Kampf um die verlorene Generation

Über Schaukelpferd, Kinderspiel und Angebotslücken

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 12.02.2013
 von
Lesezeit: ca. 3 Minuten

Mein geschätzter Kollege Arno Miller von spielwiese.at hat vor wenigen Tagen einen Kommentar zur diesjährigen Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg veröffentlicht. Darin spricht er von einer Bankrotterklärung. Grund: Ravensburger stellte auf der Messe erstmals kein echtes klassisches Familienspiel vor. Arno geht so weit, dass er von einer mutwillig aufgerissenen Lücke zwischen Kinder- und Erwachsenenspiel spricht, die von den Spieleverlagen zu verantworten sei. Daher sei es auch kein Wunder, dass die Situation auch bei anderen Verlagen ähnlich zu beobachten sei und ihre Vertreter meinen, die Familie gebe es nicht mehr und die Jungen spielen lieber am Computer und Handy.

Ob das gleich eine Bankrotterklärung ist, weiß ich nicht. Fest steht aber, dass Nürnberg bisher als die Spielemesse galt, die vorrangig Kinder- und Familienspiele vorstellt. Wenn das dieses Jahr spürbar anders ist, bleibt zumindest die Frage: Woran liegt es? Ist „die Familie“ wirklich nicht mehr existent? Studien von Lego und andere Veröffentlichungen suggerieren das Gegenteil! Es wird gern gespielt. Kinder haben nicht nur bei Spielzeug, sondern auch bei Kinderspielen eine riesige Auswahl, auf die Eltern und Kinder gern zugreifen. Warum Erwachsenenspiele erfolgreich sind und Kinderspiele boomen, aber das klassische Familienspiel ausgedient haben soll, bleibt daher rätselhaft.

Für Familien ist kein Platz zwischen seicht und kompliziert

Ein Grund könnte darin liegen, dass die Verlage in den letzten Jahren zwar auf einfache Regeln in dem Bereich wert gelegt haben, aber bei so manchem Spiel der Spielspaß zu kurz (= seicht) kam. Der Begriff Familienspiel ist fast zu einem Schimpfwort verkommen. Ist ein Spiel nicht freakig oder spannend (= kompliziert) genug, wird es als Familienspiel abgestempelt. So unter dem Motto: „Sollen es doch die Eltern mit ihren Kleinen spielen, für die reicht es.“ Und das ist furchtbar. Denn auch Familien möchten sich am Spieltisch zu einer fordernden Partie zusammensetzen. Dazu muss es aber auch geeignete Familienspiele geben, die dem Achtjährigen so viel Spaß macht wie der Mutter oder dem Opa. Und solche Spiele sind nicht nur schwer zu designen, sondern in den letzten Jahren in der Tat selten gewesen. Die einen haben es mit Anspruch und hölzernen Mechanismen übertreiben, die anderen mit Seichtigkeit in Regeln und Spielspaß. Dazwischen klafft in der Tat eine Lücke, die nur dünn besetzt ist.

Unter dem Schaukelpferd verliert die Branche eine ganze Generation

Es ist kein gutes Zeichen, wenn ausgerechnet bei der internationalen Spielwarenmesse weniger oder nach Arno Millers Meinung gar keine klassischen Familienspiele veröffentlicht werden. Spielwaren sind dann am Ende nur noch Kinderspiele und Spielzeug. Das passt zwar hervorragend zur Spielwarenmesse, deren Logo mit einem modernen Schaukelpferd vergleichbar ist. Aber Schaukelpferde, Bauklötze, Puppen und Elektrospielzeug sind ein Spaß für Kinder bis zu einem gewissen Alter. Das Schaukelpferd wird irgendwann langweilig und, wenn die Eltern kein schönes und zeitgemäßes Gesellschaftsspiel auf den Tisch bringen, dann werden die Kinder erst zum Handy und Computer getrieben. Monopoly und Mensch ärgere dich nicht rocken nicht, wenn Schnappt Hubi oder Obstgarten im Kindesalter Spaß machen. Also, merke: Konkurrenz zu technischen Angeboten belebt das Geschäft. Und ohne eine sichtbare Auswahl von generationsübergreifenden und fesselnden Familienspielen können die Spielwarenhersteller sozusagen nach Kinderspielen und Schaukelpferd einpacken. Nicht nur zur Spielemesse, sondern auch langfristig. Denn eine ganze Generation wird Smartphones und dem PC überlassen. Kampflos. Und diese Generation kehrt vielleicht nie wieder an den Spieltisch zurück. Es liegt also in der Hand der Verlage, sich ihren Kundenstamm zu erhalten.
 

Kommentare

Ich sehe die Handy- und Tabletspiele als unser Problem an. Sie sind echte Zeitfresser und lassen für normale Brettspiele kaum noch Zeit. Dauernd muss man sich um irgendwelche Schiffe, Tiere, Leute oder Bauarbeiten kümmern. Für einen althergebrachten Spieleabend fehlt dann sprichwörtlich die Energie. Nur ein paar Dinge sollten wir (Spieler, Verlage, Spielerezensenten) nicht machen - aufgeben, neue Ansätze abwürgen und jammern.  

Also für unterwegs sind diese Art von Spiele ok. Nur werden Sie niemals ein richtiges Brettspiel ersetzen können in dem Menschen um einen Tisch sitzen und Spaß miteinander haben. Diesen gesellschaftlichen Aspekt kann kein Tablet-PC, Smartphone oder ähnliches ersetzen. Diese Medien treibt die Menschen nur in eine Isolation wodurch sie Anfangen in einer Künstlichen Cyberwelt zu leben. Ohne menschlichen Kontakt. Gerade für unsere Kinder ist es enorm wichtig nicht nur vor diesen Medien zu sitzen um sich allein zu beschäftigen.

Für uns werden Tablets und Handys niemals ein richtiges Brettspiel ersetzen - stimmt. Leider werden die meisten Kinder mittlerweile mit kostenlosen  Apps großgezogen und nicht mehr spielerisch von den Eltern sozialisiert.  Wenn mal nicht auf dem Handy gespielt wird, dann wird auf Facebook nach Bubbels geschossen. Wenn nicht Facebook, dann eben Trash-TV schauen, wo wieder für Handyspiele geworben wird.  

Jeder ist gefordert sich um seine Kinder zu kümmern. Leider ist es zu velockend durch den Einsatz von Medien sich Freiräume zu schaffen und die Kinder sich so selbst zu überlassen.