Ein Gran Fondo ist eine große Radveranstaltung über eine lange Strecke, an der Hobby- und Amateurfahrer teilnehmen und bedeutet so viel wie „große Fahrt“ oder „große Ausdauer“. Unzweifelhaft ein geeigneter Titel für ein Radrennspiel, wenngleich es sich, so viel sei vorweggenommen, weniger an Amateure als an „Profis“ richtet.
Granfondo – Mit Ausdauer ins Ziel
Ein bis vier Spieler jagen ihr Team aus drei Fahrern über den Asphalt, bergauf und -ab, im Windschatten, um jeden Meter und um Positionen kämpfend und das – möglichst – dopingfrei. Das Spiel für 1-4 Spieler ab 14 Jahren von Ralf Vanpey wurde im Eigenverlag Runner Games aufgelegt.
Spezialisten am Werk
Ein Radteam besteht immer aus je einem Sprinter, Climber (Bergfahrer) und Rouleur. Letzterer ist ein besonders ausdauernder Fahrer, der lange hohes Tempo gehen kann. Für jeden dieser Fahrer gibt es ein Kartenset aus 20 Karten mit Werten zwischen 3 und 8 (Sprinter: 2 und 9), die jedoch nicht identisch verteilt sind. Die Werte geben die Zugweite der Fahrer vor. Der Sprinter hat die größte Spanne von 2-9, dafür jedoch in jeweils geringerer Anzahl. Der Climber hat mehr Karten im mittleren Bereich. Der Rouleur liegt dazwischen. Alle haben in der Summe eine unterschiedliche Gesamtreichweite, was später noch interessant wird.

Die dazugehörigen Radfahrer sind sehr hübsch gestaltet und deutlich markiert, um sie vom Typ zu erkennen. Auch farblich kann man sie gut auseinanderhalten.
Team-Building bei Granfondo
Anfangs werden Fahrertableaus an die Spieler verteilt, was man sinnvollerweise als Drafting gestaltet. Das ist nur leider nicht bis zu Ende gedacht bzw. nicht ausreichend beschrieben. Sortiert man die Fahrer nicht in geeigneter Weise, kann es sein, dass das Draften in gewohnter Manier nicht funktioniert, weil jeder Spieler nur einen Fahrer jedes Typs haben darf und muss, aber eventuell keinen Fahrer der benötigten Art mehr erhält.

Die Papptableaus haben am unteren Rand eine eingelassene Skala, in die man jeweils einen Marker legt; er markiert den Performance-Wert, was nichts anderes als das Handkartenlimit für den Fahrer anzeigt.
So wird Granfondo gespielt
Eine Runde beginnt damit, dass alle Spieler gleichzeitig bis zu drei Karten für jeden Fahrer aus ihren Handkarten auswählen und dann nacheinander aufdecken. Die Fahrer werden in der Positionsreihenfolge von vorn nach hinten entsprechend der Summe der ausgespielten Kartenwerte gezogen. Hat man mehr als eine Karte ausgewählt, muss man sich allerdings Abzüge gefallen lassen (1-3 beim Sprinter, 2-5 bei den anderen Fahrern). Damit ist eine Runde ohne Besonderheiten schon fertig.

