Wilmots Warehouse - Ausschnitt Schachtelgrafik, Bild von Asmodee
Reich der Spiele RezensionWilmot’s Warehouse

Wilmot’s Warehouse

von Axel Bungart
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Visualisierung ist eine Methode, um Gedanken, Ideen oder Prozesse sichtbar zu machen, und kann auch komplexe Abläufe verständlich und transparent erscheinen lassen. Dabei ist Gehirnarbeit erforderlich, die noch mehr Gehirnarbeit verhindern soll. Unzweifelhaft klingt da „Arbeit“ heraus, aber in Wilmot’s Warehouse von David King, Ricky Haggett und Richard Hogg (CMYK/Asmodee) wird daraus ein Spiel. Ist es das?

Eine Arbeitswoche im Lager – So wird Wilmot’s Warehouse gespielt

In Wilmot’s Warehouse werden Waren eingelagert, und die Spieler managen nicht nur die Einlagerung, sondern auch die Herausgabe an die Kunden. Hinter dieser sehr blumigen Story steckt ein sehr abstraktes, wenngleich Fantasie anregendes Memoryspiel. Auf einem 7 x 7 Felder großen Raster, dem Lager, werden an fünf „Tagen“ jeweils sieben Warenplättchen eingelagert, d. h., es werden Plättchen mit Grafiken darauf abgelegt. Die Grafiken sind bunt, stellen teilweise etwas Erkennbares dar, doch viele sind auch in der Art gestaltet, dass der eine in einer Grafik sofort eine Tatze mit Krallen erkennt, während es für den anderen eindeutig Schornsteine mit Rauch sind. Heißt: Vieles liegt im Auge des Betrachters. Aber das ist Teil der Strategie.

Wilmot's Warehouse - Einlagerung der Waren
Wilmot’s Warehouse – Einlagerung der Waren

Chaotische Lagerhaltung

35 Plättchen in fünf Stapeln werden nach und nach einzeln aufgedeckt. Das erste kommt genau in die Mitte des Spielplans, alle weiteren werden an liegende Plättchen angelegt. Alle Plättchen werden aber verdeckt auf den Spielplan gelegt, sodass man sich merken muss, was sie zeigen. Das erste Plättchen ließe zwar schon Diskussionen zu, was das Motiv darstellt, doch erst das zweite Plättchen könnte eine Idee dafür bestärken – oder verwerfen. Ein gezogenes Plättchen wird jedenfalls von allen begutachtet – und dann umgedreht angelegt. Zeigt das erste Plättchen etwas Eiförmiges, kann daraus mit dem Zweiten, einer Art Toast, ein Frühstücksei werden. Und schon hat die Story einen Namen. So geht es weiter: Das dritte Plättchen betrachten alle jetzt schon irgendwie mit der Maßgabe „Frühstück“. Etwas Zweifarbiges, das wie die Rückseite eines Briefkuverts geteilt ist? Eine Serviette! Passt ins Thema. Nun muss man noch einen Platz dafür finden und ihn sich merken.

Fünf-Tage-Woche

Nachdem der erste Stapel aufgedeckt und angelegt wurde, wird der zweite Stapel angebrochen. Doch jetzt wird es schwieriger. Eine so genannte Ideen-Karte gibt vor, was die Lagermanager beachten müssen. Mal darf nur der, der aufdeckt, das Plättchen ansehen und muss es den anderen beschreiben, bevor er es verdeckt ablegt. Mal wird das Spielbrett um 180 Grad gedreht, mal wechseln die Spieler die Sitzplätze. Ein Teil des aufgedeckten Plättchens muss mit einem Finger verdeckt werden oder jeder darf nur ein Wort zur Diskussion über den Ablageplatz beitragen. 30 Ideen gibt es, die die Lagerhaltung nicht einfacher machen.

Wilmot's Warehouse - Warenplättchen (Stapel)
Wilmot’s Warehouse – Warenplättchen (Stapel)

Für einen Moment stöhnt man auf, weil man grad im Flow war und nun in seiner Konzentration gestört wird. Doch genauso schnell findet man wieder rein. Mit den restlichen drei Stapeln wird genauso verfahren, und bei jedem neuen kommt eine andere Aufgabe (Idee-Karte).

Nach 35 Plättchen ist man froh, dass es nicht noch mehr werden. Jedem raucht ein wenig der Schädel, doch jeder hat die Story im Kopf. Und (fast) jeder glaubt, (fast) alle ausliegende Plättchen zu kennen.

Wo ist was?

Die Auflösung folgt. Denn dann kommen die Kunden, die Waren aus dem Lager haben möchten. Jeder Spieler erhält einen Stapel mit Kundenkärtchen, die dieselben Grafiken zeigen wie die Plättchen. Doch es sind viel mehr. Für jedes der 150 Warenplättchen gibt es ein Pendant, während aber nur 35 ausliegen. Also müssen nun alle aus ihrem Stapel Kärtchen mit Grafiken heraussuchen, von denen sie a) glauben, dass die gleichen Plättchen verdeckt auf dem Spielplan liegen und b) müssen sie diese auf die Plättchen legen, von denen sie glauben, dass sie dort liegen. Und das zack-zack, denn man hat nur fünf Minuten Zeit.

