Brettspielumsetzungen: Android oder iOS?

Zur Entwicklung von Brettspiel-Apps für Tablet-PCs

ein spielerischer Artikel von Axel Bungart - 05.11.2013
 von

Auf der Spiel ’13 war deutlich zu erkennen, dass die Symbiose zwischen Multimedia und Brettspiel noch nicht abgeschlossen ist sondern vielmehr ihre Fortsetzung findet. Immer mehr Brettspielhersteller machen sich die Möglichkeiten zu Nutze, die ihnen die Medientechnik bietet und das mittlerweile mit einem echten Mehrwert für das Brettspiel.

Doch auch die Entwicklung von Brettspieladaptionen für Tablet-PCs geht voran und das nicht nur für Apple-Kunden. Lange Zeit wurden Android-Nutzer geradezu stiefmütterlich behandelt, wenn es darum ging, für welche Plattform Brettspiel-Apps entwickelt wurden. Es ist jedoch eine Art Trendwende zu verspüren. Queen Games präsentierte auf der Messe in Essen gleich zwei ihrer Brettspiele als App und zwar für iOS und Android!

Doch warum herrscht noch immer so ein Ungleichgewicht, was die Verteilung der Spiele-Apps auf die unterschiedlichen Betriebssysteme angeht und das diametral zu deren Verbreitung? Am Rande der Spielmesse 2013 hatte ich Gelegenheit, mit dem Softwareentwickler Thorsten Suckow ein Gespräch über die Entwicklung von Brettspielumsetzungen als Apps zu führen. Thorsten Suckow ist im Projektmanagement für die Firma United Soft Media Verlag GmbH (USM) tätig, die seit Beginn dieses Jahres mehrheitlich Kosmos gehört, und künftig die Entwicklung aller digitalen Kosmos-Titel übernehmen wird.

Anlass war das neue Was-ist-Was: Das große Quiz von Kosmos. Dieses Spiel ist mit oder ohne Unterstützung eines Tablets spielbar. Wenn man das Tablet dazu nimmt, spielt es sich aber weitaus vielseitiger und interessanter. Die spannende Frage, die ich auch Herrn Suckow stellte: Ist die benötigte App für iOS und Android verfügbar? Antwort: Nein, nur für iOS.

Warum eigentlich? Hinreichend bekannt ist, dass Android einen signifikant höheren Marktanteil als iOS hat. Daraus lässt sich auch ein Rückschluss auf den Marktanteil ziehen, den Android-Geräte im Gegensatz zu mobilen Apple-Geräten einnehmen. Folgerichtig müsste man annehmen, dass die Entwicklung und Verbreitung von Software sich in erster Linie an den Marktgegebenheiten orientiert und damit Android-Nutzer bevorzugt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Zumindest, was die Brettspielumsetzungen angeht, werden Androiden im Gegensatz zu Apple-Jüngern eher vernachlässigt, oder anders ausgedrückt: Wenn eine neue Spiele-App erscheint, erscheint sie mehrheitlich (zunächst/nur) für iOS.

Doch woran liegt das? Apple-Kunden, so Suckow, haben in der Masse betrachtet ein anderes Nutzerverhalten als Besitzer eines Android-Gerätes. Einen Schritt weitergedacht heißt das, dass jemand, der sich ein iPad kauft, sich möglicherweise schon mit dem Hintergedanken trägt, es auch oder sogar vorwiegend für Spiele-Apps zu nutzen, während Käufer von Android-Geräten eher den praktischen Nutzen im Vordergrund sehen. Zumindest geben Analysen über den Aufruf von ausgesuchten Sites Aufschluss darüber, mit welcher Art von Gerät die Site aufgerufen wurde, und das sind überwiegend Apple-Geräte.

Da ist aber zumindest die Frage nach der Henne und dem Ei gestattet. Denn – aus eigener Erfahrung - wenn der Kunde vor der Kaufentscheidung steht, welches Tablet er sich zulegen soll und er spieleaffin ist, steht er unweigerlich vor der schweren Entscheidung, welcher Nutzen seines zukünftigen Tablets ihm am wichtigsten ist. Bei ansonsten vergleichbaren Leistungen bietet ihm das iPad auf Anhieb eine Fülle an Spiele-Apps, während der Androide dem Angebot noch heftig hinterherhinkt. Also wie soll der Android-Markt in diesem Bereich aufholen, wenn schon beim Einstieg die Weichen grundsätzlich anders gestellt sind?

Dass es auch in Google Play eine unüberschaubare Menge an Spielen gibt, die es gleichzeitig im AppStore gibt, ist unbestritten und beweist eigentlich nur, dass beides geht. Doch die an zwei Händen abzählbaren original Brettspieladaptionen wie z. B. Die Siedler von Catan, Zug um Zug, Don Quixote und jetzt ganz neu zur Messe 2013 Alhambra und Kingdom Builder (beide Queen Digitals) dürften mehr als nur Zugeständnisse sein.