Spezielle Techniken
Doch es gibt noch ein paar mehr Taktiken, die man anwenden kann. Da jeder Fahrer eine besondere Eigenschaft hat, können die Züge von diesen noch beeinflusst werden. Der eine kann einmal im Spiel fünf Felder weiterziehen. Ein anderer verliert weniger Performance-Punkte, was sein Handkartenlimit positiv beeinflusst. Einer der Climber ist am Berg schneller als andere usw.
Aber auch die Zugweite und Positionierung kann man beeinflussen. Schon dadurch, dass man die maximale Zugweite nicht ganz ausnutzt, um ein bestimmtes Feld zu erreichen. Man kann Windschatten ausnutzen, was einen ein Feld weiterbringt oder mit dem Vordermann um seinen Platz rangeln. Hierfür braucht es aber ein bisschen Glück, denn das wird über Karten gesteuert und birgt das Risiko von Stürzen. Auch der berühmte Belgische Kreisel (ein Zug von Fahrern, die sich in der Führungsarbeit abwechseln und so profitieren) ist möglich.
Das Ziel ist weit
Aber grundsätzlich versucht man einfach, mit den Karten ins Ziel zu kommen. Für jeden Fahrer gibt es Punkte. Wem es mit seinem Team gelingt, die meisten Punkte zu sammeln, gewinnt.
Um Reifenbreite lässt grüßen
Entfernt erinnert Granfondo an Um Reifenbreite, das Spiel des Jahres 1992. Auch dort steuert man ein Team (aus vier Fahrern), jedoch (fast) immer unter Einfluss von ein oder zwei Würfeln.
Das Spielmaterial ist sehr gut. Die Tableaus der Fahrer sind aus stabiler, dicker Pappe, Karten und Ablagetableaus der Spieler sind eher nüchtern gehalten, jedoch eindeutig dargestellt. Das Spielplandesign wurde in meinen Runden kontrovers aufgenommen. Mir gefällt diese Mischung aus fotorealistischen Bäumen, knuffig gezeichneten Häusern und Orten sowie stilisierten Gebirgsdarstellungen. Bedauerlicherweise leiden an manchen Stellen die funktionalen Grafikelemente, da sie von der rein künstlerischen Grafik überdeckt werden (grüne Linie am Straßenrand).

Sehr hübsch, handlich und standfest sind auf jeden Fall die Fahrerfiguren. Ein kleiner Tropfen Kleber sollte auch alle Sockel nachhaltig befestigen, sodass sie sich beim Anheben nicht lösen.
Haklige Spielregel
Etwas unrunder wird es bei der Spielregel. Autor Ralf Vanpey hat sich im Ausdruck sehr zurückgehalten. Fast könnte man die Regel wie eine überdimensionale Spielhilfe lesen. Beim ersten Lesen ist das sogar sehr angenehm. Die Ausdrucksweise lässt vieles weg, was man in anderen Regeln als Redundanz empfindet.
Zu viel zu wenig
An vielen Stellen klappt das. Doch schon bei der ersten Partie stellen sich einem Fragen, die die Regel nicht beantwortet. Und man merkt, dass eine gewisse Detailtiefe an manchen Stellen eben nicht überflüssig, sondern unbedingt notwendig ist. Und sei es nur zur Verdeutlichung. Ein paar Beispiele mehr hätten an manchen Stellen einiges klarer gemacht. Insofern ist das leider nur bedingt gelungen. So werden z. B. die Startpositionen zwar in der Spielregel genannt, man sucht diese aber intuitiv zunächst auf der Strecke und nicht auf der Extraleiste daneben. Danach kann man sich auch das Feld, von dem aus tatsächlich jeder Fahrer ins Spiel startet, zusammenreimen. Schöner wäre es, wenn das etwas genauer beschrieben wäre.
An manchen Stellen verlieren die Fahrer Performancepunkte, wodurch sich das Handkartenlimit verringert. Manchmal müssen sie dafür eine Würfelprobe durchführen (Würfelsymbol auf Spielplan), manchmal aber auch nicht. Beschrieben sind jedoch nur die Felder, an denen sie würfeln müssen. Erst wer genauer hinsieht, bemerkt, dass manche Felder kein Würfelsymbol haben, man dort also auch gar nicht würfeln muss. Man fragt sich, ob die Würfelsymbole vielleicht vergessen oder aus Platzgründen weggelassen wurden.

