Die Catan-Forscherin

Sybille Aminzadah hat das Phänomen Die Siedler von Catan untersucht

ein Spiele-Artikel von Gerlinde Rode und Michael Weber - 05.04.2006
Sybille Aminzadah von Gerlinde Rode/Reich der Spiele
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Sybille Aminzadah ist Kennern der Spieleszene unter anderem als Regelübersetzerin bekant. Doch ihr eigener Schaffensschwerpunkt lag in den letzten Jahren auf einem ganz anderen Gebiet. Sie hat das Phänomen Die Siedler von Catan erforscht. Ausgangspunkt für diesen auf den ersten Blick kurios klingenden Ansatz ist ihr Interesse an Menschen, die spielen oder in sonstiger Weise mit dem Kulturgut Spiel zu tun haben. Der Schlüsselbegriff ist Kommunikation - über Länder-, Geschlechts- und Altersgrenzen hinweg. Besonders spannend findet Sybille Aminzadah den Kontakt von Spielern untereinander und mit Autoren sowie Verlagen sowie die sich daraus ableitenden Entwicklungen. Aus diesem Grunde betreibt sie seit 2003 Spieleforschung und ist deshalb Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Spieleforschung sowie der Spieleautorenzunft.

Sybille, du hast auf siedeln.de die Ergebnisse deiner Catan-Forschung veröffentlicht. Was genau kann man sich darunter vorstellen?
"Mich hatte fasziniert, wie das Spiel Die Siedler von Catan Millionen Menschen zum Spielen angeregt und darüber hinaus zur Entwicklung einer Szene, zu vielfältigen Kontakten auf Turnieren und im Internet und zu weitergehenden Aktivitäten geführt hat. Viele Spieler fühlten sich inspiriert, zum Beispiel eigene Szenarien zu entwickeln, und haben sogar Anteil an der offiziellen Weiterentwicklung 'Catans' gehabt. Ich wollte nicht nur genau untersuchen und beschreiben, was sich in dieser Hinsicht alles getan hat. Ich hatte mir vor allem - wie viele andere Spieler auch - die Frage gestellt, warum dieses Spiel so erfolgreich ist. Um mehr darüber herauszufinden, startete ich zwei Umfragen unter Spielern, die eine in Deutschland, die andere in den USA. 4.645 Spieler haben in einem Fragebogen Auskunft über ihre Beziehung zu 'Catan' gegeben, haben Rückschlüsse auf ihre Spielgewohnheiten zugelassen und ihre Meinung kundgetan, ob dieses Spiel etwas Neues mit sich gebracht habe und wie sein Erfolg zu erklären sei. Der Umfang der Befragung machte es gleichzeitig möglich, mehr über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von 'Siedler'-Spielern in verschiedenen Ländern zu erfahren."

Wie hast du den Kontakt zu den Spielern hergestellt?
"Den Fragebogen stellte ich in Deutschland und den USA online zur Verfügung - in einer deutschen und einer englischsprachigen Fassung jeweils auf der Fan-Webseite siedeln.de. Darüber hinaus gab es in Deutschland auch eine Printversion, die auf Messen und beim Siedler-Wochenende verteilt wurde. Bei einem mehrtägigen Einsatz auf der Spielemesse in Essen habe ich zudem direkten Kontakt mit vielen Spielern gehabt und auf diese Weise lebhafte Diskussionen führen können und ein unmittelbares Feedback bekommen."

Wann hast du mit der Umfrage begonnen und wie lange hat die Auswertung gedauert? Welche Methode stand dabei im Mittelpunkt?
"Die deutsche Umfrage begann Ende September 2003 und lief über zwei Monate, die amerikanische startete Ende Juli 2004 und erstreckte sich über drei Monate.
Die Auswertungen haben jeweils Monate in Anspruch genommen, da ich sie ganz allein und immer nur nachts – wenn ich von meinem Brötchenjob nach Hause gekommen war – durchführen konnte. Den Datenstrom aus den Online-Befragungen habe ich in Excel eingelesen, die Daten aus den Print-Fragebögen allesamt manuell eingegeben.
Nach Plausibilitätstests sowie Überprüfen und Löschen von doppelten und unvollständigen Datensätzen begann dann die eigentliche Auswertung, wiederum mit demselben Programm. Über die Interpretation jedes einzelnen der 29 Themen durch Auflistung und Bewertung von Zahlen und prozentualer Verteilung hinaus habe ich weitere statistische Analysemethoden benutzt, um Bezüge herzustellen und Aspekte zu vergleichen. Zum Beispiel interessierte mich bei der Frage nach dem Einfluss des Spiels auf Spieler auch: Wirkt sich dies auf die Häufigkeit des Spielens aus? Wird das Spiel um so mehr bevorzugt, um so stärker es die Spieler geprägt hat? Und welche Altersgruppen hat es besonders an das Spielen herangeführt?"