Ein anderes Problem, sagt Suckow, ist die sogenannte Fragmentierung, also sowohl die verschiedenen, gleichzeitig auf dem Markt existierenden Android-Versionen als auch die zum Teil unterschiedliche Oberflächenstruktur bei gleicher Android-Version zwischen zwei Geräteherstellern, die die Programmierung erschwert. Das birgt die Gefahr, dass das Programmieren unwirtschaftlich wird. Ob sich die Gerätehersteller mit dem Wunsch nach Individualität nicht ein Stück weit selbst ins Knie schießen, ist eine berechtigte Frage.

Zumindest in Teilen widerspricht dem Jost Schwider, selbst Softwareentwickler und auch in Spielerkreisen kein Unbekannter (Jost aus Soest). Er entwickelt Apps für Android und sagt, dass es, wenn man den Grundregeln der Softwareentwicklung folgt, kein Hexenwerk ist, beide Systeme zu bedienen. Im Gegenteil: Die Programmierung für Android sei viel einfacher, weil sämtliche Tools auf Open Source basieren und somit die Informationen nicht nur offen zugänglich und kostenfrei, sondern auch die Programmiersprachen vielfältig sind und die Entwicklungsumgebung frei gewählt werden kann. Ist es also eher Bequemlichkeit der Entwickler, sich der zugegebenermaßen etwas aufwändigeren Programmierung für die beiden am meisten verbreiteten Systeme anzunehmen?

Ein weiterer Kostenvorteil für Android-Apps ist, dass sie nicht wie Apple-Apps dem iOS Developer Program, einer Art Zugangsgebühr für den AppStore, unterliegen. Somit ist der Vertrieb billiger.

Sowohl Thorsten Suckow als auch Jost Schwider sind aber übereinstimmend der Meinung, dass sich die Entwicklung jetzt langsam mehr in Richtung Android bewegt. Das ist aus Sicht der vielen Android-Nutzer, die teils sehnsüchtig auf gute Brettspielumsetzungen warten, erfreulich. Zurzeit kann man nur hoffen, dass die Weiterentwicklung von Spielen unter Android sich sichtbar beschleunigen wird, wenn das Angebot erst mal vorlegt. Der Bedarf ist sicher da. Was das früher oder später für den historischen bedingten Vorsprung von Apple bedeuten könnte, wenn sich der Marktanteil ihres eher restriktiven Systems im Hintergrund bewegt, hat man am PC-Markt gesehen.

Kommentare

Das verstehe ich nicht. Was hat es damit zu tun das sämtliche Tools einfacher zu erhalten und vielleicht zu benutzen sind, wenn das Ergebniss, dennoch ein fragmentiertes Geräteland ist. Die meisten können dies nicht auf allen Geräten testen um sicherzustellen das es auch auf allen Geräten läuft. Da ist die viel größere Kostenfrage.
Auch das die Zahl der raubkopierten Apps auf der Android-Landschaft deutlich größer ist als auf iOS wurde nicht angesprochen.

Dann hat er aber noch das kleine problem des Seitenverhaeltnisses. Ein ordentliches Layout wird schon deutlich schwieriger zu handeln .. auch wenn % natuerlich ein guter ansatz ist. :)

Die Android-Fragmentierung (d. h. unterschiedliche Hard-/Software) spielt bei Brettspielumsetzungen so gut wie keine Rolle, da Brettspiele nur sehr selten Hardware-spezifische Eigenschaften (Beispiele: Temperatur- oder Druck-Sensoren, UKW-Radio, GPS, ...) eines Smartphones nutzen.

Bleibt also also nur das Display: Da man als professioneller Software-Entwickler immer mit relativen statt absoluten Koordinaten rechnet, stellt dieses Problem nur einen ganz minimalen Mehraufwand bei der Entwicklung dar. (Ich sebst nutze dafür eine selbstgeschriebene Grafikbibliothek, die das "automagisch" macht, der Mehraufwand pro App also genau 0 beträgt.)

Das unterschiedliche Seitenverhältnis ist dann auch nur ein Abfallprodukt der relativen Anordnung.
Beispiel: Menu = links mit 20% Breite, Spielstand = oben mit 10% Höhe, Spielbrett = den Rest auffüllen
So entsteht ein dynamisches (flexibles) Layout, was grundsätzlich überall funktioniert.

Übrigens gibt es inzwischen auch bei iOS unterschiedliche Seitenverhältnisse. Mit Einführung des iPhone 5 ("eine Reihe mehr!") hatten viele iOS-Apps daher erstmal einen Trauerrand, bevor sie später ein dynamisches Layout bekommen haben.

Brettspiele-Newsletter von Reich der Spiele abonnieren