Night Express, Ausschnitt des Titels, Foto Spieltrieb

Night Express

von Axel Bungart
6 Minuten Lesedauer
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Züge rauschen durch die Nacht, vorbei an Städten und Feldern, passieren Grenzen. Je komfortabler die Passagiere nächtigen und je schneller sie ihr Ziel erreichen, desto lukrativer ist das für die Bahnmanager. In Night Express (von Bernd Wustinger bei Spieltrieb) erwerben und managen 2-6 Spieler bis zu vier Züge, statten sie mit allerlei Extras aus und sorgen so – hoffentlich – für zufriedene Passagiere auf ihren Routen. In Deutschland kann das kaum spielen. Ist aber auch egal.

Unsere Wertung zu Night Express

Night Express: das ökonomische Eisenbahnspiel

Das erste und einzige veröffentlichte Werk von Bernd Wustinger ist dem Untertitel zufolge ein hochstrategisches, ökonomisches Brettspiel. Es geht darum, die eigenen Züge im Laufe von vier Runden nach und nach aufzuwerten, dadurch Passagiere zu gewinnen (und nicht wieder zu verlieren) und mögliche Synergien mit anderen eigenen Strecken zu schaffen oder nutzen.

Night Express - Spielplan | Foto: Axel Bungart
Night Express – Spielplan | Foto: Axel Bungart

Vor den Spielern liegt ein Spielplan, der eine Europakarte zeigt – bei Nacht versteht sich, denn es geht um den Nacht Express. Wenngleich stark reduziert, ein hübsches Design der Städte bei Nacht von oben. Zwischen den Städten bilden Linien die Verbindungen, die die Spieler später nutzen können und sollen.

Ein Haufen Material

Zunächst ist einiges aufzubauen: Diverse Kartenstapel für Strecken, Spezialisten, Ereignisse und geheime Ziele, Marker für Zugausbauten, Service Points und Passagiere, Geld-, Leasing- und Sonderwaggonplättchen – man ist beschäftigt. Einige Karten und die Züge müssen für die richtige Anzahl Spieler und sortiert nach Runden aufgestapelt werden. Jeder Spieler erhält ein Spielertableau, einen identischen Satz Bietkarten, ein paar Markierungs- und Spielsteine sowie Startkapital und „schon“ geht es los.

So wird Night Express gespielt

Zunächst werden Streckenkarten vergeben. Dazu wird eine spielerabhängige Anzahl Karten offen ausgelegt, aus denen sich die Spieler eine aussuchen können. Der Letzte hat immerhin noch die Auswahl aus (zwei bis) drei Karten. Die Streckenkarten zeigen Start und Ziel der Strecke an, welche sofort auf dem Spielplan markiert wird, und beherbergen darüber hinaus reichlich Symbole für Anzahl der Passiere und weitere für Ereignisse, die während der Fahrt eintreten können.

Ein Zug (nicht) um jeden Preis

Danach folgt der Verkauf der Züge. Die Züge sind für jede Spielerzahl und Runde festgelegt. Es gibt billige Bummelzüge mit wenig Optionen, diese zu verbessern, und Züge, die mit allem Komfort ausgestattet werden können, aber auch entsprechend teuer sind. Entsprechend lukrativ sind teurere Züge aber auch, was die Passagieranzahl und damit die Siegpunkte angeht. Denn letztlich geht es um viele Passagiere.

Night Express - Zug und Passagiere | Foto: Axel Bungart
Night Express – Zug und Passagiere | Foto: Axel Bungart

Der Bietmechanismus für den Verkauf erfolgt über Bietkarten. Jeder Spieler bietet verdeckt, und gleichzeitig wird aufgedeckt. Wer das höchste Gebot abgibt, zahlt einen festen Preis für den Zug plus den Betrag auf der Bietkarte. Und bei Gleichstand? Man traut es sich kaum zu sagen: Es wird gelost.

Ist einem ein Zug zu teuer, kann man ihn leasen. Gezahlt wird dann nur der Betrag der Bietkarte. Der (sehr viel teurere) Zugpreis bleibt einem erspart. Die Kosten für das Leasing sind jedoch Siegpunkte, die bei jeder Wertung abgezogen werden. Ist man wieder flüssig, kann man das Leasing beenden, den Zugpreis dann bezahlen und spart sich so weiteren Punkteverlust. Buy now, pay later.

Jeder nur einen Zug

Wichtig ist aber, dass jeder genau einen Zug bekommt. Seinen Zug ordnet jeder auf seinem Tableau seiner Streckenkarte zu. Damit steht fest, wie viele Passagiere in der ersten Runde auf welcher Strecke auf Reisen gehen. Hätte man (laut Streckenkarte) mehr Passagiere zu befördern, als im Zug Platz finden, schauen diese in die Röhre. Dass das für den Spieler nicht zwingend einen Nachteil bedeuten muss, sondern sogar ein Vorteil sein kann, fühlt sich nicht logisch an, ist aber so. Auf jeden Fall sollte man hier schon mal ein Auge darauf haben, Streckenkarte und Zug halbwegs aufeinander abzustimmen.

