Kritik in der Spieleszene

Immer schön freundlich bleiben

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 26.08.2010
Kritik in der Spieleszene
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Üblicherweise birgt Kritik die Möglichkeit zu Besserung. Das gilt auch für Spiele. Kaum ein Autor würde ein fertiges Spiel unter die Leute bringen können, wenn nicht Dutzende, manchmal Hunderte, von Testrunden Kritik und Verbesserungsvorschläge machen würden. Ich habe aber das Gefühl, dass es an dieser Stelle mit der Kritikwilligkeit der Menschen in der Spielebranche auch schon vorbei ist.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich einen völlig falschen Blick auf „die“ Szene habe, wobei das „Die“ ja sehr verallgemeinernd ist und sicher auch diesen Text verzerrt. Dennoch sind mir in den letzten Wochen und Monaten, teilweise auch in den letzten Jahren, einige Dinge ganz übel aufgestoßen, die eigentlich immer mit dem Punkt der Kritik zu tun haben. Damit meine ich nicht den Spielerezensenten in mir. Der kann mit Kritik an seiner Kritik umgehen und weiß, dass er manchmal eben ganz schön einen loslässt. Das gilt besonders für Jungautoren und Eigenverlage, die auf positive Kritiken angewiesen sind. Kommt eine ganz negative Äußerung, bricht für sie manchmal die Spielewelt zusammen. Aber ein hartes Urteil wird eben gefällt, wo es gefällt werden muss.

Ich meine etwas anderes. Die Spieleszene als Ganzes hat ein Problem mit Kritik. Solange jeder schön nett und freundlich ist, sind alle miteinander befreundet. So scheint es jedenfalls. Aber wehe, wenn einer mal dem anderen seine wirkliche Meinung sagt. Nestbeschmutzer ist noch das mildeste der Worte, die dann fallen. Das gilt für den Verlagskollegen, der einem anderen sagt, wie blöde dessen Grafiken aussehen. Das gilt für einen Rezensenten, der sich lauthals beschwert, dass ein Verlag immer nur schlechte Spiele veröffentlicht. Das gilt für ein Szenemitglied, der die wirtschaftliche Situation eines anderen Verlages (zurecht!) anspricht. Das gilt für Autoren, die sich über die Spieleautorenzunft beschweren. Das gilt für wen auch immer, wenn er eine vermeintlich tolle Aktion eines Verlages oder einer Institution laut hinterfragt. Und das gilt natürlich für Menschen, die es wagen, Kritik an der Jury Spiel des Jahres anzubringen.

Plötzlich sind die Beteiligten dann nicht mehr beste Freunde, sondern es wird polemisch und rüde zurückgeschossen. Dabei sollte man meinen, dass Menschen, die als – um es absichtlich abstrakt und damit ungenau zu formulieren – Szene insgesamt seit Jahrzehnten Bier oder andere Getränke verkonsumieren und dabei Spiele spielen, sich eben so gut kennen, dass so etwas nicht passiert. Denkste. Die spielen ja nur, die mögen sich teilweise gar nicht. Und wehe, einer macht den Mund mal wirklich auf. Dann wird er niedergemacht.

Eine dumme Kurzschlussreaktion? Ich befürchte, das reicht nicht aus. Immer wieder ist mir so etwas begegnet. Die Szene ist in Wirklichkeit zu klein, um intern Streitereien austragen zu wollen. Die, die dennoch Kritik anbringen möchten, scheitern häufig an einer breiten Front von Ignoranz und Arroganz. Dabei täte es den kritisierten Personen häufig genug gut, einmal die Gründe für die Kritik zu überdenken. Leider passiert das viel zu selten.

Trauriger Höhepunkt war vor wenigen Wochen ein Streit im Forum der Spielbox. Dort wurde berechtigt Kritik geäußert und mit Fragen verbunden. Die Antwort des Betroffenen ging aber weder auf gestellten Fragen ein, noch war sie irgendwie sachlich oder sachdienlich. Stattdessen wurde lauthals gepöbelt und der gesamte Diskussionsverlauf schließlich kommentarlos gelöscht. Ebenso die Diskussion um das Löschen. So bringt uns alle am Ende die Kritikunfähigkeit vieler in der Spieleszene soweit, dass nur noch positive Äußerungen stehen bleiben dürfen. Der eine will die Kritik nicht hören, weil er glaubt, es richtig zu machen, der andere ist eine Ikone und per se unangreifbar, der nächste lässt Kritik verbieten, weil es letztlich um Umsatzzahlen und damit um Geld geht, und Magazine zensieren sich selbst, weil sie auf Schönwetter und Anzeigenkunden angewiesen sind. Schöne heile Spiele-Welt.

Ich mag an der einen oder anderen Stelle pauschal und überzogen formuliert haben. Aber dennoch bleibt das Grundproblem: Kritik ist unerwünscht. Jeder ist nur solange ein guter Freund, bis er etwas Falsches sagt. Ist er aber einmal ins Visier der Szene geraten, wird er flächendeckend die Konsequenzen spüren. Mit ihm spielt einfach keiner mehr. Dabei sollte man gerade von Menschen, die sehr viel Zeit mit Spielen verbringen, Besseres erwarten können. Ohne Kritik wird sich nie etwas ändern. Und die Szene und vor allem die Branche hat einen Blick über den Tellerrand wirklich dringend nötig. Sie schmort zu großen Teilen im eigenen Saft und merkt nicht, dass die Flüssigkeit langsam verdampft.