Rajas of the Ganges ist, wie ich finde, ein tolles Dice-Placement-Spiel. Eines mit besonders vielen Würfeln. Und auch bei der Roll & Write-Version Dice Charmers gab es – logischerweise – jede Menge Würfel. Der neueste Ableger ist eine Kartenspielvariante, wieder von Inka und Markus Brand und erneut erschienen bei Huch!. Doch Rajas of the Ganges: Cards & Karma kommt tatsächlich gänzlich ohne Würfel aus. Kann das funktionieren? Und fühlt sich das dann noch nach Rajas of the Ganges an?
So funktioniert Rajas of the Ganges ohne Würfel: Cards & Karma
Also wirklich ein Rajas of the Ganges ohne Würfel? Na ja, zumindest ohne „echte“, haptische Würfel, die man werfen kann. Stattdessen gibt es Würfelkarten. Und zwar auf der Rückseite der eigentlichen Spielkarten. Auf der Hand halten wir die als Würfelkarten, in der Auslage liegen sie als Aktionskarten.
Bin ich an der Reihe, wähle ich eine Karte aus der Auslage. Entweder ich nehme sie als Würfelkarte auf die Hand (allerdings kenne ich vorher nur die Würfelfarbe, nicht aber die Augenzahl) oder ich führe die zugehörige Aktion (der Kartenvorderseite) aus. Es gibt vier Arten von Aktionskarten/Aktionen:
- Gebäude bauen
- Schiff fahren
- Marktstand (Ware)
- Palastaktion
Bezahlen muss ich die Aktion mit Würfeln gemäß dem Zahlenwert der Aktionskarte, je nachdem in einer bestimmten Farbe oder mit einer bestimmten Augenzahl. Ist die Farbe vorgegeben, darf ich mehrere Karten nutzen, um den Zahlenwert zu erreichen. Geht es um die Augenzahl, ist zwar die Farbe egal, aber ich muss exakt diesen Würfelwert auf einer Karte haben.
Palastaktionen bringen Sofortboni; Gebäude, Schiffe und Marktstände dagegen lege ich zunächst in separaten Reihen in meine Auslage. Auch hier bekomme ich aber teils direkt Boni. Bei den Gebäuden können das z. B. so genannte Ruhmtoken in Form eines Pfauenpappmarkers sein, bei den Marktständen gibt es zusätzlich zu den Waren manchmal auch direkt Münzen.
Aller guten Dinge sind drei
Immer, wenn ich in meiner Auslage einen Dreiklang erreiche, bekomme ich etwas. Dafür braucht es:
- drei gleiche oder verschiedene Waren,
- drei gleiche oder verschiedene Gebäude,
- drei Schiffe
- oder drei Karma (ja, das gibt es auch hier).
Waren muss ich dann verkaufen, erhalte also Geld. Bei drei Gebäuden, Schiffen oder Karma bekomme ich eine Verwalterkarte (eine Art Joker). Damit kann ich wahlweise einen Extrazug machen, zwei Würfelkarten ziehen oder ihn als Würfeljoker einsetzen. Wann ist egal, habe ich aber drei Verwalter gesammelt, greift auch hier die Dreierregel. Dann muss ich alle drei gegen zwei Pfauen eintauschen.
Neben den Reihen mit Aktionskarten habe ich eine Zählleiste in meiner Auslage: Sechs Karten, die ich im Lauf des Spiels umdrehe. Dafür brauche ich wieder einen Dreiklang: entweder drei Pfauen oder einen „doppelten Dreiklang“ in Form von sechs Münzen. Mit Pfauen decke ich Karten von links auf, mit Münzen von rechts. Jede bringt mir einen starken Bonus oder eine Sonderaktion.
Habe ich als Erstes alle gedreht, gewinne ich. Schaffen das mehrere in derselben Runde, werden zusätzlich Pfauen und Münzen verglichen.
Cards & Karma: Immer noch eine Frage des Karmas – und des Timings
Cards & Karma wäre kein Rajas of the Ganges-Spiel, wenn es kein Karma gäbe. Damit kann ich die Augenzahl meiner Würfel anpassen, was immer wieder hilfreich ist. Bin ich rein auf die tatsächlichen Werte meiner Handkarten angewiesen, kann es durchaus auch mal eng werden. Schließlich kann ich nur als Aktion nutzen, was in der Auslage liegt. Und nicht immer passt das zu meinen Handkarten. Die Auslage wird zwar wieder aufgefüllt, aber immer erst am Rundenende, wenn alle zwei Mal an der Reihe waren (also nach zwei Durchgängen). Und bis dahin kann die Auslage schon sehr ausgedünnt sein – besonders, wenn es mehrere Aktionen gab, bei denen jeweils gleich mehrere Karten aus der Auslage genommen wurden.
