Helge Ostertag über Gaia Project

Mystisch zu neuem Land in den Weltraum navigiert

ein spielerischer Artikel von Michael Weber - 05.10.2017
Gaia Project - Foto von Feuerland Spiele

Helge, du bist zusammen mit Jens Drögemüller der kreative Kopf hinter dem Brettspiel Terra Mystica. Zur Spielemesse in Essen 2017 wird das erfolgreiche Spiel einen Bruder bekommen: Gaia Project. Was versteckt sich hinter dem Titel?
"In Gaia Project machen sich ein bis vier Spieler auf, um neue Planeten zu besiedeln und ihr Volk zu entwickeln. Während Terra Mystica ein Fantasy-Setting hat, ist Gaia Project thematisch ein Science-Fiction-Spiel. Ich würde es als Aufbaustrategiespiel beschreiben, ein echtes Eurogame, ganz ohne Kampf. Wer bei SF an Weltraumschlachten denkt, die gibt es in Gaia Project nicht."

Trotz der thematischen Unterschiede: Wie sehr wird das Gaia Project noch Terra Mystica sein. Hat es nur den Namen gemeinsam?
"Wer Terra Mystica kennt, wird viele seiner Mechanismen auch in Gaia Project wiederfinden – etwa den Machtkreislauf oder das Terraformen, aber es gibt genügend kleine und große Veränderungen oder auch gänzlich neue Mechanismen, die dazu führen, dass sich beide Spiele auch klar voneinander unterscheiden. Die auffälligsten Unterschiede sind sicher, dass Gaia Project einen modularen Spielplan hat, der aus verschiedenen Weltraumsektoren zusammengesetzt wird und dass aus dem Kulttableau in Terra Mystica der Forschungsplan in Gaia Project geworden ist. Die 14 Völker in Gaia Project sind auch komplett neu (wobei ein Volk eine Reminiszenz an ein farbgleiches Volk aus Terra Mystica ist)."

Wie wirkt sich das spielerisch aus? Auf welche Weiterentwicklung der Mechanismen können sich Fans von Terra Mystica freuen? Welche sind für dich maßgeblich für den Spielspaß?
"Gaia Project bietet durch den variablen Spielplan und durch die in jeder Partie neue Zuordnung der Technologien zu den Forschungsbereichen noch mehr Abwechslung als Terra Mystica. Die Spielstrategien sind nicht nur abhängig von der Wahl des eigenen Volkes, sondern auch davon, wie in einer Partie die Technologien mit den Forschungsbereichen verknüpft sind, denn diese werden in jeder Partie neu zugelost. Außerdem gibt es mit dem Forschungsbereich 'Gaia Projekt' eine Möglichkeit, sogenannte transdimensionale Planeten bewohnbar zu machen, die außerhalb des Umwandlungskreises liegen, sodass man z. B. die Entscheidung treffen kann, sich auf die Kolonisierung von Gaiaplaneten zu fokussieren. Hierbei erfährt die Ressource Macht eine neue Verwendung, auch sonst hat sich bei den Ressourcen einiges geändert, so gibt es statt der aus Terra Mystica bekannten Priester in Gaia Project Wissen als Ressource  und die ebenfalls neue Ressource Q.I.C. (= Quantum Intelligence Qube).  Es gibt also viele neue Zusammenhänge zu erkunden, für den Spielspaß ganz entscheidend sind neben den interessanten Völkerfähigkeiten vor allem auch die Wechselwirkungen von Technologien und Forschungsbereichen, die in jeder Partie immer wieder anders aussehen."

Gaia Project Spielmaterial - Foto von Feuerland Spiele

Noch einmal kurz zusammengefasst. Wie ändert sich deiner Meinung nach das Spielgefühl durch die Änderungen?
"Der Schwerpunkt wird auf jeden Fall stärker auf die Entwicklung von Fortschritten und Technologien gelegt, gegenüber den Günsten aus Terra Mystica gibt es hier deutlich mehr Variabilität. Thematisch befinden wir uns im Weltraum, daher spiegelt sich das auch in den größeren Abständen zwischen den kolonisierbaren Planeten wieder, die auf dem Spielplan eine andere Herangehensweise an die Ausbreitung erfordern. Über kurz oder lang wird jeder seine Navigation entwickeln müssen. Die neuen Völker spielen sich auch alle jeweils anders, hier kann man wieder ganz eintauchen in das Kennenlernen ihrer Stärken und Schwächen."

