Ein Erlebnisbericht: 48 Stunden Dauerspielen
Es ist, als wenn es gestern gewesen wäre: In einer E-Mail vom Spielezentrum Herne wurde angekündigt, dass Leute gesucht werden, die an einem Carcassonne-Weltrekord vom 08.-10.09.2006 im Spielezentrum teilnehmen wollten, der mindestens 48 Stunden dauern sollte. Konkret: Vier Teamkapitäne mit Team wurden gebraucht, wobei das Team den Kapitän unterstützen sollte. Das war wichtig für den Weltrekord. Denn Plättchen legen durften laut Weltrekordregeln, nur die vier Kapitäne. Während ich diese E-Mail überflogen hatte, über der verrückten Idee gelacht habe, hatte ich mich schon als Teamkapitän beworben. Nach der Zusage war ein Team aus dem Spielekreis schnell gefunden.
Guinness‘ verrückte Rekorde
Es sollte ein offizieller Guinness World Record werden. Das sind so Rekorde wie 76 Stunden und 40 Minuten auf einem Bein stehen. Kann jeder diesen XXL-Flamingo Test auch zu Hause machen? Natürlich. Nur, um es zu einem offiziellen Rekord werden zu lassen, müssen viele formalen Voraussetzungen erfüllt werden. Am einfachsten, es lümmelt sich jemand von Guinness Records auf dem Sofa daneben und schaut zu. Ist der Rekord geschafft, gibt es die Urkunde. Leider nicht für umsonst. Sowas kostet richtig viel Geld. Damals zu viel Geld für das Spielezentrum Herne. Aber es ging auch anders. Wenn auch aufwendiger.
Der Carcassonne-Weltrekord: Nichts ohne Aufsicht
Deswegen wurden Zeugen gesucht. Am liebsten so Zeugen wie Politiker oder Leute aus dem öffentlichen Dienst wie Personen, die an Schulen unterrichten. Die Züge mussten protokolliert werden. Es gab einen Livestream. Ein Austausch mit Guinness World Records fand vorher auch statt. Schließlich mussten die Rahmenbedingungen passen. Hierbei war es so: Pro Stunde konnten fünf Minuten Pause erspart werden, in der nicht gespielt wurde und man sich einfach ausruhen konnte. Der Plan deshalb: nach 24 Stunden 2 Stunden Pause.
CC-Day 08.09.2006: Der Weltrekordversuch in Carcassonne-Spielen startet
Am 08.09.2006 sollte es losgehen. Zwei volle Tage Carcassonne spielen. Nur – wie bereitet man sich persönlich auf so einen Rekord vor? Ich gar nicht! Ich bin ganz normal an dem Freitag arbeiten gegangen. Hatte mich danach kurz zuhause noch etwas hingelegt und los ging es nach Herne ins Spielezentrum.
Die Stimmung vor Ort war aufgeregt. Der Beginn hatte sich ein wenig verzögert. Als es um 18:00 Uhr losging, war ich somit schon lange wach gewesen. Der Anfang war euphorisch. Endlich ging es spielend in die Nacht los. Wer gerne spielt, kennt das. Spielen bis man keine Lust mehr hat. Wie schön. Allerdings ist es ein Unterschied, ob du so lange spielst, wie du willst, oder so lange spielst, wie du musst. Irgendwann zieht es sich. Die Dunkelheit nahm kein Ende. Der Morgengrauen danach eine echte eine Erleichterung. Schnell was essen oder kurze Toilettengänge wurden zwischendurch, wenn man nicht am Zug war, erledigt.
Kampf gegen Hunger und Migräne
So gingen die ersten 24 Stunden vorüber. Ein paar Stunden zuvor kündigte sich bei mir ein Migräneanfall an. Zum Schluss der ersten 24 Stunden stand ich kurz vor dem aufgeben. Ich konnte nur noch am Tisch sitzen, meinen Kopf halten und die angereichten Plättchen, in der Reichweite meiner Arme ablegen. Pause! Nach kurzem Schlaf auf bereitgestellten Feldbetten kam meine Rettung in Form eines käseüberbackenen Gyrostellers. Dieses grandiose Essen und Tabletten haben mch wieder auf die Beine gebracht. Überreicht von Rüdiger aus meinem Team! Danke Rüdiger! Dieser Augenblick, an dem ich wach wurde, und du mit dem Essen vor mir standst – das werde ich Dir nicht vergessen.

