Schwarze Wittwen: Ausschnitt der Illustration, Foto von Corax Games
Reich der Spiele RezensionSchwarze Witwen

Schwarze Witwen

von FloKi
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„Hey Du, warte mal kurz, hast du schon gehört? Cecily hat schon wieder einen neuen Ehemann! Dieses Mal ist es ein echter Adliger! Und hast du mitbekommen, Mabels vierter Ehemann ist nun auch verstorben. Also, um sie mach ich künftig wohl lieber einen großen Bogen!“ Was ist denn hier los? Tja, die Schwarzen Witwen (von Sarah Shipp und Mercedes Palacios, Corax Games) sind los und sie kommen in Form eines taktischen Kartenspiels mit Drafting-Mechanismus mit einer großen Portion makaberem Spielspaß. Aber der Reihe nach!

Der Inhalt von Schwarze Witwen

Das Spiel Schwarze Witwen kommt in einem kleinen Karton daher und lässt sich so super mit zum Spieleabend oder in den Urlaub nehmen. Der Karton enthält kleine Zipptütchen und alles findet schnell und ordentlich seinen Platz.

Was genau ist aber „alles?“. Für ein Kartenspiel wenig überraschend in erster Linie: Karten. Davon befinden sich 125 im Spiel (12 Startbauernhöfe, 89 Hauptkarten, 24 Ehemannkarten), ergänzt wird das Material durch 123 Kronenmarker (in den Wertigkeiten 1, 5, 10, 20, 50), sechs Damentableaus, sechs Beförderungs- und Verrufenheitsmarker, sowie einem Richtungsanzeiger und einer 15-Seitigen Spielanleitung.

Wie wird Schwarze Witwen gespielt?

Die Vorbereitung: Bevor wir loslegen können, kümmern wir uns erst einmal um den Spielaufbau. Jede Person wählt eine der Damen aus und legt das entsprechende Tableau offen vor sich ab. Dann sortieren wir die Ehemänner nach ihren Mitgiftkosten und legen sie offen und gut sichtbar in sieben Stapeln aus – zusätzlich platzieren wir den Duke separat. Ziel des Spiels ist es schließlich, diesen Duke zu heiraten. Wie das funktioniert, erkläre ich gleich.

Auf dem Tableau markieren wir nun die Verrufenheit jeder Dame mit einem Marker – zu Beginn startet jede bei null. Anschließend erhält jede Dame fünf Kronen als Startkapital. Nun mischen wir die zwölf Startbauernhöfe. Jede Dame zieht zwei Bauernhöfe, der Rest wandert zurück in die Schachtel. Anschließend mischen wir die Hauptkarten gründlich durch und legen sie als verdeckten Nachziehstapel in die Tischmitte, für alle gut erreichbar. Auch die restlichen Kronen platzieren wir zentral, damit sich alle bei Bedarf bedienen können.

Schwarze Witwen: die Kartenmotive, Foto von FloKi

Jetzt wird geheiratet – odet doch nicht?

Jetzt wählen wir bereits den ersten Ehemann aus. Die sieben Ehemann-Stapel unterscheiden sich nicht nur in ihren Fähigkeiten, sondern auch in der Höhe der erforderlichen Mitgift. Zu Beginn stehen nur die ersten drei Kategorien zur Verfügung. Diese Ehemänner bringen alle eines gemeinsam mit: Wenn wir sie heiraten, steigt unsere Verrufenheit.

Ab der vierten Kategorie dreht sich das Spiel – nun dürfen wir nur noch heiraten, wenn unsere Verrufenheit einen bestimmten Wert nicht überschreitet. Sobald wir uns für einen Ehemann entschieden haben, zahlen wir die entsprechende Mitgift und passen unsere Verrufenheit an. Wählen wir einen Vikar oder Professor, kommt außerdem der Beförderungsmarker ins Spiel. Diese Herren lassen sich nämlich aufwerten – also befördern (und damit ist ausnahmsweise mal nicht „ins Jenseits“ gemeint).

Regeln und Aktionen im Überblick

Was genau zu tun ist, ist in kurzer und überschaubarer Form auf den Damentableaus notiert. Das ist eine gute Übersicht für Zwischendurch. Grundsätzlich verläuft Schwarze Witwen in vier Phasen.

Kartenphase

In dieser Phase ziehen wir fünf Karten vom Nachziehstapel. Von diesen Karten wählen wir nun eine aus und geben die restlichen vier Karten nach links weiter. Dieses Drafting wiederholen wir, bis nur noch zwei Karten weitergegeben werden. Aus diesen zwei Karten wählen wir erneut eine aus und legen die andere offen für alle sichtbar ab. Anschließend wird der Richtungsmarker gedreht, dieses Drafting wird jede Runde seine Richtung ändern.

Schwarze Witwen: Karten mit hübschen Illustrationen, Foto von FloKi

Im Wesentlichen besteht das Spiel aus verschiedenen Kartenkategorien. Diese sind folgende:

  • Ländereien – diese Karten bleiben dauerhaft in der Auslage und bringen Gelder.
  • Kapitalanlagen – diese Karten bringen zusätzliche Gelder werden aber an einem gewissen Punkt abgeworfen.
  • Ereigniskarten – Karten mit einem Soforteffekt.
  • Todesursache – Karten, die das Ableben der Ehemänner begünstigen.
  • Wiederheirat – Karten, die es ermöglichen, die Hochzeitsglocken (erneut) zu läuten.

Investitionsphase

Hier spielen alle gleichzeitig. Solange noch kein Adliger (ab Kategorie vier) geheiratet wurde, haben die Damen vier Slots für Ländereien, danach erhöht sich die Zahl auf fünf. Es werden zu Beginn relativ wenig Ländereien gespielt werden können, da diese Geld kosten. Im Verlauf sitzt das Geld jedoch lockerer und die Ländereien und Kapitalanlagen spielen zunehmend eine Rolle. Unter anderem, weil das Anwesen die Möglichkeit bringt, Verrufenheit zu reduzieren. Dafür wirft es aber kein Geld bei der Aushandlung des Nachlasses ab.

Zusätzlich können in dieser Phase Ereigniskarten gespielt werden. Beispielsweise lassen sich hier super ein paar Gerüchte verbreiten, dadurch erhält man selbst eine Stufe Verrufenheit, alle anderen jedoch direkt mal zwei. Ebenfalls in dieser Phase können die Fähigkeiten einiger Ehemänner eingesetzt werden. Der Baron erlaubt es beispielsweise, eine Länderei abzulegen und dafür zwei Kronen zu erhalten. Das kann jede Dame aber generell in dieser Phase tun, nur ohne Baron gibt es dafür dann keine Kronen. Sind die Investitionen getätigt, die Gerüchte gestreut und vielleicht auch einige Ländereien abgelegt worden, kann es weiter gehen.

Ehemannphase

Willkommen in der wohl gruseligsten Phase von Schwarze Witwen für die treuen Ehemänner. Jetzt entscheidet sich, welchen Verlauf die Ehe nehmen soll – romantisch … oder eher tragisch. Vikar und Professor dürfen in dieser Phase noch hoffen, befördert zu werden – dies kostet natürlich auch seine Kronen. Mit einer Beförderung steigt allerdings  auch das Erbe, das der einsamen, trauernden Dame nach einem plötzlichen Dahinscheiden zufallen würde.

Für alle anderen Gatten gilt: hoffen, dass nichts passiert.

Was genau passieren kann? Das ist schnell erklärt: Die Todesursachen-Karten eröffnen die Möglichkeit, den Ehemann ins Jenseits zu befördern. Je nach Art des tragischen Ablebens steigt allerdings auch die Verrufenheit der Dame. Steht keine passende Todesursache zur Verfügung, bleibt immer noch eine letzte, drastische Option: selbst Hand anlegen. Wer diesen Weg wählt, zahlt allerdings stolze sieben Punkte Verrufenheit. Frei nach Deichkind: Lieber „selber machen lassen“.

Aber keine Sorge – niemand ist dazu gezwungen. Wer will, darf die Ehe natürlich auch ganz friedlich weiterführen. Stirbt der Ehemann, folgt die Nachlassverwaltung. Die Dame erhält sofort Geld aus dem persönlichen Erbe ihres verstorbenen Gatten. Auch die Kapitalanlagen bringen nun Erträge ein, werden anschließend aber abgeworfen. Den Ehemann drehen wir auf die Grabsteinseite und legen ihn auf den Friedhof neben die Auslage. Die übrigen Ländereien werfen ebenfalls Kronen ab, bleiben aber weiterhin aktiv im Spiel. Steht auf unserem Friedhof bereits mehr als ein Grabstein, erhöht sich die Verrufenheit um jeweils einen Punkt pro Stein – ein notweniges Übel.

Up in the club (club), we just broke up (up)I’m doin‘ my own lil‘ thing

Den Ohrwurm gibt es natürlich als Service frei Haus. Und wahrscheinlich müsste es eher „all the single widows“ heißen, aber: Hey! Im Klartext: Sollte eine Dame in der Ehemannphase keinen Ehemann haben, hat sie die Möglichkeit, mit der Wiederheirat-Karte einen neuen Ehemann zu heiraten. Es gilt natürlich zu schauen, dass die Mitgift geleistet werden kann und die Verrufenheit nicht überschritten ist. Wenn das Kartenglück einem gerade nicht so hold ist, besteht auch die Möglichkeit durchzubrennen (der Duke verbittet sich natürlich solche Albernheiten), dafür steigt die Verrufenheit nach (!) der Hochzeit aber um stolze fünf Punkte.

Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann

Schwarze Witwen: Material und Aufbau, Foto von Corax Games

Es scheint mir, heut ist Ohrwurm-Tag. Fast ganz getreu des Liedtextes von Johanna von Koczian, ist die Haushaltsphase in Schwarze Witwen nun aber wirklich kein großes Hexenwerk. Wir überprüfen lediglich unserer Handkartenlimit, das in dieser Phase bei drei Karten liegt; das wärs auch schon.

Getreu nach diesem Schema und seinen Regeln wird nun reihum solange geheiratet, getrauert und, naja, gemordet, bis eine Dame sich für 120 Kronen Mitgift und maximal zehn Verrufenheit die Bedingungen erfüllt, den Duke zu heiraten. Wie oben bereits erwähnt, bedarf es zusätzlich der Wiederheirat-Karte, durchbrennen ist unter des Dukes Niveau!

Der Spaß bei Schwarze Witwen kommt erst spät

Ich muss es zugeben, Schwarze Witwen und ich hatten einen holprigen Start. Die Anleitung ist irgendwie einfach an mir vorbeigeschrieben, jedenfalls habe ich nach mehrmaligem Lesen trotzdem noch das ein oder andere Fragezeichen im Kopf gehabt, das passiert mir eigentlich selten. Vielleicht war ich unterbewusst eingeschüchtert ob des mörderischen Themas. Nach einem weiteren Lesen und ein wenig eigeninitiativ gestarteter Video-Recherche saßen die Regeln dann aber. Hieran wird wohl auch recht schnell deutlich, die Regeln und insbesondere die taktische Komponente des Spiels sind nicht ohne. Sicherlich wird auch das Thema seinen Grund daran tragen, aber die Altersempfehlung von 14 Jahren wird auch in der Komplexität stecken.

Generell ist das Thema stilistisch toll umgesetzt. Die Damen sind divers und ansprechend gestaltet. Die kleine Übersicht auf den Tableaus verschafft zu jedem Zeitpunkt eine Navigation durchs Spiel und gleichzeitig erschlägt einen hier nichts (im Kontext der Schwarzen Witwen muss hier wohl ein „Gott sei Dank“ folgen). Ich persönlich mag den Stil sehr und empfinde ihn als unfassbar passend für die Thematik rund ums Thema Adel, Heirat, Reichtum und Co. Sowohl die Ehemänner sind toll illustriert, als auch die Ländereien. Besonders hervor sticht jedoch das Kernelement, die Todesursachen. Diese sind nicht nur toll dargestellt, sondern von einer wirklich tollen Vielfalt und Fülle geprägt.

Das Drafting bei Schwarze Witwen

Durch das clevere Drafting-System wirkt das Spiel auch zu keinem Zeitpunkt unfair. Die Taktik und Herangehensweise bringen hier viel weitreichendere Einflüsse. Natürlich kann es immer wieder frustrierend sein, nicht die „richtige“ Karte zu erhalten, aber es gibt trotzdem Möglichkeiten, den anderen das Lebens mindestens genauso schwer zu machen. Die Möglichkeit, auch ohne entsprechende Karte einen Ehegatten übern Jordan zu schicken oder mit einem neuen durchzubrennen, brechen das „Kartenpech“ zusätzlich auf und verhindern unnötige Längen im Spiel. Die 30 Minuten empfinde ich trotzdem als knapp bemessen.

Am Ende doch zu wenig Interaktion

Schwarze Witwen: Schachtel, Foto von Corax Games Das eben erwähnte „Lebens schwer machen“ funktioniert leider viel zu selten. Hier hätte ich mir deutlich mehr Karten gewünscht, die direkten Einfluss auf das Gegenüber haben. Es gibt zwar einige, aber so richtig wollte bei mir nicht das Gefühl entstehen, wirklich bei den anderen „stänkern“ zu können. Dafür sind es einfach zu wenige Karten in Summe.

Trotzdem macht Schwarze Witwen wirklich Spaß.

Das große Maß an Taktik, das mörderisch gut umgesetzte Setting und die Draftingmechanik lassen insgesamt ein rundes Spiel entstehen. Wer Drafting-Kartenspiele mag und Spaß an taktischem Vorausdenken hat, wird mit Schwarze Witwen sicherlich eine kleine makabere Perle finden.

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