Auch die Dopingprobe ist der reduzierten Ausdrucksweise zum Opfer gefallen und unzureichend beschrieben. Geschrieben steht, dass zwei Karten aus den gespielten Karten gezogen werden, gemeint ist aber, dass zwei Karten je platziertem Fahrer aus dessen Ablagestapel gezogen werden, was zum einen einen erheblichen Unterschied ergibt und zum anderen die Vorgehensweise implizit erklären würde. Wenn es schon implizit sein soll.
Insgesamt kann man mit der Regel daher nicht wirklich zufrieden sein. Ein kleiner Fehler in einer Beispielrechnung auf (der nicht nummerierten) Seite 4 fällt da schon nicht mehr so ins Gewicht. (Dem Sprinter müssen dort nur drei Punkte abgezogen werden, nicht fünf.) Auf YouTube gibt es ein Regelvideo, aus dem manche Sachverhalte etwas klarer hervorgehen (s. u.).
Kartenmanagement ist das A und O bei Granfondo
Für jeden Fahrer stehen nur 20 Karten zur Verfügung. Klotzt man also zu lange mit zwei oder drei Karten pro Spielzug, kann es sein, dass man am Ende nur noch kleckert und einem über kurz oder lang die Karten ausgehen. Das sollte man verhindern, denn dann kann man nur noch rollen (ein Feld pro Zug).
Herauszubekommen, wann man sich zurückhalten und wann man mal Gas geben muss, ist die größte Herausforderung bei Granfondo.
Dazu braucht es sicher zwei, drei Partien. Es ist auch vom Rennverhalten der Mitstreiter abhängig.
Mut zur Lücke
Die beiden Hauptstrecken (A und B) haben 100 bzw. 94 Felder vom Start bis zum Ziel. Nur die Strecke C, die zum Kennenlernen empfohlen wird, hat nur 79 Felder. Normalerweise überspringe ich Einsteigervarianten immer. Hier würde ich sie tatsächlich jedem empfehlen, um ein Gefühl für den Karteneinsatz zu bekommen. Denn: Interessanterweise hat keiner der Fahrer nominell so viele Zugpunkte, dass er überhaupt 100 Felder weit fahren kann. Climber (85) und Sprinter (88) kommen sogar nur auf die 94 Felder, wenn sie ihre Dopingkarten ebenfalls nutzen. Dopingkarten sind jedoch Karten, die das Risiko beinhalten, dass ein Fahrer, der diese Karten verwendet, am Ende durch Zufall (Kartenprobe) disqualifiziert wird. Deswegen wird den Spielern zwar freigestellt, diese Karten zu verwenden, doch eine Wahl und die Chance, das Ziel erreichen, hat ein Spieler nur, wenn er sich ihm bietende Zusatzoptionen (Bergabfahrt, Windschatten, Bonusfelder) oder Techniken wie den Belgischen Kreisel effektiv nutzen kann. Außerdem sollte der Einsatz von mehr als einer Karte gut überlegt sein. Das ist komplizierter als man denkt. Immerhin will man ab und zu taktische Züge machen, die einem einen situativen Vorteil einbringen. Wer komplett den Anschluss verliert, hat es schwer.
Wer ist das?
Thematisch ist Granfondo schön umgesetzt. Dazu zählen die Namen der Fahrer. Hier hat man auf alberne Verballhornungen von berühmtem Fahrern verzichtet und dafür Namen erfunden, die realistisch erscheinen. Auch sind sie grafisch ansprechend und dem Rennereignis angemessen dargestellt. Die Symbolik der Eigenschaften auf den Fahrertableaus ist ebenfalls gelungen; kleine Spielhilfen helfen bei den wichtigsten Fragen.
Wie ist Granfondo?

Von der gewöhnungsbedürftigen Regel abgesehen verläuft ein Rennen durchaus spannend. Die Bergfahrten bilden dabei immer den Punkt, an dem sich die Spreu vom Weizen trennt. Wer gut rüberkommt, kann den anderen entfliehen. Daher muss man den Rennverlauf aufmerksam beobachten und entsprechend reagieren, um nicht den Anschluss zu verlieren. Das schöne Spielmaterial trägt zum positiven Spielerlebnis bei. Die Spieldauer ist mit 120 Minuten oder darüber grenzwertig, doch es gibt nur kleine Längen beim Draften der Karten.
Granfondo ist aufgrund der anspruchsvollen Kartenplanung und der Dauer einer Partie kein Spiel für Wenigspieler.
Einer wird gewinnen?

