"Der Herr der Ringe"

Tolkien-Spiele im Vergleich II

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 18.12.2002
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Wie bereits zum Film "Die Gefährten" sind bis zum Kinostart vom zweiten Teil "Die zwei Türme" eine ganze Reihe von Spielen zum Thema "Der Herr der Ringe" erschienen. Aber welche Spiele sind gut? Welches fängt die Tolkien-Atmosphäre am besten ein und für welche Spieler sind diese Spiele zu empfehlen? Hier ist unser Vergleich.

In unseren Tolkien-Testcenter befanden sich die beiden Kosmos-Spiele für Zwei Das Duell (Peter Neugebauer) und Die Entscheidung (Reiner Knizia), die Risiko-Ausgabe zu Der Herr der Ringe von Hasbro und die beiden offiziellen Spiele zum Film "Die Zwei Türme": das Brettspiel zum Film (Kosmos-Redaktion) von Kosmos und das Kartenspiel (Reiner Knizia) von Ravensburger.

Allgemein ist den Lizenzprodukten eine besser werdende Qualität zu bescheinigen. Die Spiele sind im Vergleich zu den bisherigen Tolkien-Spielen anspruchsvoller, ohne jedoch unnötig kompliziert zu sein.

Umsetzung des Themas. Die Spiele beschränken sich fast alle auf einen bestimmten Teilbereich des Buches. Lediglich Die Entscheidung ist umfassender. Ein Spieler versucht Frodo nach Mordor zu ziehe, der andere Frodo zu schlagen oder einen Teil seiner Figuren ins Auenland zu bringen. Risiko - Der Herr der Ringe widmet sich dem gesamten Ringkrieg bis kurz vor Schlachtende. Das ist allerdings gelungen, denn die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Gondor und seinen Helfern einerseits und den beiden bösen Seiten Saruman und Sauron passt gut in das Risiko-Konzept. Ähnliches versucht auch das Brettspiel Die zwei Türme. Hier gelingt es, die Schlachten und die bedrohliche Übermacht der Orkarmeen spielerisch umzusetzen. Das Kartenspiel Die Zwei Türme versucht, die Reise der verstreuten Gefährten von Amon Hen nach Minas Tirith abzubilden, was aber kaum gelingt, da das Thema zum Spielprinzip willkürlich erscheint. In Das Duell wird ganz speziell der Kampf von Gandalf gegen den Balrog herausgegriffen und mit abstrakten Mitteln, aber schlüssig aufs Brett gerettet.

Spielmechanismus. Die Mechanismen der Spiele sind sehr unterschiedlich. Während der Kartenkampf in vier Akten von Das Duell geradezu innovativ erscheint und gut zum Thema passt, kommt bei Risiko - Der Herr der Ringe der bekannte Grundmechanismus aus Risiko zum Einsatz, der allerdings sehr passend und durchdacht erweitert wurde und mit dem Weg der Gefährten der zum Teil ausufernden Spieldauer des Originals einen Riegel vorschiebt. Auch bei Die Entscheidung handelt es sich im Grunde um ein bekanntes Prinzip: Ein Stratego-Ableger, der mit zusätzlichen Karten aufgemotzt wurde. Das Kartenspiel Die zwei Türme ist ein abstraktes Kartenlegespiel, bei dem Gruppen zur rechten Zeit ausgelegt werden müssen. Das erinnert eher an Quartett oder Romme als an Fantasy. Das Brettspiel Die zwei Türme ist da etwas themengerechter. Je nach Kartenschicksal strömen mehr oder weniger Orks an passenden oder unpassenden Stellen aufs Brett, die rettenden Ents werden nach zwingend notwendigen taktischen und kooperativen Scharmützeln ebenfalls eher durch Zufall bestimmt vorwärts bewegt.

Atmosphäre. Besonders Das Brettspiel Die zwei Türme fängt die Bedrohung durch die Orkarmeen und die Hoffnungslosigkeit für die Helden gut ein. Das Hoffen auf die langsam marschierenden Ents und die Gefahr der Orks bringen die Buchatmosphäre gekonnt auf das Brett. Auch der Zusammenhalt der Spieler ist bis kurz vor Schluss gefragt. Das Kartenspiel Die zwei Türme dagegen hat mit dem Buch kaum etwas gemeinsam, weshalb die Atmosphäre hier völlig fehlt. Das Duell fängt den Kräfte zehrenden Kampf von Gandalf und dem Balrog gut ein. Das ist schön und macht Spaß, eine echte Atmosphäre fehlt hier trotz der magischen Energiepunkte aber ebenfalls. Bei Die Entscheidung kann das taktische Hin- und Herschieben der verdeckten Figuren eine gewisse Ungewissheit vermitteln. Trotz des eher abstrakten Mechanismus fängt das Spiel die Atmosphäre aus dem Buch überraschend gut ein. Risiko - Der Herr der Ringe schafft es zumindest die Schlachten gut umzusetzen und den wichtigen Ort eine Bedeutung zu verleihen: Hier wird man zum Feldherrn in Mittelerde -  viel mehr aber auch nicht.

Ausstattung und Regeln.  Die Spiele sind allesamt ganz hervorragend ausgestattet. Per se ist das Kartenspiel zu Die zwei Türme natürlich etwas magerer ausgefallen, wenn auch die Karten schön bebildert sind. Das Brettspiel Die zwei Türme steckt voller Ork-Bilder aus dem Film und hat mit den beiden Türmen und dem Ent schöne Hochbauten dabei. Das Duell ist mit großer Brücke für ein Zweier-Spiel sehr üppig ausgestattet, dafür sind die Kartenillustrationen Geschmackssache. Die Entscheidung ist sicherlich passend und ebenfalls gut ausgestattet, das Brettdesign ist aber schwach. Risiko - der Herr der Ringe ist ein echter Augenschmauss. Schöne Figuren und gelungene Illustrationen. Nur das Spielbrett ist unübersichtlich gestaltet. Ebenso ist die Anleitung schwach strukturiert und stellenweise nicht eindeutig genug. Ein Manko, das bei den anderen vier Spielen nicht zu bemerken ist: Diese sind kurz, gut formuliert und lassen kaum eine Frage offen.

