Reiss aus: Ausschnitt des Titels, Bild von Denkriesen

Reiss aus ist ein Partyspiel von Ralf zur Linde, präsentiert von Denkriesen, und könnte aus einer Zeit stammen, als Kindergeburtstage nur aus Kakao und Kuchen bestanden. Als noch zuhause gefeiert wurde, mit dem, was da war. Keine Kegeltour für die 5-Jährigen mit anschließender Brauereibesichtigung, kein Fallschirmspringen mit den 8-Jährigen und kein Training mit den Jungs von Alba Berlin für die 12-Jährigen. Stattdessen Blinde Kuh, Topfschlagen und Disco im elterlichen Wohnzimmer bei Tageslicht. Mit Reiss aus packt Ralf zur Linde viele schöne Erinnerungen an diese Zeit in die Spielepackung.

Reiss aus: Ich reiße mir die Welt, wie sie mir gefällt

Reiss aus: Spielkarten, Bild von Denkriesen

Reiss aus hätte man damals schon auf diesen herrlich minimalistischen Kindergeburtstagen spielen können. Ein paar Blätter Papier, ein paar Begriffe und alle können ordentlich einen abreißen. Denn nichts anderes macht man bei Reiss aus:

Man versucht, die vorgegebenen Begriffe aus Papier auszureißen, so dass die Mitspieler die Begriffe erraten können.

Punkte bekommen die Spieler, die richtig geraten haben. Und die Person, die den Begriff gerissen hat. Nämlich so viele wie die Anzahl der Spieler, die den Begriff geraten haben.

Damit nicht zu viel Leerlauf ist, reißen alle Spieler gleichzeitig Begriffe aus. Dann kommt die Raterunde, wo alle Spieler gleichzeitig ihre Tipps verdeckt abgeben, welcher Spieler welchen der vorgegebenen Begriffe gerissen hat. Und dann folgt die Auflösung und Punktevergabe. Der ganze Bumms geht über vier Runden und am Ende gewinnt der Spieler mit den meisten Punkten.

Die Tücken des Ausreißens

Reiss aus: Material, Bild von Denkriesen

Ach ja, nicht unwichtig. Jedem Spieler steht für die vier Runden nur ein weißer Notizzettel zur Verfügung. Allerdings werden die Materialien aus den vorherigen Runden im Schachteldeckel gesammelt und können von allen in der aktuellen Runde für die neuen Kunstwerke genutzt werden. Man muss nur schnell sein.

Die Begriffe werden immer auf Karten vorgegeben. Sechs an der Zahl. Und diese ähneln sich leider optisch sehr stark, z. B. Schachbrett, Honigwabe, Tabelle, Diagramm, Fliesen und Waffel. Oder Marmelade, Karamell, Ahornsirup, Schokolade, Öl und Shampoo. Das reißt man nicht mal so eben aus. Da sind Köpfchen und Kreativität gefragt.

Wer über das Stadium der schlichten Dinge hinaus ist, kann das Niveau mit den dunkelblauen Expertenkarten steigern. Dort finden sich dann bspw. folgende Begriffsgruppen: Sonnensystem, Einsamkeit, Mehrheit, Führung, Alter und Gruppe. Oder Südamerika, Nordamerika, Antarktis, Australien, Afrika und Eurasien. Auch hübsch: Pool, Klecks, Pfütze, See, Meer und Bucht.

Greif zum Altpapier

Viel Spielmaterial braucht es für Reiss aus nicht. Aber das, was es braucht, ist von guter Qualität. Und auch die Anleitung ist ausführlich, verständlich und angenehm bebildert. Und der ganze Wumms passt wunderbar aufgeräumt in die Spielschachtel, ohne dass unnötig viel Luft bleibt. Sollte man irgendwann alle vorhandenen Notizzettel verbraucht haben, füllt man mit handelsüblichen Notizzetteln wieder auf oder greift ins Altpapier.

Fazit: Der Spielspaß bei Reiss aus

Vor 20 oder 30 Jahren wäre Reiss aus sicher ein Kracher gewesen. Das hätte man schön in jeder Studentenbude bis zum ersten Hahnenschrei spielen können. Heute und bei der Flut an Party- und Kommunikationsspielen ist das Interesse nicht mehr ganz so groß und die Euphorie köchelt auf Sparflamme. Besonders da Reiss aus sich stark an Krazy Wordz orientiert, nur dass man hier keine Fantasieworte legt, sondern die Begriffe aus Papier ausreißt.

Reiss aus: Schachtel des Partyspiels, Bild von Denkriesen

Wobei das Ausreißen wirklich einen gewissen Reiz hat. Allerdings haben wir in den letzten Jahren schon viele Begriffe geknetet, gemalt, durch Geräusche oder Gesten dargestellt. Es zeigt sich eine gewisse Ermüdung. Selbst bei Partyspiel-Süchtigen. Daher hatte ich tatsächlich Probleme, das Ding hier in meinen Spielgruppen oft auf den Tisch zu bringen. Was schade ist, denn gerade durch die clever zusammengestellten Begriffe ist Reiss aus nicht trivial, sondern fordert ein gutes Vorstellungsvermögen und Fingerfertigkeit.

Insgesamt landet Reiss aus damit irgendwo im Mittelfeld der Partyspiele. Es ist eigentlich kein Rohrkrepierer, aber auch kein Überflieger. Und wird aufgrund der Masse an Partyspielen vermutlich schnell Staub ansetzen im Regal. Sorry, Ralf.

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