Die Rezension beginnt mit einem Geständnis: Ich habe noch nie Great Western Trail (GWT) gespielt. Das ist in Vielspielerkreisen ja eigentlich unverzeihlich, aber leider wahr. Nun gibt es ja neuerdings mit Great Western Trail: El Paso eine einsteigerfreundliche Variante, die die Spieldauer halbieren soll. Insofern eine gute Gelegenheit für mich, in die GWT-Franchise hinein zu schnuppern. Aber es gab Hürden, soviel sei schonmal vorab gesagt.
Autorenkooperation beim Einsteigerspiel
Alexander Pfister als Autor des ursprünglichen Great Western Trail ist wieder mit an Bord und hat sich diesmal mit Johannes Krenner zusammengetan, den man u. a. durch Challengers! kennt, dem Kennerspiel des Jahres 2023. Das Spiel ist bei Lookout Spiele im Rahmen der „Green Line“ erschienen, was sich auf das Material auswirkt, aber dazu später mehr.
Worum geht es bei Great Western Trail: El Paso?
Wir sind wie beim ursprünglichen Great Western Trail Rancher, die ihre Rinderherden in die Stadt treiben, um dort möglichst viel Profit zu machen und das Geld möglichst effizient wieder einzusetzen. Das Ganze läuft über einen Deckbuilding-Mechanismus. Jeder Rancher besitzt zu Beginn das gleiche Kartendeck, bestehend aus Rindern und Arbeitern (je einem Cowboy, Ingenieur, Baumeisterin und Joker). Die Rinder werden gemischt und man zieht vier Handkarten, die Arbeiter kommen zur Nutzung unter das Spieltableau.
Die gut strukturierte Regel schlägt für die Erstpartie ein bestimmtes Setup von Gebäuden auf dem Plan vor, dass bei weiteren Partien aber durch A- und B-Seiten der Plättchen beliebig variiert werden kann. Wir wandern nun mit unserem Rancher bis zu drei Felder auf dem Plan und dort, wo wir stehen bleiben, führen wir die entsprechenden Aktionen aus. Wir bestimmen also die Geschwindigkeit, mit der wir Richtung El Paso ziehen selbst und müssen uns entscheiden, ob wir unterwegs möglichst viele Aktionen mitnehmen möchten, oder schnell nach El Paso ziehen, wo unsere Bewegung zunächst mal endet. Dort erhalten wir nämlich immer erstmal Geld, dürfen Rinderherden verkaufen, erhalten ein Simmental-Rind und müssen Handelsposten besetzen.
Gebäude bringen Vorteile auf den Weg nach El Paso

Zu Beginn der Partie liegen nur sechs allgemeine Gebäude plus El Paso auf dem Plan, diese können aber durch uns aufgestockt werden. Kaufe ich ein Gebäude, muss ich dafür Geld und Baumeisterkarten abgeben und darf mich entscheiden, wo ich entlang der Wege baue. Diese Gebäude markiere ich mit einem Plättchen und darf sie fortan nur selbst nutzen. Meine Rancherkollegen dürfen diese Gebäude zwar auch betreten, können dort aber nur sogenannte Hilfsaktionen durchführen. Hilfsaktionen sind auf dem Spielertableau dargestellt und zunächst nur sehr eingeschränkt nutzbar. Die meisten sind noch durch Scheiben in meiner Farbe blockiert. Jedes Mal, wenn ich in El Paso Rinderherden verkaufe, darf ich eine Scheibe gemäß dem Wert der Herde auf einem Handelsposten ablegen. Damit verbessere ich Hilfsaktionen oder schalte sie frei. Das kann beispielsweise der Erhalt von Geld sein, die Erhöhung der Handkartenlimits/der Zugweite, oder der Tausch einer Handkarte mit einer vom Nachziehstapel.
Der große Viehtrieb und das Geld
Für Rinderherden erhalte ich in El Paso nämlich nur dann viel Geld, wenn ich unterschiedliche Rinder verkaufe. Nur deren Kartenwerte zählen, es sei denn, ich verfüge über ein Bonusplättchen, das mir den Verkauf von gleichen Rindern gestattet. Bonus- und Zielplättchen gibt es also auch noch und man erhält sie entweder über Gebäude oder über die Nutzung des Zuges, der in Form von vier Karten neben dem Spielplan liegt. Aber auch für diese Nutzung muss ich wieder Geld und Ingenieurskarten zahlen. Neue Rinder kann und sollte man natürlich auch kaufen, zumal die für die Endabrechnung wertvollen nur auf dem Markt zu haben sind. Für Rinder sind Geld und Cowboykarten zu zahlen.
Kartenmanagement ist Teil der Strategie bei Great Western Trail: El Paso