Welche Ergebnisse sind für dich am wichtigsten und was hat dich am meisten überrascht?
"Am wichtigsten erscheinen mir folgende Punkte: Die überragende Bedeutung der Multiplikatorenrolle. Denn zwei Drittel der Teilnehmer sind durch Empfehlung von Freunden et cetera auf Die Siedler von Catan aufmerksam geworden; 84 bis 92  Prozent haben das Spiel selbst weiterempfohlen. Dann die große Treue der Spieler, die sich in der Häufigkeit des Spielens, dem Besitz vieler Veröffentlichungen aus der Spielefamilie und dem nach wie vor großem Engagement zahlreicher Spieler ausdrückt. Und schließlich die grundlegende Einigkeit auf den Mix der entscheidenden Faktoren, die den Erfolg des Spieles ausmachen.
Positiv überrascht hat mich das enorme Ausmaß an Begeisterung und Bereitwilligkeit so vieler Menschen, einen Fragebogen mit 29 Fragen auszufüllen! Außerdem die Beteiligung von Spielern aus 21 Ländern (deutsche Umfrage) beziehungsweise 35 Ländern (US-Umfrage) und das Interesse zahlreicher Teilnehmer an den Resultaten. Was eben diese Ergebnisse betrifft, so habe ich im Grunde keine Überraschungen erlebt, sondern vielmehr Vermutungen auf breiter Basis bestätigt bekommen. Lediglich einige Details sind etwas überraschend; sie zu nennen, würde ihnen aber ein Gewicht verleihen, das ihnen im Gesamtzusammenhang nicht zukommt."

Bei Spielern aus so vielen Ländern gibt es doch sicher regionale Unterschiede bei den Antworten? Oder sind die Antworten zu Die Siedler von Catan weltweit ähnlich?
"Die Fülle des Materials machte es mir unmöglich, in diesem Punkt in regionale Tiefen zu gehen. Das könnte zwar durchaus reizvoll sein … Im Rahmen dieser Untersuchung jedoch habe ich mich darauf beschränkt, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den am stärksten vertretenen Nationen, also Deutschland zum einen und Nordamerika mit den USA und Kanada auf der anderen Seite, herauszuarbeiten. Ein paar Unterschiede gibt es schon, aber die Gemeinsamkeiten überwiegen bei weitem!"

Ist deine Neugier zu dem Thema damit befriedigt, oder haben sich im Laufe des Projekts für Dich neue interessante Fragen oder Aspekte aufgetan, die du gerne beleuchten würdest?
"Meine Neugier ist schwer zu befriedigen! Sie war und ist die stärkste Triebfeder, mich mit solchen Themen zu beschäftigen. Über die besonders engagierten Spieler hinaus würde ich zum Beispiel gerne mehr Neuspieler erreichen, doch das ist schwer machbar.
Außerdem hat mir dieses Projekt noch klarer als vorher gemacht, dass mich der internationale Aspekt besonders interessiert: welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Spielern weltweit bestehen, wodurch Spielkulturen in verschiedenen Ländern geprägt sind und wie sie sich gegenseitig beeinflussen, inwieweit Spielen zu einem friedlichen und bereichernden Umgang miteinander beiträgt und in welcher Weise sich länderübergreifende Kontakte entwickeln. Über solche Dinge würde ich gern in Zukunft mehr erfahren – die Catan-Forschung war da ein guter Einstieg und ein ergiebiges Beispiel."

Spielst Du überhaupt noch Die Siedler von Catan? Oder hast du nach dieser intensiven Beschäftigung mit dem Thema genug davon?
"Oh ja, ich spiele nach wie vor gern und oft – viele verschiedene Spiele, aber auch immer noch Die Siedler von Catan. Von Anfang an hat dieses Spiel auf Grund seines einfachen Prinzips, das doch so viele Möglichkeiten birgt, große Faszination auf mich ausgeübt, und diese Faszination hat bis heute angehalten. Ich glaube, da geht es mir wie vielen anderen 'Siedlern': Unwillkürlich messe ich neue Spiele an Die Siedler von Catan und stelle immer wieder fest, wie schwer der Standard zu übertreffen ist, den dieses Spiel gesetzt hat. Das ist jetzt überhaupt nicht wissenschaftlich, sondern rein subjektiv!"