Autor Martin Schlegel über sein Brettspiel Adios Calavera

Fidel und Jesus in einem Team

ein spielerischer Artikel von Michael Weber - 13.08.2017
Brettspiel Adios Calavera - Foto Mücke Spiele
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Martin, zur Spielemesse Spiel 17 in Essen erscheint bei Mücke Spiele deine Neuheit Adios Calavera. Du kommst immer auf interessante Titel. Wie kam es zu diesem Thema?
"Ich finde, dass zu einem guten Spiel auch ein gutes Thema gehört. Ich finde aber auch, dass das Thema nicht gerade meine Stärke ist. Hier hatte ich ein schönes Thema gefunden. Alles passte, doch Christian Opperer, dem Grafiker, passte es nicht. Bei meinem Thema konnte er sich keine Grafik vorstellen und kam mit einem anderen Vorschlag, der mich aber in Ohnmacht fallen ließ."

Ohnmacht? Aber nur im sprichwörtlichen Sinn?
"Glücklicherweise! Er schlug vor, den mexikanischen Dia de los Muertos – den Tag der Toten – als Thema zu wählen. Der Tag ist das, was bei uns Allerheiligen/Allerseelen ist: Gedenken der Verstorbenen. Und das sollte ein Spielthema werden?"

Aber du stehst doch hinter dem Thema. Welchen Bezug hast du zum Dia de los Muertos?
"Bislang hatte ich keinen Bezug dazu. Ich war zwar zweimal in Mexiko, doch nie im Herbst. Wenn ich lese, dass der Dia de los Muertos einer der wichtigsten mexikanischen Feiertage ist und ich nun weiß, wie er begangen wird, dann reizt mich das bizarre und faszinierende Schauspiel schon. Die Toten kommen aus dem Jenseits und feiern mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen. Auf den Straßen herrscht ein buntes Treiben. Calaveras – Pappmaché-Schädel der Verstorbenen – werden in langen Reihen durch die Straßen getragen und gibt es auch aus Schokolade oder Zucker zu kaufen. Wohnungen und Friedhöfe werden prachtvoll dekoriert. Die Flor des Muertos, eine Tagetesart, bildet zusammen mit Chrysanthemen einen Empfangsteppich vom Friedhof bis zum Haus. Nach den Feierlichkeiten in den Wohnungen versammeln sich die Familien zum Abschied zu einem fröhlichen Picknick an den Gräbern der Verstorbenen. Mitgebrachte Speisen werden gegessen, es wird getrunken, musiziert und getanzt. Um Mitternacht ist für die Verstorbenen die Zeit gekommen, wieder ins Jenseits zurückzukehren.

Als ich das recherchiert hatte, war mir klar: Ein wirklich gutes, ungewöhnliches Thema."

Hat sich der Themenwechsel auf den Spielablauf von Adios Calavera ausgewirkt?
"Normalerweise enorm, aber man kann ja auch mal Glück haben. In meinem Prototypen traf auf dem Zócalo von Mexiko City eine Gruppe junger Männer auf eine Gruppe junger Frauen, wobei viele Kontakte stattfanden. Nun treffen die Lebenden auf ihre verstorbenen Angehörigen und verabschieden sich."

Kurze Zwischenfrage: Die Ermittlung der Zugweite hat mich spontan an dein Vulkanspiel Hekla von Die Holzinsel erinnert. Das ist zwar lange her, aber damals gab es Querverbindungen aus Zugmöglichkeiten und Standort auf der Punkteleiste. Hier ist es ähnlich, indem die Figuren der Mitspieler zählen. Ist das eine falsche Eingebung oder siehst du beide Mechanismen im Zusammenhang? Was reizt dich an dieser Verknüpfung von Dingen, die scheinbar gar nicht zusammen passen?
Vorderer Spielpan Adios Calavera - Grafik Mücke Spiele"Bei Hekla, das vor 15 Jahren erschien, dokumentiert die Figur auf der Zählleiste nicht nur den Punktestand. Sie ist aktiv! Eine in der Nähe befindliche Figur kann weiter laufen. Und schon hatte das Erzielen von Siegpunkten eine weitere Qualität. Bei Adios Calavera sieht es etwas anders aus: Die Zugweite hängt von allen Figuren ab, die quer zur Hauptlaufrichtung stehen! So hat der Mitspieler Einfluss auf die Zugweite meiner Figuren und ich auf seine. Das ist Interaktion pur. Und das reizt mich."

