Stephens: Ausschnitt des Gesellschaftsspiels, Foto Game Builders

Stephens (The Game Builders) ist ein strategisches Eurogame aus der Feder des portugiesischen Designerduos Costa & Rôla. Thematisch angesiedelt im Lissabon des 18. Jahrhunderts, nach dem verheerenden Erdbeben von 1755, übernehmen die Spieler die Rollen ambitionierter Glasmachermeister, die in der berühmten “Stephens-Fabrik” arbeiten und sich durch die  Herstellung und den Handel von Glas einen Namen machen wollen.

Wer war dieser namensgebende Stephens?

William Stephens lebte von 1671 bis 1753. Er war ein englischer Unternehmer und Glashüttenbesitzer, der im 18. Jahrhundert eine bedeutende Rolle beim Aufbau der Glasindustrie in Portugal spielte.

Er gründete in Marinha Grande (nördlich von Lissabon) eine große Glashütte, die später zur bedeutendsten in ganz Portugal wurde. Hierbei führte Stephens moderne Glasherstellungsverfahren aus England ein und setzte auf fortschrittliche Betriebsorganisation, darunter ein faires Entlohnungssystem, Weiterbildung für Arbeiter und eine Art betriebliche Sozialversorgung.

Die Fabrik spielte besonders nach dem großen Erdbeben von 1755 eine Schlüsselrolle beim Wiederaufbau Lissabons – z. B. durch die Lieferung von Fensterglas für öffentliche Gebäude.

Das Spielbrett von Stephens

Diese große Glashütte findet sich als zentrales Element auf dem Spielbrett wieder. Drei verschiedene Farben von Glas lassen sich in dieser Glashütte herstellen: Grünes Glas für Flaschen, blaues Glas für Glaswaren und weißes Glas für Glasplatten. Verschiedenfarbiges Glas wird in dem Spiel durch transparente Farbwürfel dargestellt.

In kleineren Fabriken, die auf dem Spielbrett oberhalb der Stephens-Fabrik angeordnet sind, werden weitere Waren produziert. Hierbei stehen orange Würfel für Holz-, rosa Würfel für Textil- und schwarze Würfel für Tonwaren.

Zu Beginn des Spiels können wir nur Spielsteine aus den Schmelzöfen der Stephens-Fabrik nehmen. Hier stehen Flaschen, Glaswaren und Glasplatten zur Verfügung. An diese Fabrik legen wir auch die ersten Arbeitskräfte an.
Zu Beginn des Spiels können wir nur Spielsteine aus den Schmelzöfen der Stephens-Fabrik nehmen. Hier stehen Flaschen, Glaswaren und Glasplatten zur Verfügung. An diese Fabrik legen wir auch die ersten Arbeitskräfte an.

Der Raubbau an der Natur wird auf zwei Leisten, dem Waldpfad und dem Dünenpfad, angezeigt. Weitere Felder auf dem Spielbrett umfassen

  • ein Feld für Handwerkerkarten, die man einem Handwerk zuweisen,
  • Investitionskarten, die man finanzieren, und
  • neue Auftragskarten, die man annehmen kann.

Und schließlich findet sich am Ende des Spielbretts eine Punkteleiste, auf der nicht nur die Spieler ihre Siegpunkte markieren, sondern sich auch die französische Armee unter Napoleon in Form einer Kanone der Stadt nähert. Treffen Spielermarke und Kanone aufeinander, wird das Ende der Partie ausgelöst. Das sollte uns als Spieler aber wenig tangieren, denn bis Napoleon Lissabon erreicht, gilt es, Ansehen (Punkte) zu sammeln.

Das Spieltableau

Neben dem Spielbrett mit seinen Spielsteinen und Karten springen bei Stephens noch die Spieltableaus der Spieler ins Auge. An diese platziert man nicht nur die Investitions- und Auftragskarten, sondern schaltet auch dauerhafte Fähigkeiten frei, die einem während des Spiels Vorteile und am Ende zusätzliche Siegpunkte bringen können. Weil wichtig, kommen die Teile auch als ordentliche Double-Layer-Boards daher.

Weil das Spieltabelau in Stephens so wichtig ist, gibt es hübsche Double Layer Boards, auf denen man nach und nach zusätzliche Fähigkeiten freischaltet. Rechts vom Board werden die Investitionskarten angelegt, die in der Ruhephase Punkte und farbige Würfel bringen, die man anschließend in der Fabrik eintauschen kann.
Weil das Spieltabelau in Stephens so wichtig ist, gibt es hübsche Double Layer Boards, auf denen man nach und nach zusätzliche Fähigkeiten freischaltet. Rechts vom Board werden die Investitionskarten angelegt, die in der Ruhephase Punkte und farbige Würfel bringen, die man anschließend in der Fabrik eintauschen kann.

