielfalt ihr Mandala finden. Sollte durch meine Worte der Eindruck entstanden sein, dass ich dem nicht viel abgewinnen kann, so sei versichert: Ich mag Erde. Nicht zu oft, aber gerne immer mal wieder. Aber ich brauch es nicht mit Höchstspielerzahl.
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