In der folgenden Phase kann man mit zwei Aktionen seinen Zug verbessern. Ausbauten und zusätzliche Waggons stehen reichlich zu Verfügung. Man muss sie sich aber a) leisten können und b) hoffen, dass man einen Platz ergattert, auf dem man die gewünschten Extras bekommt. Denn hier werden reihum nach Worker-Placement-Manier Felder besetzt. Ist das gewünschte belegt, muss man ausweichen. Irgendwas bekommt man so immer, doch manche Ausbauten hat man besser früher als später.

Night Express - Aktionsleiste mit Spielfiguren | Foto: Axel Bungart
Night Express – Aktionsleiste mit Spielfiguren | Foto: Axel Bungart

In der folgenden Phase bei Night Express treten zufällige Ereignisse ein, die, man möchte sagen monopoly-gleich, Gutes oder Schlechtes bewirken: Passagierverlust, Geld- oder Punktgewinn, Kooperation oder Beharkung mit Gegenspielern, es ist von allem was dabei. Zumindest kann man sich gegen ein schlechtes Ereignis schützen, wenn man dazu bereit ist, in der Phase zuvor dafür eine Aktion zu opfern.

Zahltag bei Night Express

Dann geht es schließlich zur Streckenbewertung. Man zählt seine verbliebenen Passagiere, addiert Extras, erweiterte Service Points und Zugausbauten, zieht Leasingkosten ab und erhält damit Siegpunkte und Geld in gleicher Höhe. Alles wird auf einem Abrechnungsblatt notiert, so kann jeder auch gleich den Fortschritt seiner Züge auf Anhieb erkennen. Damit geht es in die nächste Runde.

Auf die gleiche Weise werden die anderen drei Runden gespielt. Es kommen in jeder Runde eine neue Strecke und ein neuer Zug dazu, und in jeder Runde werden alle Strecken bewertet. Die erste Strecke wird also viermal gewertet, die vierte nur einmal. Man kann dann noch Züge upgraden und Strecken tauschen, um seine Kombinationen zu optimieren. Außerdem werden noch Spezialisten vergeben, die einem einmalige oder dauerhafte Vorteile in bestimmten Spielphasen bringen können.

Night Express - Züge auf Spielertableau | Foto: Axel Bungart
Night Express – Züge auf Spielertableau | Foto: Axel Bungart

Nach vier Runden werden verschiedene Boni vergeben. Wer dann die meisten Punkte erzielt hat, gewinnt bei Night Express.

Was überzeugt bei Night Express …?

Night Express ist eigentlich ein ganz schönes Spiel. Es gibt aber einiges, worauf man leider hinweisen muss.

Das Material ist sehr ansprechend designt und qualitativ sehr gut, jedoch etwas fummelig, da die Pappplättchen, die man auf die Züge legen muss, doch recht klein sind. Eine Unachtsamkeit und man hat sich sein Tableau mit allem Drauf und Drüber ordentlich verschoben. Leider gibt es auch einen veritablen Designfehler: Das Board, auf dem man die Züge zur Versteigerung auslegt, bietet nur Platz für sieben Züge. Zu sechst werden aber acht ausgelegt. Das ist spieltechnisch zu verkraften, aber unnötig. Es überwiegt dennoch die schöne Gestaltung.

… und was nicht?

Ärgerlicher wird es dann bei der Spielregel. Von zahlreichen Grammatikfehlern einmal abgesehen, ist sie teilweise umständlich formuliert. Vor allem werden wichtige Dinge nicht erklärt.

Das Wichtigste: Die Bietphase für die Züge endet damit, dass jeder Spieler einen Zug gekauft (oder geleast) haben muss! In seinem Set hat jeder aber auch eine Karte, mit der er bei einer Versteigerung passen kann. Was passiert aber, wenn alle Spieler passen? Es liegt nahe, den Zug aus der Versteigerung zu nehmen, da ihn sich offenbar keiner leisten will oder kann. Wenn das aber so ist, sind irgendwann unter Umständen nicht mehr genug Züge im Angebot, damit jeder einen erhalten kann. Somit könnten in einer Runde Spieler leer ausgehen. Leider konnte auch in der etwas überraschten Redaktion des Verlags dazu bisher keiner eine erschöpfende Auskunft geben. Und den Autor kann man bedauerlicherweise nicht mehr fragen (s. u.).

Noch weiteres ist ungeklärt: Verliert man auch Passagiere, wenn man selbst eine Strecke doppelt nutzt? Welche sind die „entsprechenden“ Züge bei einem Upgrade? Gehen Zugausbauten verloren, wenn man einen Zug upgradet? Und leider noch weitere Fragen zu Ereigniskarten. In der Summe zu viel.

Hinzukommt, dass es keine Marker gibt für die Inanspruchnahme eines Kredits, den jeder nur einmal pro Partie kassieren kann. Muss man es sich halt merken. Merken muss man sich auch Auswirkungen von Ereignissen, die ein Spieler auf andere beziehen kann. Denn am Ende der Runde werden solche Auswirkungen wieder zurückgedreht und da sollte kein Spieler vergessen werden. Das Symbol für Geld sollte überall gleich sein, was es nicht ist.