Nach dem Regelstudium dachte ich erst mit etwas Witz: eine Art "Todeshalma". Kannst Du bitte die wesentlichen Spielmechanismen erklären, aus denen Deiner Meinung nach der Spielspaß resultiert?
"'Todeshalma' kenne ich gar nicht. Das Ziel bei Adios Calavera ist einfach: Als Erster die acht eigenen Figuren auf die gegenüberliegende Seite bringen. Dabei hilft es, die Figuren der Mitspieler nicht zu unterstützen, sie zur Langsamkeit anzuregen. Da eine Figur so weit laufen kann, wie Figuren quer zur eigenen Laufrichtung stehen, kann ich solche Situationen ausnutzen oder sie hervorrufen. Und schon gibt es ein Taktikdilemma: Nutze ich eine günstige Situation aus und mache einen weiten Zug, kann ich meine Gruppe auseinanderreißen. Nachzügler sind aber recht lahm. Ich kann mich auch dem Mitspieler in den Weg stellen, ihn zum Umweg zwingen, was effektiv ist, wenn ich die No-Go-Areas in der Spielmitte nutze."

Welchen Einfluss haben bei Adios Calavera die Spielfiguren auf den Spielspaß? Gibt es von Dir Tipps, welche Seiten der Figuren eine gute Kombination bieten oder gibt es sonst gute Taktikansätze?
"Jeder Spieler hat acht Figuren, jede besitzt eine Sonderfähigkeit. Er wählt vier aus, bei denen er die Sonderfähigkeit nutzt, bei den anderen bleibt es bei den Standardfähigkeiten. Hier kommt sofort der Charakter der einzelnen Spieler zum Zuge. Der eine wählt aggressive Typen, der andere eher zurückhaltende.

Ich greife gerne zu Evita. Sie bewegt sich ungewöhnlich, schlängelt sich durch andere Gruppen hindurch und kann so leicht mal an brenzliger Stelle aushelfen. Auch Fidel habe ich gerne in meinem Portofolio. Der Kraftprotz kann gut eine andere Figur wegschieben. Von den Testern haben sich viele gegen Pedro, den Ungewaschenen, entschieden. Dabei hat Pedro Macht, denn neben ihn darf sich kein Fremder stellen. Weit beliebter war Maria-Elena, die Tänzerin, die leichtfüßig an anderen vorbeihuscht. Oder Carmen, die Stürmische, die eine andere Figur aus der Umgebung reißt, mit ihr den Platz tauscht. Auch Jesus."

Und zur Spiel in Essen kommen welche obendrauf?
"Angedacht ist es. Ob´s klappt, sehen wir dann. Ich hoffe, da gibt es noch einen Schmarotzer und eine Soziale."

Das Thema ist typischerweise sehr bunt umgesetzt. Welchen Einfluss hat für dich die Grafik auf den Spielspaß generell und speziell bei Adios Calavera?
"Wäre für mich eine tolle Grafik notwendige Voraussetzung, hätte ich wohl nie zu Schach gefunden. Da aber war ich viele Jahre aktiv – durchaus erfolgreich. Auch heute noch kann ich gut Spiele spielen, bei denen die Grafik unbedeutend ist. Ich finde es aber einfach schön, es erhöht den Spaß, wenn eine tolle Grafik ein gelungenes Spiel unterstützt. Und hier hat Christian Opperer kräftige Farben genommen, denn die gehören zum mexikanischen Dia de los Muertos."

Rückseite Spielpan Adios Calavera - Grafik Mücke SpieleSo einfach der Spielmechanismus ist, machen Grafik und Thema das Spiel nicht besonders familientauglich. Wer ist Zielgruppe von Adios Calavera?
"Adios Calavera ist so ein Spiel, wie ich es gerne entwickle. Im Hirn braucht man nicht viel Platz, um die Regeln zu speichern, mehr zum Nachdenken. Es ist ein ruhiges Spiel ohne Glückselemente. Jeder Fan von Mensch ärgere Dich Nicht wird Adios Calavera lauthals ablehnen.

Bei Adios Calavera gibt es zwei Pläne. Der eine ist abstrakt gehalten, der andere passt genau zum Dia des los Muertos. Die Spieler habe also die Wahl."

Adios Calavera erscheint bei Mücke Spiele. Der Verlag ist bekannt für eher kleine Auflagen. Kannst du uns sagen, ob es für Messebesucher sinnvoll ist, sich ein Exemplar vorab reservieren zu lassen oder rechnet ihr mit einer ausreichenden Stückzahl?
"Wir wissen doch: Die Mücke ist klein und schnell. Für Essen reicht die Auflage hoffentlich – oder lieber: hoffentlich nicht. Wenn es gut läuft, wird eben nachgedruckt. Harald Mücke lässt die Spiele ja nicht in China produzieren, sondern quasi vor der Haustüre."

Brettspiele-Newsletter von Reich der Spiele abonnieren