Wie kam es zu dieser Weiterentwicklung der Mechanismen. Welchen Antrieb hattet ihr? Gab es andererseits auch Punkte, die ihr gern umgesetzt hättet, die aber (noch) nicht machbar waren?
"Wir wollten zunächst nur eine neues Setting, merkten aber schnell, dass wir auch bei den Mechanismen in neue Sphären vorstoßen wollten. Dank der großen Fan-Gemeinde von Terra Mystica und insbesondere auch der großen statistischen Datenmenge der Online-Plattform terra.snellman.net ist Terra Mystica wahrscheinlich eines der am gründlichsten analysierten Spiele der letzten Jahre. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse wollten wir in diesem Nachfolger berücksichtigen. So gibt es jetzt in Gaia Project z.B. deutlich stärkere Regierungssitze (entspricht den Festungen in Terra Mystica). Aus der Fülle der Ideen haben wir diejenigen nicht ins Spiel genommen, die wir uns für eine mögliche Erweiterung vorbehalten haben (wobei wir hier ganz andere Wege gehen möchten, als z.B. bei Terra Mystica: Feuer und Eis)."

Terra Mystica und Gaia Project sind unabhängig voneinander spielbar, sprechen aber in etwa die gleiche Zielgruppe, die erfahrenen Spieler, an. Wann würdest du lieber Terra Mystica spielen und wann lieber Gaia Project?
"Wenn Mitspieler Terra Mystica noch nicht kennen, auf jeden Fall Terra Mystica. Ansonsten aktuell lieber Gaia Project, weil ich es genieße, das neue Spiel mit dem fertigen Spielmaterial zu spielen und ich natürlich auch längst nicht so viele Partien gespielt habe, wie das bei Terra Mystica der Fall ist."

Gibt es einen Tipp für Spieler, die in Essen oder beim Ausprobieren an anderer Stelle das Gaia Project anspielen? Was ist besonders zu beachten, was ist zu vermeiden und welche Strategien aus Terra Mystica sollten Spieler lieber "vergessen"?
"Es gibt sechs Forschungsbereiche, aber man sollte nicht in allen aktiv werden, sonst verzettelt man sich. Konzentriert euch lieber zunächst auf zwei Bereiche und richtet eure Strategie entsprechend aus – allerdings solltet ihr dabei beachten, in welchen Bereichen eure Mitspieler aktiv sind, denn es gibt immer ein Rennen um die fortgeschrittenen Technologien. Überhaupt ist die technologische Entwicklung sehr wichtig, studiert das Forschungstableau gründlich: Wo liegt welche Technologie und wie könnt ihr einmalige Boni optimal für euch nutzen? Neben den Machtaktionen gibt es jetzt auch die Q.I.C. - Aktionen, diese sind sehr wirkungsvoll, wenn man sie zum richtigen Zeitpunkt nutzt. Wie bei Terra Mystica ist auch in Gaia Project Nachbarschaft wichtig, achtet also bei der Ausbreitung auf dem Spielplan darauf, dass ihr Nachbarn habt, wenn ihr günstige Handelszentren bauen wollt. Anders als in Terra Mystica müsst ihr in Gaia Project eure Spielstrategien gleichermaßen auf die Völker und auf die Technologien ausrichten, es reicht also nicht, zu wissen, was die Möglichkeiten eines Volkes sind, sondern ebenso wichtig ist es, die Synergieeffekte von Volk und Forschungstableau zu beachten."

Gaia Project ist wie Terra Mystica ein echter Brocken für "Normalspieler". Spielst du selbst auch lieber komplexe Spiele? Welche Gesellschaftsspiele anderer Autoren haben dich in den letzten Jahren am meisten beeindruckt?
"Im Laufe der Jahre ist bei den Spielen die ich gerne spiele der Komplexitätsgrad gestiegen. Die einfacheren Spiele kommen nur dann öfter auf den Tisch, wenn sie beim Spielabend als Absacker dienen oder wenn ich mit Freunden spiele, die eher leicht zugängliche Spiele mögen. Gerne gespielt habe ich in den letzten Jahren: Tzolkien (toller Drehmechanismus), Russian Railroads (Workerplacement), Lewis & Clark (Deckbuilding), Marco Polo, Terraforming Mars. Alle diese Spiele kamen etliche Male auf den Spieltisch und hatten damit einen lange anhaltenden Spielreiz für mich und meine Mitspielerinnen."

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