Wiederspielwert. Die gute Qualität macht's möglich: Jedes Spiel hat seinen ganz individuellen Reiz. Die Entscheidung spielt sich schnell und fordert geradezu eine Revanche mit getauschten Rollen (Gut gegen Böse). Außerdem kann man dann vielleicht den Fehler aus dem Spiel davor dieses Mal vermeiden. Ähnliches gilt für Das Duell. Gut gegen Böse, das muss doch in vertauschten Rollen noch ein Mal gespielt werden. Außerdem reizt der eigenwillige Mechanismus zum Probieren. Risiko - Der Herr der Ringe erweitert das Risiko-Prinzip und macht sehr viel mehr Spaß als das Original. Regelmäßige Würfelschlachten in Mittelerde sind eigentlich garantiert, wenn man das Glück gerne herausfordert. Die Optik reizt zusätzlich und auch die Spiellänge ist überschaubarer als beim Original-Risiko. Das Kartenspiel Die zwei Türme lässt zwar mitunter das Gefühl des "Gespieltwerdens" aufkommen, reizt aber immer wieder, neue Strategien zu finden, mit denen man an die begehrten Punktechips kommen kann. Am Ende macht Kartenglück oder -Pech das Spiel etwas willkürlich. Die Bedrohung der Orkarmeen beim Brettspiel Die zwei Türme wird zwar ebenfalls von Zufallsfaktoren gesteuert, diese sind aber relativ überschaubar und bieten somit eine echte Herausforderung, denn nur wenn alle Spieler zusammenhalten, vermeiden sie gemeinsam eine Niederlage. Dieser Mechanismus krankt aber daran, dass nur ein Spieler gewinnen kann und nach wenigen Spielen die taktischen Möglichkeiten entdeckt sind. Die Orks sind aber sehr stark und damit eine echte Herausforderung. 

Welches Spiel für welche Spieler. Das Duell ist ein Spiel für alle, aber eben nur zu zweit spielbar. Ob Freaks oder Gelegenheitsspieler, das Spiel dürfte alle Gruppen ansprechen. Die Entscheidung und auch das Kartenspiel Die zwei Türme sind etwas für Grübler und Spieler, die wohl kalkulierend ihre nächste Aktion planen. Das Kartenspiel kann man jedoch auch schnell und aus dem Bauch spielen, allerdings dürften dann die Erfolgschancen schwinden. Risiko - Der Herr der Ringe spricht die alte Garde der Risiko-Freunde an. Gelegenheitsspieler kommen hier garantiert auf ihre Kosten, aber auch Vielspieler sollten sich mit den gut durchdachten Modifikationen beschäftigen. Das Brettspiel Die zwei Türme ist einfach und zugänglich. Die taktischen Möglichkeiten und die leichten Regeln sprechen eine breite Gruppe von Spielern an. Das Brettspiel ist wohl mehr als die anderen hier besprochenen Spiele als Familienspiel zu bezeichnen.

Vergleichswertung. Nein, es gibt keinen Verlierer bei diesem Vergleich. Die Spiele liegen in unserem Vergleich alle dicht beieinander, jedes für sich ist es wert, gespielt zu werden. Jedes hat seinen ganz besonderen Reiz. Will man aber Tolkien auf dem Brett erleben, so ist das Brettspiel Die zwei Türme sicherlich am engsten am Thema und dabei herausfordernd und sowohl taktisch als auch glücksabhängig - vielleicht insgesamt ein kleines bisschen besser als die anderen Spiele.

Vergleich der Vergleiche - was ist mit den anderen Spielen? Wie fügen sich nun diese Spiele in unseren bisherigen Vergleich von Tolkien-Spielen ein? Wie bereits erwähnt, sind die hier besprochenen Spiele alles sehr gelungene Umsetzungen mit einem großen Spielreiz. Der Herr der Ringe von Reiner Knizia, das große Brettspiel mit den Erweiterungen Die Feinde und Sauron, dürfte aber nach wie vor - und besonders nach der Sauron-Erweiterung - die größte Herausforderung an die Spieler richten und die gelungenste Themenumsetzung der bisher von uns verglichenen Spiele darstellen. Nimmt man nur die jeweils beiden Spiele zum Film "Die Gefährten" und vergleicht sie mit denen zu "Die zwei Türme", muss sich das Brettspiel Die Gefährten gegenüber Die zwei Türme klar geschlagen geben. Bei den Kartenspielen ist es umgekehrt. Das Kartenspiel Die Gefährten ist ähnlich abstrakt und weit weg vom Thema wie das Kartenspiel Die zwei Türme, aber insgesamt atmosphärischer. Im Vergleich aller vier Lizenzspiele zum Film fügen sich die beiden Kartenspiele zwischen die Brettspiele ein.

Wenn die Qualität der kommenden und bis zu "Die Rückkehr des Königs" veröffentlichten Spiele gehalten oder gar ein weiteres Mal in der gesamten Breite der Erscheinungen verbessert werden kann, können sich Tolkien darüber freuen, auch weiterhin die Qual der Wahl zu haben.

Hinweis:
Dieser Vergleich besteht aus insgesamt drei Teilen.
Hier
geht es zum ersten Teil des Vergleichs von Spielen zu "Der Herr der Ringe".
Hier geht es zum dritten Teil des Vergleichs von Spielen zu "Der Herr der Ringe".