Als unbefriedigend empfand ich die Punktevergabe der Erstplatzierten. Ein Spieler, der zwei seiner Fahrer auf den Plätzen 1 und 2 unterbringt, kann von anderen Spielern auf normalem Weg punktemäßig nicht mehr eingeholt werden. Selbst wenn einer die nächsten drei Plätze belegt. Man kann das damit begründen, dass, wenn einer so gut fährt, er den Sieg auch verdient hat. Motivierend finde ich das aber nicht. Und es lässt die Strategie zu, den dritten Fahrer womöglich destruktiv einzusetzen, um den anderen beiden den Rücken freizuhalten. Radrennen mögen so sein. Spielerisch ist das nicht erstrebenswert.
Granfondo hat mir unter dem Strich ganz gut gefallen. Ich würde es wieder spielen. Mein Favorit bei Radrennspielen ist aber nach wie vor Um Reifenbreite, das trotz der verspielteren Grafik und aller Glücksfaktoren so viele schöne taktische Möglichkeiten und interessante Zweikämpfe bietet.
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6 Kommentare
Mich würde eher ein Vergleich zu Flamme Rouge interessieren, das in vielen Bereichen Vorbild für dieses Spiel gewesen zu sein scheint.
Hallo Jonthedon,
die Ähnlichkeiten zu Flamme Rouge sind vielleicht, dass die Fahrer über eine Auswahl an Karten gesteuert werden. Der wesentlichste Unterschied zu FR ist jedoch, dass dabei eine Art Deckbuilding geschieht, weil ja Erschöpfungskarten ins Spiel kommen und die Decks mehrfach durchgespielt werden. Bei Granfondo nicht. Eine Karte die gespielt wurde, ist weg! Außerdem gewinnt bei FR der Erste, der durchs Ziel geht. Bei Granfondo ist es eine Teamwertung, und die beeiflusst die Taktik schon während des Rennens.
Im Wesentlichen sind das wohl die Unterschiede. Natürlich hat man bei FR die größere Streckenauswahl und könnte sie sogar selbst zusammenstellen. Bei Granfondo gibt es (nur) drei feste Strecken.
„Der wesentlichste Unterschied zu FR ist jedoch, dass … die Decks mehrfach durchgespielt werden. Bei Granfondo nicht. Eine Karte die gespielt wurde, ist weg!“
Bei FR ist die Karte, nachdem man sie gespielt hat, allerdings auch weg:
„Entferne alle gespielten Karten aus dem Spiel. Die Karten können nur einmal pro Spiel eingesetzt werden.“ (Anleitung FR, S. 3, Ziffer 3 – Endphase, Punkt 1 – Karten entfernen)
So gesehen hast Du recht, ich habe mich nicht klar genug ausgedrückt. Aber es ist schon ein Unterschied, ob ich Handkarten (wie bei FR) wieder unter den Stapel legen darf/muss, oder sie auf der Hand behalten muss, wenn ich sie nicht ausspiele (-> Handkartenlimit). Und durch die Erschöpfungskarten gibt es dann zweifellos bei FR auch einen Deckbuildingprozess, den es bei Granfondo definitiv nicht gibt.
HEAT als Rennspiel ist bei uns ein Dauerbrenner, der immer wieder auf den Tisch kommt. Daher sieht Granfondo durchaus interessant aus. Mir gefällt auch der Grafikstil – wenn es sich vermutlich auch um KI-Grafik handelt. Auch die „Meeple“ finde ich stark. 55 € sind für einen Blindkauf allerdings etwas viel, da weder die Rezension noch das Erklärvideo des Autors wirklich rüberbringt, ob das ein Gaudi ist oder das Ding nach einer Partie für immer im staubigen Regal landet. Werde dem Spiel aber auf der diesjährigen SPIEL eine Chance geben.
Lieber Der D,
es ist immer schwer zu sagen, was eine Gaudi ist und was nicht. Wie ich schon schrieb: Im Staub landen wird es bei mir nicht. Es benötigt schon etwas an Konzentration und auch Glück (beim Kartennachziehen). Für mein Empfinden macht das Spaß, aber Gaudi ist für mich was anderes. Der Unterhaltungswert liegt in der Spannung, die sich durch einen – hoffentlich – knappen Rennverlauf und dem Gelingen (oder nicht) des Kartenmanagements ergibt. Am besten ist daher tatsächlich: selbst ausprobieren.