Little Tokyo: Ausschnitt, Foto von Heldbergs Games

Little Tokyo

von Kevin Kaito
2 Minuten Lesedauer
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Unsere erstes Date ist vielversprechend. Eine kompakte braune Spielbox aus bedruckter Pappe. Schlicht, nicht glänzend, nichts Aufgesetztes. Darin: Holzfiguren in einer Papiertüte, angenehm schwer, sauber verarbeitet. Eine Anleitung, gedruckt auf Kraftpapier, charmant formuliert, freundlich, witzig, ein Spiel mit gesundem Selbstbewusstsein. Und ich mag Bauspiele und Produkte, die nicht versuchen, ihre eigene Bedeutung künstlich aufzublasen. Ich bin gespannt, fast ein wenig aufgeregt, wird das vielleicht was mit uns, Little Tokyo von Markus Nikisch, Thade Precht (Heldbergs Games)?

Little Tokyo: kleine Stadt, große Ambitionen

Little Tokyo: Inhalt, Foto von Heldbergs Games

Thematisch bewegen wir uns in einer abstrahierten, verspielten Version Tokyos. Ikonische Holzfiguren – Pagoden, Glückskatzen, Sushi, Hochhäuser und meine Lieblingsfigur: der Sumoringer. Von hinten. Toll!

Mit diesen Bausteinen soll nun eine Skyline zusammengestapelt werden. Zwei gezackte Grundflächen liegen dafür aus, auf denen Little Tokyo langsam in die Höhe wachsen soll.

Die Mechanik: Stapeln halt

Mechanisch ist Little Tokyo ein klassisches Geschicklichkeitsstapelspiel: Reihum nehmen die Spielenden jeweils eine Holzfigur aus der Auslage und platzieren sie auf einer der beiden gezackten Grundflächen oder auf bereits platzierten Figuren. Die gezackte Struktur sorgt dafür, dass es keine wirklich „sicheren“ Plätze gibt – jede Entscheidung hat potenziell Konsequenzen für die Statik des gesamten Bauwerks.

Fällt beim Platzieren etwas herunter, gibt es Minuspunkte. Je nachdem, wie viele Teile betroffen sind, kann das schmerzhaft werden. Little Tokyo endet, sobald entweder keine Figuren mehr verfügbar sind oder jemand drei Minuspunkte gesammelt hat.

Das ist alles schnell verstanden und sauber umgesetzt. Little Tokyo ist bewusst so gebaut, dass die Skyline nach vier, fünf oder sechs gesetzten Figuren instabil wird und wieder in sich zusammenfällt. Das ist eine nachvollziehbare Designentscheidung: mehr Einstürze, mehr Bewegung, mehr „Action“.

Little Tokyo: Figuren, Foto von Heldbergs Games

Little Tokyo ist ein Stapelspiel in guter Gesellschaft

Little Tokyo steht nicht im luftleeren Raum. Es hat viele Verwandte:

  • Da ist Jenga, der archetypische Nervenspiel-Klassiker, der mit jeder Runde spürbar unangenehmer wird.
  • Oder das spektakuläre Villa Paletti, das mit Farben, Chaos und ständiger Eskalation arbeitet.
  • Oder das strategische Bausack, bei dem jeder Baustein durchdacht designt scheint und besonders in der legendären Variante „High Stakes“, bei der man sich gezielt die schlechtesten Bausteine per Auktion zuschiebt.
  • Oder Nekojima, beziehungsweise Cat on the Line, bei dem Holzkatzen an immer wackeligere Strommasten gehängt werden, ohne dass alles kippt – so witzig, dass allein das Zusehen schon Spaß macht.
  • Oder das brandneue Cat and the Tower, bei dem Katzen auf einen immer höher wachsenden Turm aus Pappe gesetzt und sogar gestreichelt werden müssen, ohne den großen Kollaps auszulösen.

All diese Spiele haben eines gemeinsam: Einen Spannungsbogen, der konsequent auf den Moment hinarbeitet, in dem alle den Atem anhalten und irgendwer ruft: „Jetzt nicht am Tisch wackeln!“

Little Tokyo bleibt aber leider am Boden. Die Türme werden selten hoch genug, um echte Fallhöhe zu erzeugen. Statt Nervenkitzel entsteht Routine.

Die Spannung eskaliert nicht, sie bleibt flach und setzt immer wieder neu an.

Die Autoren Markus Nikisch und Thade Precht sind bekannt für klare, reduzierte Spielideen, die ohne Regelballast auskommen. Little Tokyo passt also perfekt in dieses Portfolio – und ist genau das Spiel, das es sein will. Es spielt sich angenehm, freundlich und konfliktarm. Es tut niemandem weh, aber es fordert auch niemanden heraus. Fehler fühlen sich nicht dramatisch an, Erfolge selten verdient.

Nett – und das ist das Problem

Little Tokyo: Schachtel, Foto von Heldbergs Games
Also, Little Tokyo, nimm es bitte nicht persönlich. Du bist nett. Wirklich. Das sieht man sofort. Reduziert, stimmig, sauber produziert. Für andere Spieler oder Spielerinnen bist du vielleicht genau der richtige Typ.

Aber wir, wir beide passen nicht zusammen. Du bist mir einfach zu bodenständig, ich suche das Risiko. Da kannst du nichts für, es liegt an mir. Unsere Wege trennen sich hier also, mach es gut. Aber lass uns Freunde bleiben, okay?

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