Aber Night Express ist unterhaltsam und spannend

Night Express - Spielsituation | Foto: Axel Bungart
Night Express – Spielsituation | Foto: Axel Bungart

Spielerisch mangelt es dagegen weder an Unterhaltung noch an Spannung. Sogar Interaktion findet statt, insbesondere, wenn Strecken doppelt genutzt werden. Die Optimierung der Strecken-Zug-Kombinationen durch Verschieben der Züge auf andere Strecken bietet noch ein paar Möglichkeiten, aus einer schlechten Kombi eine bessere zu machen und die Punktausbeute zu erhöhen. Das hat Grenzen, sorgt aber für bessere Laune.

Auch das Worker-Placement-Element bei den Aktionen ist typischerweise spannend und doch nicht zu dominant. Kann man seinen Zug durch den Kauf der entsprechenden Optionen frühzeitig auf High Speed aufrüsten? Bekomme ich noch den zusätzlichen Passagier oder einen Speisewagen? Das setzt neben einem guten Timing vor allem exaktes Kalkulieren voraus, denn die Geldmittel sind häufig, insbesondere in den ersten beiden Runden, denkbar knapp. Hinzukommt eine kluge Auswahl an Spezialisten und Streckenkarten und dann stellt man fest, dass tatsächlich einige Spielelemente ineinandergreifen, die dem Spiel einen erhöhten Anspruch verleihen und es strategisch machen.

Nicht zu sechst!

Nur wenn zu viele Spieler am Tisch sitzen, wird eine Partie Night Express arg zäh. Das liegt daran, dass die Auswahlphasen für die Karten (Strecken, Spezialisten) sich zu lange ziehen. Jeder muss sich bei der Auswahl die Karten durchlesen und entscheiden, welche er nimmt. Das dauert und unterbricht den Spielfluss spürbar. In Vollbesetzung geradezu ein Showstopper.

Erschreckend ideenlos ist die Auflösung von Unentschieden, z. B. beim Bieten auf Züge. Hätte es denn nicht irgendeinen sinnvollen tie breaker gebeben, statt zu losen?

Ein Zug nach nirgendwo

Alles in allem hat mir Night Express thematisch und von der Idee recht gut gefallen. Die zwei Aktionen pro Runde kommen einem zu wenig vor, man möchte ständig mehr machen. Aber man kann eben nicht alles haben.

Night Express, Schachtel, Foto Spieltrieb

Nicht zu verhehlen sind jedoch die handwerklichen Mängel an der Regel. Hier wäre eine deutlich bessere Redaktionsarbeit erforderlich gewesen. Bedauerlicherweise hat Bernd Wustinger, Autor von Night Express, zwar noch mitbekommen, dass seine Kickstarter-Kampagne erfolgreich werden und sein (einziges) Spiel veröffentlicht würde. Bedauerlicherweise verstarb er noch vor der Veröffentlichung. War es nun Unaufmerksamkeit oder der – ehrbare – Wunsch der Redaktion, vielleicht deswegen nicht mehr allzu viel an dem Spiel herumschrauben zu wollen? Letztlich muss es spielbar sein, und neben den vielen Kleinigkeiten ist es vor allem die wichtige Frage nach dem Bietmechanismus, die unbedingt geklärt werden muss, da Night Express sonst komplett entgleisen kann.

2 Kommentare

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Fabian Zimmermann 9. Oktober 2025 - 23:45

Mir hat das Spiel auch recht gut gefallen, aber über das Problem mit den Passagieren bei Strecken, die man selbst doppelt nutzt, sind wir ebenfalls gestolpert. Thematisch müsste man die Passagiere eigentlich reduzieren, aus spielmechanischen Gründen ist es aber m.E. besser, wenn sie nicht reduziert werden. Die Anleitung ist da unklar.
Die andere Sache ist aber geregelt: Wenn bei der Versteigerung alle passen, wird der Zug m.E. zunächst zur Seite gelegt. Wenn der letzte Zug versteigert wurde, wird wieder von vorne begonnen und die nicht versteigerten Züge erneut versteigert. So habe ich zumindest die Anleitung verstanden.

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Axel Bungart
Axel Bungart 10. Oktober 2025 - 09:50

Hallo Fabian,

man kann es so auslegen. Aber wirklich geregelt ist es nicht. Aber das wirft eine weitere Frage auf: Was wenn sich keiner dazu durchringt, einen der teuren Züge zu kaufen/leasen? Das wäre mit der Regel so möglich. Dann würde das Spiel an der Stelle nicht weitergehen. Jeder darf halt uneingeschränkt passen.
Ich habe mir die Regel daher etwas umgeschrieben. Danach darf man nur passen, solange die Anzahl der offenen Züge um eins größer ist als die Anzahl der Spieler, die noch Züge benötigen. Dann passt’s.

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