Bloß nicht die Würfel vernachlässigen
Überhaupt sind die Würfelkarten in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Einen automatischen Nachziehmechanismus gibt es nicht. Das bedeutet, ich muss mit den zu Beginn erhaltenen vier Würfelkarten auskommen und während des Spielens selbst rechtzeitig für Nachschub sorgen. Natürlich kann ich statt einer Aktion eine Würfelkarte nehmen. Das kostet mich dann aber einen Zug und eine einzelne Würfelkarte hilft auch nicht immer nennenswert weiter – das erfordert zumindest ein gewisses Quäntchen Kartenglück. Besser ist es, die Handkarten gezielt und rechtzeitig aufzustocken, z. B. durch Aktionen, mit denen ich gleich zwei Würfelkarten aus der Auslage nehmen darf. Je mehr Handkarten ich habe, desto mehr Auswahl – und desto eher passt etwas davon zum Angebot in der Auslage.
Spiele ich zu sehr vor mich hin, kann es schnell passieren, dass mir die Würfelkarten ausgehen. Und habe ich erst mal gar keine Handkarten mehr, ist es schwer, wieder ins Spiel zu kommen. Im doppelten Wortsinne. Gibt es nach dem ersten Nachziehen passende Aktionskarten, mit denen ich die Handkarten wieder aufstocken kann, lässt sich das noch einigermaßen abfedern. Wenn nicht, kann ich notfalls vielleicht einen Verwalter zum Kartenziehen einsetzen. Das ist zwar bitter, weil ich ihn dann nicht mehr als Würfeljoker habe, aber immerhin bin ich wieder handlungsfähig. Denn im schlimmsten Fall – wenn ich keinen Verwalter und auch sonst keine Möglichkeit zum Kartenziehen habe – brauche ich mehrere Züge, bei denen ich nur einzelne Würfelkarten aus der Auslage nehmen kann. Ohne Handkarten läuft man also nur allzu leicht in eine Sackgasse. Bis man sich daraus wieder freigearbeitet hat, haben die Mitspielenden vielleicht längst einen schwer aufholbaren Vorsprung, besonders im Spiel zu zweit. An dieser Stelle kann Cards & Karma durchaus auch frustrieren.

Begehrte Gebäude und mächtige Verwalter
Besonders begehrt sind in der Auslage meist die Gebäude, weil sie nicht nur die für die Zählleiste wichtigen Pfauen, sondern auch einen Verwalter einbringen können. Manche Karten haben gleich zwei Gebäude und zwei Pfauen, sind dafür aber entsprechend teuer. Die Zahlenwerte sind dann so hoch, dass sie mit nur einer Würfelkarte gar nicht erreichbar sind. Stattdessen muss ich mehrere Würfelkarten derselben Farbe einsetzen. Alternativ kann ich einen Verwalter und eine normale Würfelkarte kombinieren.
Die Verwalter sind also doppelt wichtig: Einmal um fehlende Würfelkarten auszugleichen – sei es, weil ich einfach keine zur Auslage passenden Handkarten habe; sei es, weil ich mich verzettelt habe und mir die Handkarten langsam aber sicher ausgehen. Und einmal, weil ich damit viel leichter an die „wertvolleren“ Gebäudekarten komme. Und natürlich kann ich auch bestimmte Augenzahlen mit einem Verwalter leichter erreichen, wenn ich z. B. eine Schiffsaktion oder eine Palastaktion machen möchte.
Das Timing beim Dreiklang
Bei all dem bietet Rajas of the Ganges: Cards & Karma einerseits Flexibilität, andererseits erfordert es aber auch gutes Timing und ein gewisses Maß an Vorausplanung. Wie schon bei Dice Charmers spielen Kettenzüge eine wichtige Rolle, die sich gezielt einsetzen lassen. Manchmal kann ich dadurch sogar gleich zwei Karten der Zählleiste umdrehen. Wie beim Roll & Write hängt das auch mit den vielen Belohnungen zusammen – bzw. in diesem Fall mit der Dreierregel. Die gilt es immer gut im Blick zu behalten. Drei vom selben zu erreichen, kann entscheidend sein, gerade wenn ich dadurch einen Verwalter bekomme. Die sind als Joker sehr mächtig.