Wilmot's Warehouse - Kundenkärtchen
Wilmot’s Warehouse – Kundenkärtchen

Sind alle fertig und zufrieden wird die Leistung bewertet: Je schneller man ist, desto besser, denn das Bewertungskriterium ist die restliche Zeit. Für falsche Zuordnungen gibt es Zeitabzug.

Spielt man gerne Wilmot’s Warehouse?

Vor meiner ersten Partie war ich skeptisch. Zum einen ist das keine Art von Spiel, für die sich in unseren Runden bisher verstärkt Interesse gezeigt hätte. Aber wir sind ja offen. Zum anderen hätte ich nicht gedacht, dass es funktioniert. Von der Methode der Visualisierung hatte ich schon gehört. Doch war mir nie klar, wie ich mir komplexe(re) Abläufe dadurch merken sollte, dass ich mir eine Geschichte konstruierte, anhand derer ich die Abläufe nachvollziehen können soll. Letztlich müsste ich mir ja auch die Geschichte irgendwie merken. Beißt sich da nicht die Katze in den Schwanz?

Darauf fußend konnte ich mir auch nicht wirklich vorstellen, wie bei Wilmot’s Warehouse Spielspaß aufkommen sollte.

Was diese beiden Punkte angeht, habe ich mich gerne eines Besseren belehren lassen. Es funktioniert. Und es macht (schon auch) Spaß. Wobei der Spaß zu 98 % in dem Erfolgserlebnis begründet ist, das entsteht, wenn die Gruppe es schafft, die 35 Plättchen korrekt zu identifizieren.

Selten so wahr: Der Weg ist das Ziel

Doch der Weg dahin ist schon auch dem Thema angepasst: Es ist Arbeit. Von Beginn an ist man damit beschäftigt, die aktuell gelegten Plättchen immer und immer wieder nachzuvollziehen. Je früher die Spieler eine Story finden, in der die Plättchen zusammenpassen, desto einfacher wird es für sie. Da lag die „Zielscheibe“, daneben der „Daumen hoch“, darüber das „Siegerpodest“…  Auch wenn es weder Zielscheiben noch Daumen noch Podeste gibt, sind es in der Story genau diese Bilder, auf die die Spieler sich geeinigt und die alle vor Augen haben. Schon verblüffend. So verbleibt viel Platz im Hirn.

Wilmot's Warehouse - Kundenkärtchen auf Warenplättchen
Wilmot’s Warehouse – Kundenkärtchen auf Warenplättchen

Das Spielmaterial von Wilmot’s Warehouse ist sehr gut. Die Warenplättchen sind aus dicker, die Kundenkärtchen aus dünnerer Pappe. Grafisch konnte man hier kaum etwas falsch machen. Die Spielanleitung hebt sich von der allgemeinen Vorstellung einer Spielanleitung schon von der Namensgebung ab („Handbuch für Mitarbeitende“). Das Layout und die Gestaltung sind reduziert, doch inhaltlich bleibt nichts ungeklärt.

Das Spiel lässt sich schon zu zweit gut spielen; als Solopartie verliert es den bedeutenden kommunikativen Charakter. Mehr als fünf kreative Spieler sollten es eher nicht sein, besonders dann nicht, wenn die Kreativität besonders ausgeprägt ist. Man muss sich ja einigen.

Ist das ein Spiel?

Wilmot's Warehouse - Gelungene Lagerhaltung
Wilmot’s Warehouse – Gelungene Lagerhaltung

Irgendetwas Spielerisches hat Wilmot’s Warehouse schon. Und es ist in verschiedenen Runden überwiegend gut angekommen. Selbst meine Ü60-Runde hatte ein Erfolgserlebnis, was im Angesicht von Memoryspielen nicht selbstredend ist – mich eingeschlossen. Ich bin mir sicher: Würde ich 35 Plättchen einfach so hinlegen und versuchen, mir diese zu merken – ich würde keine 10 mehr wissen. Aber zurück zur Frage. Ich habe ein bisschen Schwierigkeiten damit, Wilmot‘s Warehouse als Spiel zu betrachten. Das liegt sicher an der Spielmechanik. Vielleicht auch ein bisschen am Bewertungssystem, das nur darauf abzielt, möglichst schnell zu sein und dann eine etwas holprige „Leistungsbeurteilung“ abgibt.

Wilmot's Warehouse Cover

Was in jedem Fall zutrifft, ist, dass es extrem kommunikativ ist und gleichzeitig verdeutlicht, wie unterschiedlich Formen und Farben aufgefasst werden, zumal, wenn man sie in einen fiktiven Kontext setzen möchte. Sich darauf einigen zu können und eine für alle Mitspieler passende Lösung zu finden, dafür lohnt sich eine Partie Wilmot’s Warehouse ohne jeden Zweifel.

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