So optimieren wir über zahlreiche Aktionen unser Kartendeck, indem wir immer höherwertige Rinder oder weitere Arbeiter kaufen. Über Hilfsaktionen können wir auch Karten ganz aus dem Spiel entfernen, um wertlose Karten loszuwerden und den Durchfluss der wertvollen Karten zu erhöhen. Karten bleiben nämlich sonst immer im System und alles, was ich an Karten bezahlen oder verkaufen muss, kommt nicht etwa aus dem Spiel, sondern immer auf den eigenen Ablagestapel und von dort immer wieder auf die Hand. Zertifikate auf meinem Spielertableau helfen mir, den Wert meiner Rinderherde beim Verkauf in El Paso zu erhöhen. Auch sie erhalte ich über Gebäude oder Bonusplättchen.
Das Ganze spielt sich – einmal verinnerlicht – tatsächlich flott runter, gegen Ende verlangsamt sich der Spielfluss aber deutlich, weil nun jeder grübelt, wie er aus seinen begrenzten Aktionsmöglichkeiten noch das Optimum herausholen kann. Ist das letzte Simmental-Rind verteilt, wird das Spielende eingeläutet. Der nächste Spieler, der nach El Paso kommt, setzt seinen Rancher auf das leere Simmental-Feld. Dann darf jeder noch einen letzten (oft verzweifelten) Zug machen und dann wird abgerechnet.
Das Brettspiel bietet Abwechslung durch viel Varianz

Great Western Trail: El Paso macht Spaß und sorgt durch die Varianz des Spielaufbaus und -materials für Abwechslung. Kommen wir aber zu den Hürden, von denen ich eingangs sprach. Lookout Spiele hat sich mit der Green Line das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben. Das wirkt sich bei El Paso unter anderem auf den Spielplan aus, der jetzt nicht mehr aus Pappe, sondern aus einem Tuch hergestellt wird. Der Nachteil eines Tuches ist neben den eher verwaschenen Farben das eigentlich notwendige Bügeln (zumindest vor der Erstpartie). Durch die Knicke im Stoff liegen die Gebäude und vor allem die Spielerscheiben eher wackelig auf dem Plan. Einmal geglättet, kann man den Plan aber auch rollen und in den Karton legen.
Kritik am Material
Durch den Verzicht auf Kunststofftütchen wird das Spielmaterial in kleinen, quadratischen Pappboxen untergebracht. Verschließt man diese zum ersten Mal, ist es allerdings kaum möglich, sie ohne Beschädigung wieder zu öffnen, weil die Laschen sehr fest sitzen. Und letztlich sind die Spielertableau zwar aus stabilem Karton, die Pappscheiben darauf verrutschen allerdings sehr leicht, wenn man nicht aufpasst. Double-Layer-Boards wären hier schön gewesen, aber bei dem Preis wahrscheinlich nicht zu realisieren. Und warum hat man die Rancherfiguren aus Holz in dieser völlig überdimensionierten Größe gestaltet? Die verdecken auf den Gebäudeplättchen die Aktionsmöglichkeiten, zumal ja durchaus mehrere Figuren auf einem Gebäude stehen können. Hier wäre weniger Größe tatsächlich mehr gewesen.
Regelfeinheiten nur per Smartphone
Aber das, was uns am meisten aufgeregt hat, ist der digitale Anhang. Wenn man nämlich wissen möchte, was die Grafiken auf den Bonus- und Zielplättchen eigentlich bedeuten, oder man die Aktionen der Gebäude und Züge erläutert haben möchte, ist man auf ein Smartphone angewiesen. Der digitale Anhang lässt sich nämlich nur per QR-Code abrufen. Was genau gegen den zusätzlichen Druck dieser sechs Seiten gesprochen hat, weiß wohl nur der Verlag. Neben einigen Regelkorrekturen zur 2. Auflage sind dort alle Gebäude und Zugkarten im Detail erläutert und auch die Bonus- und Zielplättchen werden erklärt (wenn auch nicht zweifelsfrei klar ist, wann welche Effekte dauerhaft gelten oder nur sofort). Zahlreiche Regelfragen auf Formaten wie Boardgamegeek zeigen, dass hier noch Optimierungsbedarf besteht.
Trotz Kritik und harter Automa macht Great Western Trail: El Paso Spaß

Die Autoren haben dem Spiel auch noch eine Solovariante spendiert, bei der man gegen eine Automa namens Sue spielt. Sue ist allerdings derart stark in all ihren Aktionen, dass es frustrierend schwer ist, gegen sie zu gewinnen.
Trotzdem ist Great Western Trail: El Paso ein gutes Spiel und bietet durch den variablen Aufbau einen großen Wiederspielreiz. Daran können auch die dargestellten (subjektiven) Mängel nichts ändern. Wer sich also scheut, den großen Bruder wegen der langen Spieldauer auszuprobieren, sollte zu El Paso greifen. Es lohnt sich.