Zugleich muss ich aufpassen, dass ich nicht versehentlich einen Dreiklang erreiche, wenn ich manches vielleicht lieber behalten möchte. Das kann Karma sein, das mir vielleicht die entscheidende Flexibilität für einen gezielten Kettenzug gibt. Und das betrifft oft die Verwalter. Denn zwei Pfauen gleichen das, was ich mit drei Verwaltern hätte machen können, nicht immer aus (außer vielleicht, wenn es auf das Spielende zugeht oder wenn ich unbedingt die nächste Karte umdrehen will). Also heißt es: Verwalter rechtzeitig einsetzen, bevor der dritte dazukommt. Das passiert manchmal schneller als gedacht, z. B. beim Umdrehen einer Karte der Zählleiste (bei den Boni gibt es auch einen Verwalter) – schwupps, schon sind es drei.
Das ist übrigens das generelle Spielgefühl: Oh, ich habe ja schon drei von was auch immer, dann bekomme ich etwas. Und kann vielleicht schon gleich eine Karte umdrehen. Bei Cards & Karma geht es schnell und dynamisch zu. Und läuft es erst mal, hält das oft auch eine Weile an. Dabei spielt aber auch ein gewisser Glücksfaktor mit hinein.
Cards & Karma: Ist das noch Rajas of the Ganges?
Thematisch erinnert all das schon auf den ersten Blick stark an die bisherigen Rajas of the Ganges-Spiele: die Schiffe, die Gebäude, die Helferfiguren im Palast, die Waren usw., bis hin zum Karma. Wege gibt es diesmal allerdings keine.
Die verschiedenen Spielelemente dagegen wirken anfangs etwas anders, allein schon, weil es keine Würfel gibt. Bei näherem Hinsehen merkt man aber, dass das alles typische Elemente der Spielfamilie sind. Zum Beispiel erinnert die Zählleiste, die ich von zwei Seiten aufdecke, an die gegenläufigen Siegpunktleisten aus dem Brettspiel und aus dem Roll & Write. Und auch das Spielgefühl passt dazu: Es fühlt sich durchaus nach Rajas of the Ganges an. Fehlende Würfel hin oder her.
Der vergessene Elefant bei Cards & Karma
Der Startspielerelefant als „Maskottchen“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Spielreihe. Und unterstreicht die insgesamt gelungene Gestaltung. Mich erinnert das ein wenig an die Katze aus 7 Wonders Architects (auch wenn die nur in einem Spiel vorkommt): ein redaktionelles I-Tüpfelchen.
Bei Cards & Karma ist der Elefant leider nicht mehr dreidimensional, dafür aber thematisch toll eingebunden: Nach dem ersten Durchgang einer Runde bleibt der Elefant erst mal, wo er ist, dreht sich aber um (das markiert den zweiten Durchgang). Der Elefant macht sich sozusagen schon mal auf den Weg zum nächsten Startspieler. Und verliert dabei ein Karma, das ich als passives Einkommen bekomme, wenn ich gerade Startspieler bin.
Allerdings ist das Elefanten-Umdrehen gerade durch all die Dynamik im Spiel anfällig dafür, vergessen zu werden. Besonders zu zweit geht der Elefant im schnellen Wechsel der Spielzüge leicht unter. Dann entsteht auch mal kurzfristig Verwirrung. Im Extremfall muss die Spielrunde Züge rückgängig machen, wenn z. B. das Karma (das dann ja ebenfalls mit vergessen wurde) das dritte gewesen wäre. Denn dann muss man es ja in einen Verwalter umtauschen.
Cards & Karma: Spielerzahl & Platzbedarf
Vom Problem mit dem Elefanten abgesehen spielt sich die Kartenversion zu zweit fast am besten. Aber auch mit mehr Mitspielenden funktioniert Cards & Karma sehr gut. Dabei darf der Tisch auch etwas kleiner sein. Die vielen Karten brauchen zwar Platz (je mehr mitspielen, desto größer wird die Auslage), es bleibt aber überschaubar. Und das Spielmaterial geht eng zusammen, lässt sich also gut mit auf Reisen nehmen.
Rajas of the Ganges als Kartenspiel: Lohnt sich Cards & Karma?

Inka und Markus Brand gelingt es hervorragend, Rajas of the Ganges ins Kartenspiel zu übertragen. Und doch entsteht dabei ein ganz eigenes Spielgefühl, das von Dynamik und Schnelligkeit geprägt ist. Die Dreierregel bringt frischen Schwung in die Spielefamilie, während Cards & Karma trotzdem das Rajas of the Ganges-Feeling auf den Tisch bringt. Es ist vergleichsweise schnell aufgebaut und eine Runde so schnell gespielt, dass man oft gleich noch eine zweite anhängt. Oder eine dritte. Wie schon bei Dice Charmers oder bei 7 Wonders Dice lohnt es sich auch hier, beide Spiele zu haben: das große Brettspiel und die kleinere Version als Kartenspiel. Kennt man Rajas of the Ganges noch nicht, ist wahrscheinlich sogar Cards & Karma die zugänglichste und einsteigerfreundlichste Variante.
