Kein Lobbyismus in der Spielebranche!?

Aufruf: Wider die Trägheit

ein Spiele-Artikel von Riemi - 17.06.2009
Frank Riemenschneider von Frank Riemenschneider
Lesezeit: ca. 3 Minuten

In einem Artikel der „Berliner Republik“ (Heft 3/2009) mit dem Thema „Malefiz mit den Digitalisten“ von Harald Schrapers und Kerstin Griese, steht es schwarz auf weiß: Die behäbige Brettspielbranche verzichtet völlig auf Lobbyarbeit. Sie verzichtet. Was soll das heißen? Wird es nicht für nötig gehalten? Interessiert es keinen? Keine Leute? Keine Ahnung? oder kein Bock? Oder eben nur, wie geschrieben, behäbig. Was ein Synonym für Faulheit, Schläfrigkeit oder Langsamkeit ist.

Lobbyismus ist eine Form der Interessenvertretung in der Politik. Es wird versucht durch persönliche Kontakte oder die Massenmedien Einfluss auf die Politik zu nehmen. Die Computerspielbranche macht hiervon regen Gebrauch und ist damit mehr als erfolgreich.

Warum lässt sich die Gesellschaftsspielbranche die Butter vom Brot nehmen? Als Beispiel sei nur die im Artikel genannten Preisgelder für den Deutschen Computerspielpreis in Höhe von 600.000 Euro (in Worten: sechshunderttausend!). Wovon die Hälfte aus dem Etat des Kulturministeriums kommt. Der Rest wird von der Branche selber finanziert. Komplett finanziert von der Gesellschaftsspielbranche wird der Preis „Spiel des Jahres“, heißt: Herzlichen Glückwunsch, die Preisträger dürfen ihre Auszeichnung selber zahlen. Beim „Deutschen Spielepreis“ bekommt auch kein Preisträger einen müden Cent. Geschweige denn bei den vielen anderen Preisen für Gesellschaftsspiele.

Wie kann das sein? Gibt es denn niemand, der die Interessen einer Branche vertritt, die auf ein Gesamtumsatzvolumen von über 400 Millionen Euro im Jahr kommt? Hier hilft ein Blick in die öffentliche Liste des Bundestages, in der Verbände, die Interessen gegenüber dem Bundestag oder der Bundesregierung vertreten, eingetragen werden können. Und siehe da, auf Seite 508 taucht doch tatsächlich ein wohlbekannter Verein auf. Es ist aber weder die Fachgruppe Spiel, in der fast zwanzig Verlage organisiert sind, noch die Jury Spiel des Jahres, selbst. Die SAZ (Spieleautorenzunft) mit 302 Mitgliedern vertritt unsere spielerischen Belange in der Politik. Dabei kann fast jeder Verein sich problemlos in diese Lobbyliste aufnehmen lassen; und das kann man nachholen!

Gut, es gibt da das Kleingedruckte. Aber ein Blick auf die Homepage des Bundestages klärt, ob man den Antrag zur Aufnahme stellen kann. Wer sich unsicher ist, mein Tipp: Beantragen kann man grundsätzlich alles.

Wer in dieser Liste dann vertreten ist, macht deutlich: Ich will mitbestimmen. Unter Umständen wird man sogar als Spezialist zu einer Expertensitzung eingeladen und erhält so Einsicht und Informationen, die unsere Passion betreffen. Wer weiß, vielleicht kommen so unsere weltweitbeachteten Preise für Gesellschaftsspiele, auch mal an Preisgelder.

Deswegen erfolgt hier ein Aufruf an alle Vereine, die sich dem Gesellschaftsspiel verschrieben haben, sich beim Bundestag als Lobbyvertretung registrieren zu lassen. Das geht ganz einfach mit dem Onlinemeldeformular. Irgendwo muss doch mal angesetzt werden. Dann klappt es auch hoffentlich mit der Lobbyarbeit für Gesellschaftsspiele.

Kommentare

Ich glaube, dass die Brettspielszene immer noch nicht kapiert hat, wie man arbeiten muss. Während alle auf Branchenriesen wie Hasbro schimpfen, machen die eben den Umsatz. Weil sie auch mal richtig Business machen.

Und so ist es auch bei Werbung und Lobbyarbeit. Gab es mal außer von Ravensburger und Kosmos, evtl. noch Schmidt anständige Werbung? Gab es mal einen Verein, der sich für etwas eingesetzt hat? Was macht denn Spiel des Jahres? Einmal im Jahr sind sie in der Tagesschau, was ja gut ist. Mehr passiert doch aber außerhalb der Szene nicht.

