Kurs auf neue Zielgruppen

Bericht zur Spielwarenmesse 2005 in Nürnberg

ein Spiele-Artikel von Gerlinde Rode und Michael Weber - 13.02.2005
Das kleine Gespenst von Reich der Spiele
Lesezeit: ca. 7 Minuten

Die Spielwarenmesse in Nürnberg ist wie jedes Jahr Einkaufsmarktplatz für den gesamten Spielwarenhandel. Spiele nehmen nach wie vor nur einen Teil der Hallenkapazitäten ein, doch sind sie mit 13,4 Prozent Anteil am Umsatz (ohne Puzzles und Experimentierkästen) eines der stärksten Einzelsegmente. Der Umsatz ist nach den Zahlen der Eurotoys Marktforschung leicht rückläufig. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass viele Verlage versuchen, mit ihren Produkten neue Zielgruppen zu gewinnen und den bisherigen den Einstieg in die einzelnen Spiele so leicht wie möglich zu machen.
 
Und dieses Bestreben ist inzwischen allgegenwärtig. So werden mit Mädchen und Senioren zwei potenzielle Spielergruppen angesprochen, die bislang eher - wenn überhaupt - nur am Rande als gesonderte Zielgruppe interessant waren. Selecta hat unter dem Titel Nobile eine ganze Serie entwickelt, die sich an Senioren richtet. Mit sehr dicken und großen Holzplättchen und passenden Themen soll die so genante Generation 50-Plus erreicht werden. Mädchen haben Grund zur Freude. Gleich eine ganze Reihe von Herstellern versuchen, mit Girlie-Produkten bei ihnen zu landen. Zur gleichnamigen TV-Serie gibt es das durchgestylte Sammelkartenspiel Winx Club, das sich direkter an Mädchen richtet als das Sammelkartenspiel Inuyasha von Amigo, welches nach Aussagen des Verlages überwiegend von Mädchen gespielt wird. Bei Cinderella von Jumbo und dem MB-Spiel Girls Time, das in Kooperation mit der Zeitschrift BRAVO Girl veröffentlicht wird, sind Jungs ebenfalls kein Adressat. Und auch ein das Sammelkartenspiel Bibi Blocksberg scheint eher etwas für Mädchen zu sein.
 
Nicht neu, aber in der Intensität auffällig ist der Versuch, die Grenzen des klassischen Spiels zu verlassen. So bietet Hasbro zum Beispiel unter anderem für die Spiele Trivial Pursuit und Atmosfear eine interaktive Ausgabe mit DVD an, die zusätzlich zum Geschehen auf dem Brett zufällige, aber passende Videosequenzen auf den Fernseh-Bildschirm in die Spielrunde einfließen lässt. Diese Filme bringen Fragen oder Aufgaben in das Spiel ein.
 
Ebenfalls mit neuen Medien sind zum Beispiel die Spiele Candyland und Manila angereichert. Candyland enthält eine von Dirk Bach besprochene CD, die die Hintergrundgeschichte zum Spiel beleuchtet. Manila liegt zusätzlich zur gedruckten Anleitung eine CD mit den Regeln bei, auf der unter anderem längere Spielpassagen auf Film festgehalten sind und erklärt werden.

Nach dem Erfolg von King Arthur hat Ravensburger die Technik der Elektronik etwas verbessert und veröffentlicht mit Die Insel einen Nachfolger mit dem "Toch-And-Play"-Mechanismus. Ein ähnliches, aber sehr viel einfacheres Prinzip verfolgt Jumbos Winnie The Pooh, bei dem ein Mini-Chip per Zufallsgenerator einen Reim ausgibt, der in der richtigen Reihenfolge abgelaufen werden muss.
 
Ein weiterer Trend sind kulinarische Genüsse. Sowohl verschiedene Experimentierkästen zur Herstellung von Süßigkeiten wie auch Spiele zum Thema Kochen werden angeboten. Während Gourmetspiel von Noris Rezepte enthält, trumpft Ravensburger sogar mit einem Paket in der Reihe A la Carte auf: eine passende Musik-CD, entsprechende Rezepten und ein bisschen Spiel.

Ebenfalls eine Musik-CD liegt den Puzzles aus der Reihe Das Erbe der Runen von Ravensburger bei. Zu den sphärischen Klängen der Künstlerin Anna Kristina lassen sich die Fantasy-Motive gleich viel besser zusammenfügen. Mehrwert gibt es auch bei Winning Moves: Im Top Trump Haie und Rochen steckt eine Kindereintrittskarte für Sealife bei.
 
Ebenfalls auffällig ist die Pflege von Spiele-Reihen oder "-Marken". So gibt es von Kosmos zum Zehnjährigen von Die Siedler von Catan unter anderem eine Ausgabe mit dreidimensionalen Landschaften und für Blue Moon eine Erweiterung und ein neues Volk. Die Spiele des Jahres Carcassonne und Der Palast von Alhambra werden mit der jeweils dritten Erweiterung ausgebaut. Zum Kinderspiel des Jahres 2004, Geistertreppe, gibt es nach der Erweiterung Flaschengeist jetzt das eigenständige Brettspiel Geisterwäldchen, das thematisch am Grundspiel anknüpft. Ravensburger bringt neben Labyrinth - Die Schatzjagd zur Familie von Das verrückte Labyrinth und dem Kartenspiel zu King Arthur eine ganze Serie Klassiker (zunächst Fang den Hut, Malefiz und Take It Easy), Queen Games überrascht mit gleich fünf neuen Spielen für den leichten Einstieg in kleiner Packung und zu moderaten Preisen und Winning Moves setzt die Reihe Top Trumps unter anderem mit hochwertigen "Quartetten" zu den Themen Weltall und "Der Herr der Ringe" fort. Bei Parker/Hasbro werden selbstverständlich Klassiker wie Monopoly gepflegt. Es gibt eine neue Ausgabe, deren Erstauflage unter anderem ein Gutschein einer Hotelkette beiliegt. Für Freunde von Abalone und Mastermind gibt es jeweils Mehrpersonen-Spiele und zum kommenden neuen Film "Star Wars" wird es eine Ausgabe von Risiko geben, die wie bereits die zu "Der Herr der Ringe" erheblich verändert und erweitert sein wird.

