Steinzeit, Schafe, Prototypen

Bericht zur 20. Spiel in Essen 2002

ein spielerischer Artikel von Gerlinde Rode und Michael Weber - 23.10.2002
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Was in den begrenzten Räumlichkeiten der VHS Essen begann, entwickelte sich zu DEM Spiele-Ereignis schlechthin: Die Essener Spiel. Zum zwanzigsten Mal pilgerten Spiele-Freunde aus der ganzen Welt in die heimliche Ruhrpott-Metropole. Insgesamt waren es dieses Jahr um die 150.000 Besucher, die sich in den Messehallen ins Getümmel und den Kampf um Spieltische und Informationen warfen.

So viele Besucher es auch wieder waren, geht es der Branche nicht so gut. Zwar konnte der Umsatz in der Sparte Kinderspiele um fast sechs Prozent gesteigert werden, doch gab es ohne Berücksichtigung des Mega-Erfolgs von Wer wird Millionär im Vorjahr einen Umsatzrückgang des Gesamtsegments um über drei Prozent zu verzeichnen. So scheint es nur eine logische Schlussfolgerung, dass Lizenzen ein Themenschwerpunkt der Neuerscheinungen sind. Neben einer ganzen Reihe von Spielen zu Tolkiens "Der Herr der Ringe", erscheinen unter anderem auch Quizspiele zur Serie "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" und "Die Sendung mit der Maus". Kosmos bringt zudem ein Spiel zum Literatur-Klassiker "Der kleine Prinz". Dazu gibt es Veröffentlichungen zu "Buffy", "Simpsons", "Star Wars" und einige Kinderspiel-Lizenzen.

Neben Lizenzen gab es den Trend zum "unfertigen" Spiel. Was Alea (dieses Jahr Edel, Stein und Reich) seit längerem macht, ist jetzt auch für andere Verlage eine willkommene Gelegenheit, Spiele vor Veröffentlichung vom Endverbraucher testen zu lassen: Man bietet Prototypen. Was zum Beispiel bei Amigo (Uwe Rosenbergs Bohnhansa) und Queen Games (Michael Schachts Industrialization) Kalkül war, ist bei Eurogames nur eine Notlösung. Mare Nostrum ist einfach nicht rechtzeitig fertig geworden. Bei Abacus konnte man für ein neues Kartenspiel von Michael Schacht sogar noch Namensvorschläge machen. Essen hinterlässt nicht nur wegen der relativ vielen Prototypen das subjektive Gefühl, dass die größeren Verlage dieses Jahr weniger Spiele veröffentlicht haben.

So waren es die Kleinverlage, die mit ihrem Programm die Gunst der Spieler für sich gewinnen konnten. Das von uns vor der Spiel bereits getestete Arabana Opodopo war am Sonntag praktisch ausverkauft, in der Spiele-Scout-Liste unserer Kollegen vom Magazin Fairplay lagen Friedemann Frieses Fische Fluppen Frikadellen (2F)und Andrea Meyers Ad Acta (BeWitched) ganz vorne. Zoo Sim von Cwali - Autor Corné van Moorsel - gehört ebenfalls zu den gut bewerteten Spielen. Ein gelungenes Spielkonzept und eine schöne Grafik (von Czarne, alias Frank Czarnetzki) liefern ein Spiel, das fast einer kleinen Umsetzung eines Computer-Spiels auf das Brett gleicht. Feine Ideen liefert auch Edition Erlkönig mit Heinrich Glumplers Fette Autos, das einem gewöhnungsbedürftigen, aber interessanten Mechanismus folgt.
 
Zwei Trends waren auszumachen: Steinzeit und Schafe. Zur Steinzeit bringt Hans im Glück den Carcassonne-Ableger Jäger und Sammler, der dem Original relativ nahe ist, Winning Moves lässt bei - dem übrigens auch noch nicht fertig produzierten - Clans die Stämme über das Brett huschen. In diesen Themenkomplex passt auch Klaus Teubers Abenteuer Menschheit von Kosmos/Stern. Krimsus Krimskramskiste bringt mit Am Rande des Gletschers und Höhlengölen ebenfalls zwei thematisch passende Spiele.