Und was macht die Fachgruppe? Sie schmort im eigenen Saft. Aber das alles passt gut zu den Szene-Leuten, den Spielefreaks und den meisten Presseleuten. Jenseits ihrer eigenen Vorlieben passiert da nicht viel. Deshalb finde ich einen solchen Beitrag echt erfrischend.

Es geht ja langsam voran. Spiel des Jahres bietet aber wirklich keine Glanznummer. Aber warum die Nasen in Berlin das Spiel nicht als Kultur ansehen ist doch klar. Außer Skat dürften die wohl kaum etwas spielen. Unsere Volksvertreter sind doch ständig unterwegs ... Ich glaube, wir vergessen schnell, wie wenig jenseits einer Altersgrenze und jenseits von Monopoly überhaupt gespielt wird. Schade!

Euer Martin

 

Frank Riemenschneiders Aufruf ist grundsätzlich zuzustimmen. Allerdings sollte man zwischen Spielebranche und Spieleszene genauer unterscheiden. Während erstere sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Interessen durchaus  für die „Masse“ zu vermarkten weiß, tat sich Letztere in der Vergangenheit schwer mit der Durchsetzung ihrer Interessen in der Öffentlichkeit. Wobei anzumerken ist, dass SpieleautorInnen sowohl in der Spieleszene zuhause, wie auch in der Spielebranche tätig sind. Mit Lobbylisten allein wäre es nicht getan. So war der Schritt hin zur bereits erfolgten Aufnahme der SAZ ( Spiele-Autoren-Zunft e.V) 2008 in den Deutschen Kulturrat mehr als richtungweisend, um zukünftig konsequenter und wirksamer die Interessen der Spieleszene durchsetzen und die Lobbyarbeit insbesondere für das Kulturgut Spiel voranbringen zu können. In mehreren Fachausschüssen des Deutschen Kulturrates wird nun „wider die Trägheit“ mobil gemacht, um Spiel als notwendige Entwicklungsgrundlage der Gesellschaft zu etablieren, die Wahrnehmung zu stärken und dem SPIEL endlich zu der (auch urheberrechtlichen) Anerkennung zu verhelfen, die es verdient hat. Dabei wäre uns die angesprochene Fachgruppe Spiel als Partner durchaus willkommen.
 

Anmerkung: Die SAZ ist die Interessensvertretung der SpieleautorInnen- also jener kreativen Köpfe, die als EntwicklerInnen hinter einem Spiel stecken. Sie vertritt aktuell 379 Mitglieder aus 17 Nationen, Tendenz steigend.

Viele Grüße,

Máren Kruse/ Mitglied im Ausschuss Medien des Deutschen Kulturrates für die SAZ

Mir ist es völlig egal. ob das Spiel jetzt den Bundestag beschäftigt oder nicht. Es ist mir auch egal, ob es einen gesponsorten Preis gibt. Wir haben so viele gute Spiele und müssen echt nicht unter Missachtung leiden. Ob das jetzt in Berlin oder irgendwo bei Familie Schmidt jemanden neu interessiert, macht es nicht besser oder schlechter. Spiele interessieren eben nur die Menschen, die auch spielen.

Tanja

 

Sich in Lobbylisten einzutragen schadet sicher nicht. Aber ich zweifle, dass es was bringt.

Die Frage bei der Lobbyarbeit ist doch, ob es, gelingt Inhalte rüberzubringen. Zwar braucht es Gelder zum Funktionieren. Aber wer nur auf das Geld schielt, verliert zu schnell die Inhalte aus den Augen. In den letzten 6 Jahren sah ich mich gerade in der SAZ auch mit Mitgliedern konfrontiert, die ihre Erfahrungen aus der Politik einbrachten, wurde als Webmaster intensiv daran gehindert, Inhalte einzustellen. Denn  in der Politik geht es zu oft nur darum, wer etwas (nicht) macht, nicht was gemacht wird.

Ein Tiefpunkt ist die Verleihung des sog. Medien-Alex, der ganz offensichtlich nicht inhaltlich vergeben wurde, sondern politisch, nämlich um Aufmerksamkeit durch den Preisträger, hier in Form von 20 Sekunden Sendezeit im Bayerischen Rundfunk zu bekommen. Diese Art der Lobbyarbeit ist peinlich und offenbart ein Verständnis von Netzwerken, das an XXXXXSelbstzensurXXXX grenzt.

"Die SAZ ist die Interessensvertretung der SpieleautorInnen- also jener kreativen Köpfe, die als EntwicklerInnen hinter einem Spiel stecken. Sie vertritt aktuell 379 Mitglieder aus 17 Nationen, Tendenz steigend."

Wir hatten schon mal 400 (vor ca. 2 Jahren, wenn ich mich recht erinnere). Wo ist da die steigende Tendenz? Und auf den letzten Mitgliederversammlungen 2008/2009 wurde etwa die Hälfte der Mitglieder durch Satzungsänderungen (angeblichen Konkretisierungen) vom Status des Spieleautoren auf den Status des 'fördernden Mitglieds' herabgestuft.  Das geschah trotz meiner Warnungen, dass das gerade hinsichtlich der Urheberrechtsfrage ein gewaltiges Eigentor ist. Ganz abgesehen davon, dass ich es nicht kapiere, wie man Interessensvertretung von Mitgliedern sein will, denen aber nur der Status 'förderndes Mitglied' zugestanden wird.

Nochmal zum Mitschreiben, auch und besonders für meine Kollegen in der SAZ: Der Autor ist der Urheber eines Werkes. Man ist Autor mit Fertigstellung des Werkes, nicht erst mit der Veröffentlichung durch einen Verlag.

Wenn man den Mitgliedern, die ihre Spiele soweit entwickelt haben, dass diese auf dem Autorentreffen in Göttingen veröffentlicht und den Verlagen angeboten werden, den Status 'Autor' entzieht', wenn man diesen Status ausschließlich von einer dauerhaften Verlagsveröfffentlichung abhängig macht, heisst das, das die Autoren erst durch den Segen des Verlages zu Urhebern ihrer Werke werden. Damit negiert die SAZ faktisch das Urheberrecht an Spielen.  Sie tut dies in Kenntnis meiner Argumente, die ich auch - soweit es mir möglich war - auf der MV vorgebracht habe (und seit Jahren öffentlich vertrete).

Bezüglich der bejubelten Mitgliedschaft im Kulturrat kann ich gegenwärtig nur hoffen, dass die Vertreter dort einiges über Autorenschaft, Urheberrecht an Werken (und natürlich auch Pressefreiheit) lernen und dass das zurückwirkt auf die Arbeit in der SAZ.

Dabei ist es nicht so, dass es nicht auch in der SAZ Personen gibt, die es besser wissen. Stefan Risthaus hat einen wirklichen guten Artikel zum Urheberecht in der Spielbox und einen weiteren in der 'Wettbewerb in Recht und Praxis' geschrieben. Wolfgang Kramer hat sich in einem längeren Artikel im - leider 'aus Kostengründen' (haha) geschlossenen SAZ-Blog spielblog.com - zum Humboldt-Urteil geäußert. Und sicher sind die beiden nicht die einzigen, die sich etwas mehr Gedanken machen.

Aber auf die Praxis der SAZ hat es bisher keine Auswirkung. Es geht immer nur darum, von irgendwelchen Stellen akzeptiert oder angenommen zu werden, um Funktionen, nicht um Inhalte. Wenn schon die SAZ nicht akzeptiert, dass jemand Spieleautor ist, weil er ein Spiel entwickelt hat, wie will sie denn anderen etwas von Urheberrecht an Spielen vermitteln?

 

Gruß, Günter

 

Egal, ob die Politik das Kulturgut Spiel inzwischen als solches anerkennt, egal, ob die SAZ aktiver als in den letzten Jahren wird, egal, ob es eine Fachgruppe Spiel gibt, egal, ob es die Jury Spiel des Jahres gibt, auch egal, ob Günter für mehr Bewegung in den festgefahrenen Strukturen arbeitet, in der Summe fristet das Gesellschaftsspiel weiterhin ein Schattendasein - völlig entgegen seinem Namen.Und vor allem völlig entgegen den Möglichkeiten, Chancen und Nutzen, die es hat und bietet.

Gesellschaftsspiele können ein wunderbares Bindeglied zwischen den Generationen in Familien sein (mein Spruch: Mindestdosis ein Spiel pro Woche in den Familien) und haben auch heute noch einen gewichtigen Einfluss auf die Entwicklung der Jugendlichen.  Ich erlebe das selbst beim Schachunterricht im Kindergarten oder in Spiele AGs in Grundschulen. Initiativen wie "Spielen macht Schule" setzen genau hier an.

Gesellschaftsspiele und PC- und Konsolenspiele  können problemlos nebeneinander koexistieren, an manchen Stellen sogar sich gegenseitig befruchten. Da muss nicht gegeneinander gearbeitet werden. Zuallererst müssen die verschiedensten Gruppierungen der Gesellschaftsspielbranche aufeinander zu- und eine koordinierte Zusammenarbeit eingehen.Und dann wird es auch gelingen, dass dem Gesellschaftsspiel die ihm zustehende Bedeutung zukommt. Misserfolg ausgeschlossen, denn weniger geht als bislang geht nicht.

 

Meint Klaus Ottmaier