Doch auch die Liebhaber guter Brettspiele werden auf ihre Kosten kommen. Zwar bleibt nach dem Messebesuch das vorläufige Gefühl, dass dieses Jahr die Menge qualitativ sehr guter Spiele des letzten Jahres nicht gehalten wird, aber das wird sich erst in den Tests als richtig oder falsch erweisen. Mit Louis XIV (Rüdiger Dorn) und Palazzo (Reiner Knizia) bietet Alea ebenso heiße Kandidaten für Spielefreunde wie Hans im Glück mit Der Turmbau zu Babel (Reiner Knizia), Ravensburger mit Australia (Wolfgang Kramer/Michael Kiesling), Kosmos mit Amazonas (Stefan Dorra), Goldsieber mit Kreta (Stefan Dorra), Schmidt Spiele mit Diamant (Alan Moon/Bruno Faidutti) und Phalanx Games mit Go West (Alan R. Moon).

Daneben gibt es eine ganze Menge von Kartenspielen, viele davon mit Bluff- oder Stichmechanismus. Und natürlich viele Spiele für zwei Personen, von denen fast jeder Verlag ein neues im Programm hat. Einen interessanten Eindruck hinterließen davon unter anderem Fjorde von Franz-Benno Delonge (Hans im Glück), Montanara von Jong Kong (Abacusspiele) und das abstrakte San Ta Si von Jaques Zeimet (Zoch). Interessant könnte auch das sammelbare Plättchenspiel um chinesische Sternkreiszeichen ChiZo Rising von Phalanx werden, das wie Blue Moon von Kosmos die Schnittmenge von Brett- und Sammelkartenspielern anspricht.

Stark im Umsatz und entsprechend stark unter den Neuheiten vertreten sind Kinderspiele, von denen inzwischen fast jeder Verlag eine ganze Reihe im Programm hat. Drei Magier bieten unter anderem mit Gute Freunde ein bekanntes Spiel von Alex Randolph, Haba setzt neben Akaba auf Schildi Schildkröt und Selecta veröffentlicht Bravo Piepino. Aber auch andere Verlage kämpfen um die Gunst der Kinder. So erscheint bei Clemetoni Wikinder, ein liebevoll gestaltetes Spiel um Wikinger. Ein ähnliches Thema verfolgt auch Huch and Friends mit Schatzsuche und Jumbo mit Billy Bones. Ravensburger bietet unter anderem Buddelcompany, das am Erfolg von Maulwurfcompany anknüpfen soll. Besonders gespannt darf man aber auf die lange Zeit umkämpfte Umsetzung zu Otfried Preußlers Das kleine Gespenst sein.

Ab und zu lohnt sich auch der Blick über den Tellerrand, zum Beispiel zu Miniaturen und Artverwandtem. Die Erweiterung Crimson Coast zu Pirates Of The Spanish Main wird bei Fanpro im ersten Quartal 2005 erscheinen. Das sammelbare Miniaturenspiel wird damit unter anderem um Schiffe der Franzosen erweitert. Außerdem werden die Figuren zum Rollenspiel Das Schwarze Auge bald lieferbar sein. Im Bereich der Tabletop-Spiele wird Games Workshop mit Die Minen von Moria eine spezielle Box für Einsteiger anbieten, die ein kompaktes Regelwerk und einfach zusammenzubauende Figuren enthält. Als neue Szenarien für Der Herr der Ringe ist Die Befreiung des Auenlandes in Vorbereitung, für Warhammer wird es Lustria geben.

Schmidt Spiele hat mit dem Magic Mirror ein kleines Denkspiel veröffentlicht, das es in sechs verschiedenen Ausführungen gibt. Es gilt, je vier Würfel, die einen besonderen Spiegel enthalten, so in einer Box zu platzieren, dass bestimmte Bilder entstehen. Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Idee des Logik-Puzzles von einem Verlag aufgegriffen wurde.

Im Rahmen der Spielwarenmesse wird seit 2004 der Innovation Award verliehen. Unter anderem gehören zu den Preisträgern Frank Czarnetzkis Meisterdiebe vom Zoch Verlag (Kategorie Teamförderung), Guido Hoffmanns Akaba von Haba (Kategorie Geschicklichkeit) und das Trivial Pursuit DVD-Brettspiel von Parker/Hasbro (Kategorie Trend).

Neben den vielen Neuheiten gibt es in Nürnberg natürlich auch immer wieder Neuigkeiten aus der Szene zu vermelden. Dieses Jahr waren unter anderem mehrere Vertriebsänderungen Thema: In Deutschland sind nun Kosmos für Phalanx Games, Zoch/Hutter Trade für Tilsit und Abacusspiele für DaVinci Games zuständig. Den größten Teil der neuen Spiele dieser und der anderen Verlage werden wir natürlich in den kommenden Monaten testen und auf unserer Seite ausführlicher vorstellen.

 

Zum Fotoalbum:
[asset|aid=6134|format=asset-teaser|formatter=imagecache|title=Louis XIV|width=150|height=100|align=none]