Recht witzig sind zumindest optisch die Schafe-Spiele. Was im Frühjahr mit Mömmen von den Wuselmäusen anfing, geht jetzt mit Molly & Lore (Eurogames), dem Internet-Kultspiel Attribut (Lookout Games) und dem französischen Spiel des Jahres Meine Schafe, Deine Schafe (Goldsieber) in die nächste Runde. Letzteres ist ein relativ einfaches Legespiel, bei dem möglichst große Herden ausgelegt werden müssen. Vermutlich ein Spiel für die Auswahlliste 2003. Ebenso Krone und Schwert (Queen Games) von Klaus-Jürgen Wrede, das bei den Spielern gut ankam und die Richtlinien (zum Beispiel: leichter Einstieg) der Jury Spiel des Jahres erfüllt.
 
Mit der Auswahlliste dürfte auch Adlung liebäugeln, deren Canal Grande und Bayon zu den interessantesten neuen  Kartenspielen gehören. Wolfgang Werners Twilight-Neuauflage Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Bambus Spiele) ist optisch aber einfach schöner und spielerisch Henning Poehls Monstermacher schräger. Die Amigo-Neuheiten Ehre der Samurai und Im Schatten des Sonnenkönigs sind auf dem ersten Blick zumindest einen Test wert.
 
Essen ist auch Spiele ohne Grenzen: Richard Breeses Keythedral war bereits während der Messe restlos vergriffen, Martin Wallaces Age Of Steam ist ein Muss für Eisenbahnspielfreunde, das von uns geliebte Hive ist endlich mit deutscher Anleitung verfügbar, der neue französische Verlag Ludi-Storia bringt mit Aux Sabords ein Piratenspiel für Familien und stellte ein interessantes Weltraum-Spiel als Prototyp vor. Aus Belgien kommt Arne, ein einfaches Kartenspiel, das dort rekordverdächtig häufig verkauft wurde. Splotter Spellen hatte drei neue Veröffentlichungen im Gepäck, von denen VOC einfach klasse aussieht und Cannes spieltechnisch einen guten Eindruck machte. Gregory Horror Show von Upper Deck hat Witz und Flair - ein Brettspiel mit sammelbaren Figuren. Für Cosim-Freunde gibt es neues von Phalanx: Caesar: 69 n. Chr. und Waterloo: Napoleons letzte Schlacht. Außerdem kann jetzt das PC-Spiel Civilization in atemberaubender Ausstattung auf dem Brett gespielt werden. Ein für Spiele eigenwilliges Konzept verfolgt dagegen Asmodée, die neben dem witzigen Zwergen Ziehen das merkwürdige fast an ein Live-Rollenspiel erinnernde Die Werwölfe von Düsterwald veröffentlichen. Ein Spiel, das mindestens acht Mitspieler benötigt.

Während der Spiel wurde Alex Randolph, der Spiele-Erfinder und die große Autoren-Leitfigur, nachträglich zu seinem 80. Geburtstag mit einer sehr schönen Ausstellung geehrt. Die Besucher konnten einen guten Einblick in das Schaffen des Maestros erlangen und viele seiner Spiele - darunter einige in Rohfassung - begutachten. Der Drei Magier Verlag hat dazu eine Broschüre veröffentlicht, die wir allen Lesern nur empfehlen können. Für uns war diese Ausstellung ein Herzstück der gesamten Messe.

Ein Spiel, das ähnlich wie dieses Jahr Puerto Rico, ein echter Hit werden könnte, haben wir bisher nicht entdeckt, aber die vielen Neuheiten in unserem Regal warten ja auch noch auf richtige Testspiele ...

Zum Fotoalbum:
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