Spielen im Notprogramm
Auf in die zweite Nacht. Sie verlief genauso zäh wie die erste, aber irgendwie trotzdem besser. Vielleicht weil man sich schon an den Rhythmus gewöhnt hatte. Plättchen um Plättchen wurde gelegt. Zwischenduch wurden immer wieder neue Kartons geöffnet. Aber ab Sonntagmorgen wurde der körperliche Zustand aller Teamkapitäne zunehmend schlechter. Schlafentzug ist nicht umsonst eine Folterart. Besonders hart hatte es Kapitän Sascha getroffen. Er ist schon gesundheitlich angeschlagen in den Rekord gestartet und hatte am Sonntag echt gelitten. Zum Schluss saß er nur noch auf dem Boden und erhob sich, wenn er ein Plättchen legen musste. Wo, zeigte ihm sein Team mit dem Finger. Danach setzte er sich wieder. Ich hatte noch eine Dose Energydrink übrig und gab sie ihm. Seitdem weiß ich, so eine Dose gibt Energie für genau 15 Minuten. 15 Minuten war er wieder fit, unterhielt sich und war voll da. Leider war er danach noch mehr durch.
Wir haben später, nach kurzer Diskussion, bei 42 Stunden und 48 Minuten abgebrochen und die Partie wurde abgerechnet. Ich war im Übrigen noch fit – dachte ich. In Wirklichkeit hatte ich am Schluss auch nicht mehr viel geschafft. Wir mussten noch die 4.194 gelegten Plättchen wegräumen. Ich hatte versucht mitzuhelfen, merkte aber, ich war nicht mehr in der Lage vernünftig zu sortieren. Es gab noch Verabschiedungsfotos und danach sind wir alle nach Hause gefahren. Erinnern kann ich mich noch daran, ins Auto gestiegen zu sein, ab da: Filmriss! Es gab Fotos, dass ich danach zu Hause noch was gegessen habe. Meine Erinnerung setzt aber erst wieder nach dem Aufwachen am Montagmorgen ein. Dazwischen nichts.
Guiness World Record anerkannt
Im Nachgang wurden die Unterlagen an Guinness World Record gesendet. Denn noch war es kein Rekord. Er wurde später anerkannt und sogar im Guinness World Recordbook 2008 veröffentlicht. Zur Einschätzung: Nur 10 Prozent der Rekorde schaffen es ins Buch.
Was von der ganzen Aktion geblieben ist? Die Erinnerung an ein tolles und anstrengendes Erlebnis für alle. Irgendwann kamen die vier Urkunden für uns Teamkapitäne. Wir vier sind seitdem offizielle Rekordhalter. Meine Urkunde hängt im Büro und sorgt ab und zu für Staunen. Ist die echt!? Jahrestreffen oder sonst eine Art von Erinnerungspflege gab es bisher nicht. Die anderen Rekordhalter habe ich seitdem nicht gesehen. Vielleicht zum 25. Jubiläum 2031. Was es gab, waren einige Nachahmer, die noch viel länger gespielt haben und/oder mehr Plättchen gelegt haben. Und es ist auch egal ob die nachfolgenden Rekorde offizielle Rekorde waren oder nicht. Es ist auf jeden Fall eine Leistung, so lange zu spielen. Es ist köperlich und geistig anstrengend. Würde ich das noch mal machen? Sagen wir mal so: Stand jetzt würde ich es nicht ganz ausschließen wollen. Aber vorher noch arbeiten gehen, würde ich garantiert nicht mehr. Das war damals reine Selbstüberschätzung.
Teamwork auf allen Ebenen

Zum Schluss noch ein großes Dankeschön an das Team des Spielzentrums Herne! Was für eine verrückte Idee! Danke an mein Team Schwarz, ohne Euch hätte ich es nicht geschafft durchzuhalten. Danke an die anderen teilnehmenden Teams. Ich erinnere mich auch nach 20 Jahren noch sehr gerne zurück. Danke auch dem Autor Klaus-Jürgen Wrede für seine Spielfamilie Caracassonne. Eine Partie Caracassonne geht immer noch.
Was ich hier geschrieben habe, sind meine persönlichen Erinnerungen, die nach der langen Zeit wahrscheinlich nicht ganz fehlerfrei sein können. Es sind aber meine Erinnerungen daran. Wer damals dabei war oder den Weltrekordversuch anders verfolgt hatte, oder Gedanken dazu hat, bitte im Kommentar ergänzen.

1 Kommentar
Völlig bekloppt. Aber lustig!