Taktische Hafenwirtschaft

Uwe Rosenberg über sein Spiel Le Havre

ein Spiele-Artikel von Michael Weber - 03.10.2008
Le Havre von Lookout Games
Lesezeit: ca. 4 Minuten

Uwe, Erntezeiten, Rohstoffe, Korn, Vieh … Das klingt so, als ob dein neues Spiel Le Havre ein Ideenableger von Agricola ist?
„Ideenableger ist ein schönes Wort. Viel schöner als Plagiat. Le Havre soll kein Ideenableger sein. Vielmehr möchte ich, dass meine Agricola-Handschrift auch in Le Havre erkennbar ist, teilweise anhand der Mechanismen, zum kleinen Teil aber auch - wie von dir angesprochen - anhand der Thematik.
Eine Handschrift, die sich wohlgemerkt auch an William Attias’ Caylus und entfernt an Andreas Seyfarths Puerto Rico anlehnt. Ich habe Le Havre nicht auf Agricola aufgebaut, sondern neu ‚durchkomponiert’. Die Ähnlichkeiten zu bewerten überlasse ich Experten wie dir.“

Le Havre - Rundenablauf von Lookout GamesUm was genau geht es thematisch?
Le Havre ist ein Spiel über Hafenwirtschaft, bei dem Schiffe und Gebäude gebaut werden. Die Spieler stehen bei jedem Spielzug vor der Entscheidung, Waren gleicher Sorte zu nehmen oder eine Gebäudeaktion durchzuführen. Die Zahl der Waren im Angebot wächst beständig an, bis sie jemand nimmt. Holz, Lehm und Eisen sind Baumaterialien. Fisch, Korn und Vieh dienen zur Versorgung der Arbeiter. Die Waren können durch Gebäudeaktionen veredelt werden - hierzu werden die Warenmarken einfach auf die Rückseite gedreht.
Der Nahrungsbedarf steigt von Runde zu Runde. Um die Nachfrage bewältigen zu können, erwerben die Spieler Schiffe.
Am Ende gewinnt der Spieler mit dem größten Vermögen, bestehend aus Bargeld und dem Wert seiner Schiffe und Gebäude.“

Le Havre - Schiff von Lookout GamesWie bist du auf dieses Thema und den Namen gekommen, der eng mit Atomkraft verbunden ist?
„Atomkraft war nicht meine Assoziation, inzwischen ist Le Havre eigentlich auch eher wegen seiner Umweltbemühungen bekannt. Le Havre wurde 1517 als Kriegshafen gegründet und wuchs rasant. Heute hat die Stadt den größten Hafen in Frankreich mit direktem Zugang zum Atlantik.
Ich wurde auf die Stadt zum ersten Mal aufmerksam, als der ansässige Fußballverein 2002 in die erste französische Fußballliga, die damals noch Ligue 1 hieß, aufgestiegen ist. Mich amüsierte die Vorstellung, dass wir auch in Deutschland eine Stadt mit dem Namen ‚Der Hafen’ haben könnten: also eine Stadt, die einen Hafen hat und auch ‚Der Hafen’ heißt. Daher der Untertitel zu Le Havre, ‚Die Stadt und der Hafen’. Mehr Gründe gab es für die Wahl des Titels eigentlich nicht. Außer vielleicht  noch, dass ich den Klang des Wortes mag und sich Le Havre nicht nach einem Fun-Spiel anhört.
Recherchiert habe ich über die Stadt erst, als die Grundzüge des Spiels bereits feststanden. Ich wollte das Thema mit fürs heutige Le Havre spezifischen Gebäuden abrunden. So kamen Rathaus und die Kirche St. Josef hinzu. Das Stadtbild wird vom Kirchturm der St. Josef-Kirche beherrscht. In den 1970er-Jahren bekam Le Havre ein Kulturzentrum, das die Bürger wenig liebevoll ‚Le Volcan’ oder auch ‚Joghurtbecher’ nennen. Wer es sich dieses Bauwerk auf unserer Spielkarte ansieht, mag erahnen warum.“

Le Havre - Plättchen von Lookout GamesMit welchen Hauptmechanismen setzt du das Thema um? Welche sind für dich die entscheidenden für den Spielspaß?
„Wer am Zug ist, macht einen kurzen Spielzug. Auf diese Weise kommt jeder schneller wieder an die Reihe. Ein Nachdenken im Zug des Mitspielers muss möglich und sinnvoll sein. Beim Spielzug soll sich der Spieler in manchen Situationen entscheiden, entweder viel Material zu nehmen oder einen kurzfristig wichtigen Standardzug zu machen. In einer anderen Situation soll er wählen, ob er sich mit wenig Material begnügt oder einen erst langfristig profitablen Standardzug durchführt.
Etappenweise müssen die Spieler Zwischenziele erfüllen (Nahrung abgeben – wie in Agricola), dadurch entsteht der Reiz, nicht ungestüm nach vorne preschen zu können, sondern sich immerzu absichern zu müssen. Im Gegensatz zu Agricola, wo nur wenige Spieler sich dem Betteln verschreiben, ist das Aufnehmen der Schuldscheine in Le Havre gewollt und eingeplant. Bevor jemand einen guten Spielzug nicht durchführt, nur um sich ein wenig Nahrung zu nehmen, soll er sich lieber verschulden. Ich persönlich habe mich in fast jeder Partie verschuldet, schon alleine, um die Schuldscheine genau auszutesten.“

Le Havre - Kulturzentrum von Lookout GamesUnd: Wie oft hast du gewonnen?
„Nicht so oft wie Agricola in der Testphase.“

Wie taktisch ist das Spiel im Vergleich zu Agricola?
„Ich halte Le Havre für ein taktisches und Agricola in der Komplettversion für ein strategisches Spiel. Bei Le Havre muss man von Zug zu Zug taktisch auf die Begebenheiten reagieren, bei Agricola kann man sich aufgrund seiner Handkarten einen ‚Metaplan’ für die gesamte Partie zurechtlegen, einen strategischen Plan, von dem man dann vereinzelt taktisch abweicht.“

Le Havre - Solovariante von Lookout GamesWelche Tipps gibst du Spielern für ihre erste Partie mit auf dem Weg, auf was sollen sie besonders achten?
Le Havre gibt es wie Agricola in einer Kurz- und einer Vollversion. Die Kurzversion ist aber keineswegs eine Einführungsversion. Sie gleicht einer Kurzgeschichte: Die Spieler werden mitten in die Geschichte geworfen. Erstspieler könnten sich da überfordert fühlen. In der Vollversion werden sie behutsam an die Vielzahl von unterschiedlichen Gebäuden herangeführt. Dafür dauert die Vollversion natürlich länger.
Wer sich die Spielregeln durchgelesen hat, kann sich wie bei Agricola zunächst an der Soloversion versuchen. Mir selbst macht Le Havre solo mehr Spaß als Agricola solo.“