Regeln von Stephens: der Spielzug

Auch wenn Stephens ein mittelschweres Eurogame ist, ist das, was man während seines Spielzugs machen kann, äußerst überschaubar. Denn man macht lediglich eine von zwei verfügbaren Aktionen: Entweder legt man einen Spielstein aus einer Fabrik – egal ob aus der Stephens-Fabrik oder einer kleinen Fabrik – in seinen persönlichen Vorrat oder man nimmt eine Scheibe vom persönlichen Spieltableau, um einem Handwerk eine Arbeitskraft zuzuweisen.

Durch das Zuweisen von Arbeitskräften seitlich an den Fabriken baut man nach und nach eine kleine Engine auf, die einem, sobald die entsprechende Reihe von Arbeitskräften getriggert wird, Ressourcen einbringt. Wem eine Arbeitskraft gehört, wird dabei durch Scheiben in der Farbe des jeweiligen Spielers vom Spieltableau angezeigt.

Getriggert wird eine Reihe immer dann, wenn ein Spieler an der entsprechenden Stelle Würfel wegnimmt. Da in einer Reihe Arbeiter verschiedener Spieler liegen, können auch mehrere Spieler davon profitieren. Dies führt zu spannenden Entscheidungen im Spiel. Triggere ich die Reihe auch dann, wenn meine Konkurrenten ebenfalls wertvolle Ressourcen erhalten?

Doch nicht nur Arbeitskräfte werden durch das Wegnehmen von Würfeln getriggert, sondern man kann auch Ressourcen gegen die erwähnten Investitons- und Auftragskarten tauschen.

Neben der Fabrik werden links und rechts weitere Arbeitskräfte angelegt. Hier wird man nicht nur die Scheiben vom eigenen Spieltableau quitt, um weitete Fähigkeiten freizuschalten, sondern baut sich auch nach und nach eine kleine Ressourcenengine auf.
Neben der Fabrik werden links und rechts weitere Arbeitskräfte angelegt. Hier wird man nicht nur die Scheiben vom eigenen Spieltableau quitt, um weitete Fähigkeiten freizuschalten, sondern baut sich auch nach und nach eine kleine Ressourcenengine auf.

Die Ruhephase

Während ein Spielzug schnell erklärt und verstanden ist, steckt die wahre Magie von Stephens in der Ruhephase, die immer dann ausgelöst wird, wenn zwei von vier Schmelzöfen in der Stephens-Fabrik keine Würfel mehr enthalten. Auf alle Aktionen, die während der Ruhephase stattfinden, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Wichtig ist, dass zum einen Napoleon weiter auf die Stadt vorrückt und dass die Investitions- und Auftragskarten genutzt werden.

Während unsere Spielermarker auf der Punkteleiste gierig nach unten wandern, steuern Napoleon und seine Armee (symbolisiert durch eine Kanone) die Punkteleiste hoch. Sobald sich Spielermarker und Kanone treffen, wird das Ende des Spiel eingeläutet.
Während unsere Spielermarker auf der Punkteleiste gierig nach unten wandern, steuern Napoleon und seine Armee (symbolisiert durch eine Kanone) die Punkteleiste hoch. Sobald sich Spielermarker und Kanone treffen, wird das Ende des Spiel eingeläutet.

Investitionen liegen hierbei spaltenweise am Spieltableau und bei jeder Spalte muss man sich entscheiden, ob man sie aktiviert oder nicht. Bei Aktivierung hat dies negative Auswirkungen auf den Wald- und Dünenpfad, bringt aber wiederum Holzwürfel, die man in die kleinen Fabriken ablegen kann, um hierüber Waren, Geld oder Ruhm zu bekommen. Diese braucht man wiederum an anderer Stelle, um Punkte zu generieren.

Auftragskarten liegen ebenfalls spaltenweise aus und bringen am Ende des Spiels Siegpunkte. Damit Aufträge ausgelegt werden können, müssen diese in der Ruhephase mit Würfeln und teils auch Waren bezahlt werden. Und dies zu verstehen, ist eine kleine Hürde bei Stephens, für die es eine solide Erklärung und ein paar Runden braucht.

Die finale Wertung

Neben den Siegpunkten, die man während des Spiels erhält, werden am Ende auch noch Siegpunkte für geringen Raubbau an der  Natur (Wald- und Dünenpfad), für die Arbeiter in den Fabriken, für Aufträge und freigeschaltete Fähigkeiten auf dem Spieltableau vergeben. Wie immer: Wer am Schluss die meisten Punkte hat, gewinnt Stephens.

Das hochwertige Spielmaterial hat Schwächen

Die Komponenten von Stephens sind insgesamt hochwertig, aber mit leichten Schwächen in der Benutzerfreundlichkeit:

Positiv:

  • Die Spieler-Tableaus sind vertieft, sodass Discs nicht verrutschen
  • Die Gestaltung des zentralen Spielbretts ist klar strukturiert, wodurch die Aktionsmöglichkeiten gut nachvollziehbar sind.
  • Das Spielmaterial ist thematisch passend illustriert und stützt das Spielgefühl, auch wenn ich es nicht unbedingt als Hingucker bezeichnen würde.

Contra:

  • Farbwahl und Kontraste auf den Karten sind nicht optimal – gerade Spieler mit Farbsehschwächen könnten Schwierigkeiten haben, z. B. Orange und Rosa zu unterscheiden.
  • Das Spiel benötigt mehr Tischfläche als zu Beginn erwartet, was bei kleineren Spieltischen schnell zum Problem wird. Besonders die Karten dehnen sich gerne einmal weit über Plan aus.

Stephens bietet einen steinigen Weg, aber einen zum Spaß

Auf den Ratinger Spieletagen haben wir uns das erste Mal an Stephens versucht und sind gnadenlos daran gescheitert, den Spielablauf und die Mechanismen zu verstehen. Aber schon damals war da das Gefühl, hier ein durchaus interessantes Eurogame vor der Nase zu haben. Das Scheitern hing tatsächlich mit dem starken Kontrast zwischen den geringen Möglichkeiten während des Spiels und der opulenten Ruhephase zusammen.

Nimmt man die gut strukturierten Spielregeln mit ihren zahlreichen Beispielen zur Hand, werden die Zusammenhänge schnell klar. Einmal verstanden, ist Stephens einfach zu erklären. Und wird auch gut aufgenommen. Das heißt aber nicht, dass Stephens trivial ist. Es ist herausfordernd, die richtige Balance zwischen dem zu finden, was man in den wenigen Spielzügen, die einem in einer Runde zur Verfügung stehen, macht, und wie man das Ergebnis während der Ruhephase nutzt. Welche Arbeiter stelle ich ein? Welche Investitionen tätige ich? Und welche Aufträge nehme ich an?

Die Verzahnung zwischen diesen Elementen ist gefühlt nicht so offensichtlich wie in anderen Spielen und es braucht ein wenig Erfahrung, um sich dem Optimum zu nähern.

Am Anfang verläuft Stephens durchaus zäh

Und dann gibt es noch genug Möglichkeiten für gewiefte Spieler, kleine Punkteraketen zu zünden, die sie während des Spiels oder am Ende des Spiels nach vorne katapultieren. Während des Spiels sind es gerade die Investitionskarten, die – wenn die Mitspieler es nicht unterbinden – in jeder Ruhephase den Vorsprung ausbauen lassen. Arbeiter in den höheren Fabriken hingegen sind beinahe heimliche Punktequellen am Ende des Spiels, da sie mehr Punkte bringen als Arbeiter, die in niedrigeren Fabriken positioniert sind. Dies haben sie mit den Aufträgen gemein, die in der Schlusswertung für einen ordentlichen Boost sorgen können.

Dabei kann Stephens durchaus zu Beginn zäh sein, wenn alle möglichst ihre Engine ausbauen und ihr Tableau von Scheiben befreien wollen. Denn dann wachsen erst einmal nur die Reihen der Arbeiter, aber Investitionen und Aufträge werden eher ignoriert.

Stephens bietet Langzeitspaß

Brettspiel Stephens: Schachtel , Foto Game Builders

Auch nach mehreren Partien ist Stephens dabei strategisch und taktisch noch nicht erschöpft. Was ein gutes Zeichen ist. Zumal das Brettspiel auch zu viert selbst in den ersten Partien nur mit 2 Stunden Spielzeit zu Buche schlägt. Was für ein Spiel vom Niveau von Stephens überschaubar ist. Einzig das Thema reißt mich persönlich nicht vom Hocker. Aber wie bei fast jedem Euro ist dies